{"id":759001,"date":"2018-11-21T15:31:11","date_gmt":"2018-11-21T15:31:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=759001"},"modified":"2018-11-21T15:35:12","modified_gmt":"2018-11-21T15:35:12","slug":"solidaritaet-unmoeglich-machen-wie-die-eliten-uns-gegeneinander-ausspielen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2018\/11\/solidaritaet-unmoeglich-machen-wie-die-eliten-uns-gegeneinander-ausspielen\/","title":{"rendered":"Solidarit\u00e4t unm\u00f6glich machen: Wie die Eliten uns gegeneinander ausspielen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Exklusivabdruck aus \u201eRequiem f\u00fcr den amerikanischen Traum\u201c von Noam Chomsky.<\/strong><\/p>\n<p>Solidarit\u00e4t ist ziemlich gef\u00e4hrlich. Aus Sicht der Herrschenden soll sich jeder nur um sich selbst k\u00fcmmern, nicht um andere. Dabei haben gerade ihre Helden ganz anderes gefordert, beispielsweise Adam Smith, dessen gesamte Untersuchungen zur Wirtschaft auf der Pr\u00e4misse beruhen, dass Mitgef\u00fchl ein fundamentaler menschlicher Zug ist. Aber dieser Gedanke muss den Menschen ausgetrieben werden. Verlasse dich nur auf dich selbst und folge der Maxime \u201eWas gehen mich die anderen an\u201c, die f\u00fcr die Reichen und M\u00e4chtigen ganz in Ordnung ist, f\u00fcr alle \u00dcbrigen hingegen verheerend. Es wurde keine M\u00fche gescheut, dies den Menschen einzuh\u00e4mmern <sup><a id=\"fnref-1\" href=\"https:\/\/neue-debatte.com\/2018\/11\/16\/solidaritaet-unmoeglich-machen-wie-die-eliten-uns-gegeneinander-ausspielen\/#fn-1\">[1]<\/a><\/sup>.<\/p>\n<p><strong>Die Folgen sieht man in der derzeitigen Politik, beispielsweise im Angriff auf das Rentensystem. Es ist viel von dessen Krise die Rede, aber diese Krise existiert gar nicht. Das Rentensystem steht ziemlich gut da \u2013 so gut wie eh und je. Es ist ein sehr effektives Programm und verursacht so gut wie keine Verwaltungskosten.<\/strong><\/p>\n<p>Sollte es in ein paar Jahrzehnten tats\u00e4chlich in eine Krise geraten, d\u00fcrfte es nicht schwierig sein, sie zu bew\u00e4ltigen. Aber die politische Debatte hat sich v\u00f6llig darauf eingeschossen, weil die Herrschenden die Rentenversicherung nicht wollen \u2013 sie haben sie immer verabscheut, denn sie kommt der Allgemeinheit zugute. Tats\u00e4chlich hat der Hass auf sie jedoch einen anderen Grund.<\/p>\n<p>Die Rentenversicherung beruht auf einem bestimmten Prinzip, n\u00e4mlich dem der Solidarit\u00e4t, also der gegenseitigen F\u00fcrsorge aller. Rentenversicherung bedeutet: \u201eIch zahle Lohnsteuer, damit die Witwe am anderen Ende der Stadt etwas bekommt, von dem sie leben kann\u201c <sup><a id=\"fnref-2\" href=\"https:\/\/neue-debatte.com\/2018\/11\/16\/solidaritaet-unmoeglich-machen-wie-die-eliten-uns-gegeneinander-ausspielen\/#fn-2\">[2]<\/a><\/sup>. Der Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung k\u00f6nnte ohne diese allgemeine Haltung nicht \u00fcberleben.<\/p>\n<p>Die Superreichen hingegen brauchen das nicht, deshalb gehen sie organisiert dagegen vor. Man kann das soziale Sicherungssystem zerst\u00f6ren, indem man ihm die finanziellen Mittel entzieht. Wie macht man ein System kaputt? Als Erstes dreht man den Geldhahn zu. Damit kann es seine Aufgabe nicht mehr erf\u00fcllen. Die Leute werden w\u00fctend und wollen schlie\u00dflich etwas anderes. Das ist die Standardmethode, ein System zu privatisieren.<\/p>\n<h4><strong>Der Angriff auf die \u00f6ffentliche Bildung<\/strong><\/h4>\n<p>Ein Beispiel ist der Angriff auf \u00f6ffentliche Schulen. Auch sie beruhen auf dem Prinzip der Solidarit\u00e4t. Ich selbst habe keine Kinder mehr im Schulalter. Meine Kinder sind inzwischen erwachsen, aber das Solidarit\u00e4tsprinzip sagt mir: \u201eIch zahle gern Steuern, damit die Kinder in meiner Nachbarschaft zur Schule gehen k\u00f6nnen.\u201c Das ist einfach eine normale menschliche Regung. Aber die muss den Leuten ausgetrieben werden. \u201eIch habe keine Kinder, die zur Schule gehen. Warum soll ich daf\u00fcr Steuern bezahlen? Privatisiert die Schulen\u201c, und so weiter. Das \u00f6ffentliche Bildungssystem \u2013 vom Kindergarten bis zur Hochschule \u2013 steht schwer unter Beschuss. Dabei ist es ein Kleinod der amerikanischen Gesellschaft.<\/p>\n<p>Kehren wir noch einmal zum Goldenen Zeitalter zur\u00fcck, zu der gro\u00dfen Zeit des Wirtschaftswachstums in den 1950er- und 1960er-Jahren. Der damalige wirtschaftliche Erfolg beruhte zu einem gro\u00dfen Teil auf der kostenlosen \u00f6ffentlichen Bildung. Eine der Folgen des 2. Weltkriegs in den USA war die G.I. Bill of Rights, ein Bundesgesetz, das Kriegsheimkehrern \u2013 vergessen wir nicht, dass sie einen gro\u00dfen Teil der Bev\u00f6lkerung stellten \u2013 ein Studium erm\u00f6glichte <sup><a id=\"fnref-3\" href=\"https:\/\/neue-debatte.com\/2018\/11\/16\/solidaritaet-unmoeglich-machen-wie-die-eliten-uns-gegeneinander-ausspielen\/#fn-3\">[3]<\/a><\/sup>. Sonst h\u00e4tten sie es sich nicht leisten k\u00f6nnen. Ich bin 1945 aufs College gegangen \u2013 ich war nicht im Krieg, daf\u00fcr war ich zu jung \u2013, und damals war das Studium praktisch kostenlos. Und obwohl meine Universit\u00e4t, die University of Pennsylvania, eine Ivy League School ist, mithin eine der angesehensten Hochschulen, betrugen die Studiengeb\u00fchren nur hundert Dollar, und es war leicht, ein Stipendium zu bekommen.<\/p>\n<p>Dabei muss ich eines erw\u00e4hnen: Die Leute, die in jener Zeit eine Hochschule besuchten, waren ausnahmslos Wei\u00dfe. Die G.I. Bill of Rights und viele andere Sozialprogramme waren an rassistischen Prinzipien ausgerichtet, die tief in unserer Geschichte verwurzelt und heute keinesfalls \u00fcberwunden sind. Aber sieht man davon einmal ab, lagen die USA bei der Entwicklung \u00f6ffentlicher Bildung f\u00fcr die Massen auf allen Ebenen weit in F\u00fchrung.<\/p>\n<p>Inzwischen finanzieren sich die staatlichen Hochschulen in \u00fcber der H\u00e4lfte der Bundesstaaten durch Studiengeb\u00fchren statt durch Gelder aus \u00f6ffentlicher Hand. Das ist eine einschneidende Ver\u00e4nderung und eine schreckliche B\u00fcrde f\u00fcr die Studenten. Denn wer nicht aus einer sehr wohlhabenden Familien stammt, verl\u00e4sst das College mit einem Riesenberg Schulden. Damit sitzt er in einer Falle. Nehmen wir an, jemand m\u00f6chte Anwalt f\u00fcr B\u00fcrgerinitiativen werden, dann muss er erst einmal in einer Kanzlei f\u00fcr Unternehmensrecht arbeiten, um diese Schulden zu bezahlen. Hat er dort einmal Wurzeln geschlagen, kommt er davon nicht mehr los. Das ist in allen Bereichen so.<\/p>\n<p>In den 1950er-Jahren war unsere Gesellschaft viel \u00e4rmer als heute, und dennoch erm\u00f6glichte sie m\u00fchelos eine weitgehend kostenlose h\u00f6here Bildung f\u00fcr alle. Unsere heutige, viel reichere Gesellschaft behauptet, sie verf\u00fcge nicht \u00fcber die n\u00f6tigen Mittel daf\u00fcr. Das ist der Generalangriff auf Prinzipien, die nicht nur human sind, sondern auch die Grundlage des Wohlstands und der Gesundheit dieser Gesellschaft bilden.<\/p>\n<h4><strong>Privatisierung<\/strong><\/h4>\n<p>Und das ist \u00fcberall zu beobachten. Nehmen wir nur einmal die Vorschl\u00e4ge f\u00fcr die \u201eReform\u201c von Medicare, der Gesundheitsversorgung f\u00fcr \u00e4ltere und behinderte B\u00fcrger \u2013 sie zielen im Kern auf nichts anderes als die Zerschlagung und Privatisierung dieses Systems. Die Reformen sind sorgf\u00e4ltig durchdacht, denn erst einmal werden Menschen \u00fcber f\u00fcnfundf\u00fcnfzig davon ausgenommen, also ein erheblicher Teil der wahlberechtigten Bev\u00f6lkerung. Wenn man das durch den Kongress bringen will, zieht man am besten die W\u00e4hler auf seine Seite. Mit anderen Worten, man hofft darauf, dass die \u00ad\u00c4lteren so gemein sind, ihre Kinder und Enkel im Regen stehen zu lassen, um f\u00fcr sich selbst noch eine anst\u00e4ndige medizinische Versorgung zu sichern. Das ist das Prinzip.<\/p>\n<p>Und selbstverst\u00e4ndlich werden ihre Kinder, und sp\u00e4ter nat\u00fcrlich auch ihre Enkel, diese harten Einschnitte zu sp\u00fcren bekommen. Man will Medicare so auslaufen lassen, dass das entscheidende Segment der W\u00e4hler dabei mitzieht. Wenn die entsprechenden Gesetze erst einmal verabschiedet sind, bleibt der Rest \u2013 mit ihren Kindern und Kindeskindern \u2013 auf den Billionen Dollar sitzen, die ihre medizinische Versorgung kostet.<\/p>\n<p>Unser Land hat als einziges in der entwickelten Welt ein Gesundheitssystem, das zu einem \u00fcberwiegenden Teil \u00fcber praktisch unregulierte private Versicherungsgesellschaften l\u00e4uft, und das ist \u00e4u\u00dferst ineffizient und sehr kostspielig. Ein aufgebl\u00e4hter Verwaltungsapparat und ein undurchsichtiges Abrechnungssystem \u2013 Dinge, die in einem vern\u00fcnftigen Gesundheitssystem nicht vorkommen. Und ich spreche hier nicht \u00fcber eine Utopie \u2013 beinahe alle anderen Industriegesellschaften haben ein \u2013 sowohl von der Versorgung als auch von den Kosten her betrachtet \u2013 effizienteres System als die Vereinigten Staaten. Das ist ein Skandal, aber immer noch weniger skandal\u00f6s als die Tatsache, dass Millionen Menschen \u00fcberhaupt keine Krankenversicherung haben und sich also in einer noch viel prek\u00e4reren Situation befinden.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte hinzuf\u00fcgen, dass hinter alledem nicht nur die Versicherungsgesellschaften und die Finanzinstitute stecken, sondern auch die Pharmakonzerne. Die Vereinigten Staaten sind meines Wissens das einzige Land auf der Welt, in dem es der Regierung per Gesetz untersagt ist, \u00fcber Preise f\u00fcr Medikamente zu verhandeln. Das Pentagon kann \u00fcber den Preis f\u00fcr Bleistifte verhandeln, die Regierung aber nicht \u00fcber die Medikamentenpreise f\u00fcr Medicare und Medicaid. Allerdings gibt es eine Ausnahme, und das ist das Kriegsveteranenministerium, das f\u00fcr die medizinische Versorgung ehemaliger Kriegsteilnehmer zust\u00e4ndig ist. Es kann mit der Pharmaindustrie verhandeln und zahlt daher deutlich geringere Preise, Preise auf Weltmarktniveau. Aber Gesetze verhindern, dass auch andere von diesen niedrigeren Preisen profitieren, was nat\u00fcrlich ein krasser Versto\u00df gegen die Prinzipien der freien Marktwirtschaft ist. Man redet von freier Marktwirtschaft, aber die tats\u00e4chliche Politik sieht anders aus.<\/p>\n<p>Das Kriegsveteranenministerium arbeitet viel effektiver, die Kosten f\u00fcr Medikamente und die Gemeinkosten sind niedriger, die medizinische Versorgung ist insgesamt besser. Das amerikanische Medicare-System ist an sich ebenfalls ziemlich effizient \u2013 die Verwaltungskosten liegen weit unter denen der Privatversicherungen. Und ich m\u00f6chte daran erinnern, dass es sich bei beiden um staatliche Gesundheitsprogramme \u00adhandelt. Wenn die Kosten f\u00fcr Medicare jetzt in astronomische H\u00f6hen schie\u00dfen, dann deshalb, weil das System gezwungenerma\u00dfen mit privaten, unregulierten Versicherungsgesellschaften arbeiten muss. Wie man solche Probleme l\u00f6st, ist bekannt, es gibt gen\u00fcgend Vorbilder. Aber man darf diese Unternehmen nicht angreifen, weil sie f\u00fcr die Wirtschaft zu bedeutsam sind. Es ist interessant zu sehen, was passiert, wenn der seltene Fall eintritt und das Thema doch auf den Tisch kommt. In der New York Times etwa hei\u00dft es dann meist \u201epolitisch nicht machbar\u201c oder \u201ees fehlt an politischer Unterst\u00fctzung\u201c, wo doch die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung schon lange der Ansicht ist, hier m\u00fcsste etwas getan werden.<\/p>\n<p>Zu Beginn von Obamas Gesundheitsreform, die unter dem Namen Affordable Care Act (Gesetz f\u00fcr eine erschwingliche Gesundheitsversicherung) bekannt wurde, gab es, wie man sich vielleicht noch erinnert, auch Diskussionen \u00fcber die Einf\u00fchrung einer rein staatlich organisierten Gesundheitsversorgung. Zwei Drittel der Bev\u00f6lkerung sprachen sich damals \u00addaf\u00fcr aus. Aber die Idee wurde verworfen \u2013 keine weiteren Debatten. Noch fr\u00fcher, in den sp\u00e4ten Reagan-Jahren, fanden 70 Prozent der Bev\u00f6lkerung, ein staatliches Gesundheitswesen sollte ein in der Verfassung garantiertes Recht sein. Und etwa 40 Prozent glaubten sogar, dies sei bereits so. Aber das ist eben keine politische Unterst\u00fctzung \u2013 politische Unterst\u00fctzung, das sind Goldman Sachs, JPMorgan Chase und so weiter. H\u00e4tten wir ein Gesundheitssystem wie andere L\u00e4nder, w\u00fcrden wir in diesem Bereich kein Defizit machen, sondern wahrscheinlich einen \u00dcberschuss.<\/p>\n<h4><strong>Den Staat abschaffen<\/strong><\/h4>\n<p>Die Debatte \u00fcber die gegenw\u00e4rtigen \u00f6konomischen Probleme in den USA \u2013 und \u00fcbrigens auch in Europa \u2013 ist verbl\u00fcffend. Das gr\u00f6\u00dfte Problem der Menschen ist nicht etwa die Staatsverschuldung, sondern die Arbeitslosigkeit. Sie wirkt sich verheerend auf eine Gesellschaft aus. Ich meine, sie hat schreckliche Folgen f\u00fcr die Betroffenen und ihre Familien, aber auch f\u00fcr die Wirtschaft. Und es ist v\u00f6llig klar, warum: Menschliche Arbeitskraft, die zur wirtschaftlichen Entwicklung eingesetzt werden k\u00f6nnte, bleibt ungenutzt \u2013 sie wird verschwendet.<\/p>\n<p>Das klingt unmenschlich \u2013 schlie\u00dflich ist das menschliche Elend das Schlimmste. Doch von einem strikt \u00f6konomischen Gesichtspunkt aus ist das etwa so, als w\u00fcrde man Fabriken brach liegen lassen. Wer nach Europa, Japan oder selbst China reist, dem f\u00e4llt bei seiner R\u00fcckkehr sofort auf, dass sich die USA im Verfall befinden, und er hat oft das Gef\u00fchl, in ein Land der sogenannten Dritten Welt zur\u00fcckzukehren. Die Infrastruktur ist marode, das Gesundheitssystem ist v\u00f6llig zerr\u00fcttet, das Bildungssystem liegt in Tr\u00fcmmern, nichts funktioniert, und all das in einem Land, das \u00fcber unglaubliche Mittel verf\u00fcgt. Es bedarf schon einer \u00e4u\u00dferst effektiven Propaganda, damit Menschen angesichts einer solchen Realit\u00e4t passiv bleiben. Das ist die gegenw\u00e4rtige Situation \u2013 wir haben eine enorme Zahl von Menschen, die unbedingt arbeiten wollen und gut ausgebildet sind, und viele Dinge, die in Angriff genommen werden m\u00fcssen. Es mangelt an vielem in diesem Land.<\/p>\n<p>Finanzinstitute m\u00f6gen keine Staatsverschuldung, und sie wollen auch m\u00f6glichst wenig Staat. Leute wie der sehr einflussreiche Grover Norquist, Pr\u00e4sident der bedeutenden Lobbyorganisation Americans for Tax Reform, treiben diese Abneigung auf die Spitze. Er zwingt allen Kongressabgeordneten der Republikanischen Partei das Gel\u00f6bnis auf, niemals die Steuern zu erh\u00f6hen und den Einfluss des Staates zu verringern \u2013 und sie unterschreiben es tats\u00e4chlich fast alle. Er will nach seinem eigenen Bekenntnis den Staat im Grunde abschaffen. Aus Sicht der Herrschenden ist das absolut verst\u00e4ndlich. In einer funktionierenden Demokratie handelt die Regierung im Interesse und im Auftrag der Bev\u00f6lkerung. Genau das bedeutet Demokratie. Die Herrschenden hingegen h\u00e4tten nat\u00fcrlich gerne die uneingeschr\u00e4nkte Macht, ohne dass ihnen das Volk dazwischenfunkt. Deshalb sehen sie es gerne, wenn die Macht des Staates schwindet \u2013 allerdings unter zwei Vorbehalten. Sie wollen gew\u00e4hrleistet sehen, dass der Staat die Steuerzahler heranzieht, um ihnen im Notfall aus der Patsche zu helfen und sie noch reicher zu machen. Und sie wollen ein starkes Milit\u00e4r, das die Welt unter Kontrolle h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Auf diese Aufgaben wollen sie den Staat reduzieren. Keine Rede davon, dass er die medizinische Versorgung \u00e4lterer Menschen oder die Existenz einer behinderten Witwe garantierten sollte. Das interessiert sie nicht, es vertr\u00e4gt sich nicht mit ihrer elenden Maxime, deshalb konzentrieren sie sich auf die Staatsverschuldung. F\u00fcr die Bev\u00f6lkerung hat die Arbeitslosigkeit weit gr\u00f6\u00dfere Bedeutung. Aber die \u00f6ffentliche Debatte kreist weiterhin nur um die Staatsverschuldung, sieht man von Ausnahmen wie Paul Krugman ab.<\/p>\n<p>Die Diskussion wird \u00fcberwiegend von den Herrschenden bestimmt: \u201eSchaut auf die Staatsverschuldung, vergesst alles andere.\u201c Das Verbl\u00fcffende dabei: Von den Ursachen ist nicht die Rede. Und die liegen geradezu auf der Hand. Ein Grund sind die au\u00dferordentlich hohen Milit\u00e4rausgaben der USA, die etwa denen der gesamten \u00fcbrigen Welt entsprechen. Mit unserer Sicherheit hat das nat\u00fcrlich nichts zu tun (aber das ist eine andere Geschichte) \u2013 nur mit der Sicherheit der Herrschenden, die die Macht \u00fcber die Welt aus\u00fcben und nur ihre eigenen Interessen im Auge haben.<\/p>\n<h4><strong>Die R\u00fcckkehr zur Solidarit\u00e4t<\/strong><\/h4>\n<p>Wie k\u00f6nnen wir die h\u00f6here Bildung erschwinglicher machen? Ganz einfach \u2013 wir brauchen es nur zu tun.<\/p>\n<p>Man muss sich nur ein wenig in der Welt umschauen, dann findet man einfache L\u00f6sungen. Finnland hat in beinahe jeder Hinsicht das h\u00f6chste Bildungsniveau \u2013 wie viel zahlt man dort f\u00fcr ein Hochschulstudium? Nichts. Es ist kostenlos. Oder nehmen Sie Deutschland, ein weiteres reiches Land mit einem ziemlich erfolgreichen Bildungssystem \u2013 wie viel zahlt man dort? Im Grunde nichts. Oder werfen wir einen Blick auf ein armes Land in unserer unmittelbaren Nachbarschaft \u2013 gerade Mexiko hat ein erstaunlich gutes System h\u00f6herer Bildung, ich war beeindruckt von dem, was ich dort gesehen habe. Die L\u00f6hne sind sehr niedrig, weil es ein sehr armes Land ist, aber ein Studium kostet nichts.<\/p>\n<p>Es gibt keinen wirtschaftlichen Grund, warum Bildung nicht jedem kostenlos zur Verf\u00fcgung stehen k\u00f6nnte \u2013 dahinter stecken soziale und politische Gr\u00fcnde, also soziale und politische Entscheidungen. Die Wirtschaft w\u00fcrde h\u00f6chstwahrscheinlich besser dastehen, wenn mehr Menschen tats\u00e4chlich die Gelegenheit h\u00e4tten, sich zu entwickeln und durch eine h\u00f6here Bildung einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Mehr zum Thema im Buch von Noam Chomsky <em>\u201eRequiem f\u00fcr den amerikanischen Traum \u2013 Die 10 Prinzipien der Konzentration von Reichtum und Macht\u201c<\/em> (192 Seiten, erschienen im August 2017; ISBN: 978-3-95614-201-7).<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-759013\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/87592575cb0e4a8b83aaf0f85492e933f39e50f7-720x503.jpg\" alt=\"\" width=\"751\" height=\"525\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/87592575cb0e4a8b83aaf0f85492e933f39e50f7-720x503.jpg 720w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/87592575cb0e4a8b83aaf0f85492e933f39e50f7-300x209.jpg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/87592575cb0e4a8b83aaf0f85492e933f39e50f7-768x536.jpg 768w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/87592575cb0e4a8b83aaf0f85492e933f39e50f7.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 751px) 100vw, 751px\" \/><\/p>\n<hr \/>\n<p><em><strong>Anmerkungen und Quellen<\/strong><\/em><\/p>\n<p id=\"fn-1\">[1] Siehe: Adam Smith, Die Theorie der ethischen Gef\u00fchle; 1759, S. 94.<\/p>\n<p id=\"fn-2\">[2] Siehe: Social Security Act, Sozialversicherungsgesetz; 1935, S. 95.<\/p>\n<p id=\"fn-3\">[3] Siehe: Servicemen\u2019s Readjustment Act, Gesetz zur Wiedereingliederung von Kriegsveteranen (G.I. Bill); 1944, S. 95.<\/p>\n<p><em><strong>Die Theorie der ethischen Gef\u00fchle und andere Quellen<\/strong><\/em><\/p>\n<h6><strong>Adam Smith, Die Theorie der ethischen Gef\u00fchle, 1759<\/strong><\/h6>\n<p>Mag man den Menschen f\u00fcr noch so egoistisch halten, es liegen doch offenbar gewisse Prinzipien in seiner Natur, die ihn dazu bestimmen, an dem Schicksal anderer Anteil zu nehmen, und die ihm selbst die Gl\u00fcckseligkeit dieser anderen zum Bed\u00fcrfnis machen, obgleich er keinen anderen Vorteil daraus zieht als das Vergn\u00fcgen, Zeuge davon zu sein. Ein Prinzip dieser Art ist das Erbarmen oder das Mitleid, das Gef\u00fchl, das wir f\u00fcr das Elend anderer empfinden, sobald wir dieses entweder selbst sehen, oder sobald es uns so lebhaft geschildert wird, dass wir es nachf\u00fchlen k\u00f6nnen. Dass wir oft darum Kummer empfinden, weil andere Menschen von Kummer erf\u00fcllt sind, das ist eine Tatsache, die zu augenf\u00e4llig ist, als dass es irgendwelcher Beispiele bed\u00fcrfte, um sie zu beweisen; denn diese Empfindung ist wie alle anderen urspr\u00fcnglichen Affekte des Menschen keineswegs auf die Tugendhaften und human Empfindenden beschr\u00e4nkt, obgleich diese sie vielleicht mit der h\u00f6chsten Feinf\u00fchligkeit erleben m\u00f6gen, sondern selbst der \u00e4rgste Rohling, der verh\u00e4rtetste Ver\u00e4chter der Gemeinschaftsgesetze ist nicht vollst\u00e4ndig dieses Gef\u00fchles bar.<\/p>\n<h6><strong>Social Security Act, Sozialversicherungsgesetz, 1935<\/strong><\/h6>\n<p>Ein Gesetz, das Vorsorge trifft f\u00fcr das allgemeine Wohlergehen, indem es ein f\u00f6derales System f\u00fcr das Altersruhegeld schafft und die einzelnen Bundesstaaten in die Lage versetzt, weitere geeignete Ma\u00dfnahmen f\u00fcr alte Menschen, Blinde, \u00adabh\u00e4ngige und behinderte Kinder, Mutter und Kind, f\u00fcr die \u00f6ffentliche Gesundheit und die Gestaltung ihrer Gesetze zur Arbeitslosenunterst\u00fctzung zu treffen; eine Sozialversicherungsbeh\u00f6rde zu schaffen; Einnahmen zu erzielen; und f\u00fcr andere Zwecke.<\/p>\n<h6><strong>Servicemen\u2019s Readjustment Act, Gesetz zur Wiedereingliederung von Kriegsveteranen (G.I. Bill), 1944<\/strong><\/h6>\n<p>Im Nachstehenden soll der Ausdruck \u201eBildungs- oder Ausbildungsst\u00e4tte\u201c Folgendes umfassen: alle \u00f6ffentlichen oder privaten Schulen s\u00e4mtlicher Schulstufen und andere Schulen der Erwachsenenbildung, Wirtschaftsschulen und -hochschulen, wissenschaftliche und technische Institute, Hochschulen und Berufsschulen, Junior-Hochschulen, P\u00e4dagogische Hochschulen, Normalschulen, Einrichtungen der beruflichen Weiterbildung, Universit\u00e4ten und andere Bildungseinrichtungen, ebenso Einrichtungen der Wirtschaft und anderer Tr\u00e4ger, die berufsbegleitende Ausbildungen anbieten, darunter solche unter der zertifizierten Aufsicht einer Hochschule oder Universit\u00e4t oder des Bildungsministeriums eines Bundesstaats oder einer bundesstaatlichen Beh\u00f6rde der Lehrlings- oder Berufsausbildung, oder jedes bundesstaatlichen oder f\u00f6deralen Lehrlingsprogramms in \u00dcbereinstimmung mit dem Gesetz Nr. 308 des 75. Kongresses, oder jeder anderen Beh\u00f6rde im exekutiven Bereich der Bundesregierung, die unter anderen Gesetzen autorisiert ist, eine solche Ausbildung zu \u00fcberwachen.<\/p>\n<p><em>Dieses Werk erschien im <a href=\"https:\/\/www.rubikon.news\/artikel\/solidaritat-unmoglich-machen?\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Rubikon \u2013 Magazin f\u00fcr die kritische Masse<\/a><strong>,<\/strong> ist unter Creative Commons 4.0 lizensiert und von unserem Medienpartner <a href=\"https:\/\/neue-debatte.com\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Neue Debatte<\/a> \u00fcbernommen.<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><em><strong>\u00dcber den Autor: <\/strong>Noam Chomsky, Jahrgang 1928, gilt als Begr\u00fcnder der modernen Linguistik und ist einer der meist zitierten Wissenschaftler der Moderne. Seit 1955 lehrte der US-Amerikaner als Linguistik-Professor am renommierten Massachusetts Institute of Technology. Inzwischen ist er emeritiert. Chomsky geh\u00f6rt zu den einflussreichsten kritischen Intellektuellen der Welt. Er hat mehr als 100 B\u00fccher geschrieben, sein aktuelles ist \u201eRequiem for the American Dream: The 10 Principles of Concentration of Wealth &amp; Power\u201c. Chomsky ist ein scharfer Kritiker der US-amerikanischen Au\u00dfenpolitik, der US-Ambitionen auf geopolitische Vorherrschaft und des globalen Kapitalismus neoliberaler Auspr\u00e4gung, den er als Klassenkampf von oben gegen die Bed\u00fcrfnisse und Interessen der gro\u00dfen Mehrheit bezeichnet.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Exklusivabdruck aus \u201eRequiem f\u00fcr den amerikanischen Traum\u201c von Noam Chomsky. Solidarit\u00e4t ist ziemlich gef\u00e4hrlich. Aus Sicht der Herrschenden soll sich jeder nur um sich selbst k\u00fcmmern, nicht um andere. 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