{"id":746049,"date":"2018-10-28T14:38:46","date_gmt":"2018-10-28T14:38:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=746049"},"modified":"2018-10-28T14:38:46","modified_gmt":"2018-10-28T14:38:46","slug":"prof-dr-hala-farrag-es-braucht-einen-vorurteilslosen-blickwinkel-um-der-arabischen-kultur-ihren-verdienten-rang-zuzusprechen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2018\/10\/prof-dr-hala-farrag-es-braucht-einen-vorurteilslosen-blickwinkel-um-der-arabischen-kultur-ihren-verdienten-rang-zuzusprechen\/","title":{"rendered":"Prof. Dr. Hala Farrag: &#8222;Es braucht einen vorurteilslosen Blickwinkel, um der arabischen Kultur ihren verdienten Rang zuzusprechen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong><b>Im Interview erkl\u00e4rt Prof. Dr. Hala Farrag, Professorin <\/b><b>f\u00fcr Germanistische Linguistik<\/b><b>\u00a0der Universit\u00e4t Kairo, wie das Themen der vergleichenden Literaturwissenschaft die interkulturelle Kommunikation f\u00f6rdern kann.<\/b><\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Wie wichtig ist die vergleichende Literaturwissenschaft f\u00fcr die interkulturelle Kommunikation und warum?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Die Vergleichende Literaturwissenschaft hat das Ziel, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen zwei Literaturen sowie direkte und indirekte Einfl\u00fcsse aufzuzeigen, oft im Hinblick auf bestimmte Werke, Gattungen oder auch gesamte literarische Tendenzen. In meinem Fall bin ich eher auf vergleichende Linguistik spezialisiert; diese hat aber ein etwas anderes Ziel, n\u00e4mlich, bestimmte sprachliche Ph\u00e4nomene in zwei Sprachen zu vergleichen. Oft gehe ich in meinen Forschungsarbeiten von einer stilistischen Besonderheit aus, die in einer literarischen Gattung oder bei einem gewissen Autor besonders auff\u00e4llt und versuche, ihre Relevanz in den untersuchten Texten zu erl\u00e4utern und zu belegen. Dabei ist die aufw\u00e4ndigste Arbeit, Entsprechungen in der zu vergleichenden Literatur zu finden, wobei die Gattung, das Thema, die literarische Tendenz und nicht zuletzt auch die historische Epoche zu ber\u00fccksichtigen sind. Was ich an dieser Arbeit besonders interessant finde, ist, dass sich oft so viele Gemeinsamkeiten herausfinden lassen, mehr als man anfangs angenommen h\u00e4tte. Dies, obwohl Deutsch und Arabisch auf den ersten Blick zwei so unterschiedliche und geographisch wie etymologisch distanzierte Sprachen sind. Und eben in diesen Gemeinsamkeiten entdeckt man Belege f\u00fcr die Internationalit\u00e4t menschlicher Erfahrungen und f\u00fcr die Art und Weise, wie man sie literarisch zum Ausdruck bringt, abgesehen nat\u00fcrlich von den Charakteristika einer jeder Sprache.<\/p>\n<p><strong><em>Erz\u00e4hlen Sie unseren Lesern von Ihrem Essai \u00fcber Oswald von Wolkenstein und \u2018Abu \u2018l-\u2018Atahiya.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ja, dieses Essay ist ein solches Beispiel. Zun\u00e4chst kannte ich nur den renommierten mittelalterlichen arabischen Lyriker \u2018Abu \u2018l-\u2018Atahiya f\u00fcr seine ber\u00fchmten und sehr oft zitierten Verse \u00fcber die Verg\u00e4nglichkeit der Welt. Ich suchte lange nach einer Entsprechung in der deutschsprachigen Literatur, bis ich endlich auf den mittelalterlichen Tiroler Ritter und S\u00e4nger Oswald von Wolkenstein gekommen bin. Was mich faszinierte, war der gemeinsame Stil der beiden Lyriker, die weder einander kannten, noch voneinander beeinflusst sein k\u00f6nnten, da der abbassidische Lyriker ca. siebenhundert Jahre fr\u00fcher lebte und seine Gedichte erst im zwanzigsten Jahrhundert ins Deutsche \u00fcbersetzt wurden. Dennoch findet man so viele gemeinsame Wendungen und sprachliche Formen, insbesondere zur direkten und indirekten Aufforderung der jeweiligen Adressaten, diese Welt zu missbilligen, die eigenen S\u00fcnden zu bereuen, sich Gott hinzuwenden, Gutes zu tun und des Todes zu gedenken. Es ist also das gemeinsame Thema, die gemeinsame Gattung, aber auch die gemeinsamen menschlichen Erfahrungen der gescheiterten Liebe und des Gef\u00e4ngnisses, die beide Dichter erlebten und aus denen beide sprachen. Ihre Einsamkeit und die Reue ihrer S\u00fcnden f\u00fchrten in diesem Fall zu einer so \u00e4hnlichen sprachlichen Produktion, vor allem was den Satzbau betrifft, um die Gebote und Verbote zum Ausdruck zu bringen. Der Einfluss der jeweiligen heiligen Schrift (dem Alten und dem Neuen Testament bzw. dem Qur\u02bc\u0101n) ist bei beiden Dichtern deutlich erkennbar. Dabei wird auch offensichtlich, inwiefern sich die beiden heiligen Schriften stilistisch \u00e4hneln.<\/p>\n<p><strong><em>Wie wichtig ist die Aufarbeitung der Geschichte von Granada zwecks Verst\u00e4ndnisses des arabischen Erbes Europas?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Die historischen Romane, die ich in meinem Aufsatz \u00abArabisches (Lehn-)Wortgut in ausgew\u00e4hlten historischen Romanen zur Rekonstruktion des Falls von Granada\u00bb untersucht habe, sind ein gutes Beispiel daf\u00fcr. Da ist der Leser, insbesondere von Lea Kortes \u00abDie Maurin\u00bb, mit einer F\u00fclle von Lexik konfrontiert, die entweder transkribierte arabische W\u00f6rter bilden, oder eben deutsche, spanische oder franz\u00f6sische Lehnw\u00f6rter aus dem Arabischen sind. Die Autorinnen (auch Christiane Gohl und Brigitte Riebe) versuchen dadurch, charakteristische Bestandteile der andalusischen Kultur in dem letzten K\u00f6nigreich zu rekonstruieren: Durch Begriffe der Architektur (<em>Kuppel, Fries<\/em>), der Wohnkultur (<em>Matratze, Baldachin<\/em>), der Kleidungsst\u00fccke (<em>Kittel, Burnus, Kaftan<\/em>) und Textilien (<em>Damast, Gaze<\/em>), der Kochkunst (<em>Safran, kand-<\/em>) und des Krieges (<em>Kaliber, Fanfare, Karacke, albatozas, Arkebuse<\/em>) wird diese untergangene Kultur lebendig. Durch die R\u00fcckverfolgung der Reise dieser einzelnen W\u00f6rter in die europ\u00e4ischen Sprachen \u2013 mit Hilfe von zahlreichen Lexika der Vermittlersprachen und historischen Quellen \u2013 erkennt man, inwiefern die arabisch-islamische Kultur diese Sprachen beeinflusst hat.<\/p>\n<p><strong><em>Wie wichtig ist der \u201enicht\u201c-orientalistische Blickwinkel auf die arabische Welt?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Die arabische Welt leidet heutzutage und schon seit \u00fcber hundert Jahren unter Konsequenzen des Kolonialismus und der darauffolgenden korrupten Regime, die zum gr\u00f6ssten Teil f\u00fcr den wissenschaftlichen R\u00fcckstand dieser L\u00e4nder verantwortlich sind. Allerdings bedeutet das nicht, dass diese Gesellschaften in ihrer Bl\u00fctezeit keine Vorreiterrolle gespielt haben. Nur eine wissenschaftliche Betrachtung, die auf Fakten und nicht auf Vorurteile beruht, ist sehr wichtig, um der arabischen Kultur ihren wohlverdienten Rang zuzusprechen. Im Fall der oben genannten Arabismen zum Beispiel, habe ich leider festgestellt, dass eine Reihe von deutschsprachigen Lexika den arabischen Ursprung vieler dieser W\u00f6rter entweder bestreitet oder einfach vernachl\u00e4ssigt. Man nennt oft die franz\u00f6sische, spanische oder italienische Herkunft des jeweiligen Wortes und bleibt dort stehen, obwohl man in den etymologischen Lexika der Vermittlersprachen dann eine Best\u00e4tigung f\u00fcr den arabischen Ursprung desselben Wortes findet.<\/p>\n<p><strong><em>Wie k\u00f6nnen Studien wie die Ihren auch dazu beitragen, die Islamfeindlichkeit in Europa zu bek\u00e4mpfen?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Um auf diese Frage zu antworten, muss ich auf das Essay von Oswald von Wolkenstein und \u2018Abu \u2018l-\u2018Atahiya zur\u00fcckkommen: Im Laufe dieses Forschungsprojekts haben sich weitere f\u00fcr die Theorie auch wichtige Ergebnisse feststellen lassen: W\u00e4hrend westliche Sprachforscher erst im ausgehenden 20. Jahrhundert den kommunikativ-pragmatischen Aspekt der Sprache bzw. der sprachlichen Elemente entdeckten und zu erforschen begannen, haben mittelalterliche arabische Philologen wie as-Sakk\u0101k\u012b im 13. Jahrhundert diesen Aspekt erkannt und ausf\u00fchrlich als \u00ab\u0639\u0644\u0645 \u0627\u0644\u0645\u0639\u0627\u0646\u064a\u00bb (\u02bdilm al-ma\u02bd\u0101n\u012b), d.h. als Bedeutung der grammatischen Formen, erl\u00e4utert und kategorisiert. Eine vorurteillose Besch\u00e4ftigung mit fremden Philologien bzw. Kulturen h\u00e4tte der Wissenschaft in dieser Hinsicht Jahrhunderte erspart. Solche und \u00e4hnliche Erkenntnisse k\u00f6nnen auch dazu beitragen, die herabsch\u00e4tzende Betrachtungsweise der arabisch-islamischen Kultur zu \u00e4ndern.<\/p>\n<p><strong><em>Wie nahe stehen sich Josef M\u00fchlberger und \u0120ass\u0101n Kanaf\u0101n\u012b und wie k\u00f6nnen Studien wie diese zur Sensibilisierung zum Thema Pal\u00e4stina beitragen?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Josef M\u00fchlberger und \u0120ass\u0101n Kanaf\u0101n\u012b sind beide Opfer des Zweiten Weltkrieges und der darauffolgenden massenhaften Vertreibung zahlreicher V\u00f6lker aus ihrer Heimat. M\u00fchlberger war ein sudetendeutscher Prosaist aus Nordb\u00f6hmen, der samt Millionen anderer Deutsche ausserhalb Deutschlands gezwungen wurde, nach Deutschland auszuwandern. Die erlebten Gr\u00e4uel der erzwungenen Flucht in die Fremde und den Identit\u00e4tsverlust schildert er in sprachlich ausgefeilten Prosawerken. \u0120ass\u0101n Kanaf\u0101n\u012b ist der einzige arabische Schriftsteller, von dem sein Gesamtwerk ins Deutsche \u00fcbersetzt wurde. Er geh\u00f6rt zu den wenigen pal\u00e4stinensischen Prosaisten, die in einer sehr fr\u00fchen Phase Leiden seines Volkes literarisch verarbeiteten. Als zw\u00f6lfj\u00e4hriger Junge erlebte er die Vertreibung der Pal\u00e4stinenser aus ihrer Heimat; er war Augenzeuge von blutigen Schlachten nach der Teilung Pal\u00e4stinas 1948 und begann in fr\u00fchem Alter auch Sprachrohr dieses Schmerzens aber auch des Kampfes gegen politische und existenzielle Konsequenzen der Vertreibung zu sein, darunter Armut, Verlust von Familienmitgliedern und die papierlose Existenz.<\/p>\n<p>Der Heimatverlust schl\u00e4gt sich bei beiden Autoren in einer besonderen Besch\u00e4ftigung mit dem \u00abRaum\u00bb nieder. M\u00fchlberger, der seine Heimat im Alter von 43 Jahren verliess, benutzt verschiedene R\u00e4ume, um seine Heimat metaphorisch zu rekonstruieren; oft wirken Elemente in der verlorenen Heimat aber auch in Transitr\u00e4umen instabil und sogar dynamisch, was Gef\u00fchle der Unsicherheit widerspiegelt. Hingegen fungieren R\u00e4ume bei Kanaf\u0101n\u012b an vielen Stellen als Metaphern von allem Verlorenen, sei es Menschen, Gef\u00fchle, Erinnerungen und sogar akustische Eindr\u00fccke.<\/p>\n<p>Meines Erachtens sollen solche Studien dem deutschsprachigen Leser einen Einblick in ein fast Tabu-Thema verschaffen, n\u00e4mlich Vertreibungsliteratur. Eine Gattung, die selbst in der deutschen Literatur Schwierigkeiten findet: Man will n\u00e4mlich von diesem Kapitel nach dem Zweiten Weltkrieg nichts mehr wissen: Deutsche Einwanderer mussten sich damals eingliedern und einfach ihre Heimat vergessen.<\/p>\n<p>Was \u0120ass\u0101n Kanaf\u0101n\u012b anbetrifft, so versucht eine solche Studie, die sprachliche Verarbeitung der pal\u00e4stinensischen Katastrophe und die Dimensionen des Heimatsverlustes aus der Perspektive eines \u00abPrim\u00e4rzeugen\u00bb darzustellen. Im Gegensatz zur deutschen Vertreibungsliteratur ist die pal\u00e4stinensische bis heute immer noch aktuell: Was Kanaf\u0101n\u012b damals erlitt, erleiden bis heute noch zahlreiche Pal\u00e4stinenser: Heimatlosigkeit, Identit\u00e4tslosigkeit und Papierlosigkeit. Der Pal\u00e4stina-Konflikt ist seit \u00fcber siebzig Jahren eine offene Wunde; und sie ist nicht die einzige geblieben: Irak, Syrien und Jemen sind alle neue \u00abPal\u00e4stinas\u00bb, die auf eine L\u00f6sung hoffen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Interview erkl\u00e4rt Prof. Dr. Hala Farrag, Professorin f\u00fcr Germanistische Linguistik\u00a0der Universit\u00e4t Kairo, wie das Themen der vergleichenden Literaturwissenschaft die interkulturelle Kommunikation f\u00f6rdern kann. Wie wichtig ist die vergleichende Literaturwissenschaft f\u00fcr die interkulturelle Kommunikation und warum? 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