{"id":741693,"date":"2018-10-22T19:10:25","date_gmt":"2018-10-22T18:10:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=741693"},"modified":"2018-10-22T19:12:35","modified_gmt":"2018-10-22T18:12:35","slug":"israel-darf-und-muss-kritisiert-werden-sagt-moshe-zuckermann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2018\/10\/israel-darf-und-muss-kritisiert-werden-sagt-moshe-zuckermann\/","title":{"rendered":"Israel darf und muss kritisiert werden \u2013 sagt Moshe Zuckermann"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein neues Buch zum Thema Antisemitismus kl\u00e4rt die Frage, ob Kritik an Israel, wie behauptet, die neue Form von Antisemitismus ist.<\/strong><\/p>\n<article>Das fach- und sachkundige Buch zur Frage, ob Kritik an Israel in jedem Fall eine neue \u2013 zu verurteilende \u2013 Form von Antisemitismus ist, oder eben nicht, und warum, war \u00fcberf\u00e4llig. Jetzt ist es erschienen. Der Autor, Moshe Zuckermann, ist f\u00fcr das Thema pr\u00e4destiniert wie kaum ein anderer: Er ist der Sohn polnisch-j\u00fcdischer Holocaust-\u00dcberlebender, ist in Israel geboren, hat in Deutschland studiert (schreibt also selber in deutscher Sprache), war jahrelang Professor f\u00fcr deutsche Geschichte an der Universit\u00e4t Tel Aviv und kennt so Israel und Deutschland nicht nur als promovierter Wissenschaftler, sondern ebenso aus eigener langj\u00e4hriger Lebenserfahrung.Moshe Zuckermann spricht Klartext. Er kritisiert nicht nur, er verurteilt in harten Worten, was zumal in Deutschland zwischenzeitlich die Norm ist: dass \u00abIsrael\u00bb und \u00abZionismus\u00bb in h\u00f6chst fahrl\u00e4ssiger Weise mit \u00abden Juden\u00bb vermischt und \u2013 im Interesse Israels \u2013 de facto gleichgesetzt werden. Er kritisiert und verurteilt in harten Worten die neue Taktik der (vor allem deutschen) Antisemitismus-J\u00e4ger, Veranstaltungen, an denen es zu Kritik an Israel kommen kann, durch K\u00fcndigung der Veranstaltungsr\u00e4ume oder gar Auftrittsverbote zu verhindern \u2013 und er z\u00e4hlt konkret mehrere solche Machenschaften etwa im Jahr 2017 auf. Er kritisiert und verurteilt aufs sch\u00e4rfste die neue Methode, Israel-kritische Juden als Selbsthasser und sogar selber als Antisemiten hinzustellen. Viele Deutsche, sagt Zuckermann, glauben sich von der Schuld am Holocaust befreien zu k\u00f6nnen, indem sie sich jetzt mit Israel solidarisieren. Aber, so fragt Zuckermann:\u00abMeint er (der sich mit Israel Solidarisierende, Red.) das s\u00e4kulare (liberale oder sozialistische) Israel oder das religi\u00f6se (halachisch-orthodoxe beziehungsweise nationalreligi\u00f6se)? Das Israel einer aschkenasischen Hegemonie oder das eines in den letzten Jahrzehnten von orientalischen Juden in ganz andere Bahnen des Selbstverst\u00e4ndnisses getriebene?<\/p>\n<p>Das \u2039j\u00fcdische\u203a Israel einer seit \u00fcber siebzig Jahren systematisch betriebenen Diskriminierung und perpetuierten Unterprivilegierung eines F\u00fcnftels seiner Bev\u00f6lkerung, der in Israel noch vor der Staatsgr\u00fcndung lebenden arabisch-pal\u00e4stinensischen Minderheit? Das Israel einer von Privatisierung und beschleunigt forciertem Sozialabbau gebeutelten Gesellschaft, die sich inzwischen durch eine sich immer bedrohlicher vertiefende sozial-\u00f6konomische Kluft kennzeichnet?<\/p>\n<p>Das Israel der ultrarechten Siedlerbewegung, in der eine expansive Grossisrael-Ideologie, ein religi\u00f6s-fundamentalistischer Messianismus und eine politisch wie milit\u00e4risch durchwachsene Gewaltbereitschaft zur nahezu autonomen Wirklichkeit eines Staates im Staat geronnen ist? Das Israel der in den letzten Phasen ihres Untergangs begriffenen Kibbutz-Bewegung? Der gerade von der Arbeiterpartei zerschmetterten Gewerkschaften? Des durch die deteriorierte (geschw\u00e4chte, Red.) \u00f6konomische Lage ins Wanken geratenen Gesundheits- und Erziehungswesens?<\/p>\n<p>Das durch die in den Neunzigerjahren vom Staat organisierte Masseneinwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion demografisch und kulturell solchermassen transformierte Israel, dass es mit dem idealisierten \u2039alten Israel\u203a so gut wie keine Gemeinsamkeit mehr aufweist? \u2013 Vom Umgang mit den Hunderttausenden von Gastarbeitern aus verschiedenen L\u00e4ndern der Zweiten und Dritten Welt, die ein oft entrechtetes Sklavendasein im ehemals sich sozialistisch gerierenden Israel fristen, soll hier geschwiegen werden. Immer l\u00e4nger liesse sich die Ausstaffierung der Liste eklatanter Widerspr\u00fcche und innerer Ungereimtheiten der israelischen Gesellschaft fortsetzen, die aber letztlich allesamt auf eines hinauslaufen: Wer sich abstrakt mit \u2039Israel\u203a solidarisiert, segnet mutatis mutandis alle diese Widerspr\u00fcche ab.\u00bb<\/p>\n<p>Wer sein eigenes Land so darstellt, wie Moshe Zuckermann es tut, darf auch nach aussen kritisch sein. Zuckermann geht mit jenen, die zum Beispiel j\u00fcdische Intellektuelle, die Israel kritisieren, schon seit geraumer Zeit als Selbsthasser und Antisemiten bezeichnen, hart ins Gericht.<\/p>\n<p>\u00abDie Frage spitzt sich zu, wenn Juden israelkritische Juden als Antisemiten beziehungsweise \u2039sich selbsthassende Juden\u203a diffamieren. Was meinen sie, dass diese kritischen Juden im Schilde f\u00fchren? Und wie kommen sie dazu, von Selbsthass zu reden? Den H\u00f6hepunkt un\u00fcberbietbarer perfider Unverfrorenheit bilden in diesem Zusammenhang junge nichtj\u00fcdische Deutsche (Enkel der T\u00e4tergeneration), die israelkritischen Kritikern ihres Staates (wom\u00f6glich Kinder von Holocaust-\u00dcberlebenden) Antisemitismus und Selbsthass vorwerfen. Schier unbegreiflich, welchen Abgr\u00fcnden ihre Anmassung entstammen muss. [ ] Nie kommt es den Urhebern des Vorwurfs in den Sinn, dass es den Kritikern Israels um die Bek\u00e4mpfung der von Israel ausge\u00fcbten institutionalisierten Unterdr\u00fcckung der Pal\u00e4stinenser gehen k\u00f6nnte, mithin um Emanzipation und Gerechtigkeit. Nie komt es ihnen in den Sinn, dass die \u2039sich selbst hassenden Juden\u203a eine genuine Sorge um ihr Land umtreibt. [ ] An der Realit\u00e4t der von Israel an den Pal\u00e4stinensern verbrochenen Besatzung l\u00e4sst sich nichts deuteln.\u00bb<\/p>\n<p>Und an anderer Stelle: \u00abDenn wenn Israelkritiker als Antisemiten apostrophiert werden, wird ein Israel in Schutz genommen, welches die systematische Unterdr\u00fcckung eines anderen Volkes betreibt, eine Unterdr\u00fcckung, die Israel zum T\u00e4ter werden l\u00e4sst \u2013 mag es sich noch so sehr ideologisch selbstviktimisierend als Opfer darstellen.\u00bb<\/p>\n<h4><strong>\u00abIsrael\u00bb ist nicht das gleiche wie \u00abdie Juden\u00bb<\/strong><\/h4>\n<p>Unter dem Titel \u00abEinsichten\u00bb h\u00e4lt Moshe Zuckermann fest:<\/p>\n<ul class=\"liste\">\n<li class=\"liste\">\u00abJudentum, Zionismus und Israel sind voneinander zu unterscheidende Kategorien.\u00bb<\/li>\n<li class=\"liste\">\u00abAntisemitismus, Antizionismus und Israelkritik sind voneinander zu unterscheidende Kategorien.\u00bb<\/li>\n<li class=\"liste\">\u00abWer Israelkritik zwangsl\u00e4ufig f\u00fcr antisemitisch erachtet, ist ideologisch missgeleitet.\u00bb<\/li>\n<li class=\"liste\">\u00abWer als j\u00fcdischer Israeli Israelkritik zwangsl\u00e4ufig f\u00fcr antisemitsch erachtet, ist von der staatsoffiziellen israelischen Propaganda gepr\u00e4gt.\u00bb<\/li>\n<li class=\"liste\">\u00abWer als Deutscher Israelkkritik zwangsl\u00e4ufig f\u00fcr antisemitisch erachtet, ist von der staatsoffiziellen israelischen Propaganda gepr\u00e4gt.\u00bb<\/li>\n<li class=\"liste\">\u00abWer als Deutscher Israelkritik zwangsl\u00e4ufig f\u00fcr antisemitisch erachtet, mithin sein Deutsch-Sein als eine Last empfindet, eine Schuld, die er \u2039wiedergutmachen\u203a zu sollen meint, ist deutsch-befindlich pathologisch.\u00bb<\/li>\n<\/ul>\n<h4><strong>Konkrete Beispiele<\/strong><\/h4>\n<p>Moshe Zuckermann bleibt nicht bei der Rechtfertigung der Israelkritik. Er geht auch auf einige konkrete F\u00e4lle von ideologisch bedingter und realit\u00e4tsfremder Israel-Solidarisierung ein, ausf\u00fchrlich etwa auf die Politik der Springer-Presse (Die Welt; Bild-Zeitung). Und er zeigt nachvollziehbar auf, wie Israel selber daf\u00fcr sorgt, dass Kritik an seiner Politik als antisemitisch verurteilt wird.<\/p>\n<p>Ausf\u00fchrlich geht Moshe Zuckermann auf den \u00abFall\u00bb des Cartoonisten Dieter Hanitzsch ein, der im Mai 2018 nach jahrzehntelanger Zusammenarbeit einer vermeintlich antisemitischen Karikatur zum Eurovision Song Contest wegen, der n\u00e4chstes Jahr in Israel stattfinden wird, von der S\u00fcddeutschen Zeitung in die W\u00fcste geschickt wurde \u2013 v\u00f6llig zu Unrecht, wie Moshe Zuckermann erkl\u00e4rt, denn die Karikatur hatte, absichtlich oder unabsichtlich, sehr viel mit der damaligen Situation in Israel zu tun (Man erinnert sich an die gezielte Erschiessung von Demonstranten an der Grenze von Gaza).<\/p>\n<p>Ein Beispiel daf\u00fcr, wie Israel selber Kritik an Israel als Ausdruck von Antisemitismus zu deklarieren und zu diffamieren pflegt, ist die Verleihung des Genesis-Preises, den, wie das Time Magazine ihn einmal nannte, \u00abj\u00fcdischen Nobelpreis\u00bb. Der Preistr\u00e4ger erh\u00e4lt eine Million Dollar. F\u00fcr das Jahr 2018 wurde als Preistr\u00e4gerin die angesehene Hollywood-Schauspielerin und Regisseurin Natalie Portman nominiert. Das Preisgeld \u2013 in diesem Jahr vom israelischen M\u00e4zen Morris Kahn um eine weitere Million Dollar auf zwei Millionen erh\u00f6ht \u2013 sollte von Portman unter Programmen zur F\u00f6rderung von Frauen in verschiedenen Bereichen \u2013 Gleichberechtigung, Erziehung, Wirtschaft, Gesundheit und Politik \u2013 aufgeteilt werden.<\/p>\n<p>In der Jury-Begr\u00fcndung f\u00fcr die Preisverleihung hiess es, so Zuckermann: \u00abDie Oscar-Preistr\u00e4gerin und Mutter zweier Kinder sei sozial engagiert und verk\u00f6rpere die wichtigsten Werte des j\u00fcdischen Volkes: Beharrlichkeit und harte Arbeit, das Streben nach Spitzenleistungen, intellektuelle Neugier und der Herzenswunsch, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.\u00bb<\/p>\n<p>F\u00fcr die Preisverleihung war Israels Premierminister Benjamin Netanjahu als Redner eingeplant. Doch dann geschah das Unerwartete: Natalie Portman liess ausrichten, dass sie Israel nicht boykottieren wolle, aber nicht daran interessiert sei, als Unterst\u00fctzerin von Benjamin Netanjahu und seiner Politik aufzutreten. Darauf wurde ihr der Preis aberkannt, und die in Israel geborene Schauspielerin, auf die man bisher als beliebte Galionsfigur national \u00abstolz\u00bb sein durfte, wurde von Karriere-Politiker und Minister Yuval Steinitz des Antisemitismus&#8216; bezichtigt. Der Likud-Parlamentarier Oren Hazan wollte ihr gar die israelische Staatsb\u00fcrgerschaft absprechen.<\/p>\n<p>Dazu Moshe Zuckermann: \u00abWie konnte Natalie Portman da pl\u00f6tzlich zur Antisemitin werden? Die \u2039wichtigsten Werte des j\u00fcdischen Volkes\u203a und \u2039Antisemitin\u203a? Wie sehr kann sie sich in der Zeit zwischen ihrer Nominierung und der politischen Gesinnungsbekundung gewandelt haben, dass man Stolz und Bewunderung zu aggressivem Hass verkommen liess?<\/p>\n<p>Sehr kritisch \u2013 aber in jeder Hinsicht nachvollziehbar \u2013 berichtet Moshe Zuckermann auch \u00fcber die Kippa-Trag-Aktion im April 2018, nachdem ein Kippa-Tr\u00e4ger handgreiflich bel\u00e4stigt worden war und anl\u00e4sslich dieser Aktion auch Nicht-Juden zum Zeichen der Israel-Solidarit\u00e4t eine Kippa trugen. Dazu Moshe Zuckermann:<\/p>\n<p>\u00abUnd es ist nun ausgerechnet die Kippa, ein religi\u00f6ses Utensil, die zum Mittel der Solidarit\u00e4tsbekundung erkoren wurde. So erhebt sich die Frage, wie nichtj\u00fcdische Deutsche eigentlich dazu kommen, \u2039Juden\u203a derart aufs Religi\u00f6se zu reduzieren. Die Juden sind keine Rasse mehr; das hat sich historisch erledigt. Sind sie aber nunmehr zur Religion mutiert? Wussten denn die deutschen Teilnehmer an der Demonstration nicht, dass die meisten Juden auf der Welt (auch die in Israel lebenden) nicht religi\u00f6s sind oder ihren eventuell bestehenden Glauben nicht \u00e4usserlich demonstrieren wollen? F\u00fcr einen s\u00e4kularen Juden, einen atheistischen zumal, mag sich dies nachgerade als Affront ausnehmen. Wie k\u00e4men sich s\u00e4kulare Deutsche vor, wenn man zum Zeichen der Solidarit\u00e4t mit ihnen (aus welchem Anlass auch immer) ein Kreuz, gar ein Kruzifix tragen w\u00fcrde?\u00bb<\/p>\n<p>In seiner \u00abSchlussbemerkung\u00bb zitiert Moshe Zuckermann den deutschen, auf Antisemitismus spezialisierten Historiker Wolfgang Benz. \u00abGefragt, ob ein Anstieg an Antisemitismus in Deutschland zu verzeichnen sei, antwortete er: \u2039Die Wissenschaft sagt, dass es keinen Anstieg gibt. Das widerspricht aber sicher emotionalen Empfindlichkeiten.\u203a [] Benz wurde auch gefragt, ob man von einem neuen Antisemitismus auszugehen habe. Seine Antwort: \u2039Nein, es gibt hier keinen neuen Antisemitismus. Es ist der alte, der Bodensatz in der Gesellschaft. Der wird nicht schlimmer, aber es ist schlimm genug, dass es ihn \u00fcberhaupt gibt.\u203a Auch hier darf man f\u00fcr die Klarstellung dankbar sein: Das Bed\u00fcfnis, die Realit\u00e4t nach befindlichkeitsgeschw\u00e4ngerter Wahrnehmung zu ordnen und zu definieren, wird in die Schranken gewiesen, ohne dabei die Realit\u00e4t per se besch\u00f6nigen zu wollen.\u00bb<\/p>\n<p>Das Buch \u00abDer allgegenw\u00e4rtige Antisemit, oder Die Angst der Deutschen vor der Vergangenheit\u00bb von Moshe Zuckermann ist, inbesondere am Anfang, nicht immer einfach zu lesen. Zuckermanns Sprache ist oft reichlich akademisch. Aber es lohnt sich, sich durchzubeissen. Die zweihundert Seiten sind eine echte Hilfe, die von der Israel-Lobby propagierte Gleichsetzung \u00abIsrael\u00bb = \u00abdie Juden\u00bb durchschauen zu lernen.<\/p>\n<\/article>\n<p class=\"fussnoten\"><em>Moshe Zuckermann: Der allgegenw\u00e4rtige Antisemit. Westend Verlag, Frankfurt am Main 2018. 224 Seiten, ca. 24.00 SFr, ISBN 978-3864892271<\/em><\/p>\n<p><em>Der Beitrag stammt von Christian M\u00fcller\u00a0 und wurde auf\u00a0 <a class=\"author_link\" href=\"https:\/\/www.infosperber.ch\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Infosperber<\/a> erstver\u00f6ffentlicht.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein neues Buch zum Thema Antisemitismus kl\u00e4rt die Frage, ob Kritik an Israel, wie behauptet, die neue Form von Antisemitismus ist. 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