{"id":726071,"date":"2018-09-28T14:43:42","date_gmt":"2018-09-28T13:43:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=726071"},"modified":"2018-09-28T14:43:42","modified_gmt":"2018-09-28T13:43:42","slug":"blade-runner-traum-vom-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2018\/09\/blade-runner-traum-vom-leben\/","title":{"rendered":"Blade Runner: Traum vom Leben"},"content":{"rendered":"<p><strong>Scotts \u201eBlade Runner\u201c hatte es nicht leicht. Der Regisseur kassierte 1982 nicht gerade \u00fcberwiegend freundliche Filmkritiken und sah sich zudem einer starken Konkurrenz ausgesetzt: Spielbergs \u201eE.T.\u201c.<\/strong><\/p>\n<p>Kein \u201eOscar\u201c war weit und breit zu sehen, lediglich zwei Nominierungen. Dabei ist \u201eBlade Runner\u201c ein vor allem visuell, aber auch dramaturgisch faszinierendes \u201eZukunftsgem\u00e4lde\u201c, ein \u201eSciencefiction-Western\u201c, der um die Frage kreist, was Menschsein letztlich ausmacht \u2013 fotografiert in einer d\u00fcsteren, schmutzigen Welt des Jahres 2019. Eine der Schlagzeilen auf den Werbew\u00e4nden enth\u00e4lt die Aufschrift: \u201eMan has made it\u2019s match \u2013 now it\u2019s his problem.\u201c Assoziationen zu Kubricks \u201eThe Shining\u201c (1980), Fred Zinnemanns \u201eHigh Noon\u201c (1952) und \u201eMetropolis\u201c (1927) sind naheliegend.<\/p>\n<p>Mit folgender Einf\u00fchrung beginnt der Film:<\/p>\n<p>\u201eAnfang des 21. Jahrhunderts stie\u00df die Tyrell Corporation in der Entwicklung der Roboter in die Phase \u201eNexus\u201c vor, sie schufen ein dem Menschen v\u00f6llig identisches Wesen \u2013 den Replikanten. Diese k\u00fcnstlichen Menschen der Phase Nexus 6 waren st\u00e4rker, beweglicher und mindestens ebenso intelligent wie die Genetik-Ingenieure, die sie geschaffen haben. Replikanten wurden als Sklavenarbeiter bei der gef\u00e4hrlichen Erforschung und Kolonialisierung anderer Planeten missbraucht.<\/p>\n<p>Nach der blutigen Meuterei einer Nexus 6 Gefechtstruppe in einer Kolonie auf einem anderen Planeten wurde Replikanten unter Androhung der Todesstrafe die R\u00fcckkehr zur Erde verboten.<\/p>\n<p>Spezielle Polizei-Einheiten \u2013 die \u2018Blade Runner\u2019\u2013 erhielten den Befehl, jeden Replikanten, der auf der Erde entdeckt wird, zu t\u00f6ten. Man nannte es nicht Exekution, sondern \u2018aus dem Verkehr ziehen\u2019.\u201c<\/p>\n<p>Blade Runner Holden (Morgan Paull) wartet in einem tristen Raum auf Leon (Brion James), den er einem Test unterziehen will. Leon betritt das Zimmer, scheinbar verwirrt, fast \u00e4ngstlich, w\u00e4hrend Holden, eine Zigarette rauchend, eiskalt seine merkw\u00fcrdigen Fragen stellt. Er f\u00fchrt den Voightkampff-Test durch. Leon wird von Frage zu Frage immer nerv\u00f6ser. Pl\u00f6tzlich zieht er eine Waffe und gibt zwei Sch\u00fcsse auf sein Gegen\u00fcber ab, nachdem Holden ihn aufgefordert hat, ihm alles Positive zu seiner Mutter zu erz\u00e4hlen. Holden ist tot.<\/p>\n<p>Rick Deckard (Harrison Ford) ist arbeitslos und allein. Vor etlicher Zeit war er Blade Runner. Man sieht ihn auf der Stra\u00dfe sitzend, Zeitung lesend, wartend. Er hat Hunger und wartet, dass der Imbissstand auf der anderen Stra\u00dfenseite frei wird. Er hat kaum etwas gegessen, als pl\u00f6tzlich der Polizist Gaff (Edward James Olmos) hinter ihm steht und ihn ultimativ auffordert, mit ihm zu Polizeichef Bryant (M. Emmet Walsh) zu fahren. Bryant mustert Deckard kurz und erteilt ihm \u2013 der gar nicht mehr bei der Polizei arbeitet \u2013 eine Auftrag: sechs Replikanten h\u00e4tten 23 Menschen get\u00f6tet und w\u00fcrden sich unerlaubt auf der Erde aufhalten. Er brauche ihn, um sie zu t\u00f6ten. Deckard will ablehnen, aber Bryants Worte belehren ihn eines besseren: \u201eIf you\u2019re not a cop, you\u2019re little people.\u201c Deckard hat keine Wahl: Entweder er macht wieder mit, oder er muss um sein Leben f\u00fcrchten. Bryant erz\u00e4hlt Deckard, dass die Nexus-6-Replikanten nur \u00fcber eine Lebensdauer von vier Jahren verf\u00fcgen, und zwar deshalb, weil sie so ausgestattet seien, dass sie im Laufe der Zeit eine eigene Gef\u00fchlswelt entwickeln k\u00f6nnen. Von diesem Risiko k\u00f6nne er sich selbst \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p>In der Tyrell-Corporation soll er einen Replikanten testen. Deckard ahnt nicht, dass er einem solchen gegen\u00fcbersteht, als er Rachael (Sean Young) bei Tyrell (Joe Turkel) das erste Mal sieht. Auch Rachael denkt, sie sei ein Mensch. Mehr als hundert Fragen stellt Deckard Rachael. Als sie Tyrells B\u00fcro verlassen hat, fragt Deckard Tyrell: \u201eSie ist eine Replikantin, nicht wahr?\u201c Und Tyrell bejaht, allerdings eine, der Erinnerungen implantiert worden seien \u2013 menschlicher als der Mensch, perfekter als der Mensch. Daher wisse sie nicht, dass sie kein Mensch sei.<\/p>\n<p>Als Rachael sp\u00e4ter vor seiner Haust\u00fcr steht und ihm seine Hilfe anbietet, l\u00e4sst sie Deckard widerwillig herein und macht ihr deutlich, dass sie kein Mensch sein kann: Er erz\u00e4hlt ihr von \u201eihrer\u201c Kindheit, die in Wahrheit nur Ausdruck implantierter Erinnerung einer anderen Person sei.<\/p>\n<p>Die Replikanten Roy Batty (Rutger Hauer), Leon und Pris (Daryl Hannah) suchen einen Weg, zu Tyrell zu kommen. Sie nehmen an, dass Tyrell der einzige ist, der ihre Lebenszeit verl\u00e4ngern kann. Der \u201eAugenmacher\u201c Chew (James Hong) verweist sie an den Mitarbeiter Tyrells, J. F. Sebastian (William Sanderson), einem Designer f\u00fcr k\u00fcnstliches Leben. Pris nimmt Kontakt zu Sebastian auf, und Roy zwingt ihn, sie zu Tyrell zu f\u00fchren. Der allerdings erkl\u00e4rt Roy, dass es keine M\u00f6glichkeit gebe, ihr Leben zu verl\u00e4ngern. Tyrell muss mit seinem Leben bezahlen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrenddessen bedroht Leon Deckard. Kurz bevor er ihm die Augen ausstechen will, rettet Rachael Deckard durch einen gezielten Schuss auf Leon. Deckard selbst findet die Schlangenfrau Zhora (Joanna Cassidy) und kann sie t\u00f6ten: Er erschie\u00dft sie von hinten. Es bleiben nur noch Roy und Pris, die Deckard bei Sebastian in der Wohnung aufsp\u00fcrt. Und Rachael, zu der Deckard ein zwiesp\u00e4ltiges Verh\u00e4ltnis entwickelt. Er scheint sie zu lieben &#8230;<\/p>\n<p>Scotts Sciencefiction ist \u00fcber den Rand voll gef\u00fcllt mit gewollten Assoziationen, Andeutungen, Bez\u00fcgen zu religi\u00f6sen Mythen usw. Diese Assoziationen werden nicht aus-inszeniert, nur angedeutet, benannt und dem Betrachter bleibt es \u00fcberlassen, seine Schl\u00fcsse zu ziehen. \u201eBlade Runner\u201c (w\u00f6rtlich: Klingen-L\u00e4ufer, auch eine Assoziation, etwa an Ritterfiguren) geh\u00f6rt zu den wenigen Streifen der Filmgeschichte, die \u2013 auch dadurch, dass sie sich sozusagen weigern, irgendwelche L\u00f6sungen feil zu bieten \u2013 zu den \u201ewildesten\u201c Spekulationen, \u00dcberlegungen, Interpretationen Anlass bieten (k\u00f6nnen).<\/p>\n<p>Die Welt, die Scott zeigt, ist eine dunkle, zerrissene, dampfende, rauchende, nasskalte, maschinelle Welt. Die riesigen Video-Werbefl\u00e4chen verk\u00fcnden vordergr\u00fcndig L\u00fcgen, doch bei genauem Hinsehen eher sarkastische Kommentare zu dieser Welt, die sich scheinbar in Menschen aus Fleisch und Blut hier, in mit Haut \u00fcberzogene k\u00fcnstliche Replikanten dort geteilt hat. Eine teuflische Industriewelt \u00fcberzieht den Globus. Smog und Feuer haben sich offenbar f\u00fcr immer \u00fcber die Lebenden und ihre St\u00e4dte gelegt. Die Stra\u00dfen sind verdreckt, es regnet fast immer, das Geb\u00e4ude, in dem Sebastian wohnt, ist fast vollst\u00e4ndig verfallen. Grelles Kunstlicht scheint die einzige Quelle f\u00fcr Helligkeit zu sein.<\/p>\n<p>Die Figuren leben gro\u00dfenteils von ihren Kunstprodukten. Doch dies ist \u2013 in gewisser Hinsicht \u2013 keine homogene Welt. Sie besteht aus den Relikten verschiedener Epochen und Jahrzehnte, insbesondere des 20. Jahrhunderts, was Kleidung, Inneneinrichtung der R\u00e4ume, Geb\u00e4ude betrifft, ein Sammelsurium, eingerahmt von Vangelis Musik. Wie Tausende von Schichten t\u00fcrmt sich Geschichte in den Bildern auf, Totes, Gewordenes, das sich Erkl\u00e4rungen, L\u00f6sungen, Antworten zu entziehen scheint. Die Assoziation zu Kubricks \u201e2001: A Space Odyssey\u201c ist manchmal frappant, nicht in der Art der Erz\u00e4hlung, der konkreten Visualisierung, aber in dem \u00fcberw\u00e4ltigenden Gef\u00fchl einer Welt, in der sich Menschen vor ihrer eigenen Entwicklung zu verstecken scheinen, ohne dass ihnen das bewusst ist.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt ist \u201eBlade Runner\u201c keine Erz\u00e4hlung, kein Drama im g\u00e4ngigen Sinn. Endpunkt und Ausgangspunkt sind nahezu identisch. Als die Jagd endet, hat sich nichts ge\u00e4ndert. Oder doch?<\/p>\n<p>Diese Welt zeigt Scott bis zum Exzess. Die Kamera rauscht durch sie hindurch, als wenn wir Teil dieser Welt w\u00e4ren. Und wir sind es irgendwie auch. Das Auge spielt eine besondere Rolle. Das Auge scheint das einzige Mittel, diese Welt zu erfassen, verbirgt in Wirklichkeit jedoch eher die Geheimnisse dieses bombastischen Kunstproduktes \u201eWelt\u201c. Menschen k\u00f6nnen Replikanten nur \u00fcber das Auge, dessen metallischen Glanz erkennen \u2013 glauben sie. Aber ist das die letzte Wahrheit? Auch das ist in dieser Welt nicht wirklich sicher. Tyrell, Chew und der Schlangenmacher tragen monstr\u00f6se Brillengestelle, um besser sehen zu k\u00f6nnen. Durch sie sehen auch wir. Aber was sehen wir und sie und ist das \u201edie Wirklichkeit\u201c? Oder welche?<\/p>\n<p>Das Auge steht im \u00fcbrigen auch f\u00fcr die Kamera, den Film. Scotts Kamera ist Teil dieses Sammelsuriums von Augen, die angeblich nicht betr\u00fcgen k\u00f6nnen. Das Sehen ist einerseits die fast einzige, jedenfalls wichtigste M\u00f6glichkeit, die Welt zu verstehen, zu erkennen, andererseits bleibt dieses Sehen einem subjektiven Bereich verhaftet, der den Erkennenden einsam macht. Es ist \u201enur\u201c sein Erkennen der Welt, was er durch das Auge, das selbst durch eine Membran Inneres und \u00c4u\u00dferes trennt, wahrnimmt.<\/p>\n<p>Das Auge bedeutet auch Gesehen-Werden. Die Replikanten wie die Menschen aber wollen sich verbergen, die einen, weil sie nicht get\u00f6tet werden wollen, die anderen, weil sie t\u00f6ten wollen. Pris malt sich das Gesicht an, umrandet ihre Augen mit Farbe, spielt eine Puppe in Sebastians Wohnung, als Deckard ihr auf der Spur ist. Sie verbirgt sich. Alle verbergen sich. Die Replikanten erscheine \u2013 nicht nur einmal \u2013 als k\u00fcnstliche Spiegelung des Menschlichen, das verloren scheint.<\/p>\n<p>Das Erkennen der Replikanten \u00fcber die Augen selbst ist jedoch zweifelhaft. Der Frage-Test ist zweifelhaft. \u00dcber hundert Fragen stellt Deckard Rachael und ist sich hinterher nicht sicher, ob sie zu den Replikanten geh\u00f6rt. Deckard geh\u00f6rt sowieso schon zu den Zweiflern an dieser Welt, der er selbst angeh\u00f6rt. Er will keine Verantwortung mehr \u00fcbernehmen f\u00fcr die Folgen der technologischen Entwicklung. Deshalb ist er kein Blade Runner mehr. Seine vordergr\u00fcndige H\u00e4rte, die er als Polizist, als J\u00e4ger erlernt hat, dient ihm jetzt nur noch als \u2013 letztlich vergebliches \u2013 Schutzschild. Er ist gescheitert und er wei\u00df noch nicht einmal, wie weitgehend er gescheitert ist. Am Ende, als er mit Rachael den Fahrstuhl betritt, kann er sich nicht mehr sicher sein, ob er nicht selbst Replikant ist. Scott l\u00e4sst auch diese Frage offen, aber er stellt sie, er konfrontiert den Betrachter mit der M\u00f6glichkeit. Vielleicht geh\u00f6rt Deckard, vielleicht geh\u00f6ren alle anderen, die sich f\u00fcr Menschen halten, nur zu einer anderen Sorte von Replikanten. Schlie\u00dflich kann selbst Rachael nicht von sich aus erkennen, ob sie Mensch oder Replikant ist.<\/p>\n<p>Die Anfangsszene zwischen Leon und Holden, dieser vergebliche, t\u00f6dlich ausgehende Vorgang des \u201eErkennens\u201c reproduziert sich in dem Gespr\u00e4ch zwischen Deckard und Bryant, sp\u00e4ter zwischen Roy und Tyrell. Es scheint nur um eines zu gehen: Um Erkennen, Suche nach Wirklichkeit und Wahrheit. Immer deutlicher verwischen die Grenzen zwischen Mensch und Replikant. Die Differenz scheint eine Erfindung zu sein, Produktion von Ideologie. Die Replikanten erscheinen wie um ihre Befreiung und ihr Leben k\u00e4mpfende Unterdr\u00fcckte, die \u2013 als ob sie vom Himmel fallen \u2013 auf der Erde in einer Art Revolte ihren Kolonialstatus abstreifen wollen. Tyrell, der scheinbar m\u00e4chtigste Mann, muss daf\u00fcr b\u00fc\u00dfen: ein Vatermord, den Roy an ihm vollbringt, indem er ihm den Kopf in H\u00f6he der Augen zusammen quetscht, ihm das Sehen nimmt und damit das Leben. Ist das Sehen wirklich so wichtig, wie Scott uns erz\u00e4hlt? Oder steckt schon hier \u2013 potenziert durch die Macht des Visuellen im Film \u2013 ein gewaltiger Trugschluss?<\/p>\n<p>Die Replikanten stellt Scott nicht als dumpfe, gef\u00fchllose, technisch-\u201ebarbarische\u201c Figuren dar, sondern durchaus ambivalent wie die Menschen auch. Bei Rachael wird dies am deutlichsten, der Replikantin, die sich erinnern kann, der Deckard die Worte einfl\u00f6\u00dft, die sie nicht kennt: \u201eK\u00fcss mich, ich will dich, leg deine Arme um mich.\u201c Diese Worte kennt Rachael nicht, weil sie in ihrer (implantierten?) Erinnerung nicht vorkommen. Als sie ihn fragt, ob er den Test je gemacht habe, gibt sie ihm zu verstehen, dass auch er nicht sicher sein k\u00f6nne, Mensch zu sein. Sie schauen sich in die Augen, sind einsam \u2013 auch das eine Andeutung im Film, die immer wieder betont wird: die Einsamkeit aller Figuren \u2013, sehen sich aber f\u00fcr einen kurzen Moment im anderen, spiegeln sich, tun das, was dieser Welt verloren gegangen scheint \u2013 eine \u201egewisse\u201c Gewissheit, Verl\u00e4sslichkeit.<\/p>\n<p>Auch Roy ist nicht die brutale Maschine, als die er anfangs vielleicht erscheint. Als seine Zeit abgelaufen ist, rettet er auf der Jagd zwischen ihm und Deckard diesem das Leben. W\u00e4hrend Deckard anfangs ein sehr distanziertes Verh\u00e4ltnis gegen\u00fcber Rachael an den Tag legt, das darin gipfelt, dass er sie gewaltsam auf ihrer Flucht vor einem Kuss an die Wand schleudert, wandelt sich ab diesem Zeitpunkt beider Beziehung: Letztlich sehen beide keinen gravierenden Unterschied mehr zwischen sich. Aus dem \u201eEs\u201c, das Rachael f\u00fcr Deckard war, ist eine \u201eSie\u201c geworden, das Unverst\u00e4ndliche f\u00fcr Rachael, das Erotische, nicht nur das Sexuelle, ist zum Teil ihrer Erinnerung geworden. Anders gestaltet sich das Verh\u00e4ltnis zwischen Roy und Tyrell: Roy sucht nach dem Leben, dem l\u00e4ngeren Leben, seine Uhr droht abzulaufen. Sein \u201eVater\u201c erkl\u00e4rt ihm, dass er ihm nicht helfen kann. Aus einem \u201etechnizistischen\u201c Verh\u00e4ltnis zwischen Vater und Sohn resultiert der Mord. Roy t\u00f6tet Tyrell, weil dieser Vater ihm kein Leben geschenkt hat, sondern nur den sicheren Tod ohne ein Leben in Freiheit, ein Dasein ohne Lebendigkeit.<\/p>\n<p>Der Traum vom Leben durchzieht \u201eBlade Runner\u201c, aber eben nur der Traum. Weder die Menschen \u2013 die m\u00f6glicherweise Replikanten sind \u2013, noch die Replikanten \u2013 die vielleicht doch (mutierte?) Menschen sind \u2013 die wohl hei\u00df umstrittenste Frage, die heftig diskutiert wurde und wird \u2013 sehen (Augen!) eine andere M\u00f6glichkeit zu leben, als dies durch Gewalt zu erreichen. Mit zwei Ausnahmen: Die \u201ewundersame\u201c Rettung Deckards durch Roy und das Einhorn, das Deckard im Traum erscheint, als er seine Familienfotos anschaut. Das Einhorn symbolisiert \u2013 unter der Voraussetzung, dass es sein Haupt in den Scho\u00df einer Jungfrau legt und dadurch seine Wildheit verliert \u2013 Unschuld und Reinheit, das weibliche Prinzip des Empfangenden und Instinktiven, die bedingungslose Liebe, auch f\u00fcr die Heilung von Wunden, das Wiedererwecken von Toten, die Natur (so sagt man dem Fabelwesen nach, bei Ber\u00fchrung eines giftigen Flusses mit dem Horn w\u00e4re das Wasser wieder rein geworden). Das Einhorn wurde gejagt und ausgerottet.<\/p>\n<p>Genau diese Sehnsucht nach Unschuld, Liebe, Reinheit \u2013 in dieser Form ein \u201eabsoluter\u201c Wunsch, eine Phantasie nach Vollkommenheit, aber eben auch die Sehnsucht nach einem fundamental anderen Leben \u2013 scheint in einem kurzen Moment bei Deckard auf.<\/p>\n<p>Zu \u201eBlade Runner\u201c lie\u00dfe sich viel schreiben, interpretieren, erf\u00fchlen. Manche meinen, der Film manipuliere ausschlie\u00dflich durch seine visuelle Kraft, enthalte aber nicht viel dar\u00fcber hinaus. Also ein typisches Beispiel f\u00fcr die Macht der Bilder, die Blendung? Auch! Doch die Dekonstruktion dieser Bilder enth\u00fcllt meines Erachtens zentrale Momente im Hinblick auf die Frage \u2013 nicht die Antwort \u2013 was Menschsein ausmacht. Dazu geh\u00f6ren die Bedeutung von Erinnerung als wesentliches subjektstiftendes Moment, die Verlorenheit in der Pseudo-Objektivit\u00e4t des \u201enach-industriellen\u201c Zeitalters, die Illusion \u00fcber die Macht der Technologien und die Illusion \u00fcber die Ohnmacht des \u201etechnologisierten\u201c sozialen Gef\u00fcges, \u00fcber \u201edie\u201c weibliche und \u201edie\u201c m\u00e4nnliche Sicht, die sich nicht unbedingt \u00fcber Personalisierung auf Geschlechter manifestiert, \u00fcber Einsamkeit und Verbundenheit, Trennung und Zusammenhang \u2013 und vielleicht einiges mehr. Auch \u00fcbrigens \u00fcber die Art und Weise, wie wir (auch Filme): sehen.<\/p>\n<p>\u201eBlade Runner\u201c hat den \u201eVorteil\u201c \u2013 wie wenige andere Filme im Meer der (Kino-)Bilder \u2013, bei jeder Sicht neue Entdeckungen offenbaren zu k\u00f6nnen. Das h\u00e4ngt von jedem und jeder einzelnen selbst ab.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Scotts \u201eBlade Runner\u201c hatte es nicht leicht. Der Regisseur kassierte 1982 nicht gerade \u00fcberwiegend freundliche Filmkritiken und sah sich zudem einer starken Konkurrenz ausgesetzt: Spielbergs \u201eE.T.\u201c. Kein \u201eOscar\u201c war weit und breit zu sehen, lediglich zwei Nominierungen. 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