{"id":719087,"date":"2018-09-13T09:07:52","date_gmt":"2018-09-13T08:07:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=719087"},"modified":"2018-09-12T18:08:23","modified_gmt":"2018-09-12T17:08:23","slug":"postkapitalismus-ohne-verzicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2018\/09\/postkapitalismus-ohne-verzicht\/","title":{"rendered":"Postkapitalismus ohne Verzicht"},"content":{"rendered":"<h4><strong><span class=\"article_title_intro\">Pl\u00e4doyer wider die Verzichtslogik in der gegenw\u00e4rtigen Klimadebatte<\/span><\/strong><\/h4>\n<div id=\"content_lead\">\n<p class=\"text_lead_in\">In der \u00f6ffentlichen Diskussion \u00fcber Ursachen und Folgen des Klimawandels sind zumeist die ganz grossen Verallgemeinerungen an der Tagesordnung: Wir lebten \u00fcber unsere Verh\u00e4ltnisse, der Mensch an sich treibe durch seine Gier die Welt in den \u00f6kologischen Abgrund, wir alle tr\u00fcgen irgendwie durch unseren Konsum Schuld an der drohenden Klimakatastrophe, die Menschheit m\u00fcsse endlich zur Besinnung kommen, etc.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"content_article\">\n<article>Das ganz grosse \u201eWir\u201c Der sogenannte Earth overshoot day stellt eine jener Gelegenheiten dar, an denen die Medien sich dieses ganz grossen \u201eWir\u201c bedienen k\u00f6nnen. Der dieses Jahr schon am 1. August erreichte Zeitpunkt, an dem die globale nachhaltige Ressourcennutzung \u00fcberschritten wird und die Menschheit \u00f6kologisch \u201eauf Pump\u201c lebt, wird von den \u00fcblichen Appellen ans grosse Ganze \u201eWir\u201c begleitet.Ein \u201eWeiter so\u201c sei keine Option, warnte etwa Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD), da wir auf Kosten kommender Generationen lebten und der Klimawandel \u201eeine Folge unserer \u00dcbernutzung\u201c der nat\u00fcrlichen Ressourcen sei. Annalena Baerbock von der Partei der Gr\u00fcnen warnte: \u201eWir m\u00fcssen unsere Lebensweise endlich klimafreundlicher und nachhaltiger gestalten, um den Raubbau von Ressourcen zu stoppen.\u201cWorauf dieses \u201eWir\u201c hinausl\u00e4uft, wird etwa bei der Finanzierung der gescheiterten deutschen Energiewende durch astronomische Strompreise, die letztendlich wie eine Kopfsteuer wirken, deutlich: Die Kosten, die aus dem kapitalistischen Wachstumswahn hervorgehen, sollen der Allgemeinheit aufgen\u00f6tigt, letztendlich sozialisiert werden. Wenn \u201ewir alle\u201c irgendwie Schuld haben an dem sich \u00fcberdeutlich abzeichnenden \u00f6kologischen Desaster, dann m\u00fcssen wir alle auch dessen Last tragen \u2013 unabh\u00e4ngig vom Geldbeutel.<\/p>\n<h4><strong>\u201eDen G\u00fcrtel enger schnallen!\u201c \u2013 vor allem am Ende der sozialen Skala<\/strong><\/h4>\n<p>Angesicht der extremen sozialen Spaltung in der Bundesrepublik, die inzwischen amerikanische oder russische Dimensionen erreicht, scheint bei dieser Verallgemeinerung eine Drohung gegen die marginalisierten Bev\u00f6lkerungsschichten mitzuschwingen.<\/p>\n<p>Die \u00fcberlebensnotwendige Forderung, die eigene Lebensweise endlich klimafreundlicher zu gestalten, l\u00e4uft binnenkapitalistisch gerade am unteren Ende der sozialen Skala auf das ber\u00fcchtigte Enger-Schnallen des G\u00fcrtels hinaus.<\/p>\n<p>Vollends absurd wird diese in der Klimadebatte \u00fcbliche, ganz grosse Verallgemeinerung zur \u201eMenschheit\u201c auf globaler Ebene. Der Klimawandel wurde von der ersten Welt verursacht, von den USA, vom Autoland Deutschland, von Japan \u2013 obwohl China und viele Schwellenl\u00e4nder inzwischen bei den CO2-Emissionen aufgeholt haben, ist der historische Emissionsbeitrag gerade des Westens am gr\u00f6ssten.<\/p>\n<p>Die reichsten zehn Prozent der Weltbev\u00f6lkerung generieren rund die H\u00e4lfte der CO2-Emissionen, w\u00e4hrend die verarmte untere H\u00e4lfte der sp\u00e4tkapitalistischen Welt nur f\u00fcr zehn Prozent des Treibhausgasausstosses verantwortlich ist (womit auch die \u00fcblichen rechten \u00dcberbev\u00f6lkerungsphantasien, die inzwischen auch die FAZ propagiert, empirisch widerlegt w\u00e4ren).<\/p>\n<p>Die Ideologie in der Klimadebatte ersch\u00f6pft sich aber nicht nur in diesem billigen Taschenspielertrick, bei dem eine zutiefst sozial gespaltene, oligarchisch gepr\u00e4gte Gesellschaft oder Weltwirtschaft pl\u00f6tzlich in einer egalit\u00e4r anmutenden Verallgemeinerung subsumiert wird, in der alle \u2013 vom Milliard\u00e4r zum Obdachlosen \u2013 die Kosten des Klimawandels zu tragen h\u00e4tten.<\/p>\n<h4><strong>Die Eskalation des \u201eMehr\u201c<\/strong><\/h4>\n<p>Entscheidend ist gerade, was der \u201eErd\u00fcberlastungstag\u201c eigentlich erfasst. Es ist gerade nicht die Befriedigung der Bed\u00fcrfnisse der Menschheit, die zu einer immer st\u00e4rkeren \u00f6kologischen \u00dcberbelastung \u201eunseres\u201c Planeten f\u00fchrt. Es ist die Verwertungsbewegung des Kapitals, die den Ressourcenverbrauch \u00fcber ein nachhaltiges Niveau ansteigen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Den Ressourcenverbrauch des Kapitalismus facht das Kapital in seinem uferlosen Wachstumszwang an. Als Kapital fungiert Geld, das durch Warenproduktion \u201evermehrt\u201c (verwertet) werden soll: Aus dem investierten Geld soll nach der Warenherstellung und deren Verkauf auf dem Markt mehr Geld werden. Niemand investiert sein Geld in eine \u201eUnternehmung\u201c, um nachher genauso viel oder gar weniger Geld zu erhalten.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Kapitalisten ist die Ware somit nur als Tr\u00e4ger von Mehrwert, der durch Verkauf auf dem Markt realisiert wird, relevant. Um den Mehrwert \u2013 dessen Substanz abstrakte Lohnarbeit bildet \u2013 durch Marktverkauf realisieren zu k\u00f6nnen, muss die Ware einen Gebrauchswert aufweisen. Sie muss f\u00fcr irgendwelche zahlungsf\u00e4higen Marktteilnehmer aus irgendwelchen Gr\u00fcnden einen Nutzen haben, der sie dazu verleitet, diese Ware auch zu erwerben. Es muss Marktnachfrage nach der betreffenden Ware herrschen. Der Gebrauchswert ist im Kapitalismus somit nur notwendiges \u201eNebenprodukt\u201c, um den eigentlichen Selbstzweck der ganzen Veranstaltung zu realisieren: die uferlose Akkumulationsbewegung des Kapitals.<\/p>\n<h4><strong>Die wachsende Bed\u00fcrfnisbefriedigung der Menschheit?<\/strong><\/h4>\n<p>Nun liesse sich argumentieren, dass diese Differenzierung nicht entscheidend sei, dass hier Haarspalterei betrieben w\u00fcrde, da \u00fcber den Umweg der Kapitalverwertung in Gestalt der Gebrauchswerte doch letztendlich menschliche Bed\u00fcrfnisse befriedigt w\u00fcrden. Das Kapital expandiere immer weiter \u2013 wobei immer gr\u00f6ssere Quanta an Gebrauchswerten entst\u00fcnden, sodass der Earth-Overshoot-Day doch vermittelt die wachsende Bed\u00fcrfnisbefriedigung der Menschheit erfasse, die in Konflikt mit den \u00f6kologischen Grenzen des Planeten Erde gerieten.<\/p>\n<p>Zum einen sei hier auf den Unterschied zwischen Marktnachfrage und Bed\u00fcrfnissen hingewiesen. Im Kapitalismus ist Nachfrage immer nur zahlungskr\u00e4ftige Nachfrage: Es mag eine breite Nachfrage nach Tamagotschis, sprithungrigen Automonstern oder an Unibody-Notebooks herrschen, die aus einen Aluminiumblock gefr\u00e4st werden, w\u00e4hrend zugleich in Hungergebieten sich partout keine Nachfrage nach Lebensmitteln einstellen will.<\/p>\n<p>Diese perverse Deformation der Bed\u00fcrfnisse der Menschheit zur \u201eNachfrage\u201c, bei der SUVs und k\u00fcnftiger Elektronikschrott wichtiger als das milliardenfach vorenthaltene Essen, Kleidung und Obdach sind, wird beim Earth-Overshoot-Day erfasst \u2013 und nicht die Bed\u00fcrfnisse der Menschheit, die sich nur partiell mit der Marktnachfrage decken.<\/p>\n<p>Das endlose Streben nach maximalen Profit, das ja das Wesen des Kapitals ausmacht, \u201ekontaminiert\u201c aber auch den Gebrauchswert, es ver\u00e4ndert die Funktionsweise, die Eigenschaften der Gebrauchsgegenst\u00e4nde, die Waren sind. Eine klare Trennung zwischen Wert und Gebrauchswert ist somit nicht gegeben, der abstrakte Wert, dessen Substanz verwertete Lohnarbeit bildet, schl\u00e4gt sich auch in den konkreten Eigenschaften des Gebrauchswerts der Warenk\u00f6rper nieder.<\/p>\n<h4><strong>Produzieren f\u00fcr den M\u00fcll<\/strong><\/h4>\n<p>Evident wird das bei den krisenbedingt zunehmenden Tendenzen zur geplanten Obsoleszenz. Hierunter ist \u2013 sp\u00e4testens seit dem grossen Gl\u00fchbirnenkartell \u2013 der geplante Verschleiss von Waren zu verstehen, die m\u00f6glichst bald nach Ablauf der Garantiezeit von K\u00e4ufer ersetzt werden sollten, um wieder Nachfrage herzustellen. F\u00fcr das Kapital ist dieser \u00f6kologisch verheerende Vorgang nur zu logisch, da dadurch die uferlose Akkumulationsbewegung des Kapitals \u2013 die ja den Selbstzweck der Warenproduktion bildet \u2013 weiter bef\u00f6rdert wird.<\/p>\n<p>Obsoleszenz wird nicht nur durch geplante Sollbruchstellen, durch eine nahezu unm\u00f6gliche Reparatur der Ger\u00e4te erreicht, wie es etwa Apple zur Perfektion treibt, sondern auch durch moralischen Verschleiss, durch Werbung, sich schnell wandelnde \u201eModen\u201c und den kulturindustriellen Zwang zum Update \u2013 nichts ist peinlicher als das iPhone der vorletzten Generation. Es geht der Mehrwertmaschine somit nicht um die Befriedigung von Bed\u00fcrfnissen, sondern um die unentwegte Erzeugung immer neuer Bed\u00fcrfnisse, um immer mehr Ressourcen in Warenform zu giessen und einen m\u00f6glichst schnellen Verschleiss auszusetzen.<\/p>\n<p>Zugleich dient die Ware, gerade bei krisenbedingt zunehmender Konkurrenz, als Statussymbol. Die irrationale pr\u00e4faschistische \u00c4sthetik und der dumpfe PS-Wahn, die die Autobranche in den letzten Jahren hervorgebracht hat, dient gerade der Bef\u00f6rderung von Statusgef\u00fchlen derjenigen Menschen, die es in einem h\u00e4rter werdenden Arbeitsalltag noch \u201egeschafft\u201c haben. Das an ein Batmobil erinnernde SUV gleicht einem Panzer, der die Durchsetzungsf\u00e4higkeit des Eigent\u00fcmers signalisiert. Es ist eine Penisverl\u00e4ngerung auf vier R\u00e4dern.<\/p>\n<p>Die Irrationalit\u00e4t des Systems, das Bed\u00fcrfnisse wie Kommunikation oder Mobilit\u00e4t vermittels der Warenform deformiert, kommt gerade in solchen Warenk\u00f6rpern wie dem MacBook oder dem 500-PS-SUV zum Ausdruck. Die kapitalistische Binnenrationalit\u00e4t, die Waren hervorbringt, dient somit einem irrationalen Zweck: der absurden Anh\u00e4ufung immer gr\u00f6sserer Mengen abstrakten Reichtums, also verwerteter, toter Arbeit.<\/p>\n<p>Sp\u00e4tkapitalistische Warenproduktion ist somit eine Form sehr effizient betriebener Ressourcenverbrennung. Es wird letztendlich f\u00fcr die M\u00fcllhalde produziert, w\u00e4hrend milliardenfach Grundbed\u00fcrfnisse nicht befriedigt werden.<\/p>\n<h4><strong>Die Klima-Apokalypse ist immer noch vermeidbar<\/strong><\/h4>\n<p>Ein Ende dieses immer weiter anschwellenden, evident zivilisationsbedrohenden Prozesses der Weltverbrennung ist somit nur jenseits des Kapitals m\u00f6glich. Erst im Gefolge einer Systemtransformation k\u00f6nnten Bed\u00fcrfnisse tats\u00e4chlich befriedigt werden, indem die Gebrauchsgegenst\u00e4nde ihren Warencharakter verlieren. In einer postkapitalistischen Gesellschaftsformation w\u00fcrde auch die Maxime des Effizienzstrebens transformiert, es f\u00e4nde eine Rationalisierung der Rationalit\u00e4t statt: Anstatt die Bed\u00fcrfnisse durch den Selbstzweck der Wertverwertung zu deformieren, w\u00fcrde die postkapitalistische Ratio auf die maximale Schonung der Ressourcen abzielen.<\/p>\n<p>Langlebigkeit und Modularit\u00e4t bei der Herstellung von Gebrauchsgegenst\u00e4nden w\u00fcrden die Bestrebungen zur Osboleszenz ersetzen. Damit k\u00e4me auch das Verbrennen von Ressourcen bei der Produktion f\u00fcr die M\u00fcllhalde zum Erliegen, das den Sp\u00e4tkapitalismus in immer st\u00e4rkeren Masse kennzeichnet \u2013 gerade aufgrund dessen permanenter Produktivit\u00e4tsfortschritte. Bed\u00fcrfnisbefriedigung und Ressourcenschonung w\u00e4ren vereinbar, wenn beispielsweise modular aufgebaute technische Ger\u00e4te, wie eine Zeit lang in der Diskussion standen, zur Norm w\u00fcrden. Mobilit\u00e4t k\u00f6nnte beim Aufbau einer kollektiven Infrastruktur auch in einer postkapitalistischen, ressourcenschonenden Gesellschaft erhalten bleiben. Das Bed\u00fcrfnis der Mobilit\u00e4t w\u00fcrde von seiner irrationalen Schlacke befreit, mit der die Werbebranche allt\u00e4glich das Bewusstsein zum\u00fcllt.<\/p>\n<p>Die Klima-Apokalypse ist immer noch vermeidbar, selbst wenn die Kulturindustrie sie allt\u00e4glich in ihren Unterhaltungsprodukten ausschwitzt. Hierzu ist aber nichts weniger als ein Systemwechsel notwendig, wie inzwischen selbst von der S\u00fcddeutschen Zeitung zitierte Klimawissenschaftler erkennen: Wir schlagen eine tiefe Transformation vor, die auf einer fundamentalen Neuorientierung der menschlichen Werte beruht, von gerechter Verteilung, Verhalten, Institutionen, Wirtschaft und Technologie.<\/p>\n<p>Diese \u201etiefe Transformation\u201c ist aber nur bei einer tiefgreifenden, raschen Umw\u00e4lzung der \u00f6konomischen Basis der Gesellschaft m\u00f6glich, indem das Kapital als destruktive gesellschaftliche Dynamik in Geschichte \u00fcberf\u00fchrt wird.<\/p>\n<p>Alle sonstigen Appelle an \u201eVerteilung, Verhalten, Institutionen\u201c werden sonst ungest\u00f6rt verhallen. Die in der Krise zunehmenden \u00f6konomischen Zw\u00e4nge des Kapitals, das nur das Leben derjenigen Lohnabh\u00e4ngigen als vollwertig anerkennt, die direkt oder indirekt zum Akkumulationsprozess beitragen, sind einfach st\u00e4rker. Als Beispiel seien hier etwa die Arbeiter in der Autoindustrie genannt, die nun vor der Wahl zwischen sofortiger Verelendung via Arbeitslosigkeit oder eines k\u00fcnftigen Klimakollaps\u2018 stehen. Deswegen k\u00f6nnte \u2013 allen Unzul\u00e4nglichkeiten zum Trotz \u2013 die Einf\u00fchrung eines garantierten Grundeinkommens dabei helfen, in der Anfangsphase der Systemtransformation diese Widerspr\u00fcche zu \u00fcberwinden, indem es die kapitalistische Kopplung von Lohnarbeit und Existenzsicherung aufhebt.<\/p>\n<p>Denn die Systemtransformation wird sich ereignen: Es stellt sich nur die Frage, ob sie bewusst gestaltet werden kann, oder ob sie einer Naturkatastrophe gleich \u00fcber die Gesellschaft hereinbricht und diese in die Barbarei taumeln l\u00e4sst.<\/p>\n<\/article>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pl\u00e4doyer wider die Verzichtslogik in der gegenw\u00e4rtigen Klimadebatte In der \u00f6ffentlichen Diskussion \u00fcber Ursachen und Folgen des Klimawandels sind zumeist die ganz grossen Verallgemeinerungen an der Tagesordnung: Wir lebten \u00fcber unsere Verh\u00e4ltnisse, der Mensch an sich treibe durch seine 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