{"id":700205,"date":"2018-08-28T14:53:54","date_gmt":"2018-08-28T13:53:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=700205"},"modified":"2018-08-28T15:16:34","modified_gmt":"2018-08-28T14:16:34","slug":"das-ende-des-journalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2018\/08\/das-ende-des-journalismus\/","title":{"rendered":"Das Ende des Journalismus"},"content":{"rendered":"<p><strong>Exklusivabdruck aus \u201e<a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/luegen-die-medien\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">L\u00fcgen die Medien?<\/a>\u201c: Ein Interview mit dem Publizisten und Medienkritiker Ulrich Teusch.<\/strong><\/p>\n<p>Die etablierten Medien stecken in einer massiven Glaubw\u00fcrdigkeitskrise. Teile des Publikums proben den Aufstand, \u00f6ffentliche und ver\u00f6ffentlichte Meinung driften auseinander. Nicht nur hierzulande, auch in vielen anderen L\u00e4ndern geraten die Leitmedien unter Beschuss. Stein des Ansto\u00dfes sind die Inhalte \u2013 Stichwort \u00bbL\u00fcgenpresse\u00ab.<\/p>\n<p>Doch sind L\u00fcgen wirklich das Problem? Oder gibt es nicht viel mehr strukturelle Probleme, die mit den Eigentumsverh\u00e4ltnissen der meisten Medien ebenso zu tun haben wie mit den inzwischen zur Regel gewordenen Methoden der Manipulation? Liegt es wirklich am einzelnen Journalisten, dass die Medien Unliebsames unterdr\u00fccken und statt umfassender Information oftmals Desinformation liefern, die gleichwohl gewissen Kreisen in die H\u00e4nde spielt?<\/p>\n<p><em><strong>Herr Teusch, in Ihrem aktuellen Buch \u00bbL\u00fcckenpresse\u00ab \u00e4u\u00dfern Sie scharfe Medienkritik, wenden sich zugleich aber auch gegen den Vorwurf, wir h\u00e4tten es bei unseren Medien mit einer Art \u00bbL\u00fcgenpresse\u00ab zu tun\u2026<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Ich kann verstehen, wenn Leute \u00bbL\u00fcgenpresse\u00ab rufen. Ich \u00e4rgere mich ja auch \u00fcber Medien und habe viel zu kritisieren. Aber ich halte den Begriff auf analytischer Ebene f\u00fcr untauglich und irref\u00fchrend, auf normativer Ebene f\u00fcr diffamierend und ehrenr\u00fchrig. Auch ganz pers\u00f6nlich.<\/p>\n<p>Ich bin ja auch Journalist und nehme f\u00fcr mich in Anspruch, in meiner journalistischen Arbeit noch nie gelogen, also bewusst die Unwahrheit gesagt zu haben. Und ich kenne viele Kolleginnen und Kollegen, f\u00fcr die das Gleiche gilt.<\/p>\n<p>Der Begriff \u00bbL\u00fcgenpresse\u00ab unterstellt dem einzelnen Journalisten ein Fehlverhalten, und weil angeblich sehr viele Journalisten nicht ad\u00e4quat arbeiten, entsteht daraus ein Massenph\u00e4nomen, die \u00bbL\u00fcgenpresse\u00ab eben. Das ist mir zu simpel.<\/p>\n<p><em><strong>Aber der von Ihnen bevorzugte Begriff \u00bbL\u00fcckenpresse\u00ab klingt ja ganz \u00e4hnlich?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Aber er ist sauber definiert und setzt die Akzente anders.<\/p>\n<p>Im Prinzip ist jedes Medium ein L\u00fcckenmedium. Jedes Medium ist angesichts des gigantischen Nachrichtenangebots gezwungen, eine kleine, oft winzig kleine Auswahl zu treffen. Die Frage ist, wie und nach welchen Kriterien diese Auswahl vorgenommen wird.<\/p>\n<p>Und da ist bei den ma\u00dfgeblichen Medien, also den sogenannten Leit- und Qualit\u00e4tsmedien, wie sie sich selbst nennen, beziehungsweise im Mainstream, wie er immer \u00f6fter genannt wird, Folgendes zu beobachten: Erstens werden Nachrichten in ganz bestimmter Weise gewichtet. Zweitens werden Nachrichten gezielt unterdr\u00fcckt. Drittens werden Nachrichten in tendenzi\u00f6ser Weise bewertet, das hei\u00dft, es wird mit zweierlei Ma\u00df gemessen, es gibt \u00bbDoppelstandards\u00ab.<\/p>\n<p>Alle drei Aspekte h\u00e4ngen eng zusammen und verst\u00e4rken sich wechselseitig. Wenn sie auf bestimmten Themenfeldern lange genug und mit ausreichender Intensit\u00e4t wirken, entstehen dominante Narrative, also gro\u00dfe journalistische Erz\u00e4hlungen oder Deutungsmuster, in die dann alle neu einlaufenden Informationen eingeordnet werden k\u00f6nnen \u2013 oder eben auch nicht, so sie denn nicht ins Narrativ passen.<\/p>\n<p>Manchmal w\u00e4chst sich das zu Kampagnen aus oder auch zu regelrechter Propaganda.<\/p>\n<p>Mein entscheidender Punkt ist nun: Die beschriebenen Ph\u00e4nomene kommen nicht zuf\u00e4llig zustande, sondern sie sind strukturell verankert und interessengeleitet. Das ist auch der Grund f\u00fcr die wachsende Homogenisierung des Mainstreams. Die Nachrichtenauswahl und Kommentierung wird immer \u00e4hnlicher und ist bei bestimmten wichtigen Themen kaum noch unterscheidbar.<\/p>\n<p><em><strong>Aber es gibt doch im Mainstream immer wieder \u00bbAusrei\u00dfer\u00ab, also \u00fcberraschende, vom gro\u00dfen Trend abweichende Berichterstattung!<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Ja, das bestreite ich auch nicht. Das gibt es in Deutschland insbesondere im \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk.<\/p>\n<blockquote><p>Ich treffe deshalb die Unterscheidung zwischen dem \u00bbMainstream innerhalb des Mainstreams\u00ab und dem \u00bbMainstream au\u00dferhalb des Mainstreams\u00ab. Letzterer bietet immer wieder journalistische Perlen, aber er hat einen schweren Stand und befindet sich weit eher auf dem R\u00fcckzug als auf dem Vormarsch.<\/p><\/blockquote>\n<p>Es ist der \u00bbMainstream innerhalb des Mainstreams\u00ab, der den Ton angibt, also ein verflachter, plakativer, tendenzi\u00f6ser, oft staats- und wirtschaftsnaher Journalismus. Er ist das dominante Segment, und er wird es auch bleiben. Man kann nur hoffen, dass er das minorit\u00e4re Segment nicht vollends erdr\u00fcckt. Den Mainstream au\u00dferhalb des Mainstreams findet man zum Beispiel in den Kulturwellen des ARD-H\u00f6rfunks, manchmal auch im Fernsehen, etwa bei ARD-Alpha oder Arte, also, wenn man so will, in \u00bbNischenprogrammen\u00ab. Es ist gewiss kein Zufall, dass guter Journalismus oft in solche Nischen abgedr\u00e4ngt wird.<\/p>\n<p><em><strong>Sind diese Probleme neu oder bestanden sie stets?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Wie gesagt, jedes Medium ist L\u00fcckenmedium, nolens volens. Und das war schon immer so. Aber wenn wir es historisch betrachten, hat das ganz unterschiedliche Auspr\u00e4gungen angenommen.<\/p>\n<blockquote><p>Wenn sich die SPD des Kaiserreichs auf die Mainstreammedien ihrer Zeit verlassen h\u00e4tte, w\u00e4re sie verloren gewesen. Also hat sie Gegen\u00f6ffentlichkeit geschaffen, eine Vielzahl von Zeitungen, Zeitschriften oder Verlagen gegr\u00fcndet. Auch zwischen den 1960er und 1980er Jahren war vieles anders als heute. Die journalistische Bandbreite, die Diskursbreite war deutlich gr\u00f6\u00dfer.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das hat sich inzwischen dramatisch verengt.<\/p>\n<p><em><strong>Wie kam es zu dieser \u00bbZuspitzung\u00ab des Problems?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Daf\u00fcr gibt es in der aktuellen medienkritischen Debatte viele unterschiedliche Erkl\u00e4rungsversuche. Also zum Beispiel Stellenabbau, Beschleunigung der Arbeitsabl\u00e4ufe, Abgehobenheit von Journalisten, Konformismus, Korrumpierbarkeit, vieles andere. All das spielt zweifellos eine Rolle, aber es kann das Problem in seiner Gesamtheit nicht erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Aus meiner Sicht ist einer der wesentlichsten Faktoren hierf\u00fcr die \u00bbGro\u00dfwetterlage\u00ab. In den eben angesprochenen 1960er und 1970er Jahren waren die Rahmenbedingungen anders. Die Verh\u00e4ltnisse waren relativ stabil, und das auf hohem Niveau. Man konnte sich Liberalit\u00e4t und Offenheit leisten, auch und gerade in den Medien.<\/p>\n<p>Doch die Lage hat sich inzwischen grundlegend ver\u00e4ndert. Gegenw\u00e4rtig haben wir es mit einer Vielzahl von Krisen, Konflikten, Kriegen zu tun. Die gesellschaftlichen Fliehkr\u00e4fte verst\u00e4rken sich, die Polarisierung nimmt zu. In einer solchen Situation nimmt der Mainstream seine soziale Integrationsfunktion immer weniger wahr.<\/p>\n<p>Er positioniert sich auf Seiten der etablierten Ordnung. Er l\u00e4uft an der kurzen Leine, wird mehr denn je zum L\u00fcckenmedium. Aus Mainstream- werden Establishment-Medien. Eine empirische Studie der London School of Economics hat das am Beispiel der total einseitigen Berichterstattung \u00fcber den neuen linken Labour-Chef Jeremy Corbyn, der praktisch den ganzen Mainstream gegen sich hat und eine Kampagne nach der anderen \u00fcber sich ergehen lassen muss, eindrucksvoll belegt. <sup><a id=\"fnref-1\" href=\"https:\/\/neue-debatte.com\/2018\/08\/19\/das-ende-des-journalismus\/#fn-1\">[1]<\/a><\/sup> Die britischen Medien mutieren vom \u00bbWachhund\u00ab zum \u00bbKampfhund\u00ab, hei\u00dft es in der Untersuchung pointiert.<\/p>\n<p><em><strong>Und warum tun sie das?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Um diese Frage machen viele Journalisten gern einen gro\u00dfen Bogen, denn dann m\u00fcssten sie \u00fcber Besitzverh\u00e4ltnisse und Medienkontrolle reden. Um es mal ein bisschen klassenk\u00e4mpferisch zu formulieren: Diese Medien geh\u00f6ren nat\u00fcrlich nicht \u00bbuns\u00ab, sondern \u00bbdenen\u00ab. Und wenn es, wie gegenw\u00e4rtig, politisch, sozial und \u00f6konomisch ans Eingemachte geht, machen sich die Besitz- und Kontrollstrukturen eben viel deutlicher bemerkbar als in ruhigen, stabilen Zeiten.<\/p>\n<p><em><strong>Ist es das, was Sie eingangs mit \u00bbinteressengeleitet\u00ab meinten? Sprechen wir also auch von Journalisten, die der herrschenden Ideologie und den Verh\u00e4ltnissen, den M\u00e4chtigen sozusagen, dienen? Sprechen wir \u00fcber \u00bbMachtmedien\u00ab?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Ja, so w\u00fcrde ich das sehen. Wobei man allerdings hinzuf\u00fcgen m\u00fcsste, dass viele Journalisten, insbesondere auf den mittleren und unteren Ebenen, das nicht mit vollem Bewusstsein und absichtsvoll betreiben.<\/p>\n<p>Sie sind Teil hierarchischer Strukturen, sie sind in diese Zusammenh\u00e4nge verstrickt und in der Folge gleichsam betriebsblind. Damit sind sie aber keinesfalls exkulpiert. Im Gegenteil. Wenn meine Analyse zutrifft, m\u00fcssten sich Journalisten dringend die Frage vorlegen, ob wahrhaftiger, integrer Journalismus innerhalb solcher Strukturen \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist, oder zumindest die Frage, warum sie mit den Strukturen nicht viel \u00f6fter in Konflikt geraten.<\/p>\n<p><em><strong>Eines Ihrer Buchkapitel hei\u00dft \u00bbL\u00fccken und L\u00fcgen\u00ab. L\u00fcgen die Medien also doch?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Objektiv und \u00bbvon au\u00dfen\u00ab betrachtet laufen L\u00fccken und L\u00fcgen am Ende \u2013 also in ihrer Funktion, ihrer Wirkung \u2013 auf das Gleiche hinaus. Verschwiegene Information, unten gehaltene Information, k\u00fcnstlich hochgespielte Information, dominante Narrative und so weiter \u2013 das alles verzerrt die Wirklichkeit, tr\u00e4gt letztlich zu einem unwahren Bild bei. Aber ich glaube nicht, dass es allzu viele Journalisten gibt, die absichtsvoll und bewusst die Unwahrheit sagen, also l\u00fcgen.<\/p>\n<p>Der eigentliche Grund f\u00fcr den unbefriedigenden Gesamtzustand sind nicht die einzelnen Journalisten. Der eigentliche Grund ist ein Mediensystem, das es dem einzelnen Journalisten immer schwerer macht, wahrhaftig und nach bestem Wissen und Gewissen zu berichten. Die Ursache der Misere liegt nicht in massenhaften individuellen Verfehlungen oder Unzul\u00e4nglichkeiten, sondern ist systemischer Natur.<\/p>\n<p><em><strong>K\u00f6nnen Sie die Problematik bitte anhand von konkreten Beispielen skizzieren? Wie entsteht aus etwas Realem eine schlie\u00dflich l\u00fcckenhafte und gegebenenfalls manipulative Meldung, die die urspr\u00fcngliche Realit\u00e4t verzerrt wiedergibt?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Ach Gott, wo soll man da anfangen, wo aufh\u00f6ren? Nehmen Sie den Krieg im Jemen. Wenn Sie hier zu dem Thema eine Stra\u00dfenumfrage machen w\u00fcrden, was k\u00e4me dabei heraus? So gut wie nichts. Was kein Wunder ist angesichts des Blackouts in der Berichterstattung.<\/p>\n<p>Oder der Krieg in Syrien, ein Konflikt von unglaublicher Komplexit\u00e4t. Wann wurde er je im deutschen Mainstream angemessen dargestellt? Wann haben amerikanische Medienrezipienten zum letzten Mal Bilder von den Folgen eines Drohnenangriffs gesehen? Was wissen deutsche Mainstreamkonsumenten \u00fcber die Schrecken des Kriegs im Donbass? Oder \u00fcber den Coup d\u2019\u00c9tat in Brasilien.<\/p>\n<p>Oder nehmen Sie das Messen mit zweierlei Ma\u00df: \u00dcber einen \u00bbAmnesty\u00ab-Bericht, der als n\u00fctzlich gilt, wird breit berichtet; wenn er Unangenehmes enth\u00e4lt, f\u00e4llt er unter den Tisch.<\/p>\n<p>Das furchtbare Massaker im Gewerkschaftshaus von Odessa h\u00e4tte Stoff f\u00fcr mehrere ARD-Brennpunkte und ZDF-Spezials geboten. Stattdessen wurde es mehr oder weniger unter den Teppich gekehrt, weil es nicht ins Narrativ passte.<\/p>\n<blockquote><p>Im Buch befasse ich mich n\u00e4her mit einem \u00bbTagesschau\u00ab-Beitrag von Ina Ruck \u00fcber Polizeigewalt in den USA \u2013 tausend Todesopfer allein 2015. Frau Ruck f\u00fchrt das auf zu viele Schusswaffen und unzureichendes Konfliktmanagement zur\u00fcck. Was w\u00e4ren ihr, der ehemaligen Moskau-Korrespondentin, wohl f\u00fcr unangenehme Fragen eingefallen, wenn die russische Polizei im letzten Jahr tausend Menschen erschossen h\u00e4tte?<\/p><\/blockquote>\n<p>Oder das Thema Sprachregelungen: Im Mainstream herrscht Konsens dar\u00fcber, dass Russland die Krim \u00bbannektiert\u00ab hat. Wollte ein Nachrichtenjournalist einen neutralen Begriff verwenden, zum Beispiel \u00bbAnschluss\u00ab der Krim an Russland, k\u00e4me das einer kleinen Mutprobe gleich. Aber man darf nat\u00fcrlich weiterhin ungestraft vom \u00bbAnschluss\u00ab \u00d6sterreichs an das Dritte Reich sprechen \u2026<\/p>\n<p><em><strong>F\u00fchren Sie doch bitte anhand eines konkreten Beispiels einmal explizit aus, worauf Ihre Kritik zielt; ein Beispiel, das auch Ross und Reiter benennt.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Nun, nehmen wir beispielsweise die russischen Duma-Wahlen vom 18. September 2016. Ich habe Stunden damit verbracht, fast alles zu lesen, was dazu im Mainstream gesagt wurde.<\/p>\n<p>Die M\u00fche h\u00e4tte ich mir sparen k\u00f6nnen. \u00dcberspitzt formuliert: Wenn man einen Artikel gelesen hat, hat man alle gelesen. Vorweg: Auch mir missf\u00e4llt vieles am russischen politischen System, auch ich sehe gro\u00dfen Reformbedarf, auch ich habe an den letzten Wahlen einiges auszusetzen.<\/p>\n<p>Was mich aber frappiert, ist, wieder einmal, die Einstimmigkeit im Mainstream. Die h\u00e4ngt nat\u00fcrlich mit dem dominanten Russland-Narrativ zusammen. Wie soll man diese Wahlen einordnen, wenn man sowieso der Ansicht ist, dass Russland keine Demokratie, sondern eine Autokratie sei, in der ein Einzelner, n\u00e4mlich Putin, alles bestimmt? Eine seri\u00f6se Wahlanalyse f\u00e4llt damit von vornherein flach. Man muss die Wahlen ins Narrativ pressen, die Ergebnisse mit einem Spin versehen, auch wenn man sich dabei in offenkundige Widerspr\u00fcche verwickelt.<\/p>\n<p>So wird dann zum Beispiel gesagt, dass der Erdrutschsieg der Regierungspartei \u00bbEiniges Russland\u00ab nicht im geringsten die wahre Stimmung im Volk widerspiegele, sondern den Anfang vom Ende des Systems Putin markiere. Wie das?<\/p>\n<p>Zur Begr\u00fcndung wird die Wahlbeteiligung angef\u00fchrt, die um etwa zw\u00f6lf Prozentpunkte gesunken ist. Das sei ein stummer Protest einer ratlosen, apathischen, frustrierten Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Gleichzeitig wird jedoch erkl\u00e4rt, der Kreml h\u00e4tte ein Interesse an einer niedrigen Wahlbeteiligung gehabt und einiges daf\u00fcr getan, die W\u00e4hler aus den Wahllokalen fernzuhalten. Wie passen diese beiden Aussagen zusammen?<\/p>\n<p>Weiter wird behauptet, dass die niedrige Wahlbeteiligung zugunsten von \u00bbEiniges Russland\u00ab ausgeschlagen sei. Gleichzeitig stellt man aber fest, dass in Regionen, in denen die Wahlbeteiligung deutlich \u00fcber dem Landesdurchschnitt lag, die Regierungspartei noch besser abgeschnitten hat. In den gro\u00dfen St\u00e4dten wiederum, allen voran St. Petersburg und Moskau, wo die Wahlbeteiligung erheblich schw\u00e4cher als im Landesdurchschnitt war, haben die vom Westen favorisierten Oppositionsparteien Yabloko und Parnas beachtliche Resultate erzielt. Wie passt das jetzt wieder zusammen?<\/p>\n<p>Oder nehmen wir die Unterdr\u00fcckung von Fakten: Jeder seri\u00f6se Beobachter w\u00fcrde einr\u00e4umen, dass bei diesen Wahlen einige Anstrengungen unternommen wurden, den Prozess fairer und transparenter zu gestalten. Das wurde aber in den Medien so gut wie nicht gew\u00fcrdigt, im Gegenteil: Manipulationen, die es fraglos auch diesmal gab, stellte man einseitig in den Vordergrund.<\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich ist da wieder das Messen mit zweierlei Ma\u00df: Die Tatsache, dass die russische Wahlbeteiligung 2016 in etwa auf Schweizer Niveau gesunken ist und immer noch deutlich h\u00f6her lag als bei Kongresswahlen in den USA, wurde, so sie denn \u00fcberhaupt erw\u00e4hnt wurde, als \u00bbnicht vergleichbar\u00ab hingestellt.<\/p>\n<p>In der Duma sind \u2013 neben \u00bbEiniges Russland\u00ab \u2013 noch drei andere Parteien vertreten. Die gelten als \u00bbSystem-Opposition\u00ab, soll hei\u00dfen: Sie sind gar keine richtige Opposition. Das kann man so sehen. Aber warum legt man solch strenge Ma\u00dfst\u00e4be nicht an den Deutschen Bundestag an? Oder an den US-Kongress? Wie verh\u00e4lt es sich dort mit der System-Opposition \u2013 und wo ist die anti-systemische Opposition?<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich: Wahlmanipulationen gibt es auch andernorts. Man erinnere sich etwa an das Duell Bush jun. gegen Al Gore im Jahr 2000, an das Duell Clinton gegen Sanders im demokratischen Vorwahlkampf 2016, von \u00d6sterreich will ich jetzt gar nicht reden.<\/p>\n<p>Im postsowjetischen Russland gab es immer Wahlmanipulationen, mal mehr, mal weniger. Ob sie von der OSZE und den westlichen Medien aber an den Pranger gestellt wurden, war eine Frage der politischen Opportunit\u00e4t. So wurden die Pr\u00e4sidentschaftswahlen 1996 \u2013 mit dem Sieger Jelzin \u2013 vom Westen wider besseres Wissen als fair und transparent qualifiziert.<\/p>\n<p>Um es zusammenzufassen: Von einer ernstzunehmenden Analyse der Duma-Wahlen 2016 durch die Mainstreammedien kann keine Rede sein. Man muss sich schon au\u00dferhalb des Mainstreams umtun, um Analysen zu finden, die echte Erkenntnisse vermitteln.<\/p>\n<p>Und genau hier liegt die Gefahr von solch dominanten Narrativen. Sie verstellen den Blick, den des Publikums wie den der Medien selbst. Das ist nicht nur journalistisch inakzeptabel, es ist auch politisch alles andere als klug.<\/p>\n<p><em><strong>Im Buch schreiben Sie auch, \u00bbder ganze Rest\u00ab sei \u00bbWerbung\u00ab. Wie meinen Sie das? Neben der parteinehmenden Einseitigkeit gibt es einzig noch marktkonforme Indoktrination?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Es gibt im englischen Sprachraum ein Bonmot \u2013 \u00fcbersetzt: \u00bbNachrichten sind Dinge, von denen jemand nicht m\u00f6chte, dass sie gedruckt werden. Alles andere ist Werbung.\u00ab<\/p>\n<p>Man kann sich die Nachrichten ja mal unter diesem Gesichtspunkt anschauen. Warum wird selbstverst\u00e4ndlich dar\u00fcber berichtet, wenn die Bundesregierung neue Kita-Pl\u00e4tze schafft Und warum f\u00e4llt so manche brisante Wikileaks-Enth\u00fcllung durchs Raster?<\/p>\n<p>Es gibt Personen, Institutionen und Organisationen, die ein Interesse daran haben, dass wir bestimmte Sachen erfahren \u2013 und andere nicht. Oft ist das, was wir erfahren, einfach Werbung, PR, Propaganda. Echte Nachrichten haben es hingegen schwer.<\/p>\n<p><em><strong>Nun eskaliert die Lage zwischen Medienschaffenden und kritischen Nutzern zunehmend. Gerade die Alphajournalisten wollen von Kritik nichts h\u00f6ren und diskreditieren diese oft als tumb oder sogar Verschw\u00f6rungstheorie. Handelt es sich hier um Borniertheit \u2013 oder wo ist das Problem?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Die Alphajournalisten sind nicht mein Problem und auch nicht meine Zielgruppe. Ich glaube nicht, dass man die mit guten Argumenten erreichen kann.<\/p>\n<p>Meine Bef\u00fcrchtung ist, dass der Mainstream innerhalb des Mainstreams weitgehend kritik- und beratungsresistent ist, also so weitermachen wird wie bisher, eher noch die Gangart versch\u00e4rfen wird.<\/p>\n<blockquote><p>Eigentlich m\u00fcsste er sich auf breiter Front \u00f6ffnen, aber das wird er nicht tun, weil er es \u2013 aus den eben geschilderten Gr\u00fcnden \u2013 nicht tun darf. Das kann nat\u00fcrlich nicht gutgehen. Und das hei\u00dft: Der Mainstream wird weiter erodieren; er wird sich zwar noch Mainstream nennen oder so genannt werden, aber es nicht mehr sein. \u00c4hnlich wie die Volksparteien, die sich noch so nennen, aber es nicht mehr sind.<\/p><\/blockquote>\n<p><em><strong>Was k\u00f6nnen die Mediennutzer denn tun, um die Medien wieder, ja, seri\u00f6ser zu machen?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Es gibt neben dem dominanten Mainstream ja auch noch den schon erw\u00e4hnten \u00bbMainstream au\u00dferhalb des Mainstreams\u00ab, der hierzulande insbesondere im \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk beachtliche Refugien hat. Die gilt es unbedingt zu verteidigen!<\/p>\n<p>Daneben gibt es die wachsende Zahl internetbasierter Alternativmedien \u2013 etwa die NachDenkSeiten oder Telepolis. In Deutschland ist das diesbez\u00fcgliche Engagement noch relativ unterentwickelt, aber im englischsprachigen Raum, insbesondere in den USA, ist die Zahl solcher Alternativmedien kaum noch \u00fcberschaubar, sie sind dort bereits eine echte Macht.<\/p>\n<p>Dieser Trend wird sich mit ziemlicher Sicherheit fortsetzen. Diese Medien liefern jede Menge Informationen und Meinungen, die man in der New York Times oder der Washington Post vergeblich sucht.<\/p>\n<p>Betrachtet man also nicht nur den Mainstream, sondern das in st\u00fcrmischer Entwicklung befindliche Mediensystem in seiner Gesamtheit, kann man sich eigentlich nicht beklagen.<\/p>\n<p>Historisch gesehen gab es wahrscheinlich noch nie so umfassende Informations- und Recherchem\u00f6glichkeiten wie heute. Sie setzen allerdings den \u00bbaktiven Nutzer\u00ab voraus, also Menschen mit ausreichender Kompetenz und Zeit, um sich das alles zu erschlie\u00dfen.<\/p>\n<p><em><strong>K\u00f6nnen die Mediennutzer etwas tun, um Manipulation und \u00bbL\u00fcckenberichterstattung\u00ab, um Einseitigkeit und T\u00e4uschung zu erkennen?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen eine medienkritische Kompetenz entwickeln. Im Buch verstreut finden sich dazu einige Hinweise, auch Merks\u00e4tze oder Faustregeln.<\/p>\n<p>Zum Beispiel finde ich, dass man Medien \u2013 allen Medien! \u2013 grunds\u00e4tzlich mit der Haltung \u00bbMisstrauen ist gut, Kontrolle ist besser\u00ab begegnen sollte. Das derzeit erkennbar wachsende Misstrauen ist aus meiner Sicht eine erfreuliche Entwicklung, doch es ist nur ein erster Schritt.<\/p>\n<p>Das eigentliche Ziel ist die Kontrolle. Wir m\u00fcssen selbst recherchieren, \u00fcberpr\u00fcfen, vergleichen \u2013 und dies auf m\u00f6glichst breiter Basis. Und wir m\u00fcssen Einseitigkeiten oder T\u00e4uschungen immer wieder kritisieren.<\/p>\n<p>Das tun viele Menschen schon jetzt, aber es ist nat\u00fcrlich m\u00fchsam und zeitaufwendig \u2013 also nicht jedermanns Sache.<\/p>\n<p><em><strong>Haben Sie vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em><strong>Prof. Dr. Ulrich Teusch<\/strong> lebt als freier Publizist in Ederm\u00fcnde bei Kassel. Er schreibt Sachb\u00fccher und ist H\u00f6rfunkautor. F\u00fcr sein SWR-Feature \u00bbNicht schwindelfrei \u2013 \u00dcber L\u00fcgen in der Politik\u00ab erhielt er 2013 den Roman-Herzog-Medienpreis. Im Dezember 2015 lief dann sein viel beachtetes Feature im SWR mit dem Titel \u00bbVertrauen ist gut \u2026 Die Medien und ihre Kritiker\u00ab. B\u00fccher zuletzt: \u00bbDie Katastrophengesellschaft: Warum wir aus Schaden nicht klug werden\u00ab, \u00bbJenny Marx: die rote Baronesse\u00ab und \u00bbL\u00fcckenpresse\u00ab.<\/em><\/p>\n<p><em>[1]\u00a0London School of Economics: \u00bbJournalistic Representations of Jeremy Corbyn in the British Press: From Watchdog to Attackdog\u00ab, Juli 2016, siehe <a href=\"http:\/\/www.lse.ac.uk\/media@lse\/research\/pdf\/JeremyCorbyn\/Cobyn-Report-FINAL.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.lse.ac.uk\/media@lse\/research\/pdf\/JeremyCorbyn\/Cobyn-Report-FINAL.pdf<\/a>.<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p>\u00dcber den Autor: Jens Wernicke\u00a0(Jahrgang 1977) ist Diplom-Kulturwissenschaftler (Medien) und arbeitete lange als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Politik und als Gewerkschaftssekret\u00e4r. Er verantwortete mehrere Jahre das\u00a0Interviewformat\u00a0der\u00a0<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">NachDenkSeiten<\/a>, Deutschlands meistgelesenem politischen Blog. Heute ist er Autor, freier Journalist und Herausgeber von \u201e<a href=\"https:\/\/www.rubikon.news\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Rubikon \u2013 Magazin f\u00fcr die kritische Masse<\/a>\u201c. Zuletzt erschienen von ihm als Mitherausgeber \u201e<em><a href=\"http:\/\/www.bdwi.de\/verlag\/gesamtkatalog\/564228.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Netzwerk der Macht \u2013 Bertelsmann. Der medial-politische Komplex aus G\u00fctersloh<\/a>\u201c<\/em> und <em>\u201eFassadendemokratie und Tiefer Staat: Auf dem Weg in ein autorit\u00e4res Zeitalter\u201c<\/em>. Sowie von ihm als Autor <em>\u201e<a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/luegen-die-medien\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">L\u00fcgen die Medien? Propaganda, Rudeljournalismus und der Kampf um die \u00f6ffentliche Meinung<\/a>\u201c<\/em>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Exklusivabdruck aus \u201eL\u00fcgen die Medien?\u201c: Ein Interview mit dem Publizisten und Medienkritiker Ulrich Teusch. Die etablierten Medien stecken in einer massiven Glaubw\u00fcrdigkeitskrise. Teile des Publikums proben den Aufstand, \u00f6ffentliche und ver\u00f6ffentlichte Meinung driften auseinander. 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