{"id":699474,"date":"2018-08-27T09:55:13","date_gmt":"2018-08-27T08:55:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=699474"},"modified":"2018-08-27T12:48:23","modified_gmt":"2018-08-27T11:48:23","slug":"oeffentlich-rechtlicher-gesinnungsjournalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2018\/08\/oeffentlich-rechtlicher-gesinnungsjournalismus\/","title":{"rendered":"\u00d6ffentlich-rechtlicher Gesinnungsjournalismus"},"content":{"rendered":"<p><strong>Exklusivabdruck aus \u201eL\u00fcgen die Medien?\u201c Ein Interview mit dem ehemaligen Tagesschau-Redakteur Volker Br\u00e4utigam.<\/strong><\/p>\n<p>Regierungsfromm, tendenzi\u00f6s, defizit\u00e4r, agitatorisch, propagandistisch und desinformativ. Der ehemalige \u00bbTagesschau\u00ab-Redakteur Volker Br\u00e4utigam findet deutliche Worte f\u00fcr den Gesinnungsjournalismus, den er dem \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk testiert. Doch was st\u00f6rt ihn genau? Und wie glaubhaft ist die Kritik aus seinen inzwischen zu Dutzenden eingereichten Programmbeschwerden, in denen er etwa die Verbreitung von \u00bbPropaganda statt Fakten\u00ab sowie von \u00bbFalschbehauptungen und Verdrehungen\u00ab kritisiert?<\/p>\n<p><strong><em>Herr Br\u00e4utigam, Sie waren als Redakteur bei der \u00bbAugsburger Allgemeinen\u00ab, der \u00bbStuttgarter Zeitung\u00ab und schlie\u00dflich viele Jahre bei der \u00bbTagesschau\u00ab t\u00e4tig. Inzwischen reichen Sie regelm\u00e4\u00dfig sogenannte Programmbeschwerden ein und werfen den \u00f6ffentlich-rechtlichen Medien Gesinnungsjournalismus vor. Was ist da los?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Statt einer eigenen Antwort darauf zitiere ich lieber den bewundernswerten Journalisten Peter Scholl-Latour. Pointierter als er k\u00f6nnte auch ich n\u00e4mlich nicht beschreiben, was los ist:<\/p>\n<blockquote><p><em>\u00bbWir leben in einem Zeitalter der Massenverbl\u00f6dung, besonders der medialen Massenverbl\u00f6dung.\u00ab<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Das war auf die Nachrichtensendungen der \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten gem\u00fcnzt. Die sind oft haarstr\u00e4ubend tendenzi\u00f6s, regierungsfromm und demagogisch. Sie provozieren Widerspruch seitens der Zuschauer. Mittlerweile sind folgerichtig zahllose Programmbeschwerden \u00fcber \u00bbARD-aktuell\u00ab und \u00bbZDF heute\u00ab dokumentiert.<\/p>\n<p>Ich bin bei Weitem nicht der Einzige, der diesen Institutionen Gesinnungsjournalismus vorwirft. Nicht der Einzige, dem die einseitige Berichterstattung im \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunkwesen auf die Nerven geht.<\/p>\n<p>Selbst der Programmbeirat der ARD hat der \u00bbTagesschau\u00ab und den \u00bbTagesthemen\u00ab im Juni 2014 ein mieses Zeugnis ausgestellt: \u00bbTendenzi\u00f6s\u00ab, \u00bbrusslandfeindlich\u00ab, \u00bbvoreingenommen\u00ab, \u00bbunkritisch\u00ab \u2013 das steht nun im Stammbuch der Hauptabteilung \u00bbARD-aktuell\u00ab. <sup><a id=\"fnref-1\" href=\"https:\/\/neue-debatte.com\/2018\/08\/17\/oeffentlich-rechtlicher-gesinnungsjournalismus\/#fn-1\">[1]<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Das ist der Sammelname der NDR-Redaktion, in der \u00bbTagesschau\u00ab, \u00bbTagesthemen\u00ab, \u00bbNachtmagazin\u00ab und andere Nachrichtenformate f\u00fcr das Programm des Ersten Deutschen Fernsehens erarbeitet werden.<\/p>\n<p>Die massive Kritik des ARD-Programmbeirats hat aber leider nichts bewirkt, wie man beispielsweise an der aktuellen Nachrichtengebung \u00fcber den Krieg in Syrien erkennen kann. Die hat nach wie vor Schlagseite.<\/p>\n<p><em><strong>Wie kommt es dazu?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Nun, die Berichterstattung \u00fcber die Au\u00dfenpolitik liegt h\u00e4ufig in den H\u00e4nden von Journalisten, denen nach karrieref\u00f6rderlichem Aufenthalt und Schulung in den USA die transatlantische Einseitigkeit in Fleisch und Blut \u00fcbergegangen ist.<\/p>\n<p>Sie sind eine journalistische Parallelerscheinung zum politischen Vasallentum der Berliner Regierung. Auch die leistet den USA ersichtlich Gefolgschaftstreue bis zur Selbstverleugnung.<\/p>\n<p>Die Schlagseite dieser Journalisten merkt man schon an ihrer \u00bbprowestlichen\u00ab Wortwahl. Zum Beispiel an verschleiernden Synonymen: \u00bbMenschenrechtsaktivist\u00ab statt gewaltbereiter Regierungsgegner, \u00bbRebell\u00ab statt m\u00f6rderischer Terrorist, \u00bbFlugverbotszone\u00ab f\u00fcr die Er\u00f6ffnung eines Luftkrieges gegen ein souver\u00e4nes Land, \u00bbLuftschlag\u00ab f\u00fcr ein t\u00f6dliches Bombardement, \u00bbisraelische Siedlungspolitik\u00ab statt Landraub und Besatzung.<\/p>\n<blockquote><p>Ein Kronjuwel schwachsinniger Wortsch\u00f6pfung ist der \u00bbTerrorismusexperte\u00ab. Erbarmen!<\/p><\/blockquote>\n<p>Diese Leute verfehlen damit ihren Beruf und malen ein USA-EU-zentristisches Weltbild. Ihre viel zu gro\u00dfe N\u00e4he zur Politik gipfelt immer \u00f6fter sogar in der Publikation von F\u00e4lschungen, vor allem bei der Darstellung von au\u00dfenpolitischen Konflikten. <sup><a id=\"fnref-2\" href=\"https:\/\/neue-debatte.com\/2018\/08\/17\/oeffentlich-rechtlicher-gesinnungsjournalismus\/#fn-2\">[2]<\/a><\/sup><\/p>\n<p><em><strong>H\u00e4tten Sie hierf\u00fcr denn ein paar Beispiele parat?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Gern. Im Ukraine-Konflikt setzte der WDR im Sp\u00e4tsommer 2014 den Zuschauern Bilder von einem Einsatz russischer Panzer im Georgien-Krieg 2008 als Beleg f\u00fcr deren angeblichen Einsatz in der Ostukraine vor. Diese F\u00e4lschung wurde auch von \u00bbARD-aktuell\u00ab verbreitet.<\/p>\n<p>Auch wurden im Propagandakrieg der ARD gegen Moskau faschistische und neonazistische ukrainische Milizion\u00e4re als Freiheitsk\u00e4mpfer ausgegeben; ukrainische Terroristen, die sich nach einem Sprengstoffanschlag auf die Stromversorgung der Krim in Siegerpose fotografieren lie\u00dfen, wurden hingegen zu \u00bbAktivisten\u00ab geadelt.<\/p>\n<p>Und ganz grunds\u00e4tzlich ist seitens \u00bbARD-aktuell\u00ab im Zusammenhang mit der russischen Eingliederung der Krim immer von \u00bbAnnexion\u00ab die Rede; dass namhafte V\u00f6lkerrechtler das Ereignis nicht so sehen und dass es dazu weltweit keine einheitliche juristische Lehrmeinung gibt, bleibt bei dieser einseitigen Wortwahl unber\u00fccksichtigt. Ebenso wie die ganz besondere Geschichte der Krim und deren spezielle Bedeutung f\u00fcr das russische Nationalbewusstsein, f\u00fcr das die Krim so wichtig ist wie Rom f\u00fcr Italien.<\/p>\n<p>Man denke an die Krimkriege gegen die T\u00fcrken, gegen England, gegen Frankreich und schlie\u00dflich gegen Nazi-Deutschland. Die Krim ist Russlands Zugang zum Schwarzen Meer und damit zum Mittelmeer. Das Bangen um die Krim ist ein Wesensmerkmal russischer Kultur, siehe Tolstois Krim-Tagebuch. Doch was k\u00fcmmert\u2019s die \u00bbTagesschau\u00ab?<\/p>\n<p>Ein geradezu klassisches Beispiel f\u00fcr F\u00e4lschungen und Verzerrungen stellt auch die Nachrichtengestaltung \u00fcber den sogenannten \u00bbKrieg gegen den Terror\u00ab dar.<\/p>\n<p>Diesen Krieg hat es nie gegeben, sondern immer nur Kriege um Rohstoffe, um Transitschneisen f\u00fcr \u00d6l und Gas sowie um geostrategische Machtpositionen. Und Kriege gegen Regierungen, die sich dem US-amerikanischen Hegemonialanspruch nicht unterwerfen wollten.<\/p>\n<p>Unsere Nachrichtensender personalisieren aber nur, statt auf diesen Zusammenhang hinzuweisen. Sie idealisieren den \u00bbWesten\u00ab, denn das sind ja \u00bbwir\u00ab, also \u00bbdie Guten\u00ab, und helfen damit propagandistisch bei der Einstimmung der Bev\u00f6lkerung auf bevorstehende Kriege:<\/p>\n<blockquote><p>Der serbische Ministerpr\u00e4sident Milo\u0161evi\u0107, der libysche Pr\u00e4sident Ghaddafi, der Syrer Assad und ihresgleichen wurden beziehungsweise werden in unseren Nachrichtensendungen monatelang mit allen Mitteln, auch mit gef\u00e4lschten, d\u00e4monisiert, bis ein Krieg sich als unvermeidlich zur Befreiung der von ihnen regierten V\u00f6lker darstellen l\u00e4sst, als Kampf f\u00fcr mehr Menschenrechte und Demokratie.<\/p><\/blockquote>\n<p>Dass es in Wahrheit um milit\u00e4risches Vormachtstreben im Mittelmeer, um libysches Gold und Erd\u00f6l, um syrische Transitstrecken f\u00fcr \u00d6l und Gas aus den arabischen Monarchien und um den Schutz des \u00bbPetro\u00ab-Dollars ging und geht \u2013 und ganz und gar nicht um die Befreiung von B\u00f6sewichtern \u2013, wird bei solcher Nachrichtengestaltung nat\u00fcrlich nicht klar.<\/p>\n<p><em>\u00bbDie Medien sind die m\u00e4chtigste Einrichtung auf der Erde. Sie haben die Macht, Unschuldige schuldig und Schuldige unschuldig zu sprechen \u2013 und das ist Macht, weil sie den Verstand der Masse kontrollieren\u00ab<\/em>, sagte bereits der US-amerikanische B\u00fcrgerrechtler Malcom X. Und er behielt recht.<\/p>\n<p><em><strong>Einseitig denkende Leute verbreiten also einseitige Weltsichten und verfehlen hierdurch ihren Beruf, verstehe ich recht?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Ja, einseitige und unkritische Menschen, die sich Journalisten nennen, sind hierzulande so machtorientiert, dass man eine politische Ausrichtung der Sendeinhalte auf die Berliner Regierungspolitik konstatieren darf.<\/p>\n<p>Nehmen wir beispielsweise die \u00bbTagesschau\u00ab und die \u00bbTagesthemen\u00ab. Es geh\u00f6rt wirklich nicht viel dazu zu erkennen, wie regelm\u00e4\u00dfig diese zum Beispiel vollkommen hohle Aussagen unserer Regierungen und M\u00e4chtigen weiterreichen, ohne zuvor einen notwendigen Abgleich mit der Realit\u00e4t vorgenommen zu haben, ohne Hilfen zur Einordnung anzubieten, ja, ohne dass die jeweilige Redaktion die regierungs-offiziellen Erkl\u00e4rungen auch nur auf ihren substantiellen Gehalt hin \u00fcberpr\u00fcft beziehungsweise einmal gegenrecherchiert h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Etwa bei den monatlichen Berichten zur Lage auf dem \u00bbArbeitsmarkt\u00ab, die man wohl nur noch als Propaganda bezeichnen kann. Denn um Texte wie \u00bbDie Zahl der Arbeitslosen ist im Dezember auf \u2026 gesunken, die Arbeitslosenquote betr\u00e4gt saisonbereinigt \u2026\u00ab als verlogene Sch\u00f6nf\u00e4rberei mittels statistischer Tricks zu begreifen, gen\u00fcgt sogar das Halbwissen eines heutigen Nachrichtenredakteurs.<\/p>\n<p>Mit einem Blick in die Statistik \u00fcber die Empf\u00e4nger von Hartz-IV-Leistungen k\u00f6nnte auch dieser sich rasch Gewissheit dar\u00fcber verschaffen, dass arbeitslose Menschen in sechsstelliger Zahl offiziell nicht als arbeitslos gef\u00fchrt werden, obwohl sie es selbstverst\u00e4ndlich sind. Von den faktisch arbeitslosen Geringverdienern und \u00bbAufstockern\u00ab gar nicht zu reden \u2026<\/p>\n<blockquote><p>Trotzdem t\u00f6nt die \u00bbTagesschau\u00ab: \u00bbdie Zahl der Arbeitslosen\u00ab, und sagt nicht: \u00bbdie Zahl der offiziell als arbeitslos geltenden Menschen\u00ab. Beispiele solcher propagandistischen, im Sinne der Regierenden gef\u00e4rbten Nachrichten gibt es zuhauf.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das Auseinanderklaffen von berichteter und tats\u00e4chlicher Wirklichkeit ist inzwischen un\u00fcbersehbar.<\/p>\n<p>Saubere, um Objektivit\u00e4t bem\u00fchte Information w\u00e4re aber Voraussetzung f\u00fcr eine realit\u00e4tsgerechte Meinungsbildung. Die wiederum die notwendige Grundlage der Lebens- und Funktionsf\u00e4higkeit einer demokratischen Gesellschaft ist.<\/p>\n<p>Werden die Nachrichtenangebote in den Massenmedien hingegen zum regierungsfrommen und systemkonformistischen Propagandamittel, dann haben wir eine weitgehende Gleichschaltung \u2013 und tun den ersten Schritt in Richtung faschistische Gesellschaft. Und das droht bereits.<\/p>\n<p>Die \u00bbNachrichten\u00ab, die wir heute geboten bekommen, gleichen sich weitestgehend \u2013 ganz egal, welcher Sender sie ausstrahlt. Sie haben durchg\u00e4ngig Schlagseite. Der \u00bbWesten\u00ab versammelt das Gute um sich. Russen und Chinesen sind die B\u00f6sen. Die Dritte Welt ist, mit Verlaub, schei\u00dfegal. Sie findet in den Nachrichten faktisch nicht statt, sofern sie nicht Rohstoffe besitzt, wertvolle Europ\u00e4er und US-Amerikaner mit Ebola infizieren k\u00f6nnte oder zur Abwechslung Schauplatz f\u00fcr einen kleinen V\u00f6lkermord wird, oft aber nicht einmal dann.<\/p>\n<p>Deswegen mache ich Eingaben, lege Programmbeschwerden ein, wenn mir eine Berichterstattung gar zu verlogen erscheint.<\/p>\n<blockquote><p>Die Bev\u00f6lkerung, wir alle, bezahlen schlie\u00dflich Rundfunkpflichtbeitrag. F\u00fcr diesen Beitrag d\u00fcrfen wir auch ein Informationsangebot erwarten, das dem Anspruch eines seri\u00f6sen Journalismus gerecht wird und zu qualifizierter eigenst\u00e4ndiger Urteilsbildung bef\u00e4higt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich zitiere hier auszugsweise die entscheidenden Bestimmungen des Staatsvertrages, nach denen sich die in Hamburg ans\u00e4ssige Redaktion \u00bbARD-aktuell\u00ab zu richten hat: <sup><a id=\"fnref-3\" href=\"https:\/\/neue-debatte.com\/2018\/08\/17\/oeffentlich-rechtlicher-gesinnungsjournalismus\/#fn-3\">[3]<\/a><\/sup><\/p>\n<p>\u00a77 Programmgrunds\u00e4tze<\/p>\n<p>(2) Der NDR \u2026 soll dazu beitragen, die Achtung \u2026 vor Glauben und Meinung anderer zu st\u00e4rken. Das Programm des NDR soll \u2026 die internationale Verst\u00e4ndigung f\u00f6rdern, f\u00fcr die Friedenssicherung und den Minderheitenschutz eintreten, \u2026 und zur sozialen Gerechtigkeit beitragen.<\/p>\n<p>\u00a78 Programmgestaltung<\/p>\n<p>(1) Der NDR ist in seinem Programm zur Wahrheit verpflichtet. Er hat sicherzustellen, dass \u2026 das Programm nicht einseitig einer Partei oder Gruppe, einer Interessengemeinschaft, einem Bekenntnis oder einer Weltanschauung dient und \u2026 in seiner Berichterstattung die Auffassungen der wesentlich betroffenen Personen, Gruppen oder Stellen angemessen und fair ber\u00fccksichtigt werden. Wertende und analysierende Einzelbeitr\u00e4ge haben dem Gebot journalistischer Fairness und in ihrer Gesamtheit der Vielfalt der Meinungen zu entsprechen. Ziel aller Informationssendungen ist es, sachlich und umfassend zu unterrichten und damit zur selbst\u00e4ndigen Urteilsbildung der B\u00fcrger und B\u00fcrgerinnen beizutragen.<\/p>\n<p>(2) Berichterstattung und Informationssendungen \u2026 m\u00fcssen unabh\u00e4ngig und sachlich sein. Nachrichten sind vor ihrer Verbreitung mit der nach den Umst\u00e4nden gebotenen Sorgfalt auf Wahrheit und Herkunft zu pr\u00fcfen.<\/p>\n<p>Mit diesen Prinzipien steht das reale Nachrichtenangebot von \u00bbARD-aktuell\u00ab absolut nicht in Einklang. Was das Publikum nat\u00fcrlich merkt.<\/p>\n<p><em><strong>Und so etwas gab es fr\u00fcher nicht? Hat sich im Gesch\u00e4ft etwas ge\u00e4ndert?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>In den Staatsvertr\u00e4gen \u00fcber den \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk werden Idealziele gesetzt. Seit Bestehen des \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunks \u2013 einer demokratischen Errungenschaft der Nachkriegszeit, zu danken den einstigen Besatzungsm\u00e4chten und organisiert nach britischen Vorbildern \u2013 haben wir zwar schon immer nur Ann\u00e4herungswerte an diese Idealziele erreicht. Fr\u00fcher aber weit bessere als heute.<\/p>\n<p><em><strong>Welche Ver\u00e4nderungen gibt es konkret?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Massen- und Konfektionsware anstelle qualitativ wertvollerer Einzelanfertigung. Vor vierzig Jahren sendete die \u00bbTagesschau\u00ab nur maximal sieben Mal am Tag. Es gab keine \u00bbModeratoren\u00ab, kein \u00bbInfotainment\u00ab. Zwischen den Sendungen hatten die Redakteure mehrere Stunden Zeit, die Informationen der Nachrichtenagenturen nicht nur zu lesen, sondern auch zu verstehen und gegebenenfalls zu \u00fcberpr\u00fcfen.<\/p>\n<p>Es gab keinen Anpassungsdruck an eine kommerzielle Konkurrenz im Rundfunknachrichtenbereich. Keine un\u00fcbersehbare Flut von zu allermeist belanglosen, trivialen Informationen.<\/p>\n<p>Heute gibt es \u00bbNachrichten im Viertelstundentakt\u00ab. Die Redaktionen friemeln ihre Meldungen aus Textbausteinen zusammen, die sie aus dem Angebot der Nachrichtenagenturen auf dem Bildschirm zusammenschieben und mit ein paar verbindenden Schn\u00f6rkeln verkleistern.<\/p>\n<p>Und alle bedienen sich vom selben Brei, den die Agenturen dpa, AP, AFP und Reuters anr\u00fchren. Diese machen sich zwar partiell noch Konkurrenz \u2013 aber in erster Linie im Hinblick auf die Schnelligkeit der Nachrichten\u00fcbermittlung, kaum mehr hinsichtlich der Qualit\u00e4t ihrer Recherche. H\u00e4ufig schreiben sie sogar voneinander ab.<\/p>\n<p>Das Ergebnis ist Einheitsbrei mit propagandistischem Bei- sowie \u00fcblem Nachgeschmack.<\/p>\n<p><em><strong>Was sind die krassesten Bl\u00fcten, die diese Entwicklung inzwischen treibt? Was hat Sie besonders ge\u00e4rgert und bewegt?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Als voriges Jahr die Emp\u00f6rung \u00fcber das t\u00f6dliche US-Bombardement auf ein Krankenhaus der \u00bb\u00c4rzte ohne Grenzen\u00ab im afghanischen Kundus \u00fcberlaut wurde, lieferten \u00bbTagesschau\u00ab und \u00bbTagesthemen\u00ab flugs Filmberichte \u00fcber einen angeblichen russischen Bombenabwurf in Syrien. Eine glatte F\u00e4lschung, wie sich wenig sp\u00e4ter herausstellte.<\/p>\n<p>Verteidigungsministerium und Au\u00dfenministerium in Moskau legten \u00fcberpr\u00fcfbare Bildbeweise und Dokumente vor, die das angeblich zerst\u00f6rte Krankenhaus Tage danach in v\u00f6llig unbesch\u00e4digtem Zustand zeigten. Sie forderten die westlichen Regierungen auf, den Gegenbeweis anzutreten. Der erfolgte nat\u00fcrlich nicht, er konnte nicht erfolgen.<\/p>\n<p>Was aber h\u00e4tte erfolgen m\u00fcssen, w\u00e4re eine entsprechende Richtigstellung in \u00bbTagesschau\u00ab und \u00bbTagesthemen\u00ab gewesen, die jedoch unterblieb. \u00bbARD-aktuell\u00ab sa\u00df, wie es schien, einer antirussischen Falschmeldung \u00bbwestlicher\u00ab Nachrichtenagenturen auf und unterdr\u00fcckte sp\u00e4ter die notwendige Korrektur.<\/p>\n<p>\u00bb\u00d6stliche\u00ab Quellen, wie beispielsweise \u00bbSputnik News\u00ab oder \u00bbRussia Today\u00ab, nimmt \u00bbARD-aktuell\u00ab ausdr\u00fccklich nicht zur Kenntnis. Chefredakteur Dr. Gniffke und NDR-Intendant Marmor haben mir das schriftlich gegeben. Die Einseitigkeit ist also beabsichtigt, nicht versehentlich oder zuf\u00e4llig.<\/p>\n<p><em><strong>Was halten Sie denn vom zum Unwort geadelten Begriff \u00bbL\u00fcgenpresse\u00ab? \u00bbL\u00fcgen\u00ab unsere Medien nun oder nicht?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Herrschaft beginnt mit der Sprache. Nicht nur wer Begriffe missbr\u00e4uchlich verwendet, \u00fcbt Herrschaft aus. Auch jeder, der Begriffe oder Redewendungen im einen Fall f\u00fcr salonf\u00e4hig erkl\u00e4rt, im anderen aber auf den Index setzt, will Herrschaft aus\u00fcben.<\/p>\n<p>Das Wort L\u00fcgenpresse sei nazistisch konnotiert, hei\u00dft es zurzeit, es sei viel zu pauschal, als dass es im aktuellen Diskurs akzeptabel sei. Wir merken sofort: Bei dieser Indizierung geht es um mehr als die Brauchbarkeit eines Wortes.<\/p>\n<p>Der Reichspropagandaminister Josef Goebbels hat meines Wissens nur ein einziges Mal in einem seiner Tageb\u00fccher das Wort \u00bbL\u00fcgenpresse\u00ab verwendet. Das sollte kein Grund sein, es dem \u00bbW\u00f6rterbuch des Unmenschen\u00ab zuzurechnen. Der Vorwurf \u00bbnazistischer Begriff\u00ab ist ein Schmarren. Und ob \u00bbL\u00fcgenpresse\u00ab tats\u00e4chlich zu pauschal ist, h\u00e4ngt vom konkreten Anwendungszusammenhang ab.<\/p>\n<p>Wenn eine Gruppe von Medien wider besseres Wissen h\u00e4ufig unwahre Darstellungen ver\u00f6ffentlicht, wenn Texte auf Deutsch gesagt L\u00fcgen sind, dann ist der Begriff L\u00fcgenpresse auch angemessen.<\/p>\n<p>Wenn Medien sich zum Forum machen, auf dem Politiker oder andere Magnaten unwidersprochen Unwahrheiten verbreiten d\u00fcrfen, obwohl bekannt ist, dass es sich um Unwahrheiten handelt, dann darf von L\u00fcgenpresse gesprochen werden.<\/p>\n<p>Wer die \u00bbFreiheit und Demokratie\u00ab-Schaumschl\u00e4gerei westlicher Regierungen unwidersprochen und unkommentiert publiziert und nicht mit deren v\u00f6lkerrechtswidrigem, verbrecherischem Tun abgleicht, ist ein L\u00fcgner, weil er den Schaum nicht Schaum nennt und als solchen beiseitewischt. Dar\u00fcber hinaus aber auch Demagoge beziehungsweise Komplize von Demagogen.<\/p>\n<p>Journalisten d\u00fcrfen solchen Humbug nicht mitmachen, kein B\u00fcrger sollte ihn schweigend dulden.<\/p>\n<blockquote><p>Schon Plato befand, der Preis f\u00fcr Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber der Politik sei, von \u00fcblem Pack regiert zu werden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Dass Regierungen h\u00e4ufig, sogar grunds\u00e4tzlich, l\u00fcgen, mag sein. Dass \u00bbunsere\u00ab \u00f6ffentlich-rechtlichen Medien sich als willige Helfershelfer bei fragw\u00fcrdigen politischen Man\u00f6vern prostituieren, macht sie zu Mit-L\u00fcgnern und Maulhurenvereinen. Und das ist inakzeptabel.<\/p>\n<p>F\u00fcr ihr Unwesen w\u00fcrde ich sie allerdings nicht \u00bbL\u00fcgenpresse\u00ab nennen, denn das w\u00e4re mir zu allgemein und milde. Als Kriegshetzer w\u00fcrde ich sie gegebenenfalls bezeichnen, als journalistische Friedensverr\u00e4ter, Besch\u00f6niger von V\u00f6lkerrechtsverbrechen, als Wassertr\u00e4ger von Bonzen und Magnaten, je nachdem, was trifft.<\/p>\n<p><em><strong>Haben Sie vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/strong><\/em><\/p>\n<div id=\"attachment_79603\" class=\"wp-caption alignnone\" data-shortcode=\"caption\">\n<p><strong>Quellen und Anmerkungen:<\/strong><\/p>\n<p id=\"fn-3\">[1] Siehe zum Beispiel Malte Daniljuk: \u00bbUkraine-Konflikt: ARD-Programmbeirat best\u00e4tigt Publikumskritik\u00ab, Telepolis, 18.9.2014, <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Ukraine-Konflikt-ARD-Programmbeirat-bestaetigt-Publikumskritik-3367400.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Ukraine-Konflikt-ARD-Programmbeirat-bestaetigt-Publikumskritik-3367400.html<\/a><br \/>\n[2] Siehe <a href=\"https:\/\/propagandaschau.wordpress.com\/2014\/08\/14\/tagesschau-berufslugner-lielischkies-verdreht-putin-das-wort-im-mund\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/propagandaschau.wordpress.com\/2014\/08\/14\/tagesschau-berufslugner-lielischkies-verdreht-putin-das-wort-im-mund\/<\/a><br \/>\n[3] NDR-Staatsvertrag vom 17.\/18.12.1991, <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/der_ndr\/unternehmen\/staatsvertrag100.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.ndr.de\/der_ndr\/unternehmen\/staatsvertrag100.pdf<\/a><\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag wurde von unserem Medienpartner <a href=\"https:\/\/neue-debatte.com\/2018\/08\/17\/oeffentlich-rechtlicher-gesinnungsjournalismus\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Neue Debatte<\/a> \u00fcbernommen und wurde unter Creative Commons-Lizenz 4.0 bei <a href=\"https:\/\/www.rubikon.news\/artikel\/offentlich-rechtlicher-gesinnungsjournalismus\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Rubikon<\/a> erstver\u00f6ffetnlicht.<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><em><strong>Volker Br\u00e4utigam<\/strong>, 1941 in Gera geboren, war zw\u00f6lf Jahre Lokal- beziehungsweise Regionalredakteur bei s\u00fcddeutschen Tageszeitungen, von 1975 bis 1985 \u00bbTagesschau\u00ab-Redakteur beim NDR in Hamburg, sp\u00e4ter freigestellter Personalrat und Mitarbeiter in der NDR-Kulturredaktion.<\/em><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Exklusivabdruck aus \u201eL\u00fcgen die Medien?\u201c Ein Interview mit dem ehemaligen Tagesschau-Redakteur Volker Br\u00e4utigam. Regierungsfromm, tendenzi\u00f6s, defizit\u00e4r, agitatorisch, propagandistisch und desinformativ. Der ehemalige \u00bbTagesschau\u00ab-Redakteur Volker Br\u00e4utigam findet deutliche Worte f\u00fcr den Gesinnungsjournalismus, den er dem \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk testiert. 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