{"id":697608,"date":"2018-08-22T10:47:45","date_gmt":"2018-08-22T09:47:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=697608"},"modified":"2018-08-21T14:53:10","modified_gmt":"2018-08-21T13:53:10","slug":"fuehlen-wir-mit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2018\/08\/fuehlen-wir-mit\/","title":{"rendered":"F\u00fchlen wir mit!"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mitgef\u00fchl ist nichts, das uns ein paar \u201eGutmenschen\u201c aufschwatzen wollen, die zu weich sind, um sich den H\u00e4rten des Lebens zu stellen. Mitgef\u00fchl ist in uns allen als F\u00e4higkeit angelegt. Sie wurde uns nur abtrainiert von einer Gesellschaft, in der Konkurrenz und Profit regieren. Wollen wir unsere volle Menschlichkeit zur\u00fcckerlangen, m\u00fcssen wir unsere warmen und g\u00fctigen Pers\u00f6nlichkeitsanteile unter den Schleiern der \u00c4ngste hervorholen. Lassen wir zu, dass uns das Leben der anderen wirklich nahe geht.<\/strong><\/p>\n<p>Sehen wir einen Obdachlosen auf der Stra\u00dfe, ist Hilfe nicht immer unser erster Impuls; oft wallt da zuerst \u00c4rger auf dar\u00fcber, was uns dieser \u201eGescheiterte\u201c zumutet, wenn er uns an den Schatten einer satten Konsumgesellschaft erinnert.<\/p>\n<p>Dabei sprach Hugo von Hofmannsthal schon so treffend von der Verbundenheit aller unserer Schicksale: \u201eDoch ein Schatten f\u00e4llt von jenen Leben\/ In die anderen Leben hin\u00fcber,\/ Und die leichten sind an die schweren\/ Wie an Luft und Erde gebunden.\u201c<\/p>\n<p>Eine der gro\u00dfen T\u00e4uschungen unseres Gesellschaftssystems besteht darin, anzunehmen, man k\u00f6nne sein Leben, seine Zukunft, ja sogar sein ganzes Schicksal kontrollieren. Daraus resultiert eine Starrheit des Denkens, die es uns kaum mehr gestattet, mit Schicksalsschl\u00e4gen so umzugehen, wie es angemessen w\u00e4re: daraus zu lernen, den Schmerz zum Anlass zu nehmen, festgefahrene Vorstellungsmuster ad acta zu legen, sich am Neuen zu gestalten, sich neu zu erfinden.<\/p>\n<blockquote><p>Der Schmerz ist vielleicht die einzige M\u00f6glichkeit Gottes, auf sich aufmerksam zu machen, schreibt C. S. Lewis, der scharfsinnige englische Religionsphilosoph, und ich glaube, es ist nicht nur der Schmerz, den wir selbst empfinden, sondern auch der Schmerz der Anderen, der uns hinweisen sollte auf die Verkehrung der Werte, die uns gerade in der j\u00fcngsten Zeit so monstr\u00f6s vor Augen gef\u00fchrt wird.<\/p><\/blockquote>\n<p>Wir sind dabei, geisteskrank zu werden und das Bild der Welt auf den Kopf zu stellen. Anstatt uns gemeinsam in Richtung globale Gerechtigkeit zu bewegen, das \u00dcberleben der Menschheit, aller Lebewesen und unseres wundersch\u00f6nen Planeten zu sichern, gilt unsere einzige Aufgabe allein dem Wohlergehen unseres Geldsystems. Eine extrem und unvorstellbar reiche Minderheit von Konzernen und Personen bestimmt den Fluss des Geldes und seiner Vermehrung. Lassen wir uns nicht einreden, wir k\u00f6nnten, wenn wir nur flei\u00dfig genug w\u00e4ren, auch Million\u00e4re werden.<\/p>\n<p>Wachstum hat seine Grenzen, kein Baum, kein Mensch, nicht mal ein Stern kann ewig wachsen. Nur die Wirtschaft ist angeblich mit grenzenlosem Wachstum gesegnet. Ein paar Jahre kann sie vielleicht noch weiter wachsen, auf Kosten neu zu erschlie\u00dfender M\u00e4rkte in der dritten Welt. Aber dann? Wenn wir nicht lernen abzugeben, zu teilen, was dann?<\/p>\n<p>Schon immer wurde, vor allem im Mittelalter, gepredigt, irgendeine Macht w\u00fcrde schon daf\u00fcr sorgen, dass sich alles zum Guten wende und selbst reguliere. Heute glaubt man das kaum mehr vom lieben Gott, daf\u00fcr umso fanatischer vom neoliberalen Wirtschaftssystem. Aber \u201eder Absturz der \u00d6konomie scheint sich zur ersten Weltwirtschaftskrise des globalisierten Kapitalismus auszuwachsen.\u201c (Leo Mayer\/Fred Schmid ISW)<\/p>\n<blockquote><p>Und wie immer, wenn das Geld knapp wird, versuchen die Geldm\u00e4chtigen, sich Gewinne durch die unappetitlichste Methode zu verschaffen: durch Aufr\u00fcstung. Erst m\u00e4sten wir irgendwelche Schurken mit unseren Waffen, und wenn sie zu fett geworden sind, schlachten wir sie und verdienen wieder daran.<\/p><\/blockquote>\n<p>Als vor ein paar Tagen am Berliner Flughafen ein Obdachloser seine Zeitung verkaufen wollte, fand sich kein Einziger, der auch nur einen freundlichen Blick, geschweige denn einen l\u00e4cherlichen Euro f\u00fcr den Mann \u00fcbrig hatte. Der \u00fcberaus h\u00f6fliche junge Mann musste sich auch noch als aggressiver Bettler beschimpfen lassen, und niemand schien zu sp\u00fcren, dass es fast immer die eigene Aggressivit\u00e4t ist, die man auf den projiziert, der einen durch seine Armut besch\u00e4mt.<\/p>\n<p>Armut ist obsz\u00f6n, wir wollen nichts mit dem zu tun haben, was wir tief in uns bereits alle sp\u00fcren: Der Wohlstand ist auf t\u00f6nernen F\u00fc\u00dfen gebaut. Vor allem weil wir das falsche Wohl im Auge haben.<\/p>\n<p>Gl\u00fcck und Frieden sind nicht in der Vermehrung materieller G\u00fcter angesiedelt, und je mehr wir uns darauf versteifen, desto weiter entfernen wir uns von uns selbst. Es gibt ein sch\u00f6nes, stilles Gedicht des Zenmeisters Ryokan:<\/p>\n<p><em>\u201eMeine H\u00fctte liegt mitten in einem dichten Wald, Jedes Jahr w\u00e4chst der Efeu h\u00f6her, Keine Neuigkeiten von den Angelegenheiten der Menschen Nur gelegentlich das Lied eines Holzf\u00e4llers. Dann h\u00f6rt auf, hinter so vielen Dingen herzujagen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Bei allem Bem\u00fchen, Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die M\u00fcnchener B\u00fcrger aufzubringen, die sich lautstark dar\u00fcber erregen, dass Obdachlose in ihrer n\u00e4chsten Umgebung untergebracht werden sollen: Dies scheint mir ein deutliches Symptom jener wachsenden Geisteskrankheit unserer Gesellschaft zu sein, von der ich vorher gesprochen habe. Wie verh\u00e4rtet muss man sein, wie unf\u00e4hig, mit sich selbst ins Gericht zu gehen, wenn man Obdachlose \u2013 wie leider geschehen \u2013 als \u201eKindersch\u00e4nder und Alkoholiker\u201c pauschal verdammt.<\/p>\n<blockquote><p>Wir alle haben, und ich glaube mit vollem Recht, unbewusst immer ein schlechtes Gewissen wegen des \u00dcberflusses, in dem wir leben. Nicht zuletzt deshalb versuchen wir sogar diesen \u00dcberfluss noch zu vermehren, in der abstrusen Hoffnung, uns damit noch besser bet\u00e4uben zu k\u00f6nnen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Werden wir nun aber deutlich mit der anderen Seite, der dunklen Seite unserer Existenz konfrontiert, so wehren wir uns mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen dagegen, und oftmals eben auch mit geschmacklosen Phrasen und Parolen.<\/p>\n<p>Schmerz und Leid bewusst zu empfinden und zu durchleben, geh\u00f6rt nicht zu unserer Kultur. Jedoch erst wenn wir beginnen, Leid auch anzunehmen, werden wir dem Sinn des Daseins n\u00e4her kommen.<\/p>\n<p>Mitf\u00fchlen ist ja keine besondere, seltene Gabe, die nur einigen wenigen vorbehalten ist. Mitgef\u00fchl ist \u2013 daran glaube ich fest \u2013 urspr\u00fcnglich jedem Menschen zu eigen, und es geht nicht darum, es zu lernen, sondern es zu entwickeln, zu entdecken; es wieder hervorzuholen hinter den Schleiern unserer \u00c4ngste, mit denen wir es zugedeckt haben. Und dadurch seine Sch\u00f6nheit wiederzufinden.<\/p>\n<p>Indem der Mensch sich entdeckt, seinen Gef\u00fchlen bis in die Tiefe ihrer Entstehung folgt und sich selber findet, wird er die Notwendigkeit ersp\u00fcren, dass Gl\u00fcck mit der Verringerung des Leids anderer Lebewesen zu tun hat, und dadurch mit der Verringerung eigenen Leids.<\/p>\n<p>Albert Schweitzer hatte einmal sein Initiationserlebnis geschildert, wie er in einem Boot einen Fluss entlangfahrend erlebt, wie eine gro\u00dfe Herde von Flusspferden an ihm vorbeigleitet. Diese gro\u00dfe Menge f\u00fchlender K\u00f6rper an seiner Seite, wird ihm zum Durchbruch der Erkenntnis, dass alles Leben zusammengeh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Er teilt in diesem Moment das Gl\u00fcck der Tiere und wei\u00df, sie wollen leben und w\u00fcrden niemals leben wollen, wenn sie nicht rein instinktiv so etwas wie Freude empfinden w\u00fcrden. Und so entwickelte er seine Ethik der t\u00e4tigen Hingabe im engsten Bereich: Lebewesen zu sch\u00fctzen, ihr Leiden zu verringern, das ist der Raum, wo ein Mensch begreifen kann, wozu er lebt. Und er schreibt:<\/p>\n<p><em>\u201eIch stehe dem Leben an meiner Seite deswegen zur Seite, weil ich die unmittelbare N\u00e4he zu meinem Leben begriffen habe\u2026\u201c<\/em><\/p>\n<p>Dieses Gesp\u00fcr f\u00fcr die unmittelbare N\u00e4he auch uns unbequemer Menschen kommt uns mehr und mehr abhanden. Wer heute voller Lebensfreude und voller Freundlichkeit warmen Herzens auf andere zugeht, wird als Spinner verlacht. Wer in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone sein Geld nicht in die Kaufpal\u00e4ste tr\u00fcge, sondern es frohgemut unter die Menschen verteilte, w\u00fcrde mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit verhaftet. (Sp\u00e4testens wenn seine Erben dahinter kommen.)<\/p>\n<blockquote><p>Solange wir aber Barmherzigkeit, Vertrauen und Freigebigkeit als etwas von der Norm Abweichendes betrachten, k\u00f6nnen wir den Sinn und die Sch\u00f6nheit des Daseins nicht begreifen.<\/p><\/blockquote>\n<p><em>Diesen Beitrag wurde von <a href=\"https:\/\/neue-debatte.com\/2018\/08\/08\/fuehlen-wir-mit\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Neue Debatte<\/a> \u00fcbernommen und erschien erstmals auf <a href=\"https:\/\/www.rubikon.news\/artikel\/fuhlen-wir-mit\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Rubikon \u2013 Magazin f\u00fcr die kritische Masse<\/a>. Es ist unter einer Creative Commons-Lizenz 4.0 lizenziert.<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Konstantin Wecker<\/strong> (Jahrgang 1947) geh\u00f6rt als Liedermacher, Poet, Schauspieler und Komponist zu den vielseitigsten K\u00fcnstlerpers\u00f6nlichkeiten im deutschsprachigen Raum. Besonders bekannt wurde er durch seine Lieder, die die Lebenslust feiern und zu politischer Rebellion aufrufen. Er ver\u00f6ffentlichte zahlreiche Lyrikb\u00e4nde, die Romane \u201eUferlos\u201c und \u201eDer Klang der ungespielten T\u00f6ne\u201c und schreibt Theater-, B\u00fchnen- und Filmmusiken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mitgef\u00fchl ist nichts, das uns ein paar \u201eGutmenschen\u201c aufschwatzen wollen, die zu weich sind, um sich den H\u00e4rten des Lebens zu stellen. Mitgef\u00fchl ist in uns allen als F\u00e4higkeit angelegt. 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