{"id":694626,"date":"2018-08-16T16:22:24","date_gmt":"2018-08-16T15:22:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=694626"},"modified":"2018-09-06T15:55:37","modified_gmt":"2018-09-06T14:55:37","slug":"aufstehen-aber-wofuer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2018\/08\/aufstehen-aber-wofuer\/","title":{"rendered":"Aufstehen! Aber wof\u00fcr?"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/makroskop.eu\/author\/die-redaktion\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Von Redaktion Makroskop<\/em><\/a><\/p>\n<h4><strong>Noch ist nicht klar, f\u00fcr was die neue Sammlungsbewegung\u00a0#aufstehen\u00a0genau steht. Makroskop macht schon mal einen Vorschlag, f\u00fcr was wirtschaftspolitisch ein Aufstehen sinnvoll w\u00e4re.<\/strong><\/h4>\n<p>Anfang September geht\u00a0#aufstehen\u00a0an den Start, die linke Sammlungsbewegung, die ma\u00dfgeblich von Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine gepr\u00e4gt wird. Bisher gibt es kein Programm und die programmatischen \u00c4u\u00dferungen auf der\u00a0<a href=\"https:\/\/www.aufstehen.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">homepage<\/a>\u00a0sind \u00e4u\u00dferst vage. Die Wirtschaft m\u00fcsse auf den Menschen ausgerichtet sein und nicht auf maximalen Profit, hei\u00dft es da oder Flaschen sammeln d\u00fcrfe keine L\u00f6sung sein. Man l\u00e4sst eine kleine Gruppe von B\u00fcrgern zu Wort kommen, die in einem Einspielvideo sagen, was sie jeweils f\u00fcr wichtig halten.<\/p>\n<p>Es wird interessant zu sehen sein, ob die Bewegung sich traut, wirtschaftspolitisch hei\u00dfe Themen anzusprechen und so zu besetzen, dass eine wirkliche Alternative zu den Alt-Parteien entstehen kann. Als Hilfe f\u00fcr diejenigen, die hinter den Kulissen an einem solchen Papier sitzen, hat sich die Redaktion vom Makroskop schon einmal Gedanken gemacht und einen Entwurf produziert.<\/p>\n<h3>Die desolate Lage in Deutschland und Europa<\/h3>\n<p>Deutschland befindet sich in einer wirtschaftlichen Scheinbl\u00fcte, w\u00e4hrend im Rest Europas Resignation und Zorn wegen eines verlorenen Jahrzehnts herrschen. Seit dem Ausbruch der Euro-Krise im Zuge der globalen Finanzkrise vor zehn Jahren blockiert Deutschland trotz seiner unbestreitbaren Schuld an der europ\u00e4ischen Misere eine progressive Wirtschafts- und Finanzpolitik f\u00fcr die Eurozone. Im Gegenteil, die von Deutschland ma\u00dfgeblich gepr\u00e4gte Sanierungspolitik in einigen s\u00fcdlichen L\u00e4ndern in Form von Austerit\u00e4tspolitik und Lohnk\u00fcrzungen hat die Krise verl\u00e4ngert und versch\u00e4rft.<\/p>\n<p>Die deutsche Scheinbl\u00fcte ist entscheidend gepr\u00e4gt von den deutschen \u00dcbersch\u00fcssen im Au\u00dfenhandel. Ohne diese \u00dcbersch\u00fcsse g\u00e4be es weder die schwarze Null noch die im Vergleich zu den europ\u00e4ischen Partnern gute Lage am Arbeitsmarkt. Die \u00dcbersch\u00fcsse erlauben es Deutschland, die notwendigerweise mit dem Sparen einiger Sektoren verbundene Schuldenaufnahme anderer Sektoren vollst\u00e4ndig auf das Ausland abzuschieben.<\/p>\n<p>Anzuerkennen, dass diese merkantilistische Vorgehensweise nicht nur f\u00fcr die europ\u00e4ischen Partner untragbar ist, sondern auch weltweit bei den Handelspartnern an Grenzen st\u00f6\u00dft und zu Recht deren Gegenreaktionen provoziert, ist absolut zentral f\u00fcr jede neue politische Initiative.<\/p>\n<p>Damit unmittelbar verbunden ist das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die vollkommen ver\u00e4nderte Position der Unternehmen in der heutigen Marktwirtschaft. W\u00e4hrend zu Zeiten des Wirtschaftswunders der Unternehmenssektor wie selbstverst\u00e4ndlich die Rolle des Schuldners \u00fcbernahm, zeichnen sich die Unternehmen in den letzten zehn Jahren dadurch aus, dass sie das Sparproblem, mit dem jede Volkswirtschaft zu k\u00e4mpfen hat, durch eigene Netto-Ersparnisse vergr\u00f6\u00dfern. Daraus folgt zwingend, dass nur der Staat als Schuldner einspringen kann, wenn die merkantilistische L\u00f6sung ausscheidet und die Politik sich nicht traut, den Unternehmenssektor in seine alte Rolle zur\u00fcckzudr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Die Ignoranz gegen\u00fcber diesem Problem in der \u00d6ffentlichkeit und bei den akademischen Vertretern des neoliberalen Mainstream muss durchbrochen werden. Nur eine offensive Kommunikation mit dem W\u00e4hler kann daf\u00fcr sorgen, die herk\u00f6mmlichen Vorurteile der \u201eSchw\u00e4bischen Hausfrau\u201c \u00fcber \u201eGenerationengerechtigkeit\u201c und \u201eSchuldentragf\u00e4higkeit des Staates\u201c abzubauen. Man muss beginnen zu begreifen, dass den alten Kontroversen um Ordoliberalismus und Keynesianismus mit dem neuartigen Verhalten der Unternehmen vollst\u00e4ndig der Boden unter den F\u00fc\u00dfen weggezogen worden ist.<\/p>\n<p>Wer Europa erhalten und weiterentwickeln will, muss radikal umdenken. Nur ein geistig erneuertes Deutschland kann die positiven Impulse geben, die gegen den R\u00fcckschritt der letzten zehn Jahre und den inzwischen aufgestauten Hass ein klares Zeichen setzen. Die politische Lage in Italien, die unmittelbar dem Versagen der europ\u00e4ischen Institutionen in der Euro-Krise zuzurechnen ist, wird schon in wenigen Wochen solche neuen Impulse verlangen.<\/p>\n<h3>Keine politische L\u00f6sung mit den herk\u00f6mmlichen Parteien<\/h3>\n<p>Die politischen Parteien in Deutschland sind nicht mehr in der Lage, einen ernsthaften Beitrag zur \u00dcberwindung der europ\u00e4ischen und globalen Krise zu leisten. CDU\/CSU und FDP haben sich \u2013 nicht anders als die AfD \u2013 als Oberlehrer Europas profiliert, ohne auch nur im Ansatz zu begreifen, was wirklich passiert ist. Ja, sie wollen es nicht einmal begreifen, weil nur ihr Unwissen die unertr\u00e4gliche \u00dcberheblichkeit speisen kann, die sie inzwischen f\u00fcr eine deutsche Tugend halten.<\/p>\n<p>SPD und Gr\u00fcne verdr\u00e4ngen ihre Schuld an der Krise und wollen nicht wahrhaben, dass durch die \u201edeutschen Reformen\u201c vom Beginn des Jahrhunderts die europ\u00e4ische Krise ausgel\u00f6st worden ist. Gro\u00dfe Teile der beiden Parteien haben sich durch die \u00dcbernahme des \u00f6konomischen Mainstream als ernsthafte Diskussionspartner verabschiedet.<\/p>\n<p>Die Linke greift immer wieder einmal die richtigen Themen und Standpunkte auf, doch die Partei ist innerlich zerrissen. Sie kann die Menschen nicht wirklich \u00fcberzeugen, weil sie immer noch zu sehr mit der System\u00fcberwindung gleichgesetzt wird, die von der \u00fcbergro\u00dfen Mehrheit der Bev\u00f6lkerung schlicht nicht gewollt ist.<\/p>\n<p>Nur eine neue progressive Bewegung, die partei\u00fcbergreifend arbeitet und ein \u00fcberzeugendes Reformprogramm f\u00fcr die Marktwirtschaft vorlegt, hat die Chance, den Stillstand der Gro\u00dfen Koalition als Dauerzustand f\u00fcr Deutschland zu verhindern.<\/p>\n<h3>Eine neue wirtschaftspolitische Programmatik<\/h3>\n<p>Auf der Ebene praktischer deutscher und europ\u00e4ischer Politik geht es vor allem um folgende Themenbereiche:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>L\u00f6sung der Eurokrise durch eine vollkommen neue deutsche Wirtschaftspolitik.<\/strong> Politische Unterst\u00fctzung f\u00fcr Lohnsteigerungen in Deutschland, die den europ\u00e4ischen Partnern schon in K\u00fcrze die Luft zum Atmen lassen. Eine kreditfinanzierte Investitionsoffensive der \u00f6ffentlichen Hand in den Bereichen Infrastruktur, \u00f6kologische Vorsorge und Bildung.<\/li>\n<li><strong>Abschaffung bzw. Korrektur des Stabilit\u00e4ts- und Wachstumspaktes.<\/strong>\u00a0Abkehr von der \u201eschwarzen Null\u201c in Deutschland und der Austerit\u00e4tspolitik in Europa. Anerkenntnis der Tatsache, dass die Unternehmen ihrer Aufgabe als Schuldner nicht mehr nachkommen und eine L\u00f6sung des Sparproblems \u00fcber Leistungsbilanz\u00fcbersch\u00fcsse f\u00fcr alle L\u00e4nder nicht m\u00f6glich ist.<\/li>\n<li><strong>Aktives Eintreten f\u00fcr die systematische und volle Beteiligung aller Besch\u00e4ftigten am Produktivit\u00e4tszuwachs durch eine am Inflationsziel und den nationalen Produktivit\u00e4tszuw\u00e4chsen orientierte Lohnpolitik in der gesamten EWU.<\/strong> Unterst\u00fctzung f\u00fcr den Fl\u00e4chentarifvertrag durch generelle Allgemeinverbindlichkeitserkl\u00e4rungen; massive Einschr\u00e4nkung der Leiharbeit; vollst\u00e4ndige Abschaffung der sachgrundlosen Befristung von Arbeitsvertr\u00e4gen; vollumf\u00e4ngliche Durchsetzung des Ziellandprinzips in der EU-Entsenderichtlinie.<\/li>\n<li><strong>Sofortige<\/strong>\u00a0Beseitigung der Hartz-Regelungen, Einf\u00fchrung eines vom Bedarf abh\u00e4ngigen Grundeinkommens von 1000 Euro; sofortige Erh\u00f6hung des Mindestlohnes auf 12 Euro.<\/li>\n<li><strong>Ein EU-Programm f\u00fcr \u00f6ffentliche Investitionen<\/strong>\u00a0mit dem Ziel, die Deindustrialisierung in den Partnerl\u00e4ndern aufzuhalten und die \u00f6ffentliche Infrastruktur europaweit zu modernisieren und \u00f6kologisch zu optimieren.<\/li>\n<li><strong>Reform des Bankensektors und der Europ\u00e4ischen Bankenunion.<\/strong> \u00dcberwachung der Banken durch eine kompetente Bankenaufsicht; Trennung des Zahlungsverkehrs und Kreditgesch\u00e4fts vom spekulativen Investmentbanking plus einer unbegrenzten Garantie des Staates f\u00fcr die Best\u00e4nde aller Girokonten.<\/li>\n<li><strong>Einstieg in einen glaubhaften \u00f6kologischen Umbau<\/strong>\u00a0im Rahmen der globalen Vorgaben. Internationales Eintreten f\u00fcr eine systematische Entkopplung der wirtschaftlichen Entwicklung vom Verbrauch fossiler Energietr\u00e4ger auf lange Sicht. Strikte Vorgaben f\u00fcr einen \u00f6kologischen Umbau der deutschen und europ\u00e4ischen Landwirtschaft.<\/li>\n<li><strong>Erneuerung der sozialen Sicherungssysteme<\/strong>: B\u00fcrgerversicherung im Gesundheitswesen; St\u00e4rkung der gesetzlichen Rente, Einf\u00fchrung einer bedarfsorientierten Mindestrente, Abschaffung der Riester-Rente und \u00dcbernahme der eingezahlten Betr\u00e4ge und der Rentenanspr\u00fcche in die gesetzliche Rentenversicherung.<\/li>\n<li><strong>Durchsetzung eines gemeinsamen und einheitlichen Systems der Unternehmensbesteuerung<\/strong> in der gesamten EU; Besteuerung von Spekulationsgewinnen; Abschaffung der Abgeltungssteuer; Erh\u00f6hung des Spitzensteuersatzes und der K\u00f6rperschaftssteuer, Einf\u00fchrung einer Verm\u00f6genssteuer.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Unsere Leser k\u00f6nnen auf der Basis dieses Papiers Anfang September leicht selbst entscheiden, ob die wirtschaftspolitische Programmatik der neuen Bewegung sie von den Sitzen rei\u00dft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Redaktion Makroskop Noch ist nicht klar, f\u00fcr was die neue Sammlungsbewegung\u00a0#aufstehen\u00a0genau steht. 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