{"id":684599,"date":"2018-07-30T15:12:56","date_gmt":"2018-07-30T14:12:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=684599"},"modified":"2018-07-30T15:15:18","modified_gmt":"2018-07-30T14:15:18","slug":"schulterschluss-in-ostasien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2018\/07\/schulterschluss-in-ostasien\/","title":{"rendered":"Schulterschluss in Ostasien"},"content":{"rendered":"<p><strong>Berlin und Br\u00fcssel bringen sich mit neuen Vereinbarungen an der Seite der Vereinigten Staaten und Japans gegen China in Stellung. Am Mittwoch hat EU-Kommissionspr\u00e4sident Jean-Claude Juncker eine Einigung mit US-Pr\u00e4sident Donald Trump getroffen, der zufolge beide Seiten eine Reform der Welthandelsorganisation nach gegen China gerichteten Kriterien anstreben.<\/strong><\/p>\n<p>Ebenfalls am Mittwoch hat Au\u00dfenminister Heiko Maas einen &#8222;strategischen Dialog&#8220; mit Japan eingeleitet, der darauf abzielt, in einem &#8222;deutsch-japanischen Schulterschluss&#8220; zu neuen &#8222;Gestaltern und Motoren der internationalen Ordnung&#8220; zu werden. Erst eine Woche zuvor hatten die EU und Japan ein Freihandelsabkommen sowie eine Strategische Partnerschaft geschlossen, die nicht zuletzt gemeinsame Schritte in der Au\u00dfen- und Milit\u00e4rpolitik vorsieht. Tokio ist Beijings sch\u00e4rfster Rivale in Ostasien. Parallel zur politisch-wirtschaftlichen Formierung gegen China nehmen deutsche Soldaten am US-gef\u00fchrten Man\u00f6ver RIMPAC 2018 im Pazifik teil, das insbesondere auf Chinas westpazifisches Umfeld zielt.<\/p>\n<h4 class=\"western\"><strong>Die transatlantische Basis<\/strong><\/h4>\n<p>Berlin und die EU werden nicht gemeinsam mit China gegen die weltweiten Strafz\u00f6lle der Trump-Administration Position beziehen. Dies ist implizit eines der Ergebnisse der Verhandlungen, die EU-Kommissionspr\u00e4sident Jean-Claude Juncker am Mittwoch in Washington mit dem US-Pr\u00e4sidenten gef\u00fchrt hat. Der Gedanke, Berlin und Br\u00fcssel k\u00f6nnten sich mit Beijing zusammentun, um den Druck auf Washington zur Beendigung seines Wirtschaftskriegs und zur Anerkennung des internationalen Freihandels zu erh\u00f6hen, ist in j\u00fcngster Zeit zuweilen ge\u00e4u\u00dfert worden. Berlin hat das stets abgelehnt. Juncker hat nun Fakten geschaffen: In den Verhandlungen am Mittwoch einigten EU und USA sich darauf, keinerlei neue Strafz\u00f6lle gegen die jeweils andere Seite zu verh\u00e4ngen, also die Eskalation im Handelskrieg zu beenden und stattdessen eine Art &#8222;TTIP light&#8220; anzustreben. Gemeinsam z\u00e4hlten die Vereinigten Staaten und die EU mehr als 830 Millionen Menschen und st\u00fcnden f\u00fcr \u00fcber 50 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts, hei\u00dft es in einer gemeinsamen Erkl\u00e4rung, die am Mittwoch ver\u00f6ffentlicht wurde. Mit Handelsbeziehungen im Volumen von rund einer Billion US-Dollar unterhielten sie schon heute &#8222;die umfangreichsten Wirtschaftsbeziehungen der Welt&#8220; &#8211; und k\u00f6nnten die globale Wirtschaft entsprechend ma\u00dfgeblich pr\u00e4gen.[1]<\/p>\n<h4 class=\"western\"><strong>WTO-Reform gegen China<\/strong><\/h4>\n<p>Dar\u00fcber hinaus werden sich die EU und die Vereinigten Staaten gemeinsam f\u00fcr eine gegen China gerichtete Reform der Welthandelsorganisation (World Trade Organization, WTO) stark machen. Dies geht ebenfalls aus der gemeinsamen Erkl\u00e4rung der Vereinigten Staaten und der EU vom Mittwoch hervor. Demnach sind beide Seiten \u00fcbereingekommen, &#8222;die Kr\u00e4fte zu b\u00fcndeln, um amerikanische und europ\u00e4ische Unternehmen besser vor unfairen Praktiken im Welthandel zu sch\u00fctzen&#8220;. Zu diesem Zweck werde man &#8222;eng mit gleichgesinnten Partnern zusammenarbeiten, um die WTO zu reformieren&#8220;. Im Detail gehe es darum, nicht nur &#8222;Diebstahl geistigen Eigentums&#8220;, sondern auch &#8222;erzwungenen Technologietransfer, Industriesubventionen, Marktverzerrungen durch staatseigene Unternehmen sowie \u00dcberkapazit\u00e4ten&#8220; zu unterbinden.[2] Bei den Formulierungen handelt es sich um Standardvokabular, das gew\u00f6hnlich verwendet wird, um chinesische Wirtschaftspraktiken zu kritisieren. In Berlin hei\u00dft es, f\u00fcr eine entsprechende WTO-Reform habe man auch Japan bereits gewinnen k\u00f6nnen; weitere Schritte m\u00fcssten nun folgen.<\/p>\n<h4 class=\"western\"><strong>Strategischer Partner Japan<\/strong><\/h4>\n<p>Jenseits der geplanten Kooperation mit den Vereinigten Staaten zur WTO-Reform werden Berlin und Br\u00fcssel ihre Zusammenarbeit mit dem sch\u00e4rfsten ostasiatischen Rivalen der Volksrepublik, mit Japan, intensivieren. Die Grundlage daf\u00fcr bilden zwei Abkommen, die am Dienstag vergangener Woche bei einem EU-Japan-Gipfel in Tokio unterzeichnet wurden: ein Freihandelsabkommen (&#8222;Economic Partnership Agreement&#8220;) sowie ein Abkommen \u00fcber eine Strategische Partnerschaft (&#8222;Strategic Partnership Agreement&#8220;).[3] Das Freihandelsabkommen ist das gr\u00f6\u00dfte, das die EU je geschlossen hat: Es verbindet L\u00e4nder mit mehr als 600 Millionen Einwohnern und mit einer Wirtschaftsleistung von rund einem Drittel des globalen Bruttoinlandsprodukts. Komplett entfallen sollen die Z\u00f6lle auf Industrieg\u00fcter und insbesondere auf Kraftfahrzeuge; Ausnahmen sind nur f\u00fcr ausgew\u00e4hlte Agrarg\u00fcter vorgesehen. Exporteure aus der EU k\u00f6nnten nach dem Inkrafttreten des Abkommens rund eine Milliarde Euro an Z\u00f6llen einsparen, hei\u00dft es.[4] Zwar ist unklar, wie stark die Vereinbarung den Handel zwischen der EU und Japan tats\u00e4chlich steigern kann: Im Jahr 2017 lag der japanische Export in die EU bei rund 69 Milliarden Euro, w\u00e4hrend die EU-Ausfuhr nach Japan gerade einmal 60,5 Milliarden Euro erreichte; allein der Handel zwischen Deutschland und China erreicht ein deutlich gr\u00f6\u00dferes Volumen. Doch sieht das Strategic Partnership Agreement eine enge Zusammenarbeit auch in anderen Bereichen vor, nicht zuletzt auf au\u00dfen- und milit\u00e4rpolitischem Feld: Man strebe gemeinsame Schritte auch bei &#8222;Sicherheit und Verteidigung&#8220; an, hei\u00dft es.[5]<\/p>\n<h4 class=\"western\"><strong>&#8222;Historische Schicksalsn\u00e4he&#8220;<\/strong><\/h4>\n<p>Darauf aufbauend will Berlin nun auch die nationale Zusammenarbeit mit Japan st\u00e4rken. Dies hat Au\u00dfenminister Heiko Maas am Mittwoch bei einem Besuch in Tokio angek\u00fcndigt. Maas teilte dort mit, er habe Japan &#8222;sehr bewusst&#8220; als erstes Ziel seiner ersten Asienreise im Amt gew\u00e4hlt &#8211; weil &#8222;Deutschland und Japan ganz wichtig sein werden, wenn es um die Bewahrung der freien Weltordnung geht&#8220;.[6] In \u00f6ffentlicher Rede k\u00fcndigte der Au\u00dfenminister explizit einen &#8222;deutsch-japanischen Schulterschluss&#8220; an, der darauf abziele, dass beide L\u00e4nder nun, &#8222;St\u00e4rken b\u00fcndelnd&#8220;, zu &#8222;Gestaltern und Motoren der internationalen Ordnung werden&#8220;. Erg\u00e4nzend wolle man mit weiteren Staaten kooperieren und eine &#8222;Allianz der Multilateralisten&#8220; bilden. W\u00e4hrend seines Aufenthalts habe Maas, so hei\u00dft es, &#8222;mehrfach eine historische Schicksalsn\u00e4he der Nationen Deutschland und Japan&#8220; &#8222;[ge]r\u00fchmt&#8220;.[7] Die &#8222;Schicksalsn\u00e4he&#8220; umfasste die Kollaboration der beiden Achsenm\u00e4chte im Zweiten Weltkrieg. Maas lie\u00df keinen Zweifel daran, dass die neue deutsch-japanische Zusammenarbeit auch darauf zielt, innerhalb des \u00fcbergeordneten B\u00fcndnisses mit den Vereinigten Staaten ein eigenst\u00e4ndiges Gegengewicht zur machtpolitischen Profilierung gegen\u00fcber Washington zu bilden, konkret zun\u00e4chst im Konflikt um das Nuklearabkommen mit Iran. Bei Maas&#8216; Besuch ist insbesondere vereinbart worden, einen &#8222;strategischen Dialog&#8220; zwischen den Au\u00dfenministerien beider L\u00e4nder zu f\u00fchren, der &#8222;au\u00dfen- und sicherheitspolitische Fragen&#8220; behandeln und regelm\u00e4\u00dfige Konsultationen hochrangiger Ministerialbeamter beider Seiten umfassen soll.<\/p>\n<h4 class=\"western\"><strong>Kriegsspiele im Pazifik<\/strong><\/h4>\n<p>Parallel zu der gegen China gerichteten politisch-wirtschaftlichen Formierung nehmen deutsche Soldaten am US-gef\u00fchrten Pazifikman\u00f6ver RIMPAC 2018 teil, das am 27. Juni begonnen hat und am 2. August zu Ende gehen soll. Beteiligt sind insgesamt 25 Staaten, darunter wichtige asiatische Verb\u00fcndete der Vereinigten Staaten von Japan \u00fcber S\u00fcdkorea und die Philippinen bis zu Vietnam und Indien. Trainiert wird im Rahmen von RIMPAC 2018, das vor allem vor Hawaii durchgef\u00fchrt wird, laut Angaben der U.S. Pacific Fleet &#8222;eine gro\u00dfe Bandbreite an F\u00e4higkeiten&#8220; &#8211; von einfachen Rettungsma\u00dfnahmen bis hin zu gro\u00dfangelegten Kriegsoperationen. China, das zun\u00e4chst zur Teilnahme eingeladen worden war, ist kurzfristig wieder ausgeladen worden &#8211; mit einem Hinweis auf seine R\u00fcstungsaktivit\u00e4ten im S\u00fcdchinesischen Meer. Aus diesen Aktivit\u00e4ten k\u00f6nnten k\u00fcnftig &#8222;viel gr\u00f6\u00dfere Konsequenzen&#8220; folgen, hat US-Verteidigungsminister James Mattis unl\u00e4ngst erkl\u00e4rt (german-foreign-policy.com berichtete [8]). Die \u00c4u\u00dferung l\u00e4sst erahnen, welche Brisanz nicht nur die deutsche Beteiligung an dem Pazifikman\u00f6ver, sondern auch die au\u00dfen- und milit\u00e4rpolitische Abstimmung mit Japan besitzt.<\/p>\n<p><em>[1], [2] Joint U.S.-EU Statement following President Juncker&#8217;s visit to the White House. Washington, 25 July 2018.<\/em><br \/>\n<em>[3] EU and Japan sign landmark political and trade agreements. eeas.europa.eu 17.07.2018.<\/em><br \/>\n<em>[4] EU schlie\u00dft gr\u00f6\u00dften Freihandelsvertrag ihrer Geschichte. Frankfurter Allgemeine Zeitung 18.07.2018.<\/em><br \/>\n<em>[5] EU and Japan sign landmark political and trade agreements. eeas.europa.eu 17.07.2018.<\/em><br \/>\n<em>[6], [7] Johannes Leith\u00e4user: In besonderer Schicksalsn\u00e4he. Frankfurter Allgemeine Zeitung 26.07.2018.<\/em><br \/>\n<em>[8] S. dazu <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/7607\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">China herausfordern<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/7630\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kriegsspiele im Pazifik<\/a>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Berlin und Br\u00fcssel bringen sich mit neuen Vereinbarungen an der Seite der Vereinigten Staaten und Japans gegen China in Stellung. 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