{"id":670574,"date":"2018-07-04T19:20:49","date_gmt":"2018-07-04T18:20:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=670574"},"modified":"2018-07-04T19:20:49","modified_gmt":"2018-07-04T18:20:49","slug":"das-meinungsmonopol","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2018\/07\/das-meinungsmonopol\/","title":{"rendered":"Das Meinungsmonopol"},"content":{"rendered":"<p><strong>Journalisten d\u00fcrfen hierzulande schreiben, was sie wollen. Nur wenn sie dar\u00fcber hinaus auch die Absicht haben, ihre Artikel zu ver\u00f6ffentlichen, wird es schwierig. Dann m\u00fcssen sie an Torh\u00fctern vorbei, meist Chefredakteuren und Medienbesitzern, die ihre Werke nicht nur schreibhandwerklich, sondern auch weltanschaulich vorselektieren. Was bedeutet es f\u00fcr die viel beschworene Meinungsvielfalt, wenn Medien in Deutschland zunehmend in den H\u00e4nden weniger, meist stramm neoliberal ausgerichteter Gro\u00dfunternehmen sind?<\/strong><\/p>\n<p>Unter dem Arbeitstitel\u00a0<em>Pravda<\/em>\u00a0\u2013 die Wahrheit \u2013\u00a0<a href=\"https:\/\/twitter.com\/elonmusk\/status\/999367582271422464\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">r\u00e4sonierte<\/a>\u00a0Elon Musk k\u00fcrzlich \u00fcber seine neueste Idee: eine Online-Plattform, die es erm\u00f6glicht, kritisch die Glaubw\u00fcrdigkeit von Artikeln, JournalistInnen oder gar ganzer Medien auszuleuchten. Ein eigenwilliger Ansatz gegen Fake-News \u2013 vor allem Fake-News, die es zuf\u00e4lligerweise wagen, Marken wie Tesla in Verruf zu bringen.<\/p>\n<p>\u00c4hnliche F\u00e4lle finden sich auch diesseits des Atlantiks: Dietrich Mateschitz, Red-Bull-Gr\u00fcnder und wohl der reichste \u00d6sterreicher, etwa monierte in einem f\u00fcr Aufregung sorgenden\u00a0<a href=\"https:\/\/www.kleinezeitung.at\/steiermark\/chronik\/5197881\/Dietrich-Mateschitz-im-Interview_Red-BullChef-rechnet-mit\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Interview<\/a>\u00a0\u00f6ffentliche \u201eMeinungsdiktate\u201c und gr\u00fcndete kurzerhand die, laut Eigenverst\u00e4ndnis unabh\u00e4ngige, Rechercheplattform\u00a0<em>Quo vadis veritas<\/em>\u00a0\u2013 Wohin gehst du, Wahrheit?<\/p>\n<p>Solche Nachrichten erregen nat\u00fcrlich Aufsehen. Einerseits weil sich beide \u2013 Mateschitz wie Musk \u2013 Hype und Aura des (post-)modernen Unternehmers zu eigen gemacht haben. Andererseits weil beide versuchen, auf die Medien \u2013 eine der demokratischen Grundinstitutionen \u2013 einzuwirken. Eine derartige Einflussnahme durch zwei so wohlhabende Individuen wirkt nicht gerade unproblematisch, auch wenn beide sich zur Legitimation die Begriffe Wahrheit, Unabh\u00e4ngigkeit und Fremdsprachenkenntnisse an die Fahne geheftet haben.<\/p>\n<p>Sich aber isoliert \u00fcber solche Sachverhalte zu echauffieren und dabei das etablierte Mediensystem aus der Kritik zu nehmen, scheint fehl am Platz. Man denke an die\u00a0<a href=\"https:\/\/www.mediadb.eu\/forum\/zeitungsportraets\/faz.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Gr\u00fcndung der FAZ<\/a>\u00a0\u2013 finanziert von einem Kreis aus Industriellen mit dem auserkorenen Ziel, den ideologischen Unterbau f\u00fcr eine liberale Wirtschaftsordnung im Nachkriegsdeutschland zu liefern.<\/p>\n<p>Dies betrifft nat\u00fcrlich nicht nur eine Zeitung, sondern das Gros des Mediensystems in Deutschland.<\/p>\n<p><strong>Die meisten Medienunternehmen Deutschlands erwecken zwar dank ihrer Besitzstrukturen \u2013 zumeist sind sie ja in Familienbesitz \u2013 einen etwas romantischen, etwas altmodischen Eindruck. Tats\u00e4chlich handelt es sich bei ihnen aber nat\u00fcrlich um Unternehmen, die nach der Logik der kapitalistischen Produktionsweise agieren.<\/strong><\/p>\n<p>Wer demnach mit Unbehagen betrachtet, dass Musk, Mateschitz, Bezos und Konsorten ihr Verm\u00f6gen als Sprachrohr nutzen, sollte sich gleichzeitig fragen, was f\u00fcr einen Einfluss Springer, Mohn und Jahr aus\u00fcben und seit Jahrzehnten ausge\u00fcbt haben.<\/p>\n<p>Dass man den Eigent\u00fcmerInnen deutscher Medienunternehmen mit diesem Vergleich wenig Unrecht tut, zeigt ein kurzer Blick in Deutschlands Reichenlisten. Die untenstehende Grafik zeigt die Verm\u00f6gen der gr\u00f6\u00dften Medieneigent\u00fcmerInnen Deutschlands f\u00fcr das Jahr 2018.<\/p>\n<div id=\"attachment_81448\" class=\"wp-caption aligncenter\" style=\"width: 1097px;\" data-shortcode=\"caption\">\n<p><a href=\"https:\/\/www.rubikon.news\/artikel\/das-meinungsmonopol\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-81448\" src=\"https:\/\/neuedebatte.files.wordpress.com\/2018\/07\/vermc3b6gen-der-grc3b6c39ften-medieneigentc3bcmerinnen-deutschlands-fc3bcr-das-jahr-2018-quelle-forbes-rubikon-news.png?w=925\" sizes=\"auto, (max-width: 925px) 100vw, 925px\" srcset=\"https:\/\/neuedebatte.files.wordpress.com\/2018\/07\/vermc3b6gen-der-grc3b6c39ften-medieneigentc3bcmerinnen-deutschlands-fc3bcr-das-jahr-2018-quelle-forbes-rubikon-news.png?w=925 925w, https:\/\/neuedebatte.files.wordpress.com\/2018\/07\/vermc3b6gen-der-grc3b6c39ften-medieneigentc3bcmerinnen-deutschlands-fc3bcr-das-jahr-2018-quelle-forbes-rubikon-news.png?w=150 150w, https:\/\/neuedebatte.files.wordpress.com\/2018\/07\/vermc3b6gen-der-grc3b6c39ften-medieneigentc3bcmerinnen-deutschlands-fc3bcr-das-jahr-2018-quelle-forbes-rubikon-news.png?w=300 300w, https:\/\/neuedebatte.files.wordpress.com\/2018\/07\/vermc3b6gen-der-grc3b6c39ften-medieneigentc3bcmerinnen-deutschlands-fc3bcr-das-jahr-2018-quelle-forbes-rubikon-news.png?w=768 768w, https:\/\/neuedebatte.files.wordpress.com\/2018\/07\/vermc3b6gen-der-grc3b6c39ften-medieneigentc3bcmerinnen-deutschlands-fc3bcr-das-jahr-2018-quelle-forbes-rubikon-news.png 1024w\" alt=\"Verm\u00f6gen der gr\u00f6\u00dften Medieneigent\u00fcmerInnen Deutschlands f\u00fcr das Jahr 2018. 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Und auch wenn in manchen F\u00e4llen Verm\u00f6gen geschrumpft zu sein scheinen, liegt der Verdacht nahe, dass das Kapital sich nicht \u00fcber Nacht in Luft aufgel\u00f6st hat, sondern in steuerschonenden Stiftungen geparkt wurde.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus ist nat\u00fcrlich der direkte Schluss vom Privatverm\u00f6gen diverser Medieneigent\u00fcmer auf die Konstitution des Medienmarktes insgesamt nicht zul\u00e4ssig, da zum einen diese Verm\u00f6gen wohl nicht ausschlie\u00dflich in Medienunternehmen zu verorten sind, sowie sicherlich Anteile von Personen und Unternehmen gehalten werden, die hier nicht abgebildet sind.<\/p>\n<p><strong>Der relevante, zugrunde liegende Widerspruch besteht jedenfalls in der idealisierten Rolle der Presse als demokratische Institution und ihrer \u00f6konomischen Fundierung im Privateigentum.<\/strong><\/p>\n<p>Ein Widerspruch, der sich seit geraumer Zeit in der zunehmenden Tendenz zur Eigentumskonzentration im Pressebereich zugespitzt hat. So veranschaulicht alleine eine Betrachtung der ungef\u00e4hr im Zweijahrestakt erscheinenden Studien Horst R\u00f6pers zum deutschen Tageszeitungsmarkt eine sich selbst \u00fcberholende Tendenz zur weiteren Konzentration:<\/p>\n<p><strong>1997: Leichte Steigerung der Konzentration<\/strong><br \/>\n<strong>2000: Konsolidierungsphase beendet?<\/strong><br \/>\n<strong>2002: Wirtschaftliche Krise und steigende Konzentration<\/strong><br \/>\n<strong>2004: Bewegung im Zeitungsmarkt 2004<\/strong><br \/>\n<strong>2006: Probleme und Perspektiven des Zeitungsmarktes<\/strong><br \/>\n<strong>2008: Konzentrationssprung im Markt der Tageszeitungen<\/strong><br \/>\n<strong>2010: Rangverschiebungen unter den gr\u00f6\u00dften Verlagen<\/strong><br \/>\n<strong>2012: Konzentration erreicht H\u00f6chstwert<\/strong><br \/>\n<strong>2014: Erneut H\u00f6chstwert bei Pressekonzentration<\/strong><br \/>\n<strong>2016: Pressekonzentration erneut leicht angestiegen\u00a0<\/strong><br \/>\n<strong>2018: Pressekonzentration w\u00e4chst rasant<\/strong><\/p>\n<p>Die Studien R\u00f6pers beschr\u00e4nken sich dabei wohlgemerkt auf die Entwicklung am Tageszeitungsmarkt. Gr\u00f6\u00dfere Studien, die eine holistischere Perspektive auf die Eigentumsstrukturen in der deutschen Medienlandschaft werfen, sind aber aufgrund der miserablen Datenlage \u00e4u\u00dferst rar ges\u00e4t.<\/p>\n<p>Diese schlechte Datenlage wird dabei von der Politik willentlich in Kauf genommen: Bis 1994 waren auf Basis der Pressestatistik des Statistischen Bundesamtes zuverl\u00e4ssige und breite Tendenzen im Mediensektor leicht recherchierbar. Diese wurde allerdings durch einen Kabinettsbeschluss der damaligen Bundesregierung ausgesetzt, was zu einem erheblichen Mangel an validen Daten im Bereich des Zeitungs- und Verlagswesen sowie im Rundfunkbereich f\u00fchrte, der nach wie vor gegeben ist.<\/p>\n<p>Dieser Umstand wird zwar immer wieder problematisiert (zum Beispiel in einem Antrag der SPD und Gr\u00fcnen Fraktion vom 27. M\u00e4rz 2012 oder im Gutachten des Hans-Bredow-Instituts von Februar 2017), allerdings sind bisher keine Verbesserungen zu erkennen.<\/p>\n<p>Die wenigen Studien, Berichte und Forschungen im Bereich der Medienkonzentration sind damit aufgrund des fehlenden zentralen, umfassenden Datenangebots gezwungen, auf eine Vielzahl von fragmentierten Einzeldaten zur\u00fcckzugreifen, was nicht nur m\u00fchsam ist, sondern die Forschenden auch vor Schwierigkeiten bei der Vergleichbarkeit und Analysierbarkeit der unterschiedlichen Quellen stellt.<\/p>\n<p>Um dieser Schieflage in der Struktur und der Analyse des deutschen Medienmarkts beizukommen, unternimmt das\u00a0<a href=\"https:\/\/www.isw-muenchen.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">isw-M\u00fcnchen<\/a>\u00a0eine Studie zur Verfasstheit der Politischen \u00d6konomie der deutschen Medien. Dabei werden die oben aufgeworfenen Problematiken behandelt und versucht, den Schw\u00e4chen bisheriger Analysen beizukommen.<\/p>\n<p>Im Sinne der kritischen Kommunikationsforschung ist damit das zentrale Ziel, die spezielle Position und Bedeutung von Medien unter der kapitalistischen Produktionsweise aufzuzeigen sowie konkrete Aussagen \u00fcber die Existenz von Eigentums- und damit Machtverh\u00e4ltnissen im deutschen Medienmarkt zu treffen.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund versucht das vorliegende Forschungsvorhaben eine Aktualisierung der Frage nach \u201eownership and control\u201c in Deutschland. Folgende Bereiche werden dabei ber\u00fccksichtigt:<\/p>\n<ol>\n<li>Makroebene: Analyse genereller Entwicklungen am deutschen Medien- und Werbemarkt (Stichwort Medienkrise und Digitalisierung).<\/li>\n<li>Unternehmensebene: Eine vertiefende Analyse der gr\u00f6\u00dften Medienunternehmen. (hinsichtlich Eigent\u00fcmerverh\u00e4ltnisse, finanzielle Kennzahlen und Konzentration).<\/li>\n<li>Personenebene: Die Aufschl\u00fcsselung der zugrunde liegenden Eigentumsstrukturen im Rahmen einer \u201cpower structure analysis\u201d, um Verflechtungen in medienfremde Bereiche offenzulegen. (Verflechtungen zwischen Kapitalfraktionen).<\/li>\n<\/ol>\n<p>Da es sich hierbei um eine sehr umfassende T\u00e4tigkeit handelt, hoffen wir Interessierte dazu bewegen zu k\u00f6nnen, unser Vorhaben zu unterst\u00fctzen und es dadurch zu erm\u00f6glichen, uns in gebotener Tiefe mit diesen Fragestellungen auseinandersetzen zu k\u00f6nnen. Diese Arbeit reiht sich in Ihrem Selbstverst\u00e4ndnis in bereits bestehende Forschung der kritischen Kommunikationswissenschaft, wie etwa von Fuchs, Knoche, Meyen, Allmer, Rosa, Schenkel, Tr\u00f6ger, Stumberger, Sevignani und vielen anderen, ein.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Redaktionelle Anmerkung:<\/strong> Wer das oben vorgestellte Projekt unterst\u00fctzen will, spendet bitte an ISW e.V., IBAN: DE49 700 905 00 0000983420, BIC: GENODEF1SO4, Kennwort: Medien.<\/p>\n<hr \/>\n<h3>\u00dcber die Autoren<\/h3>\n<p><strong>Benjamin Ferschli<\/strong>\u00a0ist Forschungsassistent am Institut f\u00fcr die Gesamtanalyse der Wirtschaft der Johannes Kepler Universit\u00e4t Linz und Doktorand an der Wirtschaftsuniversit\u00e4t Wien. Er forscht zu Fragen der Verm\u00f6genssch\u00e4tzung und Ungleichheitsmessung. Dar\u00fcber hinaus gilt sein besonderes Interesse Fragen und Methoden der Politischen \u00d6konomie sowie dem Wandel von Arbeit.<\/p>\n<p><strong>Daniel Grabner<\/strong>\u00a0ist Doktorand, Gastlektor und Forschungsassistent am Institut f\u00fcr Institutionelle und Heterodoxe \u00d6konomie an der Wirtschaftsuniversit\u00e4t Wien. Sein Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich der kritischen Politischen \u00d6konomie der Medien.<\/p>\n<p><strong>Hendrik Theine<\/strong>\u00a0ist Universit\u00e4tsassistent am Institut f\u00fcr Institutionelle und Heterodoxe \u00d6konomie der Wirtschaftsuniversit\u00e4t Wien. Er promoviert im Bereich der Kritischen Politischen \u00d6konomie der Medien sowie der Cultural Political Economy. Er ist Gr\u00fcndungsmitglied und Obmann der Gesellschaft Plurale \u00d6konomik Wien sowie im Vorstand des BEIGEWUM, dem Beirat f\u00fcr gesellschafts-, wirtschafts- und umweltpolitische Alternativen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Anmerkung:<\/strong>\u00a0Das Werk erschien auf\u00a0<a href=\"https:\/\/www.rubikon.news\/artikel\/das-meinungsmonopol\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Rubikon \u2013 Magazin f\u00fcr die kritische Masse<\/a>\u00a0und ist unter einer\u00a0Creative Commons-Lizenz\u00a0(<a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc-nd\/4.0\/deed.de\" target=\"_blank\" rel=\"license noopener\">Namensnennung \u2013 Nicht kommerziell \u2013 Keine Bearbeitungen 4.0 International<\/a>) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen darf es verbreitet und vervielf\u00e4ltigt werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Journalisten d\u00fcrfen hierzulande schreiben, was sie wollen. 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