{"id":646328,"date":"2018-05-26T09:05:43","date_gmt":"2018-05-26T08:05:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=646328"},"modified":"2018-05-27T15:44:14","modified_gmt":"2018-05-27T14:44:14","slug":"50-jahre-seit-1968-der-verpasste-sozialismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2018\/05\/50-jahre-seit-1968-der-verpasste-sozialismus\/","title":{"rendered":"50 Jahre seit 1968:  Der verpasste Sozialismus"},"content":{"rendered":"<p><strong>Radikale Kapitalismuskritik braucht Konzepte einer umfassenden Alternative. Was sind die Strukturen der nachkapitalistischen Gesellschaft? Gibt es einen realistischen Bauplan f\u00fcr einen planetarischen Frieden? Wir stehen an einem historischen Punkt, wo Leben und Sterben unz\u00e4hliger Mitbewohner unseres Planeten von der Beantwortung dieser Frage abh\u00e4ngt.<\/strong><\/p>\n<p>Die deutsche Studentenbewegung des vorigen Jahrhunderts war Teil eines internationalen Kampfes gegen imperialistische Herrschaft und autorit\u00e4re Strukturen. Die Bewegung befand sich vor 50 Jahren auf ihrem H\u00f6hepunkt. Ich war damals ein Studentenfu\u0308hrer im Raum Mannheim-Ludwigshafen. Ich liebte die antiautorit\u00e4re Revolte, die Solidarit\u00e4t auf den Stra\u00dfen, die Gastfreundschaft der Genossen in allen St\u00e4dten und den gemeinsamen Kampf gegen die gesellschaftliche Barbarei des bestehenden Systems. Aber glaubten die Genossen wirklich an das, was sie da riefen? \u201eDie Macht im Staat dem Proletariat\u201c und \u00e4hnliche Parolen? Man wusste, wogegen, aber nicht wof\u00fcr man war. Es war eine reine Anti-Bewegung, getragen von einer Wut, die sich bald auch gnadenlos zwischen den einzelnen linken Fraktionen auszutoben begann. Ich merkte, dass dieser Kampf unter den gegebenen psychischen Strukturen der linken Gruppen nicht zu gewinnen war.<\/p>\n<p>Ein wirklicher Sozialismus muss menschlich gegr\u00fcndet sein. Es gen\u00fcgt nicht, ihn ideologisch und politisch zu propagieren, ohne die menschlichen Grundlagen zu kennen, die ihn erst m\u00f6glich machen. Wie gehen wir um mit den inneren Konflikten von Sex, Liebe, Eifersucht, mit den latenten Rivalit\u00e4ten und Konkurrenzk\u00e4mpfen etc.? Soviel ich wei\u00df, sind bisher fast alle sozialistischen Bewegungen an inneren menschlichen Konflikten zugrunde gegangen.<\/p>\n<p>Das Schlimme, das wir im \u00c4u\u00dferen durch politische Strategien bek\u00e4mpfen wollten, befand sich auch im Inneren unserer Gruppen. An die Stelle der urspr\u00fcnglichen Solidarit\u00e4t traten ideologische Ka\u0308mpfe, Ka\u0308mpfe um Vorrang, Macht und Deutungshoheit, gegenseitige Verleumdungen bis zum offenen Hass. Als dann noch die ersten Demonstranten mit Stalin-Plakaten auf die Stra\u00dfe gingen und als die urspru\u0308ngliche Bewegung in die vielen sogenannten K-Gruppen zerbrach, spu\u0308rte ich den brutalen Infantilismus der Ereignisse. Die Gewalt, die sie im A\u0308u\u00dferen beka\u0308mpfen wollten, trugen sie in sich selbst. Damit war der Untergang der Bewegung von innen her besiegelt.<\/p>\n<p>Im Begriff des Sozialismus steckt die Idee einer humanen und gerechten Gesellschaft. Die Linke scheiterte an dem Widerspruch zwischen diesem Ziel und ihrem tatsa\u0308chlichen Verhalten. Die sozialistischen oder kommunistischen Strukturen, die im A\u0308u\u00dferen aufgebaut werden sollten \u2013 das sind Strukturen von Gemeinsamkeit, Gerechtigkeit, Gleichheit und Solidarita\u0308t \u2013, waren im Inneren noch gar nicht vorhanden. Es fehlte eine Vision, welche die Macht hatte, die ganz gewo\u0308hnlichen menschlichen Konflikte von Konkurrenz, Neid und Eifersucht zu u\u0308berwinden. Es ging nicht mehr um humane Ziele, sondern \u2013 psycholgisch gesprochen \u2013 um die ideologische Kompensation ungelo\u0308ster Innenprobleme, Liebesprobleme, Angstprobleme, Machtprobleme. Ich verlie\u00df die linke Bewegung und begab mich in die Lehr- und Wanderjahre zu anderen Orten in der geistigen Metamorphose unserer Zeit. Es ging darum, fu\u0308r den politischen Gedanken eine tragfa\u0308hige menschliche, geistige und ethische Basis zu schaffen.<\/p>\n<p>Rudi Dutschke sprach im Jahr 1968 von der \u201eNotwendigkeit einer langandauernden Kulturrevolution gerade in den hochentwickelten kapitalistischen La\u0308ndern Mitteleuropas als Bedingung fu\u0308r die Mo\u0308glichkeit einer Revolutionierung der Gesamtgesellschaft\u201c. Vier Jahre vorher hatte er in sein Tagebuch geschrieben, Jesus Christus sei \u201eder Welt gro\u0308\u00dfter Revolutiona\u0308r\u201c. Erstaunliche Aussagen. Wie eine Vorwegnahme der neuen Inhalte, welche wir heute im Sinne einer weltweiten Befreiungsbewegung aufnehmen und vertiefen mu\u0308ssen.<\/p>\n<p>Um die Gesellschaft in einer humanen Richtung vera\u0308ndern zu ko\u0308nnen, brauchten wir ein ga\u0308nzlich anderes Konzept, welches die Selbstvera\u0308nderung der Genossen einbezog. So schrieb ich das damals viel gelesene \u201eMannheimer Papier\u201c und die Broschu\u0308re \u201eRevolution ohne Emanzipation ist Konterrevolution\u201c. Ich habe die Gedanken dieser Texte bis heute weitergefu\u0308hrt. Sie fu\u0308hrten zum \u201ePlan der globalen Heilungsbiotope\u201c und zur Vision einer neuen Zivilisation auf dieser Erde: \u201eTerra Nova\u201d. Im Laufe unserer 40ja\u0308hrigen Gemeinschaftserfahrung entstanden einige Wahrheiten, von denen ich glaube, dass sie fu\u0308r jede humane Bewegung von grundlegender Bedeutung sind.<\/p>\n<p>Es wird auf der Erde keinen Frieden geben, solange in uns selbst, zum Beispiel in unseren Liebesbeziehungen, Krieg ist. Wir ko\u0308nnen im A\u0308u\u00dferen nur so viel Frieden erreichen, wie wir im Inneren verwirklicht haben. Fu\u0308r jede Friedensarbeit ist es deshalb wichtig, dass wir die Bilder fu\u0308r einen umfassenden Frieden u\u0308berhaupt zu sehen beginnen. Wir sind herausgefordert, die Bilder unserer wahren Sehnsucht, die latent in unserer Seele schwingen, wieder ernst zu nehmen und zu wirksamen Ikonen werden zu lassen. Dazu geho\u0308ren auch Bilder aus den Bereichen von Liebe, Sexualita\u0308t, Gemeinschaft und Religion, Bilder einer neuen Ethik fu\u0308r den Umgang untereinander, fu\u0308r die weltweite Kooperation mit anderen Gruppen, fu\u0308r das Zusammenleben mit der Tierwelt und schlie\u00dflich fu\u0308r unsere eigene Bestimmung und Zielgestalt. In 40ja\u0308hriger Gemeinschaftserfahrung entstand ein Projekt, das wir den \u201ePlan der globalen Heilungsbiotope\u201c nennen. Ein Projekt zur globalen Vernetzung von Menschen und Gruppen, die heute unterwegs sind, um auf die globale Situation der Erde und auf ihre eigene Lebenssituation eine neue Antwort zu finden. Heute arbeiten wir weltweit mit Gruppen zusammen, wie zum Beispiel die Friedensgemeinschaft San Jose\u0301 de Apartado\u0301 in Kolumbien, Standing Rock in den USA, das Permakulturprojekt von Tiyeda und Se\u0301da Abalah in Togo und andere mehr. Sie sind in Notgebieten ta\u0308tig und wollen ihrer Arbeit eine gemeinsame Richtung geben. So entsteht langsam eine globale Bewegung u.a. mit der vom Standing Rock Sioux Tribe gepra\u0308gten Losung \u201eDefend the Sacred\u201c und der u\u0308bergeordneten Vision von \u201eTerra Nova\u201c.<\/p>\n<p>Gleichzeitig mit der deutschen und internationalen Studentenbewegung gab es in der Welt noch ganz andere Ansa\u0308tze fu\u0308r eine Neuorientierung der menschlichen Gesellschaft.<\/p>\n<p>Ko\u0308nnten die vielleicht auch einen relevanten Beitrag enthalten fu\u0308r eine fundierte Erneuerung der menschlichen Gesellschaft?<\/p>\n<p>Es bildeten sich gro\u00dfe Gemeinschaften auf o\u0308kologischer und spiritueller Grundlage. So gab es z.B. in Indien die spirituelle Gemeinschaft von Auroville, die in diesem Jahr ebenfalls ihr 50ja\u0308hriges Jubila\u0308um feiert, oder die Sannyasins in Poona. Dann die bekannten spirituellen Gemeinschaften in Findhorn (Schottland) oder Damanhur (Italien). Und last not least gab es wenig spa\u0308ter den o\u0308sterreichischen Friedrichshof, wo sie versucht haben, auf ihre \u2013 einseitige \u2013 Weise mit dem Thema der Sexualita\u0308t fertig zu werden. Aus gro\u00dfem Abstand betrachtet offenbarte sich eine Fu\u0308lle von Initiativen und Bewegungen, die versuchten, das menschliche Leben aus den Krallen der kapitalistischen Welt zu befreien und einer lebenswerteren Zukunft zuzufu\u0308hren. Es schien beinahe zufa\u0308llig zu sein, welcher von diesen Bewegungen man gerade angeho\u0308rte. Es gab noch keinen gemeinsamen Anker und kein gemeinsames Ziel.<\/p>\n<p>Viele wegweisende Schwingungen waren in den Orbit eingetreten, vieles musste gesehen und bedacht werden, um zu einer realistischen Gesamtschau unserer gegenwa\u0308rtigen menschheitlichen Situation zu kommen. So zog ich mich im Herbst 1976 zuna\u0308chst einmal fu\u0308r ein halbes Jahr in einen Bauernhof in Niederbayern zuru\u0308ck, um u\u0308ber alles nachzudenken und einen sinnvollen Weg aus dem ideologischen Gestru\u0308pp zu finden.<\/p>\n<p>Auf diesem Weg ist Tamera in Portugal entstanden, eine Friedensschule und ein ganzheitliches Lebensmodell mit heute etwa 170 MitarbeiterInnen und einem wachsenden internationalen Netzwerk. Es geht dabei la\u0308ngst nicht mehr um eine lokale Gemeinschaft, sondern um die weltweite Grundlegung einer neuen, lebenswerten menschlichen Zivilisation.<\/p>\n<p>Im Namen der Liebe zu aller Kreatur, Dr. Dieter Duhm<\/p>\n<pre>Am Sonntag, 27. Mai, wird Dr. Dieter Duhm ein <a href=\"https:\/\/www.tamera.org\/events\/webinar-mit-dieter-duhm\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Webinar<\/a> zu diesem Thema anbieten und dar\u00fcber\r\nsprechen, wie er die anti-imperialistischen Gedanken von damals fortgesetzt hat, auf welchem\r\nWeg eine Befreiung von Gewalt und Faschismus gelingen k\u00f6nnte und wie sich die Arbeit an einer\r\nnotwendigen Revolution in eine tiefe Heilungsaufgabe weiterentwickelt hat.<\/pre>\n<hr \/>\n<p><em>Literatur:<\/em><br \/>\nDieter Duhm: Terra Nova. Globale Revolution und Heilung der Liebe. Verlag Meiga<br \/>\nDieter Duhm: Die Heilige Matrix. Von der Matrix der Gewalt zur Matrix des Lebens. Grundlagen einer neuen Zivilisation. Verlag Meiga<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Radikale Kapitalismuskritik braucht Konzepte einer umfassenden Alternative. Was sind die Strukturen der nachkapitalistischen Gesellschaft? 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