{"id":613119,"date":"2018-03-19T16:21:30","date_gmt":"2018-03-19T16:21:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=613119"},"modified":"2018-03-19T16:30:42","modified_gmt":"2018-03-19T16:30:42","slug":"die-relikte-des-franquismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2018\/03\/die-relikte-des-franquismus\/","title":{"rendered":"Die Relikte des Franquismus"},"content":{"rendered":"<p><strong>In Spanien bem\u00fchen sich verschiedene zivilgesellschaftliche Initiativen um die historische Aufarbeitung der franquistischen Diktatur. Das wird von der Rechten blockiert \u2013 ein Demokratiedefizit, finden viele B\u00fcrger. <\/strong><\/p>\n<p>Madrid, 1947. Im Arbeiterviertel Lavapi\u00e9s sitzt ein kleiner Junge an einem K\u00fcchentisch. Unter dem Lichtkegel einer \u00d6llampe diktieren ihm seine Gro\u00dfmutter und seine Tante einen Brief. Der Junge schreibt mit gro\u00dfen runden Buchstaben: \u201eSehr geehrte Frau Eva Per\u00f3n, mein Vater wurde hingerichtet und jetzt wollen sie auch meine Mutter hinrichten. Bitte helfen Sie mir, damit ich nicht als Waise aufwachsen muss\u201c.<\/p>\n<p>So empfand der katalanische Erfolgsregisseur Agust\u00ed Villaronga die Szene aus dem wahren Leben in seinem preisgekr\u00f6nten Fernsehfilm \u201eEin Brief an Eva\u201c nach. Der Junge, Alexis Meson, erinnert sich noch genau an die damaligen Ereignisse.<\/p>\n<p>Es war der Abend seines neunten Geburtstags, als die franquistische Sozialpolitische Brigade (<em>Brigada Politica y Social<\/em>) seine Mutter, die Kommunistin Juana Do\u00f1a, abholte. Juana Do\u00f1a war 28 Jahre alt. Bereits mit 14 trat sie in die Vereinte Kommunistische Jugend (UJCE) ein, wo sie sp\u00e4ter den Antifaschistischen Frauenverband leitete. In der st\u00fcrmischen Zweiten Spanischen Republik lernte sie den Kameraden Eugenio Meson kennen, ihren sp\u00e4teren Ehemann. 1939 wurde Juana erstmals festgenommen und von Francos Terrormiliz gefoltert. Eugenio, inzwischen Generalsekret\u00e4r der Vereinten Sozialistischen Jugend (JSU), wurde nach dem Sieg Francos zusammen mit zahlreichen Kameraden standrechtlich erschossen. Als Juana Do\u00f1a 1941 aus dem Gef\u00e4ngnis kam, ging sie in den Untergrund. Jegliche Opposition wurde vom Diktator mit Brutalit\u00e4t und Todesstrafen unterdr\u00fcckt. Aber die Menschen hungerten. Nachdem Francos faschistischen Alliierten im Rest Europas besiegt waren, stand der Diktator allein. 1947 bittet Franco den argentinischen Pr\u00e4sidenten Per\u00f3n um Hilfe. Dieser schickt seine charismatische Frau, Evita, begleitet von Schiffsladungen voller Getreide nach Spanien. Als Francisco Franco im Radio verk\u00fcndet, Spanien sei \u201eeine Oase des Friedens\u201c, beschlie\u00dfen Juana Do\u00f1a und ihre Kameraden praktisch zu antworten. Sie legen einen Sprengsatz an der argentinischen Botschaft, der lediglich Sachschaden verursacht.<\/p>\n<p>Juana Do\u00f1a wird nicht nur erneut brutal gefoltert, sondern vom <em>General\u00edsimo<\/em> pers\u00f6nlich zweifach zum Tode verurteilt. In seinem Film zeigt Villaronga, wie Franco ihre Todesstrafen und die ihrer Kameraden an einem opulent gedeckten Fr\u00fchst\u00fcckstisch unterzeichnet. \u201eWir versuchten alles\u201d, erinnert sich ihr Sohn Alexis. \u201eAn der Hand meiner Gro\u00dfmutter besuchten wir einflussreiche Menschen und Institutionen.\u201c Doch niemand will helfen, auch nicht die Kirche, die Franco unterst\u00fctzt: \u201eDer Pfarrer sagte uns, wir sollten uns Gott anvertrauen. Doch wir wussten, Franco gab nie seine Beute auf. Ihm war v\u00f6llig egal, wie viele M\u00fctter weinten\u201c. Aber Eva Per\u00f3n erh\u00e4lt den Brief des kleinen Alexis. Per\u00f3n nutzt Francos Lage aus und zwingt ihn zur Aufhebung der Todesstrafen der jungen Kommunistin. Juana Do\u00f1a bekommt 30 Jahre Haft. \u201eWir haben ideologisch und politisch nichts gemeinsam, aber ich bin Eva Per\u00f3n mein Leben lang dankbar, dass sie meine Mutter rettete\u201c, sagt Alexis. Seine Mutter sah das in jenem Moment etwas anders. Vor dem Richter gilt ihre erste Frage den 51 Kameraden. Deren Todesurteil war einen Tag vorher vollstreckt worden. \u201eSie haben mir nichts geschenkt. Alle meine Kameraden sind tot und ich kann mich retten dank der Gnade eines Diktators?\u201c, soll sie gerufen haben. Alex, stolz auf die Standhaftigkeit seiner Mutter, tritt sp\u00e4ter auch in die verbotene Kommunistische Partei ein, wof\u00fcr er drei Jahre ins Gef\u00e4ngnis geht.<\/p>\n<div id=\"attachment_613173\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-613173\" class=\"wp-image-613173 \" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/bx9HcyZ-720x482.jpg\" alt=\"\" width=\"919\" height=\"615\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/bx9HcyZ-720x482.jpg 720w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/bx9HcyZ-300x201.jpg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/bx9HcyZ-768x514.jpg 768w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/bx9HcyZ.jpg 995w\" sizes=\"auto, (max-width: 919px) 100vw, 919px\" \/><p id=\"caption-attachment-613173\" class=\"wp-caption-text\"><em>Eva Per\u00f3n (Evita) and Generalissimo Francisco Franco Bahamonde, 1947<\/em><\/p><\/div>\n<p>Nach 16 Jahren in franquistischen Gef\u00e4ngnissen kommt Juana frei und setzt ihren Kampf f\u00fcr eine gerechtere Welt erst im Untergrund, nach Francos Tod im \u00f6ffentlichen Leben fort. Neben ihrer Arbeit in der Partei gr\u00fcndet sie eine Frauenbewegung, in der sich Aktivistinnen unterschiedlicher ideologischer Gesinnungen f\u00fcr ihre Rechte in einer vom Franquismus und Katholizismus gepr\u00e4gten Gesellschaft einsetzen. In den 1970er und 1980er Jahren bringen sie die Zeitschrift <em>Sal<\/em> (Salz) heraus. Bald beginnt Juana die Geschichte des republikanischen Widerstands in Romanen f\u00fcr die zuk\u00fcnftigen Generationen festzuhalten. \u201eDesde la Noche y la niebla\u201c (Aus Nacht und Nebel), ein Zeitzeugnis \u00fcber die Frauengef\u00e4ngnisse im Franquismus, geh\u00f6rt an vielen Universit\u00e4ten zur Pflichtlekt\u00fcre. Juana Do\u00f1a stirbt 2003 mit 84 Jahren im Kreis ihrer Familie. Heute tr\u00e4gt dank der B\u00fcrgermeisterin von <em>Podemos<\/em>, Manuela Carmena, ein Frauenhaus in Madrid ihren Namen. Diese \u00f6ffentliche Anerkennung einer Republikanerin und Kommunistin sei allerdings eine Ausnahme, sagt ihr Sohn. Das sei die gro\u00dfe Schande des heutigen Spaniens. Es habe in vier Jahrzehnten Demokratie keine historische Aufarbeitung stattgefunden. \u201eMeine Mutter w\u00e4re heute stolz auf die geleistete Arbeit f\u00fcr die Frau. Am 8.\u00a0M\u00e4rz findet ein Generalstreik der Frauen statt, weil dies ein Thema ist, das die ganze Gesellschaft betrifft. Aber es wird kaum einen Streik f\u00fcr die 114.000 Vermissten des B\u00fcrgerkriegs und die Zehntausenden von Opfern der Franco-Diktatur geben\u201c, sagt er bitter.<\/p>\n<p>Auch die Familie Do\u00f1a machte ihre Erfahrung mit dem politischen und institutionellen Widerstand gegen die Aufarbeitung des Franquismus. 2007 trat unter dem Sozialisten Jos\u00e9 Rodr\u00edguez Zapatero ein Gesetz in Kraft, das zwar von vielen als unzureichend bewertet wird, aber die \u00d6ffnung von Massengr\u00e4bern und die Entfernung von franquistischen Symbolen unterst\u00fctzt. Doch das Gesetz werde vom <em>Partido Popular<\/em> und den rechtsliberalen <em>Ciudadanos<\/em> umgangen. Allein einen franquistischen Stra\u00dfennamen zu \u00e4ndern, erkl\u00e4rt Alexis, sei ein Kampf, ganz zu Schweigen von der Abschaffung der Monumente wie dem <em>Valle de los Ca\u00eddos<\/em>, der Grabst\u00e4tte Francos, oder der Francisco-Franco-Stiftung, die das Gedankengut des Diktators, jahrelang auch mit \u00f6ffentlichen Geldern, am Leben erh\u00e4lt. Erst Ende 2017 wurde im nationalen Parlament die Initiative von <em>Podemos<\/em>, das <em>Valle de los Ca\u00eddos<\/em> zu einer Gedenkst\u00e4tte f\u00fcr die Diktaturopfer zu machen, abgelehnt. \u201eIn Madrid sollten Stra\u00dfennamen von M\u00f6rdern wie Gonzalo Queipo de Llano, ein franquistischer General, der in Andalusien einen brutalen Genozid beging, mit Namen von Aktivisten ersetzt werden, darunter Juana Do\u00f1a. Rajoys Regierungspartei und <em>Ciudadanos<\/em> stimmten im Stadtrat von Madrid dagegen. Da sie unterlagen, gingen sie vor Gericht\u201c, schildert Alexis. Das Projekt liege nun seit zwei Jahren auf Eis, in einem Land, in dem die Justiz \u201evon den Rechten kontrolliert werde\u201c. Dies sei nicht mit den Tausenden von Vermissten, Folteropfern und Ermordeten zu vergleichen, meint er, aber ein Symptom f\u00fcr den enormen Widerstand, die wahre Geschichte Spaniens anzuerkennen. \u201eIn anderen L\u00e4ndern ist der Nazismus verurteilt worden. In Spanien nicht. Alles was Licht in dieses dunkle Kapitel unserer Geschichte bringt, wird blockiert.\u201c<\/p>\n<p><strong>40 Jahre Verfassung, 40 Jahre Demokratie?<\/strong><\/p>\n<p>Dieses Jahr ist der 40. Jahrestag der spanischen Verfassung, 40 Jahre Demokratie. Doch \u00e4hnlich wie Juana Do\u00f1as Sohn sehen viele Spanier in der fehlenden Aufarbeitung ein Demokratiedefizit. Jeden letzten Samstag des Monats versammeln sich auf der Pla\u00e7a de Sant Jaume in Barcelona ehemalige politische Gefangene des Franquismus und Familienangeh\u00f6rige der unter Franco ermordeten Systemgegner und Vermissten. Die Handvoll Demonstranten im fortgeschrittenen Alter wirken auf dem gro\u00dfen Platz etwas verloren. Auf dem Boden haben sie Schwarzwei\u00dffotos von Toten und Folteropfern mit deren Namen ausgebreitet. Vor ihren F\u00fc\u00dfen liegen vier Fahnen, zu einer gro\u00dfen zusammengen\u00e4ht: die Fahne der Spanischen Republik, die der Anarchisten, die <em>Estelada<\/em> (die f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit Kataloniens steht) und die Fahne der UDSSR. Gemeinsam halten sie ein langes Banner hoch, auf dem \u201eGerechtigkeit, Wahrheit, Wiedergutmachung\u201c steht.<\/p>\n<p>Eine junge Frau, Maria Jos\u00e9, vertritt die <em>Mesa de Catalunya<\/em>, die Organisatoren der Demo, die zahlreiche B\u00fcrgerinitiativen f\u00fcr die historische Aufarbeitung vereint. \u201eWir demonstrieren hier seit neun Jahren jeden Monat f\u00fcr Gerechtigkeit, Wahrheit und Wiedergutmachung. Die heutige Demokratie ist nicht echt, denn sie ist auf den menschlichen \u00dcberresten tausender Vermisster errichtet. Nach einer Republik mussten wir eine Monarchie akzeptieren, die nie hinterfragt wurde. Wir wollten eine bessere Gesellschaft in der Republik, aber die Reichen wollen das mit allen Mitteln verhindern,\u201c sagt sie. Ihr Vertrauen in die Institutionen ist nach Jahren vergeblicher Bem\u00fchungen gering: \u201eIn diesem Staat, der sich nicht f\u00fcr die B\u00fcrger interessiert, m\u00fcssen wir alles selbst in die Hand nehmen.\u201c Weil in Spanien die Verbrechen des Franquismus aufgrund eines Amnestiegesetzes aus dem Jahr 1977 nicht juristisch verfolgt werden, sammelt Maria Jos\u00e9 Unterschriften f\u00fcr eine Klage von Argentinien aus, die mehr als 100 Privatpersonen und B\u00fcrgerinitiativen vertritt. Bereits 2014 verlangte die argentinische Richterin Mar\u00eda Servini de Cubr\u00eda die Auslieferung franquistischer Verbrecher, darunter Antonio Gonz\u00e1lez Pacheco, alias <em>Billy El Ni\u00f1o<\/em>, ein ber\u00fcchtigter Folterer der Sozialpolitischen Brigade. Die spanische Justiz wies die Auslieferung zur\u00fcck, da keine \u201esystematische Folter vorliege\u201c. Erst im Februar 2018 wurde erneut eine Klage gegen ihn abgelehnt. \u201eEs f\u00e4llt mir schwer, zu akzeptieren, dass der Mann, der mich gefoltert hat, nicht nur auf freiem Fu\u00df ist, sondern dass diese Folter nicht anerkannt wird,\u201c erkl\u00e4rt Felipe, ein kleiner \u00e4lterer Herr, der gerade ein Manifest verlesen hat. Dass die historische Aufarbeitung in Spanien auch f\u00fcr Richter ein hei\u00dfes Eisen ist, bekam der prominente Richter Baltasar Garz\u00f3n zu sp\u00fcren, der von einer rechtsextremen Organisation verklagt wurde, weil er 2008 im Auftrag von Familien die \u00d6ffnung von Massengr\u00e4bern anordnete. Damals argumentierte Garz\u00f3n, dass es sich um Verbrechen gegen die Menschlichkeit handelte, die nicht verj\u00e4hren, eine Meinung, die auch UNO-Sonderbeauftragte wie Pablo de Greiff teilen. Die UNO hat Spanien mehrfach aufgefordert, die historische Aufarbeitung anzugehen. Bisher ohne Ergebnis.<\/p>\n<p><strong>Keinen Euro aus der Staatskasse<\/strong><\/p>\n<p>Seit Regierungsantritt des <em>Partido Popular<\/em> im Jahr 2011 flie\u00dft kein staatlicher Euro in die historische Aufarbeitung, obwohl das Gesetz dies vorsieht, klagen die Demonstranten. So h\u00e4nge die \u00d6ffnung der mehr als 2500 Massengr\u00e4ber in ganz Spanien vom Gutd\u00fcnken der regionalen Beh\u00f6rden ab. In Mallorca wurde dank der Unterst\u00fctzung der Regionalregierung 2016 ein Grab mit den sterblichen \u00dcberresten von 49 Menschen ge\u00f6ffnet. \u201eFrancos Truppen begingen auf Mallorca einen Genozid. Es gab keinen Widerstand, trotzdem wurden systematisch hunderte von Frauen und M\u00e4nnern ermordet\u201c, erkl\u00e4rt Maite Lopez, die ihren Gro\u00dfvater im \u201eGrab von Porreres\u201c, wie die Mallorquiner es nennen, gefunden hat. Maite erkl\u00e4rt, dass viele Menschen in vielen Orten Spaniens wissen, wo ihre Familienangeh\u00f6rigen verscharrt wurden, aber keine Erlaubnis bekommen, das Grab zu \u00f6ffnen und die \u00dcberreste in W\u00fcrde zu bestatten. \u201eEs geht nicht nur um den seelischen Frieden der Familien. Es geht um unser Land, um unsere Demokratie\u201c, sagt Maite. \u201eWenn wir in einer wirklichen Demokratie leben w\u00fcrden, h\u00e4tte mein Gro\u00dfvater nicht 81\u00a0Jahre lang im Boden verscharrt gelegen\u201c. In Katalonien unterst\u00fctzt die katalanische Regierung eine DNA-Datenbank, um Angeh\u00f6rigen die Suche nach den Vermissten zu erleichtern. Mit der Zwangsverwaltung aus Madrid liegt aber die Finanzierung der Ausgrabungen auf Eis. Doch warum mehr als 80\u00a0Jahre sp\u00e4ter alte Wunden \u00f6ffnen? F\u00fcr Maite waren die Gewissheit, ihren Gro\u00dfvater gefunden zu haben und die soziale Anerkennung wichtig: \u201eWir k\u00f6nnen nichts daf\u00fcr, dass das Leben unserer Angeh\u00f6rigen so weggeworfen wurde. Aber wir \u2013 wie viele andere Menschen auch \u2013 haben ein Recht darauf, dass diese Wunden geschlossen werden\u201c sagt sie. Felipe glaubt, die historische Aufarbeitung sei nicht nur deshalb n\u00f6tig, weil Francos Genozid am spanischen Volk nicht einfach ignoriert werden darf, sondern vor allem, um das heutige Demokratiedefizit im Staat zu bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p><strong>Transition ohne echten Wandel<\/strong><\/p>\n<p>Die Demonstranten sind sich einig, dass der \u00dcbergang nach dem Tod Francos zur parlamentarischen Monarchie von 1975 bis 1978 ein Camouflage-Man\u00f6ver der herrschenden Klasse war, um ihre Macht zu sichern. \u201eEs gab kein Referendum \u00fcber die Frage \u201aRepublik oder Monarchie?\u2018, also gibt es f\u00fcr mich auch keine Demokratie\u201c, sagt Felipe. \u201eNat\u00fcrlich leben wir nicht mehr im Franquismus, aber die Art und Weise des Tuns ist \u00e4hnlich. Ein tiefgreifender Wandel fand nicht statt. Man geht doch nicht als Franquist ins Bett und wacht als Sozialist wieder auf. Genau das ist aber oft passiert\u201c, meint Maria Jos\u00e9. Die Amnestie von 1977 sei nicht f\u00fcr die politischen Gefangenen gewesen, sondern f\u00fcr die franquistischen Verbrecher, die damit der Justiz entgingen. \u201eWir haben die vielen Vermissten, die Folteropfer, die Ermordeten. Wir brauchen Gerechtigkeit. Dass man die Schuldigen anzeigt, die Falangisten, die immer noch Franco beschw\u00f6ren, die Guardia Civil, die noch heute existiert. Weil Spanien keine juristische Aufkl\u00e4rung zul\u00e4sst, m\u00fcssen wir von Argentinien aus klagen\u201c, beschwert sie sich. Aber aus Angst vor einem neuen B\u00fcrgerkrieg akzeptierten viele Menschen den damaligen \u201aPakt des Schweigens\u2019. \u201eNach 40 Jahren Diktatur nimmst du doch jedes Bonbon, was dir gereicht wird. Die spanische Bev\u00f6lkerung war nicht politisch aufgekl\u00e4rt, um eine echte Transition zur Demokratie durchzuf\u00fchren\u201c, erkl\u00e4rt Felipe.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-613161\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/juana-720x293.jpg\" alt=\"\" width=\"880\" height=\"358\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/juana-720x293.jpg 720w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/juana-300x122.jpg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/juana-768x312.jpg 768w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/juana.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 880px) 100vw, 880px\" \/><\/p>\n<p>Auch die Geschichte schrieben die Sieger. \u201eMein Sohn ist jetzt 25. In der Schule wurde ihm erkl\u00e4rt, es sei ein B\u00fcrgerkrieg zwischen zwei gleichen Seiten gewesen. Aber Franco beging einen Milit\u00e4rputsch, einen Staatsstreich gegen eine legitime und demokratische Republik. Es ging damals darum, ein demokratisches Regime gegen den in ganz Europa wachsenden Faschismus zu verteidigen\u201c, sagt Maite. Auch Juana Do\u00f1as Sohn, Alexis, hat die Erfahrung gemacht, dass gerade junge Leute fast nichts \u00fcber die Vergangenheit ihres eigenen Landes wissen. Er besucht Universit\u00e4ten und Gymnasialklassen, um \u00fcber seine Erlebnisse zu berichten. \u201ePl\u00f6tzlich horchen die Sch\u00fcler auf und fragen nach. Viele k\u00f6nnen nicht glauben, dass die Geschichte der Besiegten, der Republikaner, so gut wie aus dem Unterricht verbannt ist. Dabei ist es n\u00f6tig, dass eine Gesellschaft ihre Geschichte kennt: Warum stehen wir, wo wir stehen? Warum hat diese Demokratie die Fehler, die sie hat? Die neuen Generationen m\u00fcssen die Vergangenheit ihres Landes kennen, damit dieses Unrecht nie wieder geschehen kann. Und es w\u00fcrde die Qualit\u00e4t unseres Rechtsstaats deutlich verbessern.\u201c<\/p>\n<p>Der Verein <em>La Comuna<\/em> macht sich in Madrid f\u00fcr die Klage aus Argentinien stark. Woran die historische Aufarbeitung ihrer Meinung nach scheitert: In Spanien werde eine offizielle Version der Geschichte gef\u00f6rdert, um die sozialen Fortschritte in der Spanischen Republik, den Milit\u00e4rputsch Francos, den Genozid, die ideologische S\u00e4uberung, die Rache der Nachkriegszeit sowie die 40 Jahre w\u00e4hrende Unterdr\u00fcckung und Korruption zu verleugnen. Dies geschehe durch eine subtile Gleichsetzung beider Seiten, die D\u00e4monisierung der Republik, die absolute Passivit\u00e4t des Staates gegen\u00fcber neofranquistischen \u00c4u\u00dferungen in der \u00d6ffentlichkeit, das Verweigern des Abrisses von faschistischen Monumenten und die Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber den Opfern und Zeugen der franquistischen Verbrechen. Mit der Amnestie von 1977 verweigere man nicht nur den Opfern Gerechtigkeit, sondern die Verbrechen der franquistischen Seite an sich werden geleugnet. W\u00e4hrend angebliche Verbrechen der Republikaner vor illegitime Gerichte kamen, wurden die Kriegsverbrechen, die Standgerichte unter der Diktatur und die Verletzungen der Menschenrechte durch die Franquisten amnestiert, bevor sie \u00fcberhaupt untersucht und als solche anerkannt wurden. Luis Roncero von <em>La Comuna<\/em> war selbst unter Franco im Gef\u00e4ngnis. Er ist vor allem auf die Sozialisten w\u00fctend: \u201e40 Jahre Demokratie und die Sozialisten, die angebliche Partei der Linken, haben in all dieser Zeit fast nichts f\u00fcr die Opfer getan, auch als sie die absolute Mehrheit hatten. Man sagt, nach Kambodscha sei Spanien das Land mit den meisten vermissten Personen weltweit\u201c.<\/p>\n<p>Auch die wirtschaftlichen Verbrechen des Franquismus fielen unter die Amnestie. G\u00fcter und Besitzt\u00fcmer im Wert von vielen Millionen Euro fielen durch die franquistische Korruption den oberen Zehntausend im Schatten der Diktatur in die H\u00e4nde. Allein der Nachlass der Tochter des Diktators, Carmen Franco, betr\u00e4gt 500 Millionen Euro, die dem Sozialstaat und den Opfern des Franquismus verloren gehen. Manche heutigen Privilegien und Besitzt\u00fcmer der katholischen Kirche stammen aus dem Franquismus. \u201eDeshalb ist es ein Klassenkampf zwischen den Interessen der M\u00e4chtigen auf der einen Seite und unserer W\u00fcrde als Gesellschaft auf der anderen\u201c, sagt Luis. Wie die Madrider Organisation erkl\u00e4rt, habe die Transition nicht dem demokratischen Bruch gedient, sondern der Fortsetzung der Aus\u00fcbung der Macht durch die franquistischen Eliten und der Erhaltung des franquistischen Staatsapparats. Das soziale Erbe der Republik sei durch die Sicherstellung der Monarchie geleugnet worden. Noch heute finde man Reste des franquistischen Gedankenguts in f\u00fchrenden Polizei- und Milit\u00e4reliten sowie in Grundstrukturen des Staates wie der Justiz. In diesem Zusammenhang sei eine zunehmende Repression und Kriminalisierung von Grundrechten wie der freien Meinungs\u00e4u\u00dferung und der Selbstbestimmung der Nationen zu beobachten. \u201eDa wird in Meetings eben ernsthaft vorgeschlagen, gegen Katalonien die Panzer rauszuholen\u201c, sagt Luis.<\/p>\n<p><em>Ungek\u00fcrzte Fassung des Artikels erschienen am 22.02.2018 auf <a href=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2018\/08\/die-relikte-des-franquismus\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Jungle World<\/a> mit Genehmigung der Autorin.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Spanien bem\u00fchen sich verschiedene zivilgesellschaftliche Initiativen um die historische Aufarbeitung der franquistischen Diktatur. Das wird von der Rechten blockiert \u2013 ein Demokratiedefizit, finden viele B\u00fcrger. 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