{"id":610108,"date":"2018-03-14T16:14:11","date_gmt":"2018-03-14T16:14:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=610108"},"modified":"2018-03-14T16:18:01","modified_gmt":"2018-03-14T16:18:01","slug":"deutscher-alltagsrassismus-freiheit-zur-idiotie-und-die-afd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2018\/03\/deutscher-alltagsrassismus-freiheit-zur-idiotie-und-die-afd\/","title":{"rendered":"Deutscher Alltagsrassismus, Freiheit zur Idiotie und die AfD"},"content":{"rendered":"<p><strong>Sami Omar ist im Sudan geboren und im s\u00fcddeutschen Ulm aufgewachsen. Er ist Autor und Moderator und besch\u00e4ftigt sich mit Migration, <a href=\"http:\/\/www.belltower.news\/artikel\/eine-kleine-kulturgeschichte-von-schwarzen-und-bananen-12019\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Integration und Diskriminierung<\/a>. Gerade ist &#8222;<a href=\"https:\/\/www.epubli.de\/shop\/buch\/Sami-und-die-liebe-Heimat--Sami-and-the-Beloved-Homeland-Sami-Omar-Milena-Rampoldi-9783746705071\/72847#beschreibung\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Sami und die liebe Heimat<\/a>&#8220; erschienen: eine Sammlung seiner Texte.<\/strong><\/p>\n<p>Wir haben uns mit ihm \u00fcber sein Aufwachsen als Afrodeutscher in Schwaben unterhalten, \u00fcber falsche Held_innen gesprochen und dar\u00fcber, dass manchmal nur noch Pommes helfen.<\/p>\n<p><strong><em>Kira Ayyadi: Du bist als Sohn eritreischer Eltern im Sudan geboren und als Kind deutscher Eltern im schw\u00e4bischen Ulm aufgewachsen. War deine Kindheit anders als die der wei\u00dfen Kinder?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Sami Omar: Sicher war mein Bedarf an Liebe und Schutz durch meine Familie \u00fcberdurchschnittlich. Das hat mit meinen aufregenden ersten Lebensjahren zutun. Anders war meine Kindheit in den Dingen und Situationen, in denen ich zum Anderen gemacht wurde. Der einzige Schwarze in meiner Familie zu sein, hat mich nicht fremd gemacht. Es waren die Fragen, der Unglaube, das Befremden, das diese vermeintliche Deplatzierung bei manchen Menschen ausl\u00f6ste. Ich hatte Begriffe f\u00fcr diese Ph\u00e4nomene, bevor ich Worte f\u00fcr sie hatte. Das haben viele fremdgemachte Menschen gemein, denke ich. Manchmal wei\u00df man um die Gewalt, die einem widerfuhr und hat doch keine Worte daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Beim Schreiben dar\u00fcber l\u00f6se ich Schmerz und Wut von dem Ereignis und werde so erz\u00e4hlf\u00e4hig. Nicht weil es jemand fordert, sondern, weil ich es will und anhand dessen gut zeigen kann, welche Mechanismen bei den Verletzungen zum Tragen kamen.<\/p>\n<p><strong><em>Du schreibst in deinem Buch von Held_innen deiner Kindheit und Jugend, die du wegen schlimmer rassistischer Aussagen streichen musstest, <a href=\"http:\/\/blogs.taz.de\/hausmeisterblog\/2006\/10\/15\/spiessbuergerliches-feuilleton\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">darunter beispielsweise Hanna Ahrendt<\/a>.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ich habe nie wirklich mit den Helden gebrochen, die ich in dem Text nenne. Auch Hanna Ahrendt lese ich laienhaft weiter. Mit geht es um die Unm\u00f6glichkeit in diesem Spannungsfeld vorbehaltlos Fan zu sein. Meine Emanzipation von ihnen hat mir in gewisser Weise die schw\u00e4rmerische Leichtigkeit des Unkritischen genommen.<\/p>\n<p>Ich erz\u00e4hle deshalb davon, weil durch die Sozialisation und Bildung schwarzer Deutscher in Deutschland absurde Situationen entstehen. Ein gro\u00dfer Teil des Bildungskanons geht auf Menschen zur\u00fcck, die uns f\u00fcr minderwertig hielten. Wir setzen uns mit den Inhalten ihrer Lehre auseinander und m\u00f6gen daran intellektuell wachsen. Von ihrem Rassismus h\u00f6ren wir aber nicht, weil wir als Rezipienten nie mitgedacht wurden. Heute muss der ethnischen Diversit\u00e4t der Sch\u00fclerschaft Rechnung getragen werden, indem auch dieser Teil der Lehre thematisiert wird, denke ich.<\/p>\n<p><strong><em>Eine Untersuchung der UN hat vergangenes Jahr die Situation schwarzer Menschen in Deutschland untersucht <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/zeitgeschehen\/2017-02\/vereinte-nationen-rassismus-schwarze-deutschland-un-arbeitsgruppe-isd\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">und ein vernichtendes Urteil gef\u00e4llt<\/a>. So sind sie h\u00e4ufig Opfer rassistischer Diskriminierung durch Klassenkameraden, Lehrer_innen, Arbeitskolleg_innen und erleben strukturelle Diskriminierung durch die Regierung und Strafverfolgungsbeh\u00f6rden. Welche Erfahrungen musstest du machen?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Von vielen Erlebnissen wei\u00df ich gar nichts mehr. Ich trage sie wie subkutane Narben und m\u00fcsste sie willentlich ertasten, um sie zu beschreiben. Anderes hat mich offensichtlich gepr\u00e4gt. Dass ich mein Deutschsein mit gro\u00dfer Beharrlichkeit gegen Fremdmachungen verteidige, hat zum Beispiel sicher auch mit meinem Grundschullehrer zu tun. Als wir das Lied der Deutschen lernten, sollte ich den Raum verlassen, weil es nicht meine Hymne sei. Diese UN-Studie hatte einen eigenartigen Effekt: Sie schaffte Evidenz f\u00fcr Dinge, deren Zeuge viele Menschen in Deutschland tagt\u00e4glich sind. Wir sprechen, berichten und klagen an, was PoC (people of color) und schwarzen Menschen widerf\u00e4hrt. Und doch bedarf es dieser F\u00fcrsprache durch die UN. Dar\u00fcber bin ich froh und betr\u00fcbt zugleich. Denn man k\u00f6nnte all das wissen, wenn man den Betroffenen mehr Geh\u00f6r schenkte, statt ihre Berichte h\u00e4ufig als Angriff auf das Selbstbild des Deutschen zu werten, der Rassismus weit von sich weist.<\/p>\n<p><strong><em>Wird dein &#8222;Deutschsein&#8220; heute immer noch hinterfragt?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Aber ja. Mein Deutschsein ist in vieler Menschen Augen eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit und in vieler anderer eine Anma\u00dfung. Oft h\u00f6re oder lese ich die fabelhafte Analogie von der Maus, die \u2013 nur weil sie im Pferdestall wohnt \u2013 noch lange kein Pferd sei. Das zeigt, dass auch Rassisten einen Sinn f\u00fcr Bildhaftigkeit haben. Es zeigt auch, dass das Konzept des Deutschseins noch viel zu oft auf einem Rasse-Konzept fu\u00dft und durchwachsen ist von einem Glauben an v\u00f6lkische Homogenit\u00e4t. Das zu widerlegen ist eine Bildungsaufgabe besonders derer, die vermeintlich qua Natur zum Volk geh\u00f6ren. Ich hoffe zum Beispiel darauf, dass die direkte Konfrontation vieler bisher zur\u00fcckhaltender Parlamentarier mit der AfD im Bundestag eine Auseinandersetzung mit Rassismus erzwingt \u2013 auch wenn diese oft nur oberfl\u00e4chlich sein mag.<\/p>\n<p><strong><em>Du schreibst in deinem Buch, dass das Wort Rasse nach dem Zweiten Weltkrieg quasi durch den Begriff Kultur ersetzt wurde. Wie genau meinst du das?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Der Rasse-Begriff ist in weiten Teilen der Gesellschaft gl\u00fccklicherweise ge\u00e4chtet. Die Ideologie dahinter ist ja aber noch sehr lebendig. So kn\u00fcpft sich die Wertigkeit von Menschen eben oft an den Status ihrer Kultur und \u00fcber diesen gibt es Querverweise zu ihrer Hautfarbe oder Ethnie. Die AfD spricht in ihrem Parteiprogramm davon, dass: \u201eimportierte kulturelle Str\u00f6mungen auf geschichtsblinde Weise der einheimischen Kultur gleichstellt und deren Werte damit zutiefst relativiert\u201c w\u00fcrden. Darin z.B. sehe ich eine gezielte Umgehung des Rassebegriffes bei inhaltlicher Deckungsgleichheit &#8211; und eine geradezu l\u00e4cherliche Auffassung von Geschichtsblindheit.<\/p>\n<p><strong><em>Wie erkl\u00e4rst du dir, dass auch einige PoCs in der AfD Mitglied sind?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ich recherchierte zu einem anderen AfD-Thema und stie\u00df auf immer mehr schwarze Menschen und PoC , die in der AfD sind. In weiten Teilen der Partei, denke ich, greift hier das Roberto-Blanko-Alibi. Also das Nutzen einer schwarzen Person in den eigenen Reihen zum Zeichen der Unschuld im Bezug auf Rassismus. Die Gegenfrage lautet ja immer: Wenn ich Rassist bin, wie kann der Schwarze dann mein Freund sein?<\/p>\n<p>Ich behaupte unabl\u00e4ssig, dass wir Menschen alle gleich viel wert sind. Ich habe nie behauptet, wir sind alle gleich klug! Anhand dieser PoCs und schwarzen Menschen kann man den Unterschied recht gut sehen. Doch ich glaube an deren Freiheit zur Idiotie. Ihre Anzahl ist gering und so hoffe ich ist auch ihr Einfluss.<\/p>\n<p><strong><em>Du schreibst, dass auch deine Kinder Rassismus erleben. Wie geht ihr als Familie damit um?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Wir sind stolz auf die Reflektiertheit, mit der sie solchen Situationen begegnen und versuchen offen mit ihnen \u00fcber Verletzungen zu sprechen. Alle Gef\u00fchle der Emp\u00f6rung, Trauer und Gleichg\u00fcltigkeit kommen vor und sind o.k. Wahr ist auch: Wir werden sie oftmals nicht besch\u00fctzen k\u00f6nnen. Aber hoffentlich bleibt ihr zu Hause ihnen ein Ort der Geborgenheit und Reflektion. Wenn nichts hilft, machen wir in der Regel Pommes und Chicken Nuggets.<\/p>\n<p>&#8222;Sami und die liebe Heimat&#8220; ist <a href=\"https:\/\/www.epubli.de\/shop\/buch\/Sami-und-die-liebe-Heimat--Sami-and-the-Beloved-Homeland-Sami-Omar-Milena-Rampoldi-9783746705071\/72847#beschreibung\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier erh\u00e4ltlich.<\/a><br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"\" src=\"http:\/\/www.belltower.news\/files\/2018-03-12-Sami-Omar-Cover.jpg\" alt=\"\" width=\"698\" height=\"987\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sami Omar ist im Sudan geboren und im s\u00fcddeutschen Ulm aufgewachsen. Er ist Autor und Moderator und besch\u00e4ftigt sich mit Migration, Integration und Diskriminierung. Gerade ist &#8222;Sami und die liebe Heimat&#8220; erschienen: eine Sammlung seiner Texte. 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