{"id":603881,"date":"2018-03-03T14:58:33","date_gmt":"2018-03-03T14:58:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=603881"},"modified":"2018-03-03T15:02:28","modified_gmt":"2018-03-03T15:02:28","slug":"sklavereimuseum-stadt-rio-dreht-den-geldhahn-zu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2018\/03\/sklavereimuseum-stadt-rio-dreht-den-geldhahn-zu\/","title":{"rendered":"Sklavereimuseum \u2013 Stadt Rio dreht den Geldhahn zu"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das Museum \u201e<a href=\"http:\/\/www.museusdorio.com.br\/joomla\/index.php?option=com_k2&amp;view=item&amp;id=83:memorial-dos-pretos-novos\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Cemeterio Pretos<\/a><a href=\"http:\/\/www.museusdorio.com.br\/joomla\/index.php?option=com_k2&amp;view=item&amp;id=83:memorial-dos-pretos-novos\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> No<\/a><a href=\"http:\/\/www.museusdorio.com.br\/joomla\/index.php?option=com_k2&amp;view=item&amp;id=83:memorial-dos-pretos-novos\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">vos\u201c<\/a> ist das einzige seiner Art in ganz Amerika. Auf seinem Grundst\u00fcck liegen bis zu 30.000 Sklaven begraben. Junge Sklaven, frisch in Brasilien angekommen, die \u201epretos novos\u201c, die neuen Schwarzen. Einen solchen Ort gibt es sonst nirgendwo. Es hat Preise gewonnen. Zuletzt einen vierten Platz der Stiftung des \u00d6lkonzerns Petrobras. Es hat 2017 erst einen spektakul\u00e4ren Fund gemacht \u2013 ein komplett erhaltenes Skelett, sie nannten es Josefina Bakhita, nach der ersten schwarzen Heiligen der katholischen Kirche.<\/strong><\/p>\n<p>Und dennoch steht das kleine Museum vor dem Aus. Die Stadt Rio de Janeiro hat die Zusch\u00fcsse gestrichen. Auch wenn die Stadt zurzeit pleite ist, wirft das Schicksal des Museums ein exemplarisches Licht auf den Umgang, wie man in Brasilien mit einem der dunklen Kapitel der Geschichte, der Sklaverei, umgeht.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-603913\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/P1110262-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"824\" height=\"618\" \/><\/p>\n<p>Es ist kein gro\u00dfer Betrag, der fehlt: Rund 83.000 Reais (knapp 21.500 Euro zurzeit). Bislang hatte den die Stadt Rio immer zugeschossen, nun nicht mehr. Das bereitet <strong>Merced Guimar\u00e3es<\/strong> Sorgen. Sie ist Pr\u00e4sidentin des kleinen Museums im Hafenviertel Gamb\u00f4a. Hier entstand die Stadt Rio de Janeiro einst. In der Nachbarschaft wurde f\u00fcr Olympia kr\u00e4ftig aufgem\u00f6belt, die neue oberirdische Leichtbahn VLT schnurrt am Museum vorbei. Alles das hat viel Geld gekostet. Mehr, als die Stadt hatte. Gro\u00dfe Summen versickerten zudem.<\/p>\n<h4><strong>Evangelikaler B\u00fcrgermeister dreht den Geldhahn zu<\/strong><\/h4>\n<p>Bis 2016 flossen die Zusch\u00fcsse. Seit Anfang 2017 hat Rio einen neuen B\u00fcrgermeister. Marcelo Crivella, evangelikaler Ex-Bischof hat sicher eine desolate Haushaltslage von Vorg\u00e4nger Eduardo Paes \u00fcbernommen. Doch er setzt auch andere Akzente. Der Karnevalser\u00f6ffnung blieb er fern \u2013 ein Affront. Den Sambaschulen k\u00fcrzte er die Zusch\u00fcsse um die H\u00e4lfte. Auf dem Pedra da Sal, einem Felsen im Hafenviertel, dort, wo die ersten freien Sklaven siedelten, wollte er die viel besuchten \u00f6ffentlichen Sambakonzerte an den Wochenenden verbieten.<\/p>\n<p>Holocaust \u2013 so bezeichnet Merced Guimar\u00e3es das, was den Sklaven in Brasilien widerfuhr. Rund 4,9 Millionen Sklaven wurden im Laufe der Jahrhunderte aus Afrika nach Brasilien verschleppt. Ein Gro\u00dfteil kam am Volongo Kai an Land, nur einen Block vom fr\u00fcheren Friedhof entfernt. Die meisten malochten auf den Zuckerrohrfeldern oder in Kaffeeplantagen. Zum Vergleich: In den USA waren es \u201enur\u201c rund 500.000. Die, die die \u00dcberfahrt nicht \u00fcberlebten und zudem auch noch jung waren, wurden in der heutigen Rua Pedro Ernesto, 32\/34 entsorgt: In L\u00f6cher geworfen, die Knochen gebrochen, verscharrt.<\/p>\n<h4><strong>\u201eBrasilianischer Holocaust\u201c<\/strong><\/h4>\n<p>Die genaue Opferzahl l\u00e4sst sich nur anhand alter Registrierungsb\u00fccher ermitteln und hochrechnen. Ein Buch aus den Jahren 1824-30 listet 6.000 Tote auf. \u201eWir wissen, dass der Friedhof rund 60 Jahre existierte\u201c, sagt Merced Guimaraes. 6.000 Tote in einem Buch, 1000 pro Jahr \u2013 w\u00e4re der Friedhof immer so genutzt wurde hie\u00dfe das, im Untergrund der rund 1000 Quadratmeter gro\u00dfen Fl\u00e4che l\u00e4gen die sterblichen \u00dcberreste von 60.000 Sklaven. \u201eGehen wir mal von gut der H\u00e4lfte aus\u201c, sagt Guimaraes. Nicht nur deshalb spricht sie, was das Schicksal der Sklaven in Brasilien betrifft, ganz bewusst von einem Holocaust. M\u00fcsste das Museum schlie\u00dfen, w\u00fcrde ein Teil der Erinnerung daran ausgel\u00f6scht.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-603895\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/P1110248-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"775\" height=\"581\" \/><\/p>\n<p>Brasilien hat kein ungetr\u00fcbtes Verh\u00e4ltnis zu diesem Teil seiner Geschichte. Erst 1888, sp\u00e4ter als jedes andere Land in Amerika, schaffte man die Sklaverei ab. Prinzessin Isabel unterschrieb das Dekret in Vertretung ihres kranken Vaters Dom Pedro II. Damit verschwand die Sklaverei jedoch nicht aus Brasilien.<\/p>\n<h4><strong>Sklaverei noch immer allt\u00e4glich in Brasilien<\/strong><\/h4>\n<p>Bis zum heutigen Tag m\u00fcssen Menschen etwa in der Landwirtschaft wie Sklaven schuften. Recherchen von Journalisten enth\u00fcllten k\u00fcrzlich Verstrickungen des Autokonzerns VW und dessen gro\u00dfen Rinderfarmen in den 1950er und 60er-Jahren. Die \u00f6sterreichische Organisation Global 2000 und die christliche Initiative Romero beschrieben 2015 in der Studie mit dem Titel \u201eAusgepresst\u201c die Arbeitsbedingungen rund um die Orangensaft-Produktion im Bundesstaat Sao Paulo: Niedrigste L\u00f6hne, keinerlei Rechte, Produktivit\u00e4tsdruck, extreme Arbeitszeiten, kaum oder gar kein Arbeitsschutz. Kurz: Wer sich den Regeln nicht unterwirft, verliert seinen Job und damit seine Existenz. Grundlage der Studie waren Gespr\u00e4che mit Arbeitern, Gewerkschaftern und Anw\u00e4lten, die Arbeiter vertreten. Die Orangenindustrie ist beileibe nicht der einzige Wirtschaftszweig, mit derlei Praktiken.<\/p>\n<p>Lange galt Brasilien als fortschrittlich in der Bek\u00e4mpfung von Sklavenarbeit. Seit einem 1995 erlassenen Gesetz konnten 50.000 Arbeiter befreit werden. Seit Oktober ist das anders. Grund ist eine neue Rechtsverordnung, die nicht nur den Begriff der Sklavenarbeit verw\u00e4ssert und die Beweislast erschwert. Au\u00dferdem regelt die Verordnung, dass eine \u201e<strong>Schwarze Liste\u201c (Lista Suja)<\/strong> mit \u00fcberf\u00fchrten Sklavenhalter nicht mehr ver\u00f6ffentlicht werden muss. Darin vermerkte Betriebe wurden bisher sanktioniert, waren beispielsweise von staatlichen Darlehensprogrammen ausgeschlossen. Zudem soll k\u00fcnftig der Arbeitsminister selbst entscheiden d\u00fcrfen, ob die Liste ver\u00f6ffentlicht wird, oder nicht.<\/p>\n<p>Politische Kritiker sehen in der Verordnung einen Kniefall vor der \u201eBancada ruralista\u201c, der politischen Agrarlobby in Brasilia. Ihre Unterst\u00fctzung war wichtig f\u00fcr Pr\u00e4sident Michel Temer, der diesen Sommer zwei Mal kurz hintereinander durch eine Parlamentsabstimmung einem strafrechtlichen Ermittlungsverfahren entkam. Fast jeder dritte Abgeordnete kommt direkt aus diesem Wirtschaftszweig.<\/p>\n<p><strong>Zufallsfund im Hafenviertel<\/strong><\/p>\n<p>Andr\u00e9 Esposito Roston, Pr\u00e4sident der staatlichen Beh\u00f6rde zur Bek\u00e4mpfung der Sklavenarbeit (Detrae) sieht darin \u201enicht nur einen Flirt mit der Vergangenheit, sondern eine R\u00fcckkehr zu den Wurzeln eines Brasiliens, gegr\u00fcndet auf der Schmach der Sklaverei\u201c. Antonio Rosa, Vertreter der Weltarbeitsorganisation ILO in Brasilien: \u201eBrasilien verliert die Vorbildfunktion f\u00fcr die Bek\u00e4mpfung der Sklaverei.\u201c Schon Anfang 2017 hatte die Regierung die Ver\u00f6ffentlichung der Schwarzen Liste blockiert und daf\u00fcr eine Anzeige beim Menschenrechtsrat der UN hinnehmen m\u00fcssen. Ende 2016 war Brasilien als erstes Land \u00fcberhaupt vor dem Internationalen Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte zu Schadenersatzzahlungen an Zwangsarbeiter verurteilt worden.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-603904\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/P1110273-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"720\" height=\"540\" \/><\/p>\n<p>Die systematische \u00f6ffentliche Aufarbeitung der brasilianischen Sklaverei findet kaum statt und wenn, wie im Falle der <strong>Kais von Volongo<\/strong> (Foto, oben) eher per Zufall. Im Zuge der Stadterneuerung stie\u00df man im Stadtteil <strong>Gamb\u00f4a<\/strong> 2011 auf die \u00dcberreste der Hafenmauer. Ein Teil wurde freigelegt und mit Infotafeln versehen. Nun will die<strong> Unesco<\/strong> dieses Areal zum Welterbe machen. Die Erinnerung wach zu halten bleibt dann nur privaten Stiftungen wie die, f\u00fcr die sich Merced Guimar\u00e3es engagiert, vorbehalten. Ideen oder Pl\u00e4ne f\u00fcr zentrale Gedenkst\u00e4tte oder ein Mahnmal an prominenter Stelle in Rio gibt es bislang nicht.<\/p>\n<p>Dass es durchaus ginge, zeigt an anderes Beispiel. Im Juli legte B\u00fcrgermeister Crivella auf <a href=\"http:\/\/www.juedische-allgemeine.de\/article\/view\/id\/28148\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Morro do Pasmado der Grundstein f\u00fcr ein geplantes Holocaust-Mahnmal<\/a>. Brasilien war zwar auf Dr\u00e4ngen der USA im August 1942 auf Seiten der Alliierten in den Zweiten Weltkrieg eingetreten, Juden wurden in Brasilien aber keine verfolgt. 7-8 Millionen Reais (2,2 Mio. Euro) soll das Memorial nach Sch\u00e4tzungen mindestens kosten. Mit dem Geld k\u00f6nnte Merced Guimar\u00e3es in ihrem kleinen Museum 100 Jahre die Personalkosten decken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Museum \u201eCemeterio Pretos Novos\u201c ist das einzige seiner Art in ganz Amerika. Auf seinem Grundst\u00fcck liegen bis zu 30.000 Sklaven begraben. Junge Sklaven, frisch in Brasilien angekommen, die \u201epretos novos\u201c, die neuen Schwarzen. 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