{"id":570194,"date":"2017-12-11T13:55:03","date_gmt":"2017-12-11T13:55:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=570194\/"},"modified":"2017-12-12T13:32:49","modified_gmt":"2017-12-12T13:32:49","slug":"katalonien-der-elefant-im-raum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2017\/12\/katalonien-der-elefant-im-raum\/","title":{"rendered":"Katalonien, der \u201eElefant im Raum\u201c?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Zehntausende von Katalanen und Katalaninnen reisten letzte Woche mit allen verf\u00fcgbaren Transportmitteln ins Herz von Europa, um vor den EU-Institutionen f\u00fcr \u201eDemokratie und Freiheit\u201c zu demonstrieren. Die beiden gr\u00f6\u00dften B\u00fcrgerbewegungen, die sich f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit einsetzen, die <em>Assemblea Nacional Catalana<\/em> (ANC) und <em>\u00d2mnium Cultural<\/em>, hatten f\u00fcr den 7.\u00a0Dezember zur Kundgebung \u201eWake up, Europe\u201c in Br\u00fcssel aufgerufen. Laut Br\u00fcsseler Stadtpolizei nahmen mindestens 45.000 Menschen teil, die belgische Bundespolizei korrigierte die Zahl sp\u00e4ter nach oben, auf 65.000 Teilnehmer.<\/strong><\/p>\n<p>Schon Wochen vor dem Termin waren die meisten Direktverbindungen in die europ\u00e4ische Hauptstadt ausgebucht, f\u00fcr Resttickets musste man tief in die Tasche greifen. Die Organisatoren hatten zus\u00e4tzlich 250 Busse sowie mehrere Flugzeuge angeheuert, die von Zweitflugh\u00e4fen wie Girona oder Reus starteten. Da die Preise der Br\u00fcsseler Hotels in schwindelerregende H\u00f6he geschnellt waren, fuhren viele Familien die insgesamt fast 3000 Kilometer mit dem Wohnmobil und \u00fcbernachteten auf \u00f6ffentlichen Parkpl\u00e4tzen. Die weitgereisten Demonstranten erhielten auch Unterst\u00fctzung durch zahlreiche Flamen, die hunderte von katalanischen Familien bei sich aufnahmen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-570207\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/IMG_6184-720x540.jpg\" alt=\"\" width=\"720\" height=\"540\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/IMG_6184-720x540.jpg 720w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/IMG_6184-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/IMG_6184-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/IMG_6184.jpg 1500w\" sizes=\"auto, (max-width: 720px) 100vw, 720px\" \/><\/p>\n<p>Bereits auf der Hinfahrt stie\u00df man immer wieder auf mit Unabh\u00e4ngigkeitsflaggen dekorierte Fahrzeuge. Auf einem Rastplatz in der N\u00e4he von Compi\u00e8gne trafen wir auf dreizehn Mitglieder einer Gro\u00dffamilie aus der N\u00e4he von Girona. Sie hatten einen Kleinbus gemietet und waren die ganze Nacht durchgefahren. Auf die Frage, warum sie sich mit so vielen kleinen Kindern auf den langen Weg nach Br\u00fcssel machten, antwortete Vater Joan: \u201eVielleicht h\u00f6rt uns dort ja jemand zu\u201c.<\/p>\n<p>Dabei scheinen sich die Demonstranten nicht ausschlie\u00dflich an EU-Institutionen richten zu wollen. Nicht alle Bef\u00fcrworter der Unabh\u00e4ngigkeit verstehen, warum die katalanischen Politiker am Tag der Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung sang- und klanglos das Parlament verlie\u00dfen oder viele Pro-Unabh\u00e4ngigkeits-Politiker inzwischen die Zwangsverwaltung durch Madrid anerkannt haben. Auch im derzeitigen Wahlkampf in Katalonien haben einige dieser Politiker bereits angedeutet, eine einseitige Unabh\u00e4ngigkeit sei nach den j\u00fcngsten Ereignissen nicht m\u00f6glich. Viele Bef\u00fcrworter weigern sich jedoch, das zu akzeptieren, denn dass Spanien in keiner Weise verhandlungsbereit ist, hat sich klar gezeigt. \u201eAm Ende m\u00fcssen die B\u00fcrger wie immer die Dinge selbst in die Hand nehmen\u201c beschwert sich Jordi, ein Katalane, der ebenfalls nach Br\u00fcssel unterwegs war und sich aktiv f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit in den sogenannten Komitees f\u00fcr die Verteidigung der Republik (CDRs) einsetzt. \u201eSolange wir uns als B\u00fcrger mobilisieren, sind wir auf dem richtigen Weg. Wir haben letztlich nur einander, auf unsere Politiker ist auch kein Verlass mehr\u201c, meint er.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-570270\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/P1000718-720x425.jpg\" alt=\"\" width=\"720\" height=\"425\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/P1000718-720x425.jpg 720w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/P1000718-300x177.jpg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/P1000718-768x454.jpg 768w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/P1000718.jpg 1486w\" sizes=\"auto, (max-width: 720px) 100vw, 720px\" \/><\/p>\n<h4><strong>Riesendemo ohne Zwischenf\u00e4lle <\/strong><\/h4>\n<p>Der Tag der Demo begann mit niedrigen Temperaturen und einem konstanten Nieselregen. Treffpunkt war der Parc du Cinquantenaire, der wenige Meter von den europ\u00e4ischen Institutionen entfernt liegt. Schon lange vor dem offiziellen Beginn hatten sich tausende von Menschen eingefunden. Sie sangen katalanische Lieder und skandierten \u201eUnabh\u00e4ngigkeit\u201c und \u201eFreiheit\u201c. Dabei wurde ein K\u00e4fig mit einem jungen Mann in Handschellen durch die Menge geschoben. Ein gro\u00dfes Schild an der improvisierten Gef\u00e4ngniszelle signalisierte \u201eSolidarit\u00e4t mit den politischen Gefangenen\u201c. Diese Aktion sollte auf die noch immer inhaftierten Politiker und Aktivisten aufmerksam machen, darunter die Vorsitzenden der ANC und \u00d2mnium Cultural, Jordi S\u00e1nchez und Jordi Cuixart. Jordi S\u00e0nchez hat inzwischen seinen Vorsitz zugunsten seiner Kandidatur f\u00fcr die kommenden Regionalwahlen am 21.\u00a0Dezember aufgegeben. Dennoch hat der Richter Pablo Llarena seinem Gesuch auf Freilassung aus der Untersuchungshaft, um sein Recht auf die Teilnahme am Wahlkampf auszu\u00fcben, nicht stattgegeben. Die Begr\u00fcndung: Es best\u00fcnde das Risiko, dass die Freilassung der beiden Vertreter der bisher durchg\u00e4ngig friedlichen B\u00fcrgerbewegung zu einer \u201eExplosion von Gewalt\u201c f\u00fchren k\u00f6nnte.<\/p>\n<div id=\"attachment_570225\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-570225\" class=\"wp-image-570225 size-large\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/IMG_6221-720x540.jpg\" alt=\"\" width=\"720\" height=\"540\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/IMG_6221-720x540.jpg 720w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/IMG_6221-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/IMG_6221-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/IMG_6221.jpg 1500w\" sizes=\"auto, (max-width: 720px) 100vw, 720px\" \/><p id=\"caption-attachment-570225\" class=\"wp-caption-text\">Eine ganze Familie aus der N\u00e4he von Girona reiste f\u00fcr die Demonstration nach Br\u00fcssel.<\/p><\/div>\n<p>Solcherlei Aussagen wirken besonders widerspr\u00fcchlich, wenn man sieht, wie zivilisiert und familienfreundlich die Gro\u00dfdemonstrationen der Bef\u00fcrworter verlaufen, obwohl die Emp\u00f6rung der Menschen auf ihren Staat deutlich sp\u00fcrbar ist. \u201eWir sind hier, um unsere demokratischen B\u00fcrgerrechte, die auch Rechte aller EU-B\u00fcrger sind, einzufordern,\u201c sagte Ferran Civit, ein junger Mann, der in der letzten Legislaturperiode f\u00fcr die <em>Esquerra Republicana de Catalunya<\/em>, die Linksrepublikaner, im katalanischen Parlament sa\u00df. \u201eWir haben politische Gefangene, und das im Jahr 2017\u201c f\u00fcgte ein anderer junger Mann hinzu. Er und seine Freunde waren angereist, um Europa zu zeigen, dass man so etwas nicht mit EU-B\u00fcrgern machen k\u00f6nne. \u201eDaf\u00fcr ist Br\u00fcssel der beste Ort. Wo sollen wir sonst hingehen, wenn uns der eigene Staat nicht zuh\u00f6rt?\u201c, fragte er. Auch Marta Rovira, Spitzenkandidatin der katalanischen Linksrepublikaner, war vor Ort, um ihren \u201erechtm\u00e4\u00dfigen Pr\u00e4sidenten Puigdemont\u201c zu unterst\u00fctzen. \u201eWir sind ins Herz Europas gekommen, weil wir europ\u00e4ische B\u00fcrger sind und an ein Europa glauben, in dem man nicht wegschaut, wenn ein Staat Gewalt gegen seine B\u00fcrger einsetzt und ihre Grundrechte verletzt. Deshalb fordern wir Unterst\u00fctzung\u201c, sagte Rovira.<\/p>\n<h4><strong>Madrid gie\u00dft weiter \u00d6l ins Feuer <\/strong><\/h4>\n<p>Der Erfolg des \u201enormalisierenden\u201c Effekts, mit dem Mariano Rajoy die Anwendung der derzeitigen Zwangsverwaltung in Katalonien zu rechtfertigen versucht, ist tats\u00e4chlich fragw\u00fcrdig. Man muss nur erleben, wie der entmachtete katalanische Pr\u00e4sident Puigdemont in Br\u00fcssel von den Menschen gefeiert wurde. Mit einem besonders gro\u00dfen gelben Schal (die Farbe Gelb steht f\u00fcr Solidarit\u00e4t mit den Inhaftierten) bahnte sich der \u201ePr\u00e4sident im Exil\u201c wie ein Rockstar seinen Weg an die Spitze der Demonstration. Tausende skandierten einstimmig und ohrenbet\u00e4ubend \u201ePuigdemont ist unser Pr\u00e4sident\u201c. Tats\u00e4chlich w\u00fcrde er nach neuesten Umfragen bei einer Direktwahl die meisten Stimmen bekommen, fast 30 Prozent. Dass seine Partei f\u00fcr enorme Einschnitte im Bildungsbereich und die Privatisierung des Gesundheitswesens verantwortlich war und lange Zeit von der linksradikalen CUP deshalb sehr kritisch gesehen wurde, tritt in den Hintergrund, wenn es darum geht, die W\u00fcrde eines gedem\u00fctigten Volkes zu verteidigen. Immer wieder hat Kastilien im Laufe der j\u00fcngsten Geschichte gewaltsam in die Geschicke der katalanischen Institutionen eingegriffen. Seit der kollektiven Erfahrung der Polizeigewalt w\u00e4hrend des Referendums am 1.\u00a0Oktober sind die alten Wunden wieder offen. \u201eWir sind hier, um unsere Unabh\u00e4ngigkeit zu fordern. Wir sind es leid, nicht ernstgenommen zu werden. Wir k\u00f6nnen einfach nicht mehr\u201c, klagt Rosa, eine Dame mittleren Alters, die aus dem K\u00fcstenort Blanes angereist ist. Und f\u00fcgt aus tiefster Inbrunst auf Deutsch hinzu: \u201eDer spanische Staat ist Sch&#8230;\u201c.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-570261\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/IMG_E6331-720x568.jpg\" alt=\"\" width=\"720\" height=\"568\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/IMG_E6331-720x568.jpg 720w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/IMG_E6331-300x237.jpg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/IMG_E6331-768x606.jpg 768w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/IMG_E6331.jpg 1500w\" sizes=\"auto, (max-width: 720px) 100vw, 720px\" \/><\/p>\n<h4><strong>Wahlkampfevent oder Hilferuf?<\/strong><\/h4>\n<p>Die Reaktion der spanischen Regierung auf die Demo in Br\u00fcssel lie\u00df nicht auf sich warten. Die Vizepr\u00e4sidentin und derzeit kommissarisch eingesetzte Regierungschefin in Katalonien, Soraya S\u00e1enz de Santamar\u00eda, erinnerte die Katalanen mit einem trockenen Kommentar daran, dass diese nur dank ihres spanischen Passes in Br\u00fcssel demonstrieren k\u00f6nnten. Die spanische Presse sprach u.a. von einer \u201eDemo des Hasses\u201c.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Unabh\u00e4ngigkeitsblock war die hohe Mobilisierung in Br\u00fcssel ein wichtiger Erfolg im Wahlkampf zu den Regionalwahlen. Obwohl die Wahlen sowohl von der linken Partei <em>En Com\u00fa Podem<\/em> als auch dem Unabh\u00e4ngigkeitsblock als undemokratisch gesehen werden \u2013 da von Madrid aufgezwungen \u2013, rufen die Parteien zu einer hohen Beteiligung auf. Es ginge \u201eentweder um Freiheit oder die Zwangsverwaltung durch Artikel 155\u201c. Die Umfragen lassen ein knappes Rennen um die absolute Mehrheit zwischen beiden Lagern vermuten, mit <em>En Com\u00fa Podem<\/em> als Z\u00fcnglein an der Waage. Im Unabh\u00e4ngigkeitsblock holt Puigdemonts Plattform <em>Junts per Catalunya<\/em> gerade die bisherige Favoritin, <em>Esquerra Republicana de Catalunya<\/em> (ERC), ein. Dabei bleiben viele praktische Fragen offen, zum Beispiel wie Puigdemont bei einer Wiederwahl sein Amt antreten w\u00fcrde, denn der Haftbefehl gegen ihn gilt in ganz Spanien. Nachdem Carles Mund\u00f3, abgesetzter Justizminister und Kandidat der Linksrepublikaner (ERC), \u00f6ffentlich nach einem Alternativkandidaten gefragt hatte, deuteten Mitglieder von <em>Junts per Catalunya<\/em> an, bei einem klaren Wahlsieg w\u00fcrde Puigdemont trotz Haftbefehls nach Katalonien zur\u00fcckkommen und \u201eden spanischen Staat herausfordern\u201c.<\/p>\n<div id=\"attachment_570279\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-570279\" class=\"wp-image-570279 size-large\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/P1000735-720x480.jpg\" alt=\"\" width=\"720\" height=\"480\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/P1000735-720x480.jpg 720w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/P1000735-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/P1000735-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/P1000735.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 720px) 100vw, 720px\" \/><p id=\"caption-attachment-570279\" class=\"wp-caption-text\"><em>Freiheit f\u00fcr die politischen Gefangenen.<\/em><\/p><\/div>\n<p>Wie ihm drohen einigen der Spitzenkandidaten insgesamt bis zu 55 Jahren Haft f\u00fcr mutma\u00dfliche Straftaten wie Rebellion, Aufstand und Veruntreuung \u00f6ffentlicher Gelder. Der Richter am Obersten Gericht, Pablo Llarena, will zeigen, dass alle untersuchten Exminister und die Aktivisten wie eine kriminelle Organisation gehandelt h\u00e4tten, und damit eine besondere Schwere des Strafbestands nachweisen. Nach Angaben des Anwalts der ehemaligen Parlamentspr\u00e4sidentin, Carme Forcadell, dem Strafrechtler Andreu van den Eynde, beobachte man eine \u201ebesorgniserregende systematische gerichtliche Verfolgung der Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung seit Monaten und auf allen Ebenen\u201c. Mindestens drei verschiedene Gerichte, das Provinzgericht von Barcelona, das Hohe Gericht von Katalonien und das Hohe spanische Gericht haben Strafverfahren gegen die Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung eingeleitet. Davon sind nicht nur die Exminister und Regierungsbeamte sondern auch Stadtr\u00e4te, B\u00fcrgermeister, Schullehrer, einfache B\u00fcrger und Mitglieder der Regionalpolizei, den <em>Mossos d\u2019Esquadra<\/em>, betroffen. Dass sich diese Offensive nach den von Madrid diktierten Wahlen \u00e4ndern k\u00f6nnte, halten die meisten Unabh\u00e4ngigkeitsbef\u00fcrworter f\u00fcr unwahrscheinlich.<\/p>\n<p>Deshalb war die Mobilisierung im Herzen Europas f\u00fcr sie auch wichtig. Es geht nicht nur um Unabh\u00e4ngigkeit. Man bef\u00fcrchtet, dass ohne internationale Beobachtung die Regierungspartei von Mariano Rajoy mit Unterst\u00fctzung der pro-spanischen Partei <em>Ciutadanos<\/em> die Gelegenheit nutzen wird, die Folgen der jetzigen Zwangsverwaltung auch nach den Wahlen institutionell zu verfestigen. Dazu z\u00e4hlt auch, die politische Meinungsfreiheit langfristig einzuschr\u00e4nken wie es zurzeit durch Eingriffe in katalanische \u00f6ffentlich-rechtliche Medien geschieht. Auch die Verwendung des Katalanischen als Schulsprache steht im Wahlkampf der pro-spanischen Parteien erneut unter Beschuss, was f\u00fcr das Unabh\u00e4ngigkeitslager ein besonders sensibles Thema ist. Doch aus Spanien kommt auch Kritik. Mehr als eintausend spanische Juraprofessoren haben bereits in einem Manifest die Zwangsma\u00dfnahmen, die von der spanischen Regierung und dem vom Partido Popular dominierten Senat in Katalonien getroffen wurden, scharf kritisiert, weil sie nach Meinung der Rechtsexperten \u00fcber den Rahmen des Artikels 155 hinausgehen und verfassungswidrig seien. Zudem f\u00fcrchten vor allem auch linke Parteien, dass mit der derzeitigen Auslegung dieses Artikels 155 die \u201eB\u00fcchse der Pandora\u201c ge\u00f6ffnet und in Zukunft willk\u00fcrliche Rezentralisierungsma\u00dfnahmen auch in anderen Teilen Spaniens m\u00f6glich gemacht werden.<\/p>\n<h4><strong>Katalonien ist \u201eder Elefant im Raum\u201c<\/strong><\/h4>\n<p>\u201eWenn die Jordis und Mitglieder der katalanischen Regierung inhaftiert oder im Exil sind, w\u00e4hrend das offizielle Europa Rajoy mit seiner Unterdr\u00fcckung den R\u00fccken st\u00e4rkt, dann passieren so wunderbare Dinge wie heute: Statt uns von Europa zu entfernen, kommen wir ins Herz Europas\u201c, sagte ein hoch motivierter Puigdemont vor seinen zehntausenden von Unterst\u00fctzern bei der Demo in Br\u00fcssel. Allerdings konnte sich der Beobachter des Eindrucks nicht erwehren, dass im Gegensatz zu den Gro\u00dfdemonstrationen in Katalonien zwischen 2010 und 2016 auf der gesamten Br\u00fcsseler Kundgebung kaum eine Europafahne zu sehen war, und wenn, dann vor allem mit einem kritischen Kommentar wie \u201eShame on Europe\u201c versehen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-570243\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/IMG_6319-720x489.jpg\" alt=\"\" width=\"720\" height=\"489\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/IMG_6319-720x489.jpg 720w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/IMG_6319-300x204.jpg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/IMG_6319-768x522.jpg 768w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/IMG_6319.jpg 1488w\" sizes=\"auto, (max-width: 720px) 100vw, 720px\" \/><\/p>\n<p>Ob Europa tats\u00e4chlich aufwacht? Sander Loones, Vizepr\u00e4sident der belgischen Regierungspartei N-VA und Mitglied des Europaparlaments ist skeptisch: \u201eIch kann nicht glauben, dass Herr Juncker sagt, Katalonien sei eine interne Angelegenheit, es geht uns alle etwas an. Leider glaube ich nicht, dass diese Demonstration etwas n\u00fctzt. Die Katalanen sind sehr proeurop\u00e4isch, aber angesichts der Stille der EU werden sie sich vielleicht von Europa abwenden\u201c. Steven Vergauwen, Flame und Sekret\u00e4r der Internationalen Bewegung Europ\u00e4ischer B\u00fcrger (ICEC) findet deshalb die Zusammenarbeit auf B\u00fcrgerebene besonders wichtig: \u201eWir haben viele Katalanen diese Tage bei uns aufgenommen. Es ist wichtig, miteinander zu reden. Das macht Europa aus.\u201c Dennoch sehen andere Belgier die Situation kritischer: \u201eIch habe die Situation verfolgt. Ich wei\u00df nicht, ob die Katalanen unterdr\u00fcckt werden. Aber ich denke, dass das europ\u00e4ische Projekt auf der Einheit basiert. Spanien sollte vereint bleiben\u201c, sagt Ulrika, eine Gesch\u00e4ftsfrau, die die Demonstration aus der Ferne beobachtete. Frans Timmermans, Vizepr\u00e4sident der EU-Kommission und EU-Kommissar f\u00fcr die Grundrechte Charta der EU, erkl\u00e4rte am Tag der Demonstration, die Demokratie k\u00f6nne nie den Rechtsbruch rechtfertigen, hob aber den friedlichen Charakter der Mobilisierung hervor.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich gab es zahlreiche positive Reaktionen aus Br\u00fcssel \u00fcber das zivilisierte und achtsame Verhalten der Demonstranten. Wie nach den Generalstreiks in Katalonien hatte auch die Br\u00fcsseler Stadtreinigung wenig zu tun, da die Katalanen nach der Demo bereits alles aufger\u00e4umt hatten. Bilder von katalanischen Feuerwehrm\u00e4nnern, die im Anschluss an die Demo in Br\u00fcssel zum Blutspenden gingen, machten die Runde. Auf Twitter erkl\u00e4rten sie: \u201eWenn bei uns Blut flie\u00dft, dann nur, um Solidarit\u00e4t zu zeigen.\u201c<\/p>\n<p>Auf Solidarit\u00e4t hoffen nun auch viele Katalanen. Dabei erwarten sie weniger Unterst\u00fctzung vom \u201eKlub der Staaten\u201c, wie die EU inzwischen immer h\u00e4ufiger im Unabh\u00e4ngigkeitsblock bezeichnet wird. Eine schottische Abgeordnete im Ausschuss der Regionen, Mairi Gougeon, kritisierte erst k\u00fcrzlich im <em>The National<\/em> das Schweigen der EU bez\u00fcglich der katalanischen Situation. Katalonien sei zum \u201eElephant in the room\u201c geworden.<\/p>\n<p>Dabei scheinen die EU-Politiker zu \u00fcbersehen, dass immer mehr Menschen aus anderen EU-L\u00e4ndern auch gen Katalonien schauen, und nicht nur Anh\u00e4nger von Unabh\u00e4ngigkeitsbewegungen. \u201eWir sehen in Spanien ein gro\u00dfes Demokratiedefizit\u201c meint besorgt eine Deutsche, die mit einem Reisebus voller Demonstrationsteilnehmer aus K\u00f6ln nach Br\u00fcssel gereist war, um die Katalanen zu unterst\u00fctzen. \u201eEs geht gar nicht mehr um die Unabh\u00e4ngigkeit, sondern um die EU als Wertegemeinschaft. Wenn Europa f\u00fcr seine B\u00fcrger da sein will, ist die katalanische Frage die beste Chance, es zu beweisen\u201c.<\/p>\n<div class=\"post-gallery\">\n\t\t\t<figure class=\"post-gallery-item\">\n\t\t\t\t<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/IMG_6210-720x540.jpg\" loading=\"lazy\">\n\t\t\t\t<figcaption>\n\t\t\t\t\t\n\t\t\t\t<\/figcaption>\n\t\t\t<\/figure>\n\t\t\t<figure class=\"post-gallery-item\">\n\t\t\t\t<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/IMG_6302-720x392.jpg\" loading=\"lazy\">\n\t\t\t\t<figcaption>\n\t\t\t\t\t\n\t\t\t\t<\/figcaption>\n\t\t\t<\/figure>\n\t\t\t<figure class=\"post-gallery-item\">\n\t\t\t\t<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/IMG_6326-720x481.jpg\" loading=\"lazy\">\n\t\t\t\t<figcaption>\n\t\t\t\t\t\n\t\t\t\t<\/figcaption>\n\t\t\t<\/figure>\n\t\t\t<figure class=\"post-gallery-item\">\n\t\t\t\t<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/P1000738-720x480.jpg\" loading=\"lazy\">\n\t\t\t\t<figcaption>\n\t\t\t\t\t\n\t\t\t\t<\/figcaption>\n\t\t\t<\/figure><\/div>\n<p><strong>Fotos von Krystyna Schreiber<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zehntausende von Katalanen und Katalaninnen reisten letzte Woche mit allen verf\u00fcgbaren Transportmitteln ins Herz von Europa, um vor den EU-Institutionen f\u00fcr \u201eDemokratie und Freiheit\u201c zu demonstrieren. 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