{"id":567164,"date":"2017-12-05T14:11:17","date_gmt":"2017-12-05T14:11:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=567164\/"},"modified":"2017-12-05T14:15:04","modified_gmt":"2017-12-05T14:15:04","slug":"wahl-2018-brasilien-scheideweg-extrem-links-oder-rechts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2017\/12\/wahl-2018-brasilien-scheideweg-extrem-links-oder-rechts\/","title":{"rendered":"Wahl 2018: Brasilien am Scheideweg \u2013 extrem links oder rechts?"},"content":{"rendered":"<p><strong>W\u00e4ren Umfragewerte Ergebnisse, w\u00e4re in Brasilien eines klar: Michel Temer w\u00e4re nicht Pr\u00e4sident. Seine Beliebtheitswerte halten sich seit Amtsantritt im Mai 2016 beeindruckend konstant im einstelligen Bereich. Doch ein knappes Jahr hat der Mann noch, der als Vize-Pr\u00e4sident Dilma Rousseffs von deren Amtsenthebung profitierte und seither dem Land einen neoliberalen Anstrich verpasst. <\/strong><\/p>\n<p>Was geht, wird verscherbelt: Flugh\u00e4fen, \u00d6lkonzessionen. Umweltauflagen werden gelockert, Gesetze, die der freien Entfaltung der Marktkr\u00e4fte auch nur ansatzweise im Wege stehen k\u00f6nnten, werden ebenfalls verw\u00e4ssert, gelockert oder ganz abgeschafft. Die Agroindustrie hat ohnehin Narrenfreiheit. Einziges Ziel: Brasilien aus der Rezession holen, koste es, was es wolle.<\/p>\n<p>Doch was ist eigentlich, wenn Temer in einem knappen Jahr zu Ende regiert hat? Nach jetziger Rechtslage darf er nicht erneut kandidieren, sein passives Wahlrecht wurde ihm vor einiger Zeit wegen unerlaubter Wahlkampffinanzierung aberkannt. Zudem warten auf den 77-J\u00e4hrigen noch die beiden Anklagen, die der ausgeschiedene Bundesrichter <strong>Rodrigo Janot<\/strong> kurz vor Ende seiner Amtszeit auf den Weg gebracht hatte. Als amtierender Pr\u00e4sident konnte er im Parlament teure Mehrheiten schmieden, um die Ermittlungen abzuwenden. Den brasilianischen Steuerzahler kostete die Mehrheitsbeschaffung Milliarden, Temer retteten sie den Kopf \u2013 vorerst. Denn genie\u00dft er keine Immunit\u00e4t mehr, ist der Weg f\u00fcr die Ermittler frei. Es wird spannend sein zu beobachten, wie er sich aus dieser Situation zu befreien versucht. Vielleicht bietet ihm sein Amtsnachfolger ja einen Ministerposten an.<\/p>\n<p><strong>Doch wer wird das \u00fcberhaupt sein?<\/strong><\/p>\n<p>Bislang sind einige Namen im Rennen. Allen voran<strong> Luiz In\u00e1cio Lula da Silva<\/strong>, kurz: Lula. Lula war bereits von 2003 bis 2011 Pr\u00e4sident von Brasilien, das unter seiner Regierung auch einen beeindrucken Aufschwung hinlegte. Als Anerkennung f\u00fcr diese Entwicklung durfte Brasilien in wenigen aufeinanderfolgenden Jahren mehrere Gro\u00dfereignisse ausrichten: Die Panamerika Spiele 2007, den Weltjugendtag der Katholischen Kirche, die Fu\u00dfball-WM 2014 und \u2013 als erstes s\u00fcdamerikanisches Land \u00fcberhaupt, die Olympischen Spiele 2016.<\/p>\n<p>Lula hatte eine \u00e4hnliche Biografie hingelegt, wie der polnische Werftschwei\u00dfer Lech Walesa in den 80er-Jahren. Vom Gewerkschafter hatte er es bis ins h\u00f6chste Amt des Landes geschafft. Eine erneute Kandidatur Lulas w\u00e4re seine sechste. Doch der Ex-Pr\u00e4sident hat ein Problem. Im Fr\u00fchjahr 2017 hat ihn ein Gericht zu einer Haftstrafe von gut neun Jahren verurteilt. Zwar l\u00e4uft ein Berufungsverfahren, ob dieses jedoch rechtzeitig vor der Wahl abgeschlossen sein wird ist offen.<\/p>\n<p>D\u00fcrfte Lula allerdings kandidieren, dass h\u00e4tte er gute Aussichten, zumindest die Stichwahl zu erreichen. Bei Umfragen liegt er momentan stets vorne. Vor allem im armen Nordosten des Landes setzt man auf den Kandidaten der Linken, der vor einigen Wochen schon angek\u00fcndigt hat, im Falle eines Wahlsiegs zahlreiche Reformen der Regierung Temer wieder r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen.<\/p>\n<p>Beste Chancen auf den zweiten Platz in der Stichwahl werden derzeit dem rechten Kandidaten <strong>Jair Messias Bolsonaro<\/strong> ausgerechnet. Bolsonaro steigt f\u00fcr die rechtsreligi\u00f6se Partei PSC in den Ring. Eine Vereinigung, durchsetzt mit fundamentalistischen evangelikalen Mitgliedern, Abtreibungs- und Verh\u00fctungsgegnern.<\/p>\n<p>Bolsonaro m\u00fcht sich redlich, sein faschistisches Weltbild bislang im Zaum zu halten und versucht sich und seinem Politikansatz einen liberalen Anstrich zu geben, patzte damit aber k\u00fcrzlich bei einem <a href=\"https:\/\/www.pragmatismopolitico.com.br\/2017\/11\/bolsonaro-entrevista-mariana-godoy-economia.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">TV-Interview und musste sich von der Moderatorin verbessern lassen<\/a>.<\/p>\n<p>Kurz nach dieser Bl\u00f6\u00dfe nahm er sich den Wirtschaftsprofessor <strong>Adolfo Saschida<\/strong> von<a href=\"http:\/\/www.infomoney.com.br\/mercados\/politica\/noticia\/7059100\/bolsonaro-contrata-professor-para-lhe-dar-aulas-economia-basica-diz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> der IPEA als Wirtschaftsnachhilfelehrer unter Vertrag<\/a>. Bislang scheinen jedoch die wenigsten Brasilianer zu wissen, woran sie bei Bolsonaro sind. Er hatte in der Vergangenheit mehrfach offen sein reaktion\u00e4res Weltbild gezeigt, etwa, als er Indigene als Tiere bezeichnete, oder er den Generalen dankte, die Anfang der 70er-Jahre f\u00fcr die Folter der damaligen Guerillak\u00e4mpferin und sp\u00e4teren Pr\u00e4sidentin Dilma Rousseff verantwortlich waren. F\u00fcr das Polit-Journal \u201e<strong>Isto\u00e9<\/strong>\u201c ist Bolsonaro ein Mann mit zwei Gesichtern und titelte: \u201eGefahr, er k\u00f6nnte Pr\u00e4sident werden.\u201c<\/p>\n<p>Fest steht indes, dass Brasilien mit einem m\u00f6glichen Zweikampf Bolsonaro vs. Lula vor einem radikalen Richtungsstreit rechts gegen links steht und damit vor einem noch tieferen gesellschaftlichen Bruch. Beide Kandidaten polarisieren und geben sich unvers\u00f6hnlich. Gem\u00e4\u00dfigtere W\u00e4hler k\u00f6nnten sich aber dennoch eher zu Bolsonaro hingezogen f\u00fchlen, denn sie sehen Lula einerseits als Teil des korrupten politischen Systems, andererseits als Ursache der derzeitigen politischen, gesellschaftlichen und vor allem wirtschaftlichen Probleme.<\/p>\n<div id=\"attachment_567178\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-567178\" class=\"wp-image-567178 \" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/capa2502_ban-147x196.jpg\" alt=\"\" width=\"410\" height=\"547\" \/><p id=\"caption-attachment-567178\" class=\"wp-caption-text\">Luciano Huck als Coverboy.<\/p><\/div>\n<p>Ein anderer \u201eIsto\u00e9\u201c-Cover-Boy hat seinen R\u00fccktritt erkl\u00e4rt, ehe er \u00fcberhaupt so richtig in Fahrt kommen konnte: \u201eDer unglaubliche Huck\u201c lautet der Titel der aktuellen Ausgabe \u2013in Anlehnung an den mit Superkr\u00e4ften gesegneten Comic-Helden Hulk \u2013 \u00a0und zeigt auf dem Titelblatt Luciano Huck, einen schwerreichen Medienmenschen ohne politische Vergangenheit. Huck (<a href=\"https:\/\/istoe.com.br\/o-fenomeno-huck\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">das \u201ePh\u00e4nomen\u201c laut Isto\u00e9<\/a>, so wie seinerzeit Superkicker <strong>Ronaldo<\/strong>) ist popul\u00e4r, seine Shows, wie die brasilianische Ausgabe von \u201eWer wird Million\u00e4r\u201c sind gute Quotenbringer. Huck ist also eine Art brasilianischer <strong>G\u00fcnther Jauch<\/strong>.<\/p>\n<p>Wer ihn warum ins Rennen warf erscheint vage. Erstmals war in einer Ausgabe der Tageszeitung O Globo der Name Huck ins Gespr\u00e4ch gebracht worden. O Globe ist Teil des gr\u00f6\u00dften Medienkonzerns Brasilien, des Rede Globo, f\u00fcr das auch Huck Sendungen moderiert. M\u00f6glich, dass man einen unverbrauchten, frischen Kandidaten ins Rennen schicken wollte \u2013 eine Art brasilianischen <strong>Macron<\/strong> als Gegenentwurf f\u00fcr die durch und durch korrupt erscheinende alteingesessene politische Klasse, f\u00fcr die letztlich auch Lula und Bolsonaro stehen. M\u00f6glich auch, dass der Medienkonzern die Muskeln spielen lassen wollen. Frei nach dem Motto, Pr\u00e4sident wird der, den wir wollen.<\/p>\n<p>Inzwischen, zwei Tage nach dem Isto\u00e9-Titel hat Huck aber bekannt gegeben, nicht f\u00fcr das Pr\u00e4sidentenamt kandidieren zu wollen. Kommentatoren hatten ihm zuvor noch Chancen auf eine Teilnahme in der Stichwahl attestiert.<\/p>\n<p>Er w\u00e4re vermutlich auch sonst schwer zu vermitteln gewesen. Ein TV-Moderator, der ein gro\u00dfes Land wie Brasilien aus der Krise f\u00fchren kann? Das h\u00e4tten ihm wahrscheinlich die wenigsten zugetraut, zumal er sich bislang auch nicht durch gro\u00dfen politischen Sachverstand hervorgetan hatte. Als Mitglied einer reichen Familie w\u00e4re er zudem auch kaum ein geeigneter Kandidat gewesen, um den noch immer \u00fcberwiegenden Anteil der armen Bev\u00f6lkerungsschichten zu repr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p><strong>Hinzu kommen noch einige Kandidaten mit Au\u00dfenseiterchancen.<\/strong><\/p>\n<p>Gerne genannt wird auch der fr\u00fchere Bundesrichter <strong>Joaquim Barbosa<\/strong>. Der kantige farbige Mann gilt als moralisch durchaus integer, meldet sich auch immer mal wieder zu politischen Fragen \u00fcberzeugend zu Wort. Bislang hat er jedoch noch keine Anstalten gemacht, eine Kandidaturabsicht zu best\u00e4tigen.<\/p>\n<p><strong>Marina Silva<\/strong> ist eine Umweltaktivistin, die ebenfalls im erweiterten Kandidatenkreis genannt wird. Unter Lula war sie bereits einige Jahre f\u00fcr dessen Arbeiterpartei PT Umweltministerin, brachte in der Zeit aber nichts Entscheidendes auf den Weg und wurde folglich von Lula wieder aus dem Amt entfernt. Es kam zum Bruch mit der Partei, weshalb sie f\u00fcr ihre Kandidatur eine eigene Partei, Rede, gr\u00fcndete. Marina Silva wei\u00df rhetorisch durchaus zu \u00fcberzeugen. Jedoch argumentiert sie sehr intellektuell und wenig volksnah. Ein Makel jedoch k\u00f6nnte sein, dass sie inhaltlich durch den Umweltschutz zu monothematisch aufgestellt ist. Zudem genie\u00dft das Thema Umweltschutz in weiten Teilen der Bev\u00f6lkerung keine Priorit\u00e4t. Dort besch\u00e4ftigen andere, existenziellere Probleme.<\/p>\n<div id=\"attachment_567187\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-567187\" class=\"wp-image-567187 \" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/capa2486_ban_c1.jpg\" alt=\"\" width=\"411\" height=\"543\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/capa2486_ban_c1.jpg 280w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/capa2486_ban_c1-227x300.jpg 227w\" sizes=\"auto, (max-width: 411px) 100vw, 411px\" \/><p id=\"caption-attachment-567187\" class=\"wp-caption-text\"><em>Isto\u00e9-Cover Joao D\u00f3ria<\/em><\/p><\/div>\n<p>Ein weiterer Name, der immer wieder f\u00e4llt, ist der von <strong>Joao D\u00f3ria<\/strong>. Doria ist ein unternehmerischer Quereinsteiger in die Politik, ein hemds\u00e4rmeliger Typ oft als brasilianischer Donald Trump beschrieben, allerdings mit mehr politischen Sachverstand ausgestattet. Immerhin scheint er den <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/cities\/2017\/nov\/28\/sao-paulo-water-amazon-deforestation\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zusammenhang zwischen Regenwaldabholzung im Amazonas und Trockenheit in Sao Paulo<\/a> erkannt zu haben. Von so viel Erkenntnisgewinn ist Trump freilich Lichtjahre entfernt. Seit Anfang 2017 ist D\u00f3ria B\u00fcrgermeister der wichtigsten Metropole Sao Paulo. Das scheint Qualifikation genug zu sein, ihn ins Rennen um das wichtigste politische Amt zu schicken. Sein Arbeitsstil wirkt populistisch, Bauch gesteuert. Allerdings k\u00f6nnte er der einzige ernst zu nehmende Kandidat sein, den die sozialdemokratische PSDB \u00fcberhaupt ins Rennen schicken kann.<\/p>\n<p>Die \u201e<strong>Tucanos\u201c<\/strong>, so nennt der Volksmund die Partei, stecken zurzeit n\u00e4mlich in einer tiefen innerparteilichen Krise. Der fr\u00fchere Pr\u00e4sidentschaftskandidat <strong>A\u00e9cio Neves<\/strong> ist nach nicht abklingen wollenden Korruptionsvorw\u00fcrfen in der Partei isoliert, pocht aber weiterhin auf eine F\u00fchrungsposition. Auch ein anderer Ex-Kandidat, <strong>Geraldo Alckmin<\/strong> w\u00fcrde kaum als Kandidat taugen. Er war 2006 gegen Lula angetreten und hatte das Kunstst\u00fcck fertiggebracht, in der Stichwahl weniger Stimmen zu gewinnen wie im ersten Wahlgang. Frischeres Material hat die PSDB zurzeit nicht zu bieten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4ren Umfragewerte Ergebnisse, w\u00e4re in Brasilien eines klar: Michel Temer w\u00e4re nicht Pr\u00e4sident. 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