{"id":486316,"date":"2017-07-04T16:08:47","date_gmt":"2017-07-04T15:08:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=486316\/"},"modified":"2017-07-04T16:10:42","modified_gmt":"2017-07-04T15:10:42","slug":"nicht-zu-vergessen-lagarde-schaeuble-und-die-schulden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2017\/07\/nicht-zu-vergessen-lagarde-schaeuble-und-die-schulden\/","title":{"rendered":"Nicht zu vergessen: Lagarde, Sch\u00e4uble und die Schulden"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wenn auf den Titelseiten mal wieder dar\u00fcber berichtet wird, was Lagarde zu Merkel gesagt hat oder was Sch\u00e4uble ihr gesagt hat, ist die gr\u00f6\u00dfte Gefahr, dass wir die Ursache der \u201cGriechenlandrettung\u201d vergessen. <\/strong><\/p>\n<p>Was die Ursache war? Der Bankrott franz\u00f6sischer und deutscher Banken im Jahre 2009.<\/p>\n<p><strong>Wolfgang Sch\u00e4uble<\/strong><\/p>\n<p>Bundeskanzlerin Merkel war au\u00dfer sich, als ihr Anfang 2009 mitgeteilt wurde, dass sie innerhalb von 24 Stunden mehr als 400 Mrd. Euro f\u00fcr die deutschen Banken beschaffen musste, damit die Geldautomaten den Betrieb fortsetzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der Grund? Die Banken hatten viel zu viele ihrer Wetten auf Schulden-Derivate der Wall Street verpatzt. F\u00fcr die konservative und \u201esparsame\u201c Frau Merkel handelte es sich um den politischen Selbstmord schlechthin. \u201eWenigstens ist das Thema erledigt\u201c, muss sie sich gedacht haben. Doch es war nicht erledigt.<\/p>\n<p>Wenige Monate sp\u00e4ter wurde mit weiteren Telefonsalven ein \u00e4hnlich hoher Milliardenbetrag f\u00fcr die gleichen Banken gefordert. Der Grund? Sie hatten 477 Mrd. Euro an Staaten der europ\u00e4ischen Peripherie geliehen, davon 102 Mrd. an Griechenland, das nun nicht in der Lage war, zur\u00fcckzuzahlen.<\/p>\n<p>Zu dieser Zeit hatte Herr Sch\u00e4uble gerade das Amt des Bundesfinanzministers \u00fcbernommen. Prompt erhielt er die ausdr\u00fcckliche Anweisung von Frau Merkel: \u201eFinden Sie eine L\u00f6sung, durch die ich nicht dazu gezwungen bin, vor das Parlament treten zu m\u00fcssen, um nach weiteren hunderten Milliarden f\u00fcr unsere Banken zu verlangen\u201c.<\/p>\n<p>Wie ebenso zu dieser Zeit Jean-Claude Juncker, damals Premierminister Luxemburgs und Vorsitzender der Euro-Gruppe, sp\u00e4ter Pr\u00e4sident der Europ\u00e4ischen Kommission, sagte: \u201cWenn es ernst wird, muss man l\u00fcgen\u201d.<\/p>\n<p>Die L\u00fcge, f\u00fcr die Herr Sch\u00e4uble sich nach Absprache mit seiner franz\u00f6sischen Amtskollegin Christine Lagarde entschied, war, dass der griechische Memorandums-Kredit, dessen Zweck die Rettung ihrer Banken war, eine Geste der Solidarit\u00e4t mit\u2026 den Griechen sei, die, obwohl unw\u00fcrdig und unertr\u00e4glich, noch Mitglieder der europ\u00e4ischen Familie seien und\u2026 gerettet werden m\u00fcssten.<\/p>\n<p><strong>Christine Lagarde<\/strong><\/p>\n<p>Als der griechische Staat Ende 2009 nicht mehr in der Lage war seine Schulden zu bedienen, sahen sich drei franz\u00f6sische Banken mit einem m\u00f6glichen Verlust durch Schulden der Peripherie konfrontiert, die in ihrer H\u00f6he das Doppelte der franz\u00f6sischen Wirtschaft \u00fcbertrafen.<\/p>\n<p>In der Tat offenbaren die Zahlen der \u201eInternationalen\u201c der Zentralbanken, der Bank f\u00fcr Internationalen Zahlungsausgleich (Bank of International Settlements), ein wirklich erschreckendes Bild: diese drei franz\u00f6sischen Banken hatten so viel Geld verliehen und in Wetten investiert, dass sobald nur 3 % ihrer offenen Forderungen \u201eerr\u00f6tet\u201c w\u00e4ren (z.B. durch Bankrott einiger Kreditnehmer und deren daraus hervorgehendem Unverm\u00f6gen, diese 3 % der offenen Forderungen abzuzahlen), eine Rettung durch die franz\u00f6sische Regierung erforderlich gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Ausgedr\u00fcckt in Euro bedeutete das etwas Einfaches: wenn 106 Mrd. Euro der Kredite an die Regierungen der Peripherie, an Haushalte und Unternehmen, nicht abbezahlt worden w\u00e4ren, h\u00e4tte der (finanzwirtschaftlich) bereits ohnehin unter Druck stehende franz\u00f6sische Staat die gro\u00dfen franz\u00f6sischen Banken retten m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Allein die Kredite dieser drei franz\u00f6sischen Banken an die Regierungen Italiens, Spaniens und Portugals entsprachen 34 % der franz\u00f6sischen Wirtschaft \u2013 627 Mrd. Euro um genau zu sein. Dar\u00fcber hinaus hatten diese Banken in den Jahren zuvor Kredite in H\u00f6he von 102 Mrd. Euro an den griechischen Staat vergeben.<\/p>\n<p>Durch einen griechischen Zahlungsausfall w\u00e4ren die Regierungen Italiens, Spaniens und Portugals nicht mehr in der Lage gewesen, ihre Schulden, die sich auf insgesamt etwa 1,76 Bio. Euro beliefen, zu erschwinglichen Zinss\u00e4tzen zu refinanzieren und sie h\u00e4tten Schwierigkeiten bekommen, ihre Kredite bei den drei gr\u00f6\u00dften franz\u00f6sischen Banken zu bedienen. \u00dcber Nacht h\u00e4tten sich die wichtigsten franz\u00f6sischen Banken mit dem Verlust von 19 % ihrer \u201eAktiva\u201c konfrontiert gesehen, w\u00e4hrend ein Verlust in der Gr\u00f6\u00dfenordnung von 3 % bereits f\u00fcr die Zahlungsunf\u00e4higkeit ausgereicht h\u00e4tte.<\/p>\n<p>In diesem Fall h\u00e4tte die franz\u00f6sische Regierung, ebenfalls \u00fcber Nacht, nicht mehr und nicht weniger als 562 Mrd. Euro gebraucht, um diese L\u00fccke zu schlie\u00dfen. Allerdings hatte Frankreich, im Gegensatz zur Bundesregierung der Vereinigten Staaten, die solche Verluste auf ihre Zentralbank (die FED) \u00fcbertragen kann, die eigene Zentralbank im Jahr 2000 aufgel\u00f6st, um die Gemeinschaftsw\u00e4hrung zu \u00fcbernehmen und war nun gezwungen, sich auf die G\u00fcte der gemeinsamen europ\u00e4ischen Zentralbank zu verlassen, der Europ\u00e4ischen Zentralbank.<\/p>\n<p>Jedoch war die EZB leider unter dem ausdr\u00fccklichen Verbot jedweder \u00dcbernahme schlechter griechischer oder italienischer Schulden gegr\u00fcndet worden, ganz gleich ob \u00f6ffentliche oder private. Punkt. Das war Deutschlands Bedingung daf\u00fcr, seine geliebte Mark in Euro umzubenennen, um sie mit jedem Hinz und Kunz Europas zu teilen.<\/p>\n<p>Das ist der Grund f\u00fcr die Panik, die die franz\u00f6sische Finanzministerin Christine Lagarde ergriff. Sie wurde ersucht, mit einem Taschenspielertrick 562 Mrd. Euro aufzutreiben.<\/p>\n<p>Das ist auch der Grund daf\u00fcr, dass sich der damalige Direktor des IWF, Dominique Strauss-Kahn, der seinen Posten dazu nutzen wollte, um zwei Jahre sp\u00e4ter f\u00fcr das Amt des Staatspr\u00e4sidenten Frankreichs zu kandidieren, mit Frau Lagarde verb\u00fcndete, sodass ein Rettungspaket f\u00fcr die franz\u00f6sischen Banken gesichert wird. Andernfalls w\u00e4ren die 1,29 Bio. Euro Schulden der franz\u00f6sischen Regierung innerhalb von Sekunden \u201eerr\u00f6tet\u201c und der Euro h\u00e4tte aufgeh\u00f6rt zu existieren.<\/p>\n<p><strong>Lagarde und Sch\u00e4uble<\/strong><\/p>\n<p>Um das Problem mit den franz\u00f6sischen und deutschen Banken zu \u00fcberwinden, planten also Lagarde und Sch\u00e4uble gemeinsam, mit loyaler Unterst\u00fctzung durch Strauss-Kahn, die Beleihung des griechischen Staates mit einem gigantischen Betrag, mit dem die franz\u00f6sischen und deutschen Banken ausbezahlt werden sollten.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus sollte der Gro\u00dfteil der Kredite aus Europa nicht aus den Kassen der EU selbst kommen, sondern in Form einer Reihe von bilateralen Krediten, d.h. von Deutschland an Griechenland, von Irland an Griechenland, von Slowenien an Griechenland usw., und zwar so, dass die H\u00f6he jedes bilateralen Kredits der Wirtschaftskraft des jeweiligen Kreditgebers entspricht \u2013 eine merkw\u00fcrdige Umsetzung von Karl Marx\u2019 Grundsatz: \u201eJeder nach seinen F\u00e4higkeiten, jedem nach seinen Bed\u00fcrfnissen\u201c.<\/p>\n<p>Von 1.000 Euro also, die an Athen gegeben werden sollten, um letztlich an die franz\u00f6sischen und deutschen Banken weitergegeben zu werden, b\u00fcrgte Deutschland f\u00fcr 270 und Frankreich f\u00fcr 200, w\u00e4hrend die kleineren und wirtschaftlich schw\u00e4cheren Staaten die B\u00fcrgschaft f\u00fcr die \u00fcbrigen 530 Euro \u00fcbernahmen.<a href=\"https:\/\/diem25.org\/nicht-zu-vergessen-lagarde-schauble-und-die-schulden\/#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Das war das Sch\u00f6ne an der \u201eRettung\u201c Griechenlands, zumindest aus der Sicht Frankreichs und Deutschlands: Die gr\u00f6\u00dfte Last f\u00fcr die Rettung der franz\u00f6sischen und deutschen Banken wurde auf die Schultern von Steuerzahlern aus L\u00e4ndern abgelegt, die noch \u00e4rmer als Griechenland waren, wie z.B. Portugal und die Slowakei.<\/p>\n<p>So in etwa kam es, dass die \u00c4rmsten Europas uns Griechen \u201ehassten\u201c, w\u00e4hrend uns der reiche Norden beschimpfte. So in etwa kam es, dass Europ\u00e4er sich wegen franz\u00f6sischer und deutscher Banker gegeneinander wendeten.<\/p>\n<p><strong>Operation \u201eAbsto\u00dfung\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Als die Rettungskredite im griechischen Finanzministerium zusammengeflossen waren, begann die Operation \u201eAbsto\u00dfung\u201c. Bereits Oktober 2011 hatte sich die Exposition deutscher Banken in griechischen Staatsschulden eindrucksvoll von 91,4 Mrd. Euro auf 27,8 Mrd. verringert. F\u00fcnf Monate sp\u00e4ter, im M\u00e4rz 2012, war sie auf unter 795 Mio. gefallen.<\/p>\n<p>In der Zwischenzeit stie\u00dfen franz\u00f6sische Banken noch schneller ab: im September 2011 waren 63,6 Mrd. Euro von griechischen Staatsanleihen befreit und im Dezember 2012 waren ihre B\u00fccher letztlich von solchen Staatsanleihen \u201eges\u00e4ubert\u201c. Die gesamte Operation war also in weniger als zwei Jahren abgeschlossen. Das war der wahre Grund f\u00fcr die griechische \u201eRettung\u201c.<\/p>\n<p><strong>Epilog<\/strong><\/p>\n<p>Waren Christine Lagarde und Wolfgang Sch\u00e4uble so naiv zu hoffen, dass der bankrotte griechische Staat dieses Geld zur\u00fcckzahlen w\u00fcrde und das sogar mit Zinsen? Nat\u00fcrlich nicht. Sie machten sich da keine Illusionen.<\/p>\n<p>Sie wussten, dass das, was sie taten, nichts anderes war als eine zynische \u00dcbertragung von Verlusten aus den B\u00fcchern franz\u00f6sischer und deutscher Banken auf die Schultern der schw\u00e4chsten Steuerzahler Europas. Sie wussten und wissen, dass es einen Schuldenschnitt f\u00fcr Griechenland geben wird.<\/p>\n<p>Allerdings w\u00e4re der Schuldenschnitt gleichbedeutend mit einem Eingest\u00e4ndnis gegen\u00fcber Verwaltungsgremien und Parlamenten, dass sie jahrelang gelogen haben. Daher werden sie den Schuldenschnitt \u201eso lange sie k\u00f6nnen\u201c verweigern, wobei jede Verz\u00f6gerung zur Ver\u00f6dung Griechenlands beitr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Wie lange die Dauer von \u201eso lange sie k\u00f6nnen\u201c ist? Solange wir Griechen diese Wische unterschreiben, die man uns in der Euro-Gruppe vorlegt und damit im Wesentlichen die Ver\u00f6dung unseres Landes mitunterschreiben.<\/p>\n<p>Gibt es einen anderen Weg f\u00fcr Griechenland? Ja. DiEM25 schl\u00e4gt <a href=\"https:\/\/diem25.org\/konstruktiven-ungehorsam\/\">Konstruktiven Ungehorsam<\/a> in Form des \u201c<a href=\"https:\/\/diem25.org\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/170614_DiEM25_NewDealforGreece_EN.pdf\">Greek New Deal<\/a>\u201d vor.<\/p>\n<p><em>Artikel von Yanis Varoufakis, Original erschienen <a href=\"http:\/\/www.efsyn.gr\/arthro\/lagkarnt-soimple-kai-hreos-gia-na-min-xehniomaste\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">auf Griechisch in EfSyn<\/a>. \u00dcbersetzung aus dem Griechischen von Ilias Grigoriadis.<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"https:\/\/diem25.org\/nicht-zu-vergessen-lagarde-schauble-und-die-schulden\/#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Diese Zahlen spiegeln die Tatsache wider, dass Deutschland ca. 27 Prozent des Gesamteinkommens der Eurozone repr\u00e4sentierte, Frankreich ca. 20 Prozent usw.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn auf den Titelseiten mal wieder dar\u00fcber berichtet wird, was Lagarde zu Merkel gesagt hat oder was Sch\u00e4uble ihr gesagt hat, ist die gr\u00f6\u00dfte Gefahr, dass wir die Ursache der \u201cGriechenlandrettung\u201d vergessen. 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