{"id":476617,"date":"2017-06-11T13:32:14","date_gmt":"2017-06-11T12:32:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=476617\/"},"modified":"2017-09-01T13:34:47","modified_gmt":"2017-09-01T12:34:47","slug":"mehr-stadt-wagen-diem-lab-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2017\/06\/mehr-stadt-wagen-diem-lab-1\/","title":{"rendered":"Mehr Stadt wagen \u2013 DiEM-Lab #1"},"content":{"rendered":"<div class=\"post-content\">\n<p><strong>Seit 2008 leben weltweit mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land. Bis 2030 sollen es 5 Milliarden werden. Dementsprechend ist Verst\u00e4dterung eine durchgeplante Entwicklung. In welche Richtung diese Planung allerdings geht, und wer darin Mitspracherechte einger\u00e4umt bekommt, das ist eine andere Frage. Aus diesem Grund hat die Aktivistengruppe DiEM25 Berlin ihr erstes \u201aDiEM-Lab\u2018 dem Thema \u201aBuilding Rebel Cities\u2018 gewidmet.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Das Bauen rebellischer St\u00e4dte<\/strong><\/p>\n<p>\u201aRebel Cities\u2018 als ein theoretisches Konzept geht auf das 1968 vom franz\u00f6sischen Philosophen Henri Lefebvre entworfene Werk \u201eRecht auf Stadt\u201c zur\u00fcck. Den Namen, \u201aRebel Cities\u2018, verdankt es dem Sozialtheoretiker David Harvey, der die baulichen Entwicklungen innerhalb einer Gro\u00dfstadt auf die globalen Geldstr\u00f6me zur\u00fcckf\u00fchrt. Wenn beispielsweise in einer bundesdeutschen Gro\u00dfstadt wie Berlin oder Hamburg Gro\u00dfprojekte wie die Elbphilharmonie oder der Berlin-Brandenburgische Flughafen gebaut werden, dann weil internationales Geld nach lukrativen Investments sucht. Harvey zufolge sind solche Investitionen Anzeichen f\u00fcr wirtschaftliche Krisen und Immobilienblasen.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus wird in \u201aRebel Cities\u2018 der soziale Aspekt einer st\u00e4dtischen Gemeinschaft betont. Oder wie es die Stadtforscher <a href=\"https:\/\/www.sowi.hu-berlin.de\/de\/lehrbereiche\/stadtsoz\/mitarbeiterinnen\/copy_of_a-z\/holm\">Andrej Holm<\/a> und Dirk Gebhardt ausdr\u00fccken: es geht um \u201edie konkrete Benutzung st\u00e4dtischer R\u00e4ume \u2026 den Zugang zu den politischen und strategischen Debatten \u00fcber die k\u00fcnftigen Entwicklungspfade\u201c. Wie vielversprechend das Konzept sein kann, darauf hatte dann zu Beginn des DiEM-Labs Martin Pairet, Aktivist bei DiEM25 und Netzwerker der Organisation \u201aEuropean Alternatives\u2018, verwiesen. Er machte darauf aufmerksam, dass es \u201emehrere M\u00f6glichkeiten\u201c gibt eine \u201aRebel City\u2018 erfolgreich umzusetzen. So seien Barcelona und Neapel bereits nach dem Vorbild des Konzeptes gestaltet. Beide Stadtbeh\u00f6rden bildeten ein eigenes \u201eLabor\u201c, mit eigener Geschichte, eigenen Erfahrungen und vor allen Dingen, einer spezifischen Bev\u00f6lkerung. Und Berlin?<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Wasserprivatisierung in Neapel gestoppt wurde und die st\u00e4dtische Verwaltung die Wasserversorgung betreibt, fordern auch manche BerlinerInnen eine andere Stadtentwicklung. Lisa Vollmer, Forscherin zu Mietprotesten in Berlin und New York, sprach auf dem DiEM-Lab f\u00fcr das B\u00fcndnis \u201e<a href=\"https:\/\/stadtvonunten.de\/\">Stadt von Unten<\/a>\u201c. Das B\u00fcndnis steht f\u00fcr \u201ekommunal und selbstverwaltet\u201c. Lisa hielt einen informativen Vortrag \u00fcber aktuelle stadtpolitische Geschehen sowie die allt\u00e4glichen Auseinandersetzungen rund um die Themen Mietpreiserh\u00f6hung, \u00f6ffentliches Eigentum und Zwangsr\u00e4umungen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-9760\" src=\"https:\/\/diem25.org\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/DiEMLab1-676x380-300x169.jpg\" alt=\"\" width=\"902\" height=\"508\" \/><\/p>\n<p><strong>Stadt von unten<\/strong><\/p>\n<p>Derzeit besch\u00e4ftigt sich das B\u00fcndnis vor allem mit einem ehemaligen Kasernengel\u00e4nde in Friedrichshain-Kreuzberg, dem \u201aDragoner-Areal\u2018. Es fordert, dass das Gel\u00e4nde als \u201einnerst\u00e4dtische Freifl\u00e4che entlang der Interessen lokaler NutzerInnen entwickelt\u201c wird. Doch bereits 2012 wurde das 4,7 ha gro\u00dfe Areal \u201emeistbietend\u201c f\u00fcr ca. 21 Mio. Euro an den Investor ABR German Real Estate verkauft, und zwar von der Bundesanstalt f\u00fcr Immobilienaufgaben (BImA). Der Investor plante hochpreisige Eigentumswohnungen, Genossenschaftsbauten und Neubau durch Baugruppen. Dem Baugesetz zufolge m\u00fcssen Bebauungspl\u00e4ne jedoch so aufgestellt werden, dass sicher gestellt werden kann, das bei der Planung alle Belange und Probleme sorgf\u00e4ltig erfasst und gerecht abgewogen werden k\u00f6nnen. Vor allem die umfassende Beteiligung aller Betroffener und der \u00d6ffentlichkeit soll sichergestellt werden. Doch der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg wollte keinen Aufstellungsbeschluss. So trat die German Real Estate vom Kauf zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Deshalb hatten AnwohnerInnen im Rahmen eines Beteiligungsverfahrens \u201emassive Zweifel am Versprechen \u201abezahlbarer\u2018 Wohnungen durch einen Privatinvestor ge\u00e4u\u00dfert\u201c. Infolgedessen hat die BImA die ehemalige Kaserne erneut \u201eim H\u00f6chstbieterverfahren ausgeschrieben\u201c. In der Mieterstadt Berlin (60% der BewohnerInnen haben Anrecht auf einen Wohnberechtigungsschein zum Bezug einer Sozialwohnung) gibt es zudem eine weitere Gruppierung, deren Wohnsituation \u00e4u\u00dferst prek\u00e4r ist: MigrantInnen.<\/p>\n<p><strong>St\u00e4dtische Vielfalt<\/strong><\/p>\n<p>Max Ho\u00dffeld von der Initiative \u201aGive Something Back To Berlin\u2018 (<a href=\"http:\/\/gsbtb.org\/#\/\">GSBTB<\/a>) stellte w\u00e4hrend des Labs die Arbeit seiner Organisation vor. Gerade einmal vor 5 Jahren gegr\u00fcndet, ist GSBTB mittlerweile die gr\u00f6\u00dfte Plattform f\u00fcr Nachbarschaftsarbeit und soziale Besch\u00e4ftigungen in Berlin. Sie k\u00fcmmert sich darum, dass die riesige Community an MigrantInnen in Berlin arbeiten kann. GSBTB hat hunderte an Freiwilligen aus \u00fcber 60 verschiedenen L\u00e4ndern. Sie reichen von Jetsettern bis hin zu Menschen mit Gefl\u00fcchtetenstatus. GSBTB vereint unglaublich viele und vielf\u00e4ltige Menschen und fordert: \u201eget involved\u201c. Es ist ein Aufruf an alle in Berlin lebende Menschen, Gemeinschaften aufzubauen und zusammen soziale Projekte zu stemmen. Es gibt bereits mehr als sechzig Projekte zu den verschiedensten Themen: Zentren f\u00fcr Wohnungslose, Mentorenprogramme oder auch kreatives Arbeiten mit Kindern. Heute erreicht GSBTB 14.474 TeilnehmerInnen j\u00e4hrlich allein f\u00fcr die eigenen Gefl\u00fcchtetenprojekte.<\/p>\n<p>Aus einer anderen Perspektive wurde das Thema Flucht und Migration von Christoph Wiedemann beleuchtet, der von 2015 bis 2016 eine Notunterkunft f\u00fcr rund 180 m\u00e4nnliche Gefl\u00fcchtete in Berlin geleitet hatte. Er berichtete \u00fcber Selbstorganisation und Selbstverwaltung in der Notunterkunft. Dort hatten sich einige Bewohner daf\u00fcr eingesetzt, sich selbst Regeln zu geben und die Verantwortung f\u00fcr deren Durchsetzung \u00fcbernehmen zu k\u00f6nnen, w\u00e4hrend ein anderer Teil unter Verweis auf die autokratischen Systeme in ihren Herkunftsl\u00e4ndern der Meinung gewesen war, die Regeln m\u00fcssten von der Leitung der Notunterkunft vorgegeben und durchgesetzt werden. Christoph betonte vor diesem Hintergrund, dass \u201edie Gefl\u00fcchteten\u201c keine homogene Gruppe bildeten, sondern z.B. sehr unterschiedliche politische \u00dcberzeugungen mitbr\u00e4chten, und dass dadurch politische Allianzen zwischen progressiv-demokratischen Menschen mit und ohne Fluchthintergrund nahe l\u00e4gen.<\/p>\n<p><strong>Building Rebel Cities?<\/strong><\/p>\n<p>Die OrganisatorInnen des \u201aDiEM-Labs\u2018 waren entsprechend der Beitr\u00e4ge durchweg begeistert von der Veranstaltung. So sagte Johannes Fehr, Koordinator von DiEM25 Spontaneous Collective (DSC) 1 Berlin, dass es eine angenehme Veranstaltung war. Er habe gelernt, wie Stadt von Unten arbeitet und dadurch die st\u00e4dtischen Institutionen herausfordert. Johannes betonte den Aspekt der Zusammenarbeit und vor allem, dass \u201eGefl\u00fcchtete Wahlrecht bekommen\u201c und die \u201eInstitutionen in der Stadtpolitik demokratischer gemacht\u201c werden sollten. Auch eine weitere Aktivistin bei DiEM25 Berlin lobte den \u201eMix\u201c der Beitr\u00e4ge sowie die Atmosph\u00e4re der Veranstaltung. So konnten alle TeilnehmerInnen am Ende festhalten, dass es mehr partizipatorische Rechte f\u00fcr Gefl\u00fcchtete braucht, sowie, dass viele st\u00e4dtische Initiativen politische Repr\u00e4sentation ben\u00f6tigen. F\u00fcr die Zukunft kann DiEM lernen, dass der spezifisch europ\u00e4ische Charakter der Bewegung der wesentliche Vorteil ist. St\u00e4dtische Probleme gibt es in allen europ\u00e4ischen, ja allen St\u00e4dten weltweit; diese zu sammeln und zu koordinieren wird eine gewaltige Aufgabe f\u00fcr die Zukunft sein.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit 2008 leben weltweit mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land. Bis 2030 sollen es 5 Milliarden werden. Dementsprechend ist Verst\u00e4dterung eine durchgeplante Entwicklung. 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