{"id":444678,"date":"2017-03-19T20:27:28","date_gmt":"2017-03-19T20:27:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=444678\/"},"modified":"2017-03-19T21:52:07","modified_gmt":"2017-03-19T21:52:07","slug":"die-zukunft-gegen-den-zerstoererischen-neoliberalen-kapitalismus-saehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2017\/03\/die-zukunft-gegen-den-zerstoererischen-neoliberalen-kapitalismus-saehen\/","title":{"rendered":"Die Zukunft gegen den zerst\u00f6rerischen neoliberalen Kapitalismus s\u00e4en"},"content":{"rendered":"<p><em>Von Michael Meurer, <a href=\"http:\/\/www.truth-out.org\/news\/item\/39526-seeding-the-future-against-destructive-neoliberal-capitalism\" target=\"_blank\">Truthout<\/a><\/em><\/p>\n<p>Es gab viel L\u00e4rm um Arbeitsplatzverluste durch <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nordamerikanisches_Freihandelsabkommen\" target=\"_blank\">NAFTA<\/a> (North American Free Trade Agreement; Freihandelsabkommen zwischen Kanada, USA und Mexiko; Anm. d. \u00dcbers.) w\u00e4hrend der U.S. Wahlen 2016, aber wenn man entlang der Ufer des R\u00edo Santiago in der mexikanischen Gemeinde von <a href=\"http:\/\/www.maplandia.com\/mexico\/jalisco\/juanacatlan\/juanacatlan\/\" target=\"_blank\">Juanacatl\u00e1n<\/a> wandert, werden die tats\u00e4chlichen Auswirkungen des Abkommens sofort schonungslos sp\u00fcrbar. Nach nur wenigen Minuten brennen Augen und Haut durch den giftigen Spr\u00fchregen und den Schwefelgestank in der Luft, w\u00e4hrend durch chemische Verschmutzung sch\u00e4umende Wassermassen einen einst klaren Wasserfall herunterst\u00fcrzen, der nur vor wenigen Jahrzehnten noch als der Niagara von Mexiko galt.<\/p>\n<p>Die Verschmutzung, in der gro\u00dfe Mengen an Arsen, Kadmium, Zink und anderen Schwermetallen, die bei der Herstellung von elektronischen Produkten anfallen, enthalten sind, ist teils durch unregulierte NAFTA und inl\u00e4ndische Produktion hervorgerufen, sowie auch durch giftige R\u00fcckst\u00e4nde aus einer Export-orientierten Agrarindustrie, die im Gegensatz zur traditionellen Landwirtschaft der <em>Campesinos<\/em> (Kleinbauern) mit massivem Einsatz von D\u00fcngemitteln und Pestiziden einhergeht. Das Fusion Magazin taufte den R\u00edo Santiago <a href=\"http:\/\/interactive.fusion.net\/river-of-death\/\" target=\"_blank\">\u201eFluss des Todes\u201c<\/a>, das Vice Magazin beschrieb ihn als <a href=\"https:\/\/news.vice.com\/article\/pollution-turned-this-mexican-river-into-a-toxic-hell\" target=\"_blank\">\u201egiftige H\u00f6lle\u201c<\/a>, auf dessen Konto 72 Todesf\u00e4lle allein im Jahr 2015 gehen.<\/p>\n<p>Das Einhalten von ohnehin fast nicht existenten Umweltschutzregulierungen in Mexiko ist unter NAFTA freiwillig, eine Tatsache die selten Erw\u00e4hnung in den USA findet. Kapitel 11 des Abkommens erlaubt es ausl\u00e4ndischen Unternehmen sogar, die mexikanische Regierung zu verklagen, falls diese Regulierungen erl\u00e4sst, die die Firmen als unfair oder belastend empfinden.<\/p>\n<p>Am 20. November 2016, am Jahrestag der Revolution in Mexiko, wurde ich von meiner Freundin Miyuki Takahashi, einer einheimischen mexikanisch-japanischen \u00c4rztin, die das Bildungsprojekt <a href=\"http:\/\/jardindevida.org\/\" target=\"_blank\"><em>Jard\u00edn de Vida<\/em><\/a> (Garten des Lebens) betreut, eingeladen, um sie und fast 400 Bewohner der den Fluss umgebenden St\u00e4dte und Gemeinden als unabh\u00e4ngiger journalistischer Beobachter w\u00e4hrend einer Protestversammlung gegen die Vergiftung zu begleiten. Die Protestaktion wurde von <em>Un Salto de Vida<\/em> (USV; Ein Sprung des Lebens) mitorganisiert, einer zivilgesellschaftlichen Organisation, die von ans\u00e4ssigen Landwirten um die Stadt Salto herum, die auf der gegen\u00fcberliegenden Seite des Flusses von Juanacatl\u00e1n liegt, gegr\u00fcndet wurde.<\/p>\n<div id=\"attachment_438385\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-438385\" class=\"wp-image-438385 size-full\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Michael_1.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"786\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Michael_1.jpg 640w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Michael_1-244x300.jpg 244w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><p id=\"caption-attachment-438385\" class=\"wp-caption-text\">Ein Tisch bei der Saatgut-B\u00f6rse nahe des R\u00edo Santiago in Mexiko stellt traditionell vererbtes Saatgut aus (Foto: Michael Meurer)<\/p><\/div>\n<p>Nach der Protestaktion wurden wir zur <a href=\"http:\/\/formacionsocial.iteso.mx\/web\/general\/detalle?group_id=6233474\" target=\"_blank\">14. j\u00e4hrlichen Versammlung und Saatgut-Tauschb\u00f6rse<\/a> eingeladen, die von USV und der lokalen Abteilung von <em>Red de Alternativas Sustenables Agropecurias<\/em> (<a href=\"https:\/\/redrasa.wordpress.com\/\" target=\"_blank\">RASA<\/a>), zu deutsch \u201eNetzwerk der nachhaltigen Alternativen f\u00fcr die Landwirtschaft\u201c, organisiert wurde und die aus kleinen Landwirten besteht, die im Wassereinzugsgebiet des Santiago leben. Sie treffen sich einmal im Jahr, um die Kultur des heiligen Mais, des Wasser und der B\u00e4ume zu feiern, und um \u201edie Samen der Rebellion zu s\u00e4hen\u201c; eine Zusammenfassung des Events wird danach an alle Teilnehmer verschickt, von der ich auch eine Kopie erhielt.<\/p>\n<div id=\"attachment_438394\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-438394\" class=\"wp-image-438394 size-full\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Michael_2.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"438\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Michael_2.jpg 640w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Michael_2-300x205.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><p id=\"caption-attachment-438394\" class=\"wp-caption-text\">Mexikanische Kleinbauern tauschen Informationen zu Getreide bei der 14. j\u00e4hrlichen Saatgut-B\u00f6rse entlang des R\u00edo Santiago in Mexiko aus (Foto: Michael Meurer)<\/p><\/div>\n<p>An die 80 Kleinbauern trafen sich heuer in Juanacatl\u00e1n, um die Erfolgsgeschichten ihrer Verwendung von traditionell vererbtem Saatgut auszutauschen, das oft in den Familien von Generation zu Generation weitergegeben wird. Im Fokus stand der Mais, die historische und heilige Getreideart mexikanischer landwirtschaftlicher Kultur, die seit der Unterzeichnung von NAFTA 1994 durch Massenimporte von subventionierten, gentechnisch ver\u00e4nderten Maissorten aus den USA stark beeintr\u00e4chtigt wurde. Nach vielen Reden wurden \u00fcber mehrere Stunden hinweg geerbtes Saatgut sowie Erfahrungen ausgetauscht, danach gab es ein gemeinsamen Essen mit gebratenem Schwein, Bohnen, Mais aus biologischem Anbau und Reis.<\/p>\n<div id=\"attachment_438403\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-438403\" class=\"wp-image-438403 size-full\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Michael_3.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"480\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Michael_3.jpg 640w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Michael_3-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><p id=\"caption-attachment-438403\" class=\"wp-caption-text\">Verschiedene Sorten von traditionell vererbtem Saatgut ausgestellt bei der 14. j\u00e4hrlichen Saatgut-B\u00f6rse entlang des R\u00edo Santiago in Mexiko (Foto: Michael Meurer)<\/p><\/div>\n<p>Einer der Redner, ein junger Mann namens Alan Carmona Guti\u00e9rrez, Mitbegr\u00fcnder von USV, hielt eine Rede, die mit einem bemerkenswerten Satz begann: \u201eSamen sind die Waffen, die den Krieg gegen den Kapitalismus gewinnen k\u00f6nnen\u201c (\u201cLas semillas son las armas que pueden ganar la guerra contra capitalismo\u201d).<\/p>\n<div id=\"attachment_438410\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-438410\" class=\"wp-image-438410 size-full\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Michael_4.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"504\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Michael_4.jpg 640w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Michael_4-300x236.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><p id=\"caption-attachment-438410\" class=\"wp-caption-text\">Alan Carmona Guti\u00e9rrez von der zivilgesellschaftlichen Organisation Un Salto De Vida spricht bei deren j\u00e4hrlichen Saatgut-B\u00f6rse (Foto: Michael Meurer)<\/p><\/div>\n<p>Alan meinte damit nicht den Kapitalismus als abstraktes Konstrukt. Er meinte die Art von Kapitalismus, die den 433 Kilometer (oder 296 Meilen) langen R\u00edo Santiago in einen der giftigsten, t\u00f6dlichsten und meist verschmutzten Wasseradern der Welt verwandelte und die Mexiko unter NAFTA dazu zwang, seine Verfassung derart zu \u00e4ndern, dass Landbesitz durch ausl\u00e4ndische Eigent\u00fcmer m\u00f6glich wurde. Diese \u00c4nderung lieferte kleine Landbesitzer, von denen die \u00f6kologische Saatenvielfalt abh\u00e4ngt, den Banken und ausl\u00e4ndischen Investoren komplett aus. Den Campesinos war ihr Land durch die Verfassung von 1917 auf Lebenszeit garantiert worden. NAFTA fegte diesen gesetzlichen Schutz mit einem Schlag hinweg und f\u00fchrte bis 2015 zu einer Verdoppelung von landwirtschaftlichen Exporten durch die Agrarindustrie.<\/p>\n<p>Schon rein aus Notwendigkeit heraus geben nun Kleinbauern in fast jedem Staat von Mexiko leise aber unwiderruflich dieses t\u00f6dliche Modell aggressiver Landwirtschaft auf und schaffen ihre eigenen Alternativen. Kleine lokale Saatgut-B\u00f6rsen, wie die von Juanacatl\u00e1n, finden unbemerkt von den Medien jedes Jahr \u00fcberall in Mexiko statt. USV, RASA und andere Gruppierungen von Kleinbauern wie sie engagieren sich in einer kooperativen, andauernden Initiative namens \u201eNationale Kampagne zur Verteidigung von Mutter Erde und dem Land\u201c. Die Ank\u00fcndigung von USV bei der Saatgut-B\u00f6rse erkl\u00e4rt das Ziel der landesweiten Kampagne:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eEs wird keine Ideologie sein, die uns leitet, sondern das Verlangen nach Freiheit, nach Vernunft, nach der Sonne, dem Mond und dem Wind. Gegen ihre Technologie haben wir das Wissen unserer Vorfahren. Gegen ihre Fabriken haben wir unsere Orte der Erneuerung des Lebens. Gegen ihre Repression haben wir unsere Organisation.<\/p>\n<p>Es ist an der Zeit, unsere Samen auszutauschen und das Land mit der edlen Gesinnung und der Beharrlichkeit zu bes\u00e4hen, die jenen zu eigen ist, die ihre Mutter (Erde) lieben. Es ist an der Zeit, unser Wissen durch die kollektive Erinnerung an unsere Identit\u00e4t zu teilen und unsere Leben wiederherzustellen, Besch\u00fctzer und Krieger zu sein, die danach streben, eine Welt zu bauen, die wir wollen, hier und jetzt, heute und f\u00fcr immer.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Sie k\u00e4mpfen f\u00fcr uns alle, nicht nur f\u00fcr sich selber, und das aus gutem Grund. Laut dem <a href=\"http:\/\/salsa3.salsalabs.com\/o\/1881\/t\/0\/blastContent.jsp?email_blast_KEY=1355384\" target=\"_blank\"><em>Center for Food Safety<\/em><\/a> (Zentrum f\u00fcr Lebensmittelsicherheit) kontrollieren nur noch 5 Konzerne \u2013 Monsanto, DuPont, Syngenta, Dow und Bayer \u2013 62 Prozent aller weltweiten Saatgutverk\u00e4ufe. Wie Rachel Cernansky <a href=\"http:\/\/www.truth-out.org\/news\/item\/38915-how-open-source-seed-producers-from-the-us-to-india-are-changing-global-food-production\" target=\"_blank\">k\u00fcrzlich berichtete<\/a>, besitzen diese Konzerne \u00fcber Jahrzehnte garantierte Patente auf viele Getreidearten f\u00fcr Grundnahrungsmittel weltweit. Alan \u00fcbertreibt also nicht im geringsten, wenn er sagt, dass Samen die neuen Waffen im Kampf f\u00fcr nachhaltige und demokratische Selbstbestimmung sind.<\/p>\n<p><strong>Mikro- und Makro-Hoffnung<\/strong><\/p>\n<p>Die Saatgut-B\u00f6rse am R\u00edo Santiago ist nur eine der vielen \u00e4hnlichen Experimente lokaler Mikroinitiativen, die ich w\u00e4hrend meinen Reisen kennengelernt habe. Nachdem ich diese Art von lokalem Engagement in den Vereinigten Staaten, Europa und Lateinamerika gesehen hatte, wusste ich, dass dringend ein verbindender Mechanismus ben\u00f6tigt wird, etwas jenseits der gro\u00dfen sozialen Medienplattformen, die in Wirklichkeit nichts anderes als <a href=\"http:\/\/mashable.com\/2010\/03\/02\/data-mining-social-media\/#D_m660u4rEqM\" target=\"_blank\">riesige Datenkraken<\/a> sind.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/viveroiniciativasciudadanas.net\/\" target=\"_blank\">VIC<\/a> (Vivero de Iniciativas Ciudadanas; w\u00f6rtlich \u00fcbersetzt: \u201eKinderst\u00e4tte oder Baumschule f\u00fcr B\u00fcrgerinitiativen\u201c) ist eine neues Open-Source Creative Commons Projekt, das lokale Mikroinitiativen wie die von Alans USV identifiziert, <a href=\"http:\/\/www.viveroiniciativasciudadanas.net\/civics\/iniciativas\/\" target=\"_blank\">registriert<\/a> und vernetzt. Ihre Arbeit stellt eines der hoffnungsvollsten Signale dar, die ich unter dem Radar der Medien entdeckt habe, Menschen, die die Dinge selber in die Hand nehmen, die das zivile Leben neu erfinden und neu erbauen.<\/p>\n<p>VIC wurde von einer Gruppe von Studenten der Architektur und st\u00e4dtischen Designs in Madrid gegr\u00fcndet, die eine offene Ausschreibung der Stadtregierung gewonnen hatten, um eine Denkmal zu Ehren der 191 Opfer der schrecklichen terroristischen Bombenanschl\u00e4ge am Bahnhof von Atocha von 2004 zu bauen. Das so entstandene Denkmal ist eine 37-Fu\u00df hoher Glaszylinder, der nachts von unten beleuchtet ist. Drinnen schwebt ein transparenter Streifen, der mit tausenden von Beileidserkl\u00e4rungen der B\u00fcrger von Madrid beschrieben ist und den die Besucher in erleuchteter Bewegung \u00fcber sich sehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Neben der M\u00f6glichkeit f\u00fcr die B\u00fcrger, lebendiger und interaktiver Teil dieses Denkmals zu sein, l\u00e4sst sich so auch ein Ausblick auf die Zukunft einer alternativen Stadt erhaschen, die mit solch unkonventionellen Verbindungen lebendig vibriert und in der ein pulsierendes Leben unter dem Radar stattfindet, das so keiner vermutet h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Dieses hervorragende Denkmal f\u00fchrte schlie\u00dflich auch zu der VIC Initiative, die darauf abzielt, \u201ekollektive Intelligenz f\u00fcr wahre Demokratie\u201c (\u201eInteligencia Colectiva para una Democracia Real\u201c), wie es das Mediealab-Prado nennt, zu entwickeln und zu verbreiten. <a href=\"https:\/\/www.esmadrid.com\/en\/tourist-information\/medialab-prado\" target=\"_blank\">Medialab-Prado<\/a> ist ein preisgekr\u00f6ntes \u201eB\u00fcrgerlabor\u201c, das von der Stadt Madrid finanziert wurde, um die Schaffung und Verbreitung von B\u00fcrgerprojekten zu unterst\u00fctzen, die Zusammenarbeit im Bereich Kultur unter Nutzung von digitalen Netzwerken f\u00f6rdern. Die Arbeit von VIC spiegelt diese Sensibilit\u00e4t wieder und weitet sie aus, sie hat sich bereits \u00fcber Spanien und Lateinamerika verbreitet, w\u00e4hrend ich darum bem\u00fcht bin, sie auf politischem und akademischen Niveau auch in den USA einzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Die scheinbar einfache aber kraftvolle zentrale Idee von VIC, das sowohl diagnostisch als auch deskriptiv arbeitet, zielt darauf ab, lokale B\u00fcrgerinitiativen auf Mikroniveau ausfindig zu machen, zu registrieren und sie dann auf Makroniveau miteinander zu verbinden sowie alle Informationen der \u00d6ffentlichkeit unter der Creative Commons Lizenz interaktiv zug\u00e4nglich zu machen.<\/p>\n<p>Die Mikroinitiativen, die registriert werden, existieren bereits. Sie sind etwas, das man als soziale \u00d6konomie bezeichnen kann und die Basisarbeit von VIC der letzten Jahre hat gezeigt, dass ihre Anzahl in Zeiten wirtschaftlichen und sozialen Drucks ansteigt. Was aber unter den treibenden Elementen der nicht-monetarisierten \u00d6konomie fehlte, war eine rigorose diagnostische Analyse, das Aufzeigen von Verbindungen, gegenseitiges Bekanntmachen anderer Initiativen sowie eine einfache, kollaborative und von B\u00fcrgern selbst genutzte Art, um sich untereinander zu vernetzen, zusammenzuarbeiten und weiter zu bestehen.<\/p>\n<p>Trotz der formalen und analytischen Pr\u00e4zision, die sie bei ihrer Arbeit anwenden, sprechen die Mitglieder von VIC und ihr Netz von Partnern in Europa und den Amerikas oft in einer Sprache, die sehr vital und urspr\u00fcnglich im Gegensatz zum k\u00fcnstlichen und vorgefertigten Jargon der neoliberalen Medien erscheint. Diskussionsbegriffe wie die \u201eaffektive Umgebung\u201c bestimmter sozial-politischer Projekte zu honorieren, \u201ePolitik mit Freude\u201c in \u201eoffenen R\u00e4umen unerwarteter M\u00f6glichkeiten\u201c zu betreiben usw. werden fortw\u00e4hrend gebraucht.<\/p>\n<p>Ihre Inspirationsquellen sind viel zu wahrhaftig, um sie ideologisch auseinandernehmen zu k\u00f6nnen. Ich w\u00fcrde die zu Grunde liegenden Glaubensgrunds\u00e4tze als das Schaffen einer nicht-ideologischen Politik der Freude, der Zusammenarbeit und des gemeinsamen Entdeckens bezeichnen, aber immer auch unterlegt mit rigoroser analytischer Recherche und konkreten Daten.<\/p>\n<p>Paul Hawken, der seit langem Vertreter des <em>Natural Capitalism<\/em> (<a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/%C3%96ko-Kapitalismus-industrielle-Revolution-Jahrhunderts-Wohlstand\/dp\/3570500101\" target=\"_blank\">\u201e\u00d6ko-Kapitalismus\u201c<\/a>) ist &#8211; einem durchaus nicht perfektem Konzept, das aber trotzdem Wert besitzt \u2013 beschrieb einst die hunderttausenden, auf der ganzen Welt verteilten B\u00fcrgerinitiativen als \u201eimmune Antwort der Menschheit, um der Seuche der Politik, der wirtschaftlichen Infektion und der \u00f6kologischen Korruption zu trotzen und sie zu heilen\u201c. Trotz ihrer Eloquenz fehlt Hawkens Beschreibung jedoch ein tieferliegendes diagnostisches Verst\u00e4ndnis der motivierenden Kraft und ein klares Konzept zur Vernetzung und Zusammenarbeit. VIC hat mit seinem sozialen Netzwerk und der fortw\u00e4hrenden Analyse, gepaart mit einer h\u00f6chst kollaborativen und offenen Methodologie, das Potential, dieses Problem zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p>An nur einem Nachmittag w\u00e4hrend eines 12-t\u00e4gigen Open Lab Forums mit dem Titel \u201eSt\u00e4dte, die lernen\u201c (<a href=\"http:\/\/www.openlabs.mx\/convocatoria-2016-4\/\" target=\"_blank\">\u201eCiudades que Aprenden\u201c<\/a>), das vom 28. November bis zum 9. Dezember 2016 in der Nationalen Bibliothek von Mexiko City stattfand, wurden zehn Initiativen vorgestellt, um die Charakteristika von tausenden von \u00e4hnlichen Mikroinitiativen, die VIC in Mexiko, Argentinien, Kolumbien, Uruguay, Ecuador, Brasilien und Spanien \u00fcber die letzten Jahre ausfindig gemacht hat, wieder zu spiegeln.<\/p>\n<p>Ich sah die Pr\u00e4sentationen aller zehn bemerkenswerten B\u00fcrgerinitiativen, die hinterher mit einem gemeinsamen Singen bei Kerzenlicht im gro\u00dfen Freiluft-Salon Octavio Paz der Bibliothek ihren Abschluss fanden. Die Betreuer dieser Projekte arbeiten, oft mit sehr begrenzten Mitteln, an der Verbesserung und Demokratisierung von Bildung, \u00f6ffentlichem Nahverkehr, Kunst f\u00fcr alle, Erhaltung von historischen und kulturellen Werten und vielem mehr. Und jetzt, im Zuge dieser wundervollen Entwicklung, sind sie durch gemeinsame Open-Source-Instrumente greifbar miteinander vernetzt.<\/p>\n<p><strong>Ziviles Leben wieder aufbauen<\/strong><\/p>\n<p>Ziviles Leben ist seit Jahrzehnten weltweit im Verfall begriffen. Von den Publikationen der urspr\u00fcnglichen <a href=\"http:\/\/bowlingalone.com\/\" target=\"_blank\"><em>Bowling Alone<\/em><\/a>-These von Robert Putnam im Jahre 1996 bis zum <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Planet-Slums-Mike-Davis\/dp\/3935936567\" target=\"_blank\"><em>Planet of Slums<\/em><\/a> von Mike Davis \u00fcber die Elendssiedlungen (Shanty Towns) weltweit von 2006 gibt es eine enorme und wachsende Anzahl von akademischer Literatur und Recherchen, die einen radikalen R\u00fcckgang in der Verbreitung, Vielfalt und H\u00e4ufigkeit dieser Art von freien zivilen Vereinigungen belegen, die einst Menschen zusammenbrachten, um Probleme in Gemeinden zu l\u00f6sen und um Toleranz einhergehend mit ziviler und politischer Reife zu lehren.<\/p>\n<p>Open-Source-Projekte, wie das von VIC, k\u00f6nnen alleine dieses verlorene zivile Leben nicht kompensieren. Aber sie k\u00f6nnen eine verbindende Vision, ein Modell, inspirierende Beispiele, Instrumente sowie soziale Vernetzungen f\u00fcr all diejenigen bieten, die bereits daran arbeiten. Wie mir Javier Esquillor, Mitbegr\u00fcnder von VIC, bei einem Abendessen in Guadalajara erkl\u00e4rte, k\u00f6nnte diese soziale Vernetzung und Open-Source-Zusammenarbeit sogar den Tourismus als Ressource f\u00fcr das zivile Gemeinwohl neu erfinden.<\/p>\n<p>Die Weltorganisation f\u00fcr Tourismus der Vereinten Nationen sch\u00e4tzt, dass \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.e-unwto.org\/doi\/pdf\/10.18111\/9789284416899\" target=\"_blank\">1,1 Milliarden<\/a> Menschen 2015 international auf Reisen waren. Abgesehen von Fragen zu \u00f6kologischen Auswirkungen lobt die UN das als gro\u00dfen wirtschaftlichen Stimulus und macht dabei die relativ kurz greifende Empfehlung an Touristen, \u201elokal einzukaufen\u201c.<\/p>\n<p>Was aber, wenn eine Milliarde Menschen, die planlos mit ihrem Reisef\u00fchrer in der Hand \u00fcber den Planeten wandern, stattdessen die M\u00f6glichkeit h\u00e4tten, mit lokalen Mikroinitiativen in Bereichen gemeinsamen Interesses in Kontakt treten zu k\u00f6nnen? Die Stadtregierung von Madrid nutzt bereits von VIC erstellte Karten als offiziellen Stadtplan f\u00fcr Touristen.<\/p>\n<p><strong>Mut zum Tr\u00e4umen haben<\/strong><\/p>\n<p>Ziviles Leben kann in einer Atmosph\u00e4re von Angst vor der Zukunft nicht gedeihen. Um politisch zu florieren, brauchen wir Tr\u00e4ume, Romantik, unterhaltsame Geschichten, eine mutige und engagierte Vision einer gerechten und nachhaltigen Zukunft, die trotz allem in unserer kollektiven Geschichte verankert ist, kulturelle Vielfalt und den Mut, diese Dinge gerade dann zu verfolgen, wenn die Zeiten hart sind. In einer Welt, die voll von Propaganda der Industrie und pessimistischen Schwarzsehen jeglicher politischer Couleur ist, erweist sich die Freude daran als direkt proportional zur Herausforderung.<\/p>\n<p>Wie alles, was neu entsteht, ist auch die wachsende zivile Open-Source-Bewegung, die diesen hoffnungsvollen Sinn zum Experimentieren reflektiert, noch zart und zerbrechlich. Aber sie ist auch erweiterbar, weil sie sich auf Aktionen und Initiativen fokussiert, die bereits organisch in den nicht-monetarisierten Bereich des t\u00e4glichen Lebens der Menschen weltweit eingebettet sind oder aus ihm heraus erwachsen. Sie hat deshalb das Potential, mit der Zeit eine offene und kollaborative zivile Gesellschaft neu zu erdenken und zu erschaffen, die gen\u00fcgend St\u00e4rke und Vielfalt besitzt, um den Bereich dessen, was politisch m\u00f6glich ist, signifikant zu erweitern.<\/p>\n<p>Der destruktive Ethos eines ausgewachsenen Raubtierkapitalismus und seines Regimes des globalisierten Kapitals ist keineswegs unvermeidbar. Es gibt bereits viele Anzeichen f\u00fcr einen bevorstehenden Kollaps. So wie das Sowjet-Regime, symbolisiert durch die Berliner Mauer, einst un\u00fcberwindbar schien, kann es schon bald darauf in sich zusammenfallen. Aber jener Zusammenbruch begann bereits Jahre zuvor mit kleinen lokalen Bewegungen der Arbeiter und B\u00fcrger in Polen, der Tschechoslowakei und im ganzen Ostblock. Der ehemalige polnische Pr\u00e4sident Lech Walesa nannte es die <a href=\"http:\/\/vaclavhavel.cz\/showtrans.php?cat=eseje&amp;val=2_aj_eseje.html&amp;typ=HTM\" target=\"_blank\">&#8222;Macht der Machtlosen\u201c<\/a>.<\/p>\n<p>Obwohl die technologischen und sozialen Bedingungen heute ganz andere sind, befindet sich die Welt angesichts einer repressiven, monolithischen und neoliberalen Philosophie, die sowohl die F\u00e4higkeit zur Anpassung sowie auch den widerstrebenden Glauben seiner Bev\u00f6lkerung mehr und mehr verliert, an einem \u00e4hnlichen Scheideweg. In dieser Krise der politischen Legitimit\u00e4t erh\u00e4lt der Erfolg der zivilen Open-Source-Bewegung, beispielhaft personifiziert durch VIC und sein enormes Potential, hunderttausende von Mikroinitiativen weltweit zu vernetzen, eine noch gr\u00f6\u00dfere und dringliche Bedeutung. Es k\u00f6nnte sein, dass ihr Engagement auch bald auf h\u00f6herem Niveau gefragt sein wird.<\/p>\n<p><em>Anmerkung: Der Autor dankt Ana Paula Guiti\u00e9rrez Barrag\u00e1n, Javier Esquillor sowie Miyuki und Kei Takahashi f\u00fcr ihre unsch\u00e4tzbar wertvolle Unterst\u00fctzung, Mithilfe und Offenheit.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzung aus dem Englischen von Evelyn Rottengatter<\/em><\/p>\n<p>MICHAEL MEURER<\/p>\n<p>Michael Meurer ist Gr\u00fcnder von <a href=\"http:\/\/meurereducation.org\/\" target=\"_blank\">Meurer Education<\/a>, einem Projekt, das an lateinamerikanischen Universit\u00e4ten Kurse \u00fcber das politische System in den USA anbietet und zeitgleich mit lokalen Bildungsprojekten zusammenarbeitet, um sie bei \u00d6ffentlichkeitsarbeit und Finanzierung zu unterst\u00fctzen. Michael ist auch Vorsitzender der Meurer Group &amp; Associates, einer strategischen Beratungsfirma mit B\u00fcros in Los Angeles und Denver.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Michael Meurer, Truthout Es gab viel L\u00e4rm um Arbeitsplatzverluste durch NAFTA (North American Free Trade Agreement; Freihandelsabkommen zwischen Kanada, USA und Mexiko; Anm. d. \u00dcbers.) w\u00e4hrend der U.S. Wahlen 2016, aber wenn man entlang der Ufer des R\u00edo Santiago&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1097,"featured_media":438371,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9152,9157,9158],"tags":[29155,2535,31593,35871,9480,25757,35395,8620,35870,31594,34027,35872,34786,35396,34930,32519],"class_list":["post-444678","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-nordamerika","category-oekologie-und-umwelt","category-wirtschaft","tag-agrarindustrie","tag-campesinos","tag-ernaehrungssouveraenitaet","tag-kleinbaeuerliche-landwirtschaft","tag-landwirtschaft","tag-mexiko","tag-michael-meurer","tag-nafta","tag-open-souce-bewegung","tag-pestizide","tag-saatgut","tag-saatgut-boerse","tag-umweltverschmutzung","tag-vic","tag-zivilgesellschaftliches-engagement","tag-zukunft"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.1.1 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die Zukunft gegen den zerst\u00f6rerischen neoliberalen Kapitalismus s\u00e4en<\/title>\n<meta name=\"description\" content=\"Von Michael Meurer, Truthout Es gab viel L\u00e4rm um Arbeitsplatzverluste durch NAFTA (North American Free Trade Agreement; 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