{"id":423949,"date":"2017-01-25T20:09:04","date_gmt":"2017-01-25T20:09:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pressenza.com\/?p=423949\/"},"modified":"2017-01-25T20:16:27","modified_gmt":"2017-01-25T20:16:27","slug":"zum-verstaendnis-der-aktuellen-situation-im-nahen-osten-vom-ende-des-kalten-krieges-zum-arabischen-fruehling-33","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2017\/01\/zum-verstaendnis-der-aktuellen-situation-im-nahen-osten-vom-ende-des-kalten-krieges-zum-arabischen-fruehling-33\/","title":{"rendered":"Zum Verst\u00e4ndnis der aktuellen Situation im Nahen Osten:  Vom Ende des Kalten Krieges zum &#8222;Arabischen Fr\u00fchling&#8220; (3\/3)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Um die aktuelle Situation im Nahen Osten verstehen zu k\u00f6nnen, muss man auf die Geschichte der letzten 100 Jahre zur\u00fcckschauen.\u00a0Tats\u00e4chlich erkl\u00e4ren\u00a0die\u00a0geopolitischen Gegebenheiten am\u00a0Vorabend des Ersten Weltkrieges zu einem Gro\u00dfteil die Vielfalt und die Verwicklungen der gegenw\u00e4rtigen Konflikte.\u00a0Eines ist sicher: Die\u00a0Gro\u00dfm\u00e4chte haben\u00a0\u00fcber lange Zeit den Lauf der Ereignisse entscheidend beeinflusst, doch\u00a0die\u00a0regionalen und\u00a0lokalen Akteure haben sich davon freigemacht\u00a0und sich in den vergangenen 100 Jahren\u00a0in zunehmendem Ma\u00df auf sich selbst verlassen. Nach der Herrschaft Gro\u00dfbritanniens und Frankreichs in der Zeit zwischen den Weltkriegen, haben die Superm\u00e4chte des Kalten Krieges das\u00a0Heft in die Hand genommen. Nach dem Fall der Berliner Mauer gab es eine Phase amerikanischer Allmacht, die nach den\u00a011. September 2001 in Frage gestellt wurde. In der\u00a0Globalisierungsphase\u00a0konnte man eine wachsende Autonomie\u00a0der regionalen M\u00e4chte bzw. eine Zunahme an Unabh\u00e4ngigkeit ihres Handelns und Einflusses aber auch eine massive Versch\u00e4rfung der inneren Rivalit\u00e4ten beobachten. Das versuchen wir etwas klarer zu sehen<\/strong><\/p>\n<p><em>Dies ist der dritte Teil in dieser Reihe. Teil 1 und 2:<\/em><\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2017\/01\/die-situation-im-nahen-osten-heute-von-1945-bis-1990-spielball-im-kalten-krieg-23\/\">Von einem Weltkrieg zum n\u00e4chsten (1\/3)<\/a><\/em><\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2017\/01\/die-situation-im-nahen-osten-heute-von-1945-bis-1990-spielball-im-kalten-krieg-23\/\">Spielball im Kalten Krieg 2\/3<\/a><\/em><\/p>\n<p><strong>Das Ende des Kalten Krieges und die verg\u00e4ngliche\u00a0amerikanische Vorherrschaft<\/strong><\/p>\n<p>Der Zerfall des sowjetischen Imperiums im Jahre 1991 er\u00f6ffnet eine besondere Periode in der Weltgeschichte wie auch in der Geschichte der Region. Die \u201eamerikanische Supermacht\u201c entfaltet sich ohne auf gr\u00f6\u00dfere Widerst\u00e4nde zu sto\u00dfen. Die Invasion Kuwaits durch den Irak Saddam Husseins ist die\u00a0Folge. Der irakische Diktator steckt wegen der Kosten\u00a0seines Krieges gegen den Iran\u00a0bei den Monarchien der Golfstaaten bis zum Hals in Schulden und meint, sich\u00a0mit der Eroberung der kuwaitischen \u00d6lquellen eine Geldquelle erschlie\u00dfen zu k\u00f6nnen. Die Besetzung Kuwaits wird vom Sicherheitsrat der UNO verurteilt. Das l\u00f6st die unter dem Schutz der Vereinten Nationen stehende amerikanische Milit\u00e4rintervention, genannt \u201eW\u00fcstensturm\u201c, aus. Der Golfkrieg vom Januar 1991 endet mit einer zerschmetternden Niederlage der Irakischen Armee, die aus Kuwait vertrieben wird. Die meisten L\u00e4nder der Region unterst\u00fctzten aus unterschiedlichen\u00a0Gr\u00fcnden die von George Bush gewollte Operation. Tats\u00e4chlich waren zahlreiche nah\u00f6stliche\u00a0Akteure durchaus zufrieden, das Bath-Regime des Irak geschw\u00e4cht zu sehen. Der Irak wird unter ein UNO-Embargo gestellt. Die Zivilbev\u00f6lkerung leidet f\u00fcrchterlich darunter, w\u00e4hrend die Kader des Regimes ihre Macht ausbauen und dabei das Embargo verletzen.<\/p>\n<p>Was den Konflikt zwischen Israel und Pal\u00e4stina angeht, bringen der Misserfolg der ersten Intifada und das Ende des sowjetischen Blocks Israel in eine\u00a0Position der St\u00e4rke und f\u00fchren zu direkten Verhandlungen zwischen den beiden Protagonisten. Die Oslo-Vertr\u00e4ge werden 1993 unterzeichnet. Die \u201ebesetzten Gebiete\u201c werden in drei Zonen unterteilt: eine Zone A, kontrolliert von den Pal\u00e4stinensern; eine Zone B unter der Kontrolle beider Kontrahenten; eine Zone C unter israelischer Kontrolle. Die pal\u00e4stinensische Autorit\u00e4t verwaltet die Zone A. Faktisch bleiben die fruchtbarsten Gebiete ebenso wie der Zugang zu den Wasserressourcen unter israelischer Aufsicht. In der Zone C konsolidiert der hebr\u00e4ische Staat seine Anspr\u00fcche durch den verst\u00e4rkten Bau von Siedlungen, die veritable j\u00fcdische Enklaven auf pal\u00e4stinensischem Territorium bilden. Die pal\u00e4stinensische Seite, repr\u00e4sentiert durch die PLO musste weitreichende Konzessionen akzeptieren.<\/p>\n<p>Aber die \u201eFalken\u201c beider Seiten sind damit besch\u00e4ftigt, die Vereinbarungen von Oslo Schiffbruch erleiden zu lassen. Ein religi\u00f6s-nationalistischer\u00a0Jude ermordet Yitzhak Rabin, israelischer Premier und Unterzeichner der Oslo-Vertr\u00e4ge. Die pal\u00e4stinensischen Organisationen Hamas und Islamischer Dschihad, die beide den Vertrag zur\u00fcckweisen, vervielfachen ihre Attentate gegen j\u00fcdische Zivilisten. Die israelische Rechte, hinter ihren F\u00fchrern Sharon und Netanyahu versammelt, denkt einzig daran, den Vertr\u00e4gen ihren Inhalt zu nehmen und verfolgen gleichzeitig aktiv die Kolonisierung des Westjordanlandes und des Gazastreifens. Eine zweite, diesmal bewaffnete Intifada, zwischen 2000 und 2005, bleibt einmal mehr ohne Erfolg f\u00fcr die Pal\u00e4stinenser. 2006 gewinnen die Islamisten der\u00a0Hamas-Bewegung die Wahlen in Gaza. Im Jahr darauf \u00fcbernehmen sie die Kontrolle und verjagen ihre Rivalen, die pal\u00e4stinensischen Autorit\u00e4ten. Die eine, im Westjordanland, unter der F\u00fchrung\u00a0von Mahmoud Abbas, seit 2004\u00a0Nachfolger Arafats und die andere im Gazastreifen, unter F\u00fchrung der\u00a0Hamas. Dreimal &#8211; 2009, 2012 und 2014 &#8211; bombardiert die israelische Armee intensiv den Gazastreifen als Antwort auf Raketen aus Gaza mit dem Ziel Israel. Israelische\u00a0Regierungen verweigern sukzessive jedes Zugest\u00e4ndnis an die pal\u00e4stinensische Seite, verst\u00e4rken den Siedlungsbau in den besetzten Gebieten. W\u00e4hrend nun gerade\u00a0diese Territorien dem Aufbau eines pal\u00e4stinensischen Staates &#8211; der mehr und mehr hypothetisch erscheint &#8211;\u00a0dienen sollten, werden sie faktisch vollkommen illegal hinsichtlich des von Israel annektierten internationalen Rechtes. Die Blockierung dauert also an.<\/p>\n<p>Seit dem Ende des Krieges von Afghanistan gegen die Sowjets, haben die Dschihadisten begonnen, ihre Attacken gegen die Alliierten Amerikas\u00a0aber auch gegen die arabischen politischen Regime vor Ort, wiederaufzunehmen. Es folgt eine lange Serie von Anschl\u00e4gen. Am 11. September schl\u00e4gt Al-Qua\u00efda Amerika auf seinem eigenen Boden. Linienflugzeuge werden\u00a0auf die Twin-Towers und das Pentagon umgelenkt. Die Anschl\u00e4ge fordern 3000 Opfer. Die Welt ist best\u00fcrzt. George Bush, der neue Pr\u00e4sident Amerikas, verk\u00fcndet den \u201eKrieg gegen den Terrorismus\u201c und setzt\u00a0Irak und Iran auf eine Liste von Staaten, die als \u201eAchse des B\u00f6sen\u201c klassifiziert werden. F\u00fcr die amerikanische Administration ist es ein Versuch, den Mittleren Osten zu ihrem Vorteil neu zu modellieren. Am Anfang steht im Dezember\u00a02002,\u00a0die Invasion in Afghanistan und der Sturz des Taliban-Regimes, die Bin Laden und die\u00a0Al-Qua\u00efda Schutz gew\u00e4hren.<\/p>\n<p>F\u00e4lschlicherweise angeklagt, im Besitz von\u00a0Nuklearwaffen zu sein (trotz der Berichte der UNO-Inspekteure), kommt es im M\u00e4rz 2003\u00a0zum Einmarsch in den Irak und zum Sturz des Regimes von Saddam Hussein. Die Strukturen der Verwaltung, der Armee und der Bath-Partei werden zerst\u00f6rt. Die Macht in Bagdad geht auf die schiitische Majorit\u00e4t \u00fcber, die seit der Staatsgr\u00fcndung des Irak 1920 Au\u00dfen vorgehalten worden war. Was die\u00a0irakischen Kurden angeht, so k\u00f6nnen sie\u00a0die Autonomie in ihrem Gebiet bis zu einer Quasi-Unabh\u00e4ngigkeit\u00a0st\u00e4rken. Ein Teil der dem geschlagenen Regime treuen Kader leitet die Bildung einer Guerilla gegen den Okkupanten ein. Dann kommen ausl\u00e4ndische Dschihadisten dazu: der Irakkrieg hat eine massive Sogwirkung f\u00fcr diese Leute. Al-Qa\u00efda setzt sich also in jenen L\u00e4ndern und Regionen fest, wo arabisch-sunnitische Minderheiten leben. Der Aufstand der Sunniten ist dennoch fast niedergeschlagen, als die amerikanischen Truppen von Obama 2011 zur\u00fcck gezogen werden.<\/p>\n<p>In der ganzen arabischen Welt aber auch in einem Gro\u00dfteil\u00a0der muslimischen Welt, ist in den Jahren zwischen 1990 und 2000\u00a0ein m\u00e4chtiger\u00a0Aufstieg von Islamisten und dschihadistischen Gruppierungen zu sehen. Die Dschihadisten wollen nicht, was sie als neuerlichen \u201eKreuzzug\u201c gegen den Islam wahrnehmen &#8211; das hei\u00dft ein Gemisch aus amerikanischem Einfluss in der Region, die Verwestlichung der Sitten, die Existenz Israels &#8211; und attackieren gleicherweise Regime vor Ort (\u00c4gypten), wie westliche Interessen oder schiitische Minderheiten. Diese Bewegungen werden von den Golfstaaten finanziert &#8211; sei es\u00a0von den Staaten selbst, von verm\u00f6genden Spendern oder gro\u00dfz\u00fcgigen Privatstiftungen. Die Ideologie ist von den Muslimbr\u00fcdern geliehen und zwar in der\u00a0von Sayyid Qutb radikalisierten Version, wie auch der des saudischen Wahabismus.<\/p>\n<p><strong>Der \u201eArabische Fr\u00fchling\u201c und seine Folgen<\/strong><\/p>\n<p>Der \u201eArabische Fr\u00fchling\u201c hat die bestehende regionale Ordnungen durcheinandergewirbelt. Ein Gro\u00dfteil der arabischen L\u00e4nder wurde seit 2011 davon angesteckt. Der Fall von Ben Ali in Tunesien, von Mubarak in \u00c4gypten, dann von Saleh im Jemen, B\u00fcrgerkriege in Libyen und in Syrien, Demonstrationen in Bahrein und\u00a0Marokko. Algerien, Saudi-Arabien, Irak, Libanon und der Gazastreifen waren ebenso betroffen, wenn auch zeitlich k\u00fcrzer und weniger spektakul\u00e4r. Im Fall der ersten beiden L\u00e4nder, hat man mit\u00a0Geld aus dem \u201e\u00d6l-Manna\u201c in Verbindung mit selektiven Repressionen eine Art \u201esozialen Frieden\u201c erkauft.<\/p>\n<p>An der Rivalit\u00e4t zwischen den Saudis und den Kataris f\u00e4llt auf, dass die einen die Salafisten, die anderen die Muslimbr\u00fcder unterst\u00fctzen. Der Fall \u00c4gyptens illustriert die Situation perfekt: Die demokratisch gew\u00e4hlte Regierung der Muslimbr\u00fcder ist schlie\u00dflich von der Armee &#8211; gest\u00fctzt von von Salafisten, wie Laizisten &#8211;\u00a0\u00a0gest\u00fcrzt worden, obwohl ihre Ideologien nichts miteinander zu tun haben. Die Ungeschicklichkeiten der Muslimbr\u00fcder, denen es nicht gelungen ist, Br\u00fccken zur laizistischen, demokratischen Opposition herzustellen, haben bewirkt, dass sie teilweise von einem Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung abgeschnitten wurden. In all diesen F\u00e4llen, handelte es sich &#8211; f\u00fcr das Milit\u00e4r wie f\u00fcr die Islamisten &#8211; darum, Erleichterungen wieder zu erlangen und zu verhindern, dass eine autonome Zivilgesellschaft entsteht.<\/p>\n<p>In Bahrain hat die Repression das verhindert. Am schrecklichsten aber ist der Fall Syrien. Eine Staatsmacht,\u00a0mehr und mehr von ihren iranischen und russischen Verb\u00fcndeten gest\u00fctzt, hat den Weg der gnadenlosen Ausrottung jeden Protestes gew\u00e4hlt, w\u00e4hrend die Regierungen von Riad, Soja und Ankara ihrerseits Pate gestanden haben f\u00fcr\u00a0den \u00dcbergang zum bewaffneten Kampf eines Teils der Opposition unter der \u00c4gide der Dschihadisten. Die Anh\u00e4nger einer Ver\u00e4nderung auf dem Weg der Gewaltfreiheit, wurden von den einen und den anderen\u00a0verfolgt. So konnten sich Al-Qua\u00efda und ihr Avatar IS in Syrien einnisten. Die dschihadistischen Organisationen sind auch in Jemen pr\u00e4sent. Sie haben dort vom Kriegschaos profitiert,\u00a0das durch den B\u00fcrgerkrieg zwischen Huthis, die\u00a0mehr oder weniger von der islamischen Republik Iran unterst\u00fctzt werden und jenen, regierungsseitig, von\u00a0den Monarchien am Golf. Man muss in Erinnerung rufen, dass IS Dissidenten von Al-Qa\u00efda kommen und sich zuerst im Irak entwickelt haben. Der IS hat dort\u00a0von der Verzweiflung der von der Macht in Bagdad\u00a0diskriminierten,\u00a0sunnitisch-arabischen Minderheit profitiert. Die Schiiten dominierten in der Regierung und waren die Mehrheit im Land, und sie haben in gewisser Weise historisch Rache an den Sunniten\u00a0genommen, die ihrerseits seit 1920 den Irak regiert hatten.<\/p>\n<p>Der Kalte Krieg zwischen dem Iran und den Golfmonarchien trifft auf diese Weise mit voller Wucht sowohl den Jemen wie auch Syrien. Es ist gleichzeitig eine klassische Rivalit\u00e4t zwischen zwei Staaten, regionalen M\u00e4chten und ein \u00dcberbleibsel des alten, jahrhundertelangen Antagonismus zwischen der sunnitischen und schiitischen Macht um die F\u00fchrung in der muslimischen Welt, eine Gegnerschaft die in die fr\u00fchen Zeiten des Islam zur\u00fcckreicht. Die sunnitisch-schiitische Rivalit\u00e4t findet sich auch in der Politik des IS, die mit ihren Attentaten auf die Schiiten zielt, gleich ob sie mit dem Iran liiert sind oder nicht, wann und wo immer dies m\u00f6glich ist (Pakistan, Afghanistan, Irak, Syrien, Libanon, Jemen).<\/p>\n<p>Im Iran zeigt sich eine zunehmende Trennung zwischen Volk und Regime. Die Jungen erkennen sich nicht mehr in den Idealen der islamischen Revolution von 1979. Die gewaltsame Unterdr\u00fcckung, die den Aufst\u00e4nden und der Wiederwahl des konservativen Pr\u00e4sidenten Ahmadinedschad folgte, kann als Beweis daf\u00fcr genommen werden. In der T\u00fcrkei versucht Pr\u00e4sident Erdogan, dem\u00a0konservativen Islam zugeh\u00f6rig und seit 2002 an der Macht, immer deutlicher seine Macht zu &#8222;verfestigen\u201c. Eine schleichende Diktatur etabliert sich. Teile der Zivilgesellschaft haben dennoch &#8211; seit den Vorkommnissen auf dem Gezi-Platz in Istanbul &#8211;\u00a0massiv ihren Willen ausgedr\u00fcckt. Beide, der Iran wie die T\u00fcrkei, sind Erben prestigetr\u00e4chtiger Reiche, sie sind\u00a0traditionelle M\u00e4chte der islamischen Welt und des Mittleren Ostens und sind\u00a0involviert in die Konflikte, die ihre Nachbarstaaten zerrei\u00dfen. Sie entwickeln beide\u00a0eine dynamische Au\u00dfenpolitik, die ganz oder teilweise vor allem anderen,\u00a0ihre eigenen Interessen voranstellen, trotz des Druckes von au\u00dfen.<\/p>\n<p><strong>Die neue relative Zur\u00fcckhaltung amerikanischer Politik im Nahen Osten unter der Obama-Pr\u00e4sidentschaft erkl\u00e4rt sich also durch mehrere Gr\u00fcnde:<\/strong><br \/>\nZuerst sind es Gr\u00fcnde, die mit der Globalisierung verbunden sind. Die Bedeutung des pazifischen\u00a0Asiens in \u00d6konomie und Geopolitik nimmt zu, aber auch das geringere Interesse f\u00fcr das mittel\u00f6stliche \u00d6l auf Grund der Entdeckung der riesigen Energiereserven in Form des nordamerikanischen Schiefergases und wohl auch die steigenden Kosten der milit\u00e4rischen Engagements, was die Au\u00dfen-Verschuldung Amerikas belastet.<br \/>\nDazu m\u00fcssen innere, regionalspezifische\u00a0Faktoren hinzugef\u00fcgt werden. Da ist die Schwierigkeit f\u00fcr Washington, den eigenen Priorit\u00e4ten gegen\u00fcber den divergierenden Interessen der gr\u00f6\u00dften Verb\u00fcndeten (Saudi-Arabien, T\u00fcrkei, Israel, \u00c4gypten) Geltung zu verschaffen, aber auch das Misstrauen gegen\u00fcber den sunnitischen, sprich: salafistischen Aktivit\u00e4ten seiner Alliierten am Golf und auch in Pakistan. Und insgesamt zeigt sich auf Grund und als Folge dieser amerikanischen Positionsbestimmung, eine deutlich zunehmende Verstrickung\u00a0der T\u00fcrken, Saudis, Iraner und Kataris in den regionalen Konflikten.<\/p>\n<p>Von hier aus lassen sich eine Reihe amerikanischer Entscheidungen verst\u00e4ndlich machen:<\/p>\n<p>&#8211; Der Atomvertrag mit dem Iran<br \/>\n&#8211; Die lasche Unterst\u00fctzung der bewaffneten Opposition in Syrien; die Opposition wird von Washington als nicht verl\u00e4sslich eingestuft<br \/>\n&#8211; Die Wahl zur Bek\u00e4mpfung der Verbreitung des IS fiel sehr bald\u00a0auf die Kurden<\/p>\n<p>Diese Entscheidungen vertiefen im Gegenzug den Graben mit den Alliierten Israels, Saudi-Arabiens und der T\u00fcrkei. Und sie verschaffen Russland die Gelegenheit, seine eigenen Interessen voran zu bringen und wenigstens teilweise, den seit dem Fall der UdSSR verloren gegangenen Einfluss, wieder zu gewinnen. Gleicherweise werden damit die\u00a0Regionalm\u00e4chte ermutigt &#8211; einerseits der\u00a0Iran und andererseits die amerikanischen Alliierten,\u00a0auch wenn sie in Widerspruch mit Washington geraten \u2013 ihre eigene geopolitische Entscheidung noch deutlicher als bisher voranzutreiben.<\/p>\n<p>Am Ende dieses kurzen \u00dcberblicks \u00fcber ein Jahrhundert Geschichte, l\u00e4sst sich sagen, dass die politischen Akteure des Mittleren Ostens &#8211; global betrachtet &#8211; \u00a0dazu tendieren, ihre Geschicke wieder\u00a0selbst in die Hand zu nehmen. Die klassischen Staaten, die nichtstaatlichen Akteure, wie die dschihadistischen Organisationen aber auch die Zivilgesellschaften, insoweit sie nicht brutal niedergehalten werden, erweitern ihre Handlungsr\u00e4ume in Bezug auf die\u00a0Gro\u00dfm\u00e4chte &#8211; USA und Russland &#8211; in der Region. Neben dem traditionellen Kampf um die Macht zwischen politischen Bewegungen und der nicht weniger traditionellen Rivalit\u00e4t zwischen den Staaten, beginnt sich &#8211; kaum wahrnehmbar\u00a0&#8211; die Stimme der zivilen Gesellschaft und der jungen Generationen durchzusetzen. Denn diese Stimme existiert tats\u00e4chlich, wie die Ereignisse im Iran von 2009, der vielf\u00e4ltige \u201eArabische Fr\u00fchling\u201c von 2011 und die Demonstrationen in der T\u00fcrkei von 2013 gezeigt haben. Die jungen Menschen, die Frauen, K\u00fcnstler und Intellektuellen, die ethnischen und religi\u00f6sen Minderheiten und all jene, die f\u00fcr die Menschenrechte eintreten, f\u00fcr die Demokratie und Frieden &#8211; sie verdienen unsere Aufmerksamkeit und unsere Unterst\u00fctzung. Denn sie sind die\u00a0Zukunft in dieser Region, die so oft mit Bildern von Gewalt assoziiert wird.<\/p>\n<p>\u00dcbersetzung aus dem Franz\u00f6sischen von Walter L. Buder<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um die aktuelle Situation im Nahen Osten verstehen zu k\u00f6nnen, muss man auf die Geschichte der letzten 100 Jahre zur\u00fcckschauen.\u00a0Tats\u00e4chlich erkl\u00e4ren\u00a0die\u00a0geopolitischen Gegebenheiten am\u00a0Vorabend des Ersten Weltkrieges zu einem Gro\u00dfteil die Vielfalt und die Verwicklungen der gegenw\u00e4rtigen Konflikte.\u00a0Eines ist sicher: Die\u00a0Gro\u00dfm\u00e4chte&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":940,"featured_media":424405,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7835,9164,9151,11387,9168],"tags":[34536,34535],"class_list":["post-423949","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-international-de","category-internationale-angelegenheiten","category-mittlerer-osten","category-originalinhalt","category-politik","tag-arabischer-fruehling","tag-naher-osten-israel-palestina"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.1.1 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Zum Verst\u00e4ndnis der aktuellen Situation im Nahen Osten: Vom Ende des Kalten Krieges zum &quot;Arabischen Fr\u00fchling&quot; 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