{"id":390813,"date":"2016-10-31T09:47:05","date_gmt":"2016-10-31T09:47:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pressenza.com\/de\/?p=390813"},"modified":"2016-10-31T11:10:36","modified_gmt":"2016-10-31T11:10:36","slug":"fuer-eine-gemeinsame-gesellschaft-von-araber-und-juden-in-israel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2016\/10\/fuer-eine-gemeinsame-gesellschaft-von-araber-und-juden-in-israel\/","title":{"rendered":"F\u00fcr eine gemeinsame Gesellschaft von Arabern und Juden in Israel"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mohammed Darawshe ist eine arabischer Israeli, der \u00fcber die Schizophrenie, als ein arabischer B\u00fcrger in einem j\u00fcdischen Staat zu leben, berichtet. Er ist Direktor des Shared Society Programmes von <\/strong><a href=\"http:\/\/www.givathaviva.org\/\"><strong>Givat Haviva<\/strong><\/a><strong>, einem J\u00fcdisch-Arabischen Friedenszentrum in Israel, und er ist f\u00fcr sechs Monate in Berlin als Fellow der Robert-Bosch Stiftung. Wir trafen ihn bei einer Veranstaltung, organisiert von Friedel Gr\u00fctzmacher, Vorstandsvorsitzende des <a href=\"http:\/\/www.givat-haviva.de\/\">Deutschen Freundeskreises Givat Haviva<\/a>, wo er \u00fcber sein pers\u00f6nliches Leben und \u00fcber seinen Einsatz als Politologe, eine friedliche L\u00f6sung f\u00fcr alle Mitglieder der israelischen Gesellschaft zu entwickeln, erz\u00e4hlte.<\/strong><\/p>\n<p>Weit davon entfernt deprimiert zu wirken, erz\u00e4hlt Mohammad Darawshe auf sehr lebendige, manchmal sogar humorvolle Weise \u00fcber die Diskrepanzen, die sein Leben ausmachen. Seine Familie lebt seit 28 Generationen, 800 Jahren in Iqsal, einer kleinen Stadt in Nord-Israel. \u201eHeimat, so wie es mein Gro\u00dfvater definierte, ist, wo Du Deinen Olivenhain und Deine Grabst\u00e4tte kennst\u201c, sagt Darawshe.<\/p>\n<p>Der Staat Israel sei gegr\u00fcndet worden als Staat der Juden, was sich auch in den nationalen Symbolen &#8211; der Hymne, die von der \u201ej\u00fcdischen Seele\u201c und der Flagge mit dem Davidstern &#8211; ausdr\u00fccke. Was bedeutet das f\u00fcr die arabische Bev\u00f6lkerung, die in Israel lebt? \u201eIm b\u00fcrokratischen Sinne waren wir B\u00fcrger von Israel. Aber im politischen Sinne waren wir Waisenkinder\u201c, sagt Darawshe. Bis 1966 lebte die arabische Bev\u00f6lkerung innerhalb des israelischen Territoriums unter Milit\u00e4rverwaltung. \u201eEin anderes Wort f\u00fcr Besetzung.\u201c Man habe sie als Sicherheitsgefahr und als Problem betrachtet. Trotzdem entschieden sich 99% der arabischen Bev\u00f6lkerung zu bleiben, da die Option, ein Fl\u00fcchtling in den benachbarten L\u00e4ndern zu werden, wie Darawshe h\u00e4ufig wiederholt, niemals sehr attraktiv gewesen sei. Inzwischen habe sich erwiesen, dass dies eine weise Entscheidung gewesen sei, in Anbetracht der erb\u00e4rmlichen Bedingungen, unter denen pal\u00e4stinensische Fl\u00fcchtlinge bis heute in arabischen L\u00e4ndern lebten. \u201eDie arabischen L\u00e4nder boten uns keine wirkliche Alternative. Sie konnten die Situation nicht meistern. Sie k\u00f6nnen kaum ihre eigene Situation meistern.\u201c Die Folge war allerdings, sagt er, dass die arabischen Israelis von den Pal\u00e4stinensern ausserhalb Israels als Verr\u00e4ter angesehen wurden.<\/p>\n<p><strong>In einer Demokratie geht es vor allem um Gleichberechtigung<\/strong><\/p>\n<p>Im Jahr 1966 endete die Milit\u00e4rverwaltung und es begann eine \u201cfantastische Zeit\u201d, wie Darawshe sie nennt: \u201eDer Staat Israel adoptierte die Waisenkinder und dies ging einher mit einem Willkommens-Paket.\u201c Dieses Paket enthielt Modernisierungsprogramme, die das Prosperieren der arabischen Gemeinden erm\u00f6glichte und unter anderem auch den Anstieg des Bildungsniveaus. Eine gebildete Elite sei so entstanden, die ihre Situation nicht l\u00e4nger mit der Situation der Pal\u00e4stinenser ausserhalb der Grenzen Israels verglichen habe, sondern mit der Situation der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung Israels. Es sei eine Zeit der \u201eIsraelisierung\u201c gewesen.<\/p>\n<p>Auch Mohammad Darawshe studierte Politologie: \u201cWir lernten, dass es bei der Demokratie \u2013 und Israel bezeichnete sich selbst als demokratischen Staat \u2013 vor allem um Gleichberechtigung geht. Aber wir waren keine gleichberechtigten B\u00fcrger. Daher fingen wir an, politische Gleichberechtigung zu fordern.\u201c 1976 organisierten arabische Aktivisten einen Protest \u2013 die Land Day (zu deutsch: Tag des Bodens) Demonstration. \u201e90% unseres Landes waren von Israel konfisziert worden. Eine Bev\u00f6lkerung von 21% besa\u00df nur 2,5% des Landes.\u201c Die Land Day Proteste forderten eine gleiche Verteilung des Landes. Land, so Darawshe, sei \u00fcberlebenswichtig f\u00fcr die arabische Bev\u00f6lkerung, da die meisten von Landwirtschaft lebten. Aber Land bedeute auch W\u00fcrde und Entwicklung. \u201eWegen der Beschr\u00e4nkungen konnten unsere Gemeinden sich nicht entwickeln. Sie entwickelten sich nach innen, nicht nach aussen. Dieselbe Infrastruktur, die fr\u00fcher 1000 Menschen versorgt hat, muss heute 3000 Menschen versorgen.\u201c Der Ausgang der Proteste markierte das Ende der fantastischen Zeit: sechs Demonstranten wurden get\u00f6tet, Hunderte verletzt oder inhaftiert. \u201eSie gaben uns sehr deutlich zu verstehen, dass es gewisse Themen gab, \u00fcber die wir nicht reden d\u00fcrfen. Sie liessen uns verstehen, dass, so lange wir uns gut ben\u00e4hmen und die j\u00fcdische Vormachtstellung akzeptierten, sie uns sozio-\u00f6konomische Entwicklung zusicherten, aber niemals politische Gleichberechtigung.\u201c<\/p>\n<p>Nach dem Land Day habe die Zeit der \u201cIsraelisierung\u201d der arabischen Gemeinden aufgeh\u00f6rt und eine Wiederbelebung der pal\u00e4stinensischen Identit\u00e4t begonnen. Die sozialen Beziehungen mit der Westbank vertieften sich, viele h\u00e4tten dort Familie. Die Oslo-Abkommen im Jahr 1992 ignorierten komplett das Problem des Status der arabischen Israelis. Niemand traute sich, dar\u00fcber zu reden. \u201eHeute haben wir dreifach und vierfach Identit\u00e4ten.\u201c Junge Menschen gingen zu j\u00fcdischen Universit\u00e4ten, aber lebten in arabischen Gemeinden, oder arbeiteten in j\u00fcdischen St\u00e4dten, wo sie aber nicht lebten. Die arabische Bev\u00f6lkerung pendele also jeden Tag zwischen Zuhause und Arbeit und Schule \u2013 zwischen j\u00fcdischer Identit\u00e4t und arabischer Identit\u00e4t. In den meisten \u00f6ffentlichen \u00c4mtern sei die arabische Bev\u00f6lkerung unterrepr\u00e4sentiert. Bei 21% Bev\u00f6lkerungsanteil stellten sie nur 1,7% der Beamten, 1% der Polizeikr\u00e4fte. Auf vielfache Weise werde die arabische Bev\u00f6lkerung diskriminiert und verbliebe in armen Verh\u00e4ltnissen. \u201eDies ist keine zuf\u00e4llige Armut, sondern institutionalisierte Armut.\u201c<\/p>\n<p><strong>Hummus Ko-Existenz<\/strong><\/p>\n<p>Mohammad Darawshe traf den ersten Juden im Alter von 19. Es sei eine lebensver\u00e4ndernde Erfahrung f\u00fcr ihn gewesen und seitdem w\u00fcnsche er sich, dass jeder in Israel diese Art der Erfahrung machen solle. Die getrennte Gesellschaft sei eine Realit\u00e4t heutzutage, Araber und Juden lebten in verschiedenen St\u00e4dten und gingen zu unterschiedlichen Schulen.<\/p>\n<p>Seit Givat Haviva eine gemeinsame Gesellschaft anstrebt, begannen sie damit, Treffen zwischen jungen Arabern und Juden zu organisieren: gemeinsam Dinge unternehmen, Musik zu machen, Sport etc\u2026., um \u201eeinander zu vermenschlichen\u201c. \u201eWenn Du den anderen nicht kennst und ihn als Feind siehst, dann denkst Du an ihn als etwas nicht-menschliches, etwas mit H\u00f6rnern und einem Schwanz.\u201c Eine gute Art, diese Entmenschlichung zu \u00fcberwinden, sei das, was Darawshe \u201eHummus Ko-Existenz\u201c nennt: Du lernst einander kennen, machst Aktivit\u00e4ten zusammen, \u201eDu isst Deinen Hummus vom gemeinsamen Teller\u201c, Du findest gemeinsame Interessen und Gewohnheiten und vielleicht freundest Du Dich an miteinander. \u201eF\u00fcr 99% der Kinder in diesem Programm war es das erste Mal, dass sie jemanden von der anderen Seite trafen.\u201c<\/p>\n<p>Der gro\u00dfe R\u00fcckschlag kam schnell: Im Oktober 2000 begann die zweite Intifada, die Anzahl der Teilnehmer im Programm des Friedenszentrums in Givat Haviva, Juden und Araber, schmolz zusammen. \u201eWir haben eigentlich nur noch Krisenmanagement betrieben. Wir versuchten, die Kerze am Brennen zu halten.\u201c Die Lehre, die Darawshe aus dieser Erfahrung zog: \u201eDie Effektivit\u00e4t des Konzeptes der Hummus Ko-Existenz ist sehr begrenzt.\u201c Wenn sie ehemalige Teilnehmer des Programmes befragten, h\u00e4tten sie oft die Antwort bekommen: \u201eJa, ich habe einen netten Araber\/Juden getroffen, aber all die anderen\u2026!\u201c<\/p>\n<p><strong>Wer war unter dem Messer Abrahams?<\/strong><\/p>\n<p>Ein anderes Konzept ist die Debatte \u00fcber die Geschichts-Erz\u00e4hlweise. Die Idee ist es, j\u00fcdische und arabische Sekundarsch\u00fcler zusammenzubringen und die verschiedenen Erz\u00e4hlweisen ihrer gemeinsamen Geschichte zu diskutieren. Gew\u00f6hnlich finge die Debatte mit \u201eWer hat was wem angetan\u201c an und ginge weiter damit herauszufinden, wer als erstes was wem angetan habe. Darawshe scherzt, dass es auf diese Weise immer mit der Frage endete: \u201eWer war unter dem Messer Abraham\u2019s, Ismael oder Isaak?\u201c Dieses \u201eblame game\u201c (Spiel der Vorw\u00fcrfe) sei wie ein Wettbewerb, wer das gr\u00f6\u00dfte Opfer sei. \u201eUnd wisst Ihr, wer von Abraham geopfert wurde?\u201c fragt Darawshe verschmitzt grinsend. \u201eEs war die Ziege!\u201c<\/p>\n<p>Darawshe sagt uns, dass er immer mehr dazu tendiere, einen pragmatischen Ansatz zu favorisieren, statt einen idealistischen. Ein pragmatischeres Konzept sei es, nach \u201e\u00fcbergeordneten Zielen\u201c zu suchen. \u201eWenn wir uns schon nicht auf eine gemeinsame Geschichtserz\u00e4hlung einigen k\u00f6nnen, so sind wir vielleicht dazu f\u00e4hig, uns auf \u00fcbergeordnete Ziele zu einigen, die unser Leben einfacher machen k\u00f6nnten.\u201c Die Gr\u00fcndung gemeinsamer J\u00fcdisch-Arabischer Schulen war ein Versuch, die Trennung zu \u00fcberwinden. Allerdings sei die \u201eKomfortzone der Trennung\u201c, wie Darawshe sie nennt, sehr stark. Nach der Gr\u00fcndung sechs solcher Gemeinschaftsschulen (von 6000 Schulen insgesamt in Israel) sah es so aus, als sei eine S\u00e4ttigung erreicht. Es schien kein Interesse an weiteren Gemeinschaftsschulen zu geben.<\/p>\n<p>Der n\u00e4chste Versuch war zwar eher unspektakul\u00e4r, stellte sich aber als sehr effektiv heraus. Sie fingen mit einem Programm an, in welchem arabische Lehrer an j\u00fcdische Schulen gingen, um arabische Kultur, Religion und Lebensstil zu unterrichteten. \u201eEs war wie eine Tablette gegen Rassismus\u201c, sagt Darawshe. Studien, die die Toleranz von j\u00fcdischen Kindern gegen\u00fcber Arabern vor und nach dem Programm ma\u00dfen, zeigten einen Abfall von 63% auf 10% im \u201eRassismusindex\u201c. Der Rassismusindex wurde entwickelt von Professor Ephraim Ya\u2019ar der Tel Aviv Universit\u00e4t. In diesem Test werden Kindern Fragen gestellt, wie: w\u00fcrdest Du in einem Haus mit einer arabischen\/j\u00fcdischen Familie leben wollen? Inzwischen schliesst das Programm 360 Schulen ein und letztes Jahr startete es auch andersherum (j\u00fcdische Lehrer, die an arabische Schulen gehen), was gleichermassen erfolgreich sei.<\/p>\n<p><strong>Ein Fahrplan zur gemeinsamen Gesellschaft<\/strong><\/p>\n<p>Wenn Darawshe mit Politikern sprach, um ihnen die Vorschl\u00e4ge zur Unterst\u00fctzung einer gemeinsamen Gesellschaft darzulegen, h\u00e4tte er wiederholt die Botschaft bekommen: \u201cIch kann Euch helfen, inoffiziell, auf vielerlei Weise, um Eure wertvollen Programme zu unterst\u00fctzen, aber sollte ich Euch offen helfen, dann verliere ich meinen Posten.\u201c Nichtsdestotrotz brachte die Suche nach L\u00f6sungen zusammen mit f\u00fchrenden Pers\u00f6nlichkeiten der Politik oder der Bildungsinstitutionen oft erstaunliche Resultate. Zum Beispiel der Versuch, eine h\u00f6here Immatrikulationsquote von arabischen Studenten am Technion, der ber\u00fchmten israelischen Universit\u00e4t f\u00fcr Technologie und Wissenschaften, zu erreichen. Die Quote lag bei 3% und es wurde behauptet, dass es \u201enicht genug intellektuelle Kapazit\u00e4t in den arabischen Gemeinden\u201c g\u00e4be. Nach Analyse der Situation arabischer Studenten entwickelten sie ein Programm, das die Rate schnell auf 22% ansteigen liess: das Technion bot eine einj\u00e4hrige vor-universit\u00e4re Ausbildung und ein Mentorenprogramm an, in welchem j\u00fcdische Studenten als Mentoren arabischen Studenten bei Schwierigkeiten helfen wie Wohnungssuche, sich zurechtzufinden oder mit der hebr\u00e4ischen Sprache, oder einfach nur, sie auf eine Party mitzunehmen.<\/p>\n<p>Inspiriert von den Karfreitagsabkommen Nordirlands wird nun eine gr\u00f6\u00dfere Anstrengung unternommen, um praktische Empfehlungen f\u00fcr einen Fahrplan hin zu einer gemeinsamen Gesellschaft zu erarbeiten. F\u00fcr diesen Zweck werden 70 anerkannte Personen aus allen Bereichen der j\u00fcdischen und arabischen Gesellschaft ein Dokument mit Empfehlungen entwerfen. Der wichtigste Aspekt dabei sei, dass diese Vorschl\u00e4ge in gro\u00dfen Versammlungen in 40 St\u00e4dten \u00fcberall in Israel pr\u00e4sentiert werden und 30 000 Menschen werden an einer Abstimmung dar\u00fcber teilnehmen, f\u00fcr wie machbar und realistisch sie diese Ziele halten.<\/p>\n<p>Hier in Deutschland studiert Mohammad Darawshe nun mit Hilfe der Robert-Bosch Stiftung Konfliktl\u00f6sungen in anderen Gegenden, insbesondere wie Minderheiten mit dem Staat, in dem sie leben, Vereinbarungen erreichen, die ihnen Gleichberechtigung zusichern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mohammed Darawshe ist eine arabischer Israeli, der \u00fcber die Schizophrenie, als ein arabischer B\u00fcrger in einem j\u00fcdischen Staat zu leben, berichtet. 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