{"id":382447,"date":"2016-10-13T06:38:17","date_gmt":"2016-10-13T05:38:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pressenza.com\/de\/?p=382447"},"modified":"2016-10-13T14:35:54","modified_gmt":"2016-10-13T13:35:54","slug":"atomwaffen-die-menschheit-geiselhaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2016\/10\/atomwaffen-die-menschheit-geiselhaft\/","title":{"rendered":"Atomwaffen \u2013 Die Menschheit in Geiselhaft"},"content":{"rendered":"<p><strong>Angesichts der permanenten nuklearen Bedrohung durch etablierte staatliche Akteure, sowie der zunehmenden Gefahr der atomaren Bewaffnung dschihadistischer Extremisten, muss diese apokalyptische Waffe endlich ein f\u00fcr alle Mal beseitigt werden. Das ist keine ideologische Frage, sondern eine juristische, denn der blo\u00dfe Bestand eines Atomarsenals stellt einen Bruch des V\u00f6lkerrechts dar.<\/strong><\/p>\n<p>Schneewei\u00dfes, samtweiches Fell, eine pr\u00e4chtige M\u00e4hne so bl\u00fctenrein wie die Jungfrau, die allein das fabelhafte Wesen nur z\u00e4hmen konnte. Die namensgebende, schneckenartig gezwirbelte Spitze heilt Pest und Cholera und kann selbst die Toten wieder zum Leben erwecken \u2013 das Einhorn.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Harvard-Professor Stephen Walt ist das tats\u00e4chliche Ersp\u00e4hen dieser goldigen Regenbogengestalt wahrscheinlicher als nukleare Abr\u00fcstung, eine atomwaffenfreie Welt bezeichnet er daher als au\u00dfenpolitisches Einhorn. Wir w\u00fcrden eher die DNA von Zebras und Nilpferden kreuzen, bevor die Menschheit sich dazu entschlie\u00dft, Atombomben \u201eein f\u00fcr alle Mal abzur\u00fcsten.\u201c<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-382459 \" src=\"http:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/2.-Bild-Milena-300x158.jpg\" alt=\"2-bild-milena\" width=\"760\" height=\"401\" \/><strong> Ein Paradigmenwechsel<\/strong><\/p>\n<p>Pessimisten wie Walt stehen unz\u00e4hlige Organisationen, Abkommen und Gesetze gegen\u00fcber, die das Einhorn in naher Zukunft im Reich des Terrestrischen verortet sehen wollen. Die wohl einflussreichste Initiative ist das Global Zero-Movement, in dem sich weltweit mehr als eine halbe Million B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger, ein Rat aus 300 Experten und eine Vielzahl ehemaliger Staatsoberh\u00e4upter und Personen des \u00f6ffentlichen Lebens vereint haben, um mit ihrem vierstufigen Global Zero Action Plan das Ziel einer atomwaffenfreien Welt bis zum Jahre 2030 einzufordern.<\/p>\n<p>In der pazifistischen, antimilitaristischen globalen Linken ist die vollst\u00e4ndige nukleare Abr\u00fcstung seit Jahrzehnten eine der Kernforderungen \u2013 und wurde als realit\u00e4tsfremdes ideologisches Gew\u00e4sch bel\u00e4chelt und diffamiert. Diese Arroganz hat sich gewandelt. Zwar durchaus aus fundamental anderen Beweggr\u00fcnden heraus, doch ist die Forderung nach nuklearer Abr\u00fcstung von der pazifistischen Peripherie kommend mittlerweile bis weit in erzkonservative Kreise vorgesto\u00dfen und gar bis in den Mainstream westlicher Milit\u00e4rs. So hat selbst der Falke und Kriegsverbrecher Henry Kissinger 2007 \u2013 zusammen mit drei weiteren Hochkar\u00e4tern aus dem US-Milit\u00e4restablishment \u2013 im Wall Street Journal Atomwaffen als \u201ef\u00fcrchterliche Bedrohung\u201c bezeichnet und deren totale Abschaffung gefordert. (Warum m\u00e4chtige, brandgef\u00e4hrliche M\u00e4nner wie Kissinger meistens erst kurz vor ihrem Tod zur Einsicht kommen, steht auf einem anderen Blatt.) Auch unter den Supportern des Global Zero-Movements finden sich zahlreiche (ehemalige) Milit\u00e4rs, Neocons und Rechtsau\u00dfen-Falken wie etwa US-Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski wider. Selbst die zwei Gr\u00fcnder von Global Zero sind ein ehemaliger Staatssekret\u00e4r und ein ehemaliger US-Offizier.<\/p>\n<p>Trotz dieses Paradigmenwechsels in der Forderung nach nuklearer Abr\u00fcstung ist die eliminatorische Gefahr des globalen Atomwaffenarsenals ungebrochen und von ernsthafter Abr\u00fcstung kann keine Rede sein. Vielmehr werden die Best\u00e4nde s\u00e4mtlicher Atomm\u00e4chte modernisiert und zum Teil erweitert. US-Pr\u00e4sident Obama beispielsweise hat j\u00fcngst erst ein \u201eModernisierungsprogramm\u201c in H\u00f6he von unaussprechlichen eine Billion Dollar unterzeichnet. Angesichts multipler Kriege und zerfallender Staaten im Nahen und Mittleren Osten sollte insbesondere auch diese Region durch die atomare Brille betrachtet werden.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-382469 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/3.-Bild-Milena-300x142.jpg\" alt=\"3-bild-milena\" width=\"750\" height=\"355\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/3.-Bild-Milena-300x142.jpg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/3.-Bild-Milena-768x363.jpg 768w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/3.-Bild-Milena-720x341.jpg 720w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/3.-Bild-Milena.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 750px) 100vw, 750px\" \/><\/p>\n<p><strong>Atombomben in \u201eSchurkenhand\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Eines der unanfechtbarsten Argumente gegen Atombomben ist das m\u00f6gliche Schreckensszenario des nuklearen Terrorismus. (Ich m\u00f6chte hier explizit nicht die Floskel \u201ein falschen H\u00e4nden\u201c gebrauchen, denn zu behaupten, Atombomben k\u00f6nnten auch \u201ein guten H\u00e4nden\u201c sein, verlangt einen Zynismus und eine Misanthropie sondergleichen.)<\/p>\n<p>Auch in der internationalen Politik ist dies das Totschlagargument. So meinte George Bush in Vorbereitung des illegalen Angriffskriegs gegen den Irak 2003: \u201eWir k\u00f6nnen nicht auf den finalen Beweis warten, den rauchenden Colt, denn der k\u00f6nnte die Form eines Atompilzes haben.\u201c Aus der Bush-Administration wurde wieder und wieder der Vorwurf gebracht, Saddam h\u00e4tte in Afrika Uran zum Bau einer Bombe erworben, obwohl dies den Geheimdiensten in vor-Ort-Berichten des US-Diplomaten Joe Wilson zweifelsfrei widerlegt wurde und durch dessen legend\u00e4ren New York Times-Artikel What I Didn&#8217;t Find in Africa ans Tageslicht kam. (Der politische Skandal um Wilsons Artikel wird im Film Fair Game nachgezeichnet, mit den grandiosen Naomi Watts und Sean Penn in den Hauptrollen.) Trotz gegenteiliger Faktenlage reichte die blo\u00dfe Panikmache vor der irakischen Atombombe dann aber aus, um die Welt in diesen uns\u00e4glichen Krieg hineinzul\u00fcgen.<\/p>\n<p>Im Falle des Iran diente die Paranoia vor einer Atombombe nicht als Rechtfertigung eines milit\u00e4rischen, sondern eines Wirtschaftskriegs: jahrzehntelange US-, UN- und EU-Sanktionen trieben das Land in den Ruin. Auch die milit\u00e4rischen Falken des vermeintlichen Erzfeinds Israel nutzten die nicht vorhandene iranische Bombe immer wieder, um auf die Kriegstrommeln einzuschlagen. Legend\u00e4r ist Ministerpr\u00e4sident Netanyahus Rede vor der UN-Generalversammlung 2012, als er mit seiner l\u00e4cherlichen Zeichnung einer \u201eBombe\u201c der Welt weismachen wollte, der Iran stehe kurz vor der nuklearen Bewaffnung. 2015 geleakte Dokumente des israelischen Geheimdienstes belegen jedoch: der Mossad wusste bereits 2012, dass es kein iranisches Atomwaffenprogram gab, Netanyahu ist ein L\u00fcgner. W\u00e4hrend Israel die einzige Atommacht in Middle East ist und sich zusammen mit nur drei anderen Staaten dieser Welt (Indien, Pakistan und S\u00fcdsudan) weigert, den Atomwaffensperrvertrag zu unterzeichnen, \u00f6ffnet der Iran s\u00e4mtliche Atomanlagen f\u00fcr die Kontrolleure der Internationalen Atomenergiebeh\u00f6rde, die nie einen Beweis f\u00fcr die Existenz eines milit\u00e4rischen Atomprogramms Teherans fanden.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend im Falle des Iraks und des Irans die wohl inszenierte Panikmache vor nuklearer Bewaffnung beziehungsweise der Weitergabe der Bombe an Terrorgruppen als klassisches Mittel der Kriegspropaganda entlarvt wurden, gibt es ein Land \u2013 eine tats\u00e4chliche Atommacht \u2013,\u00a0 bei dem diese Gefahr in der Tat mehr als real ist: Pakistan. Wenn Atombomben je in die H\u00e4nde von Terrorgruppen wie Al-Qaida oder dem IS gelangen sollten, werden diese mit hoher Wahrscheinlichkeit den pakistanischen Best\u00e4nden entstammen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-382478 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/4.-Bild-Milena-300x200.jpg\" alt=\"4-bild-milena\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/4.-Bild-Milena-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/4.-Bild-Milena.jpg 640w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Bereits im M\u00e4rz 2012 hat einer der f\u00fchrenden K\u00f6pfe des pakistanischen Zweigs der Taliban, der auch enge Verbindungen zu Al-Qaida pflegt, erkl\u00e4rt, das Ziel seiner Bewegung sei \u201eder Sturz der pakistanischen Regierung\u201c und die Beschlagnahmung der pakistanischen Atomwaffen. Aus eben diesem Grund unterh\u00e4lt das pakistanische Milit\u00e4r eine 10.000-Mann starke Einheit zur Sicherung der Atomarsenale. Der Diebstahl der pakistanischen Atombomben als Folge direkter milit\u00e4rischer Auseinandersetzung mit den Taliban ist daher unwahrscheinlich. Die tats\u00e4chliche Bedrohung liegt ganz woanders.<\/p>\n<p>Erstens ist die Gefahr vor terroristischen Anschl\u00e4gen auf nukleare Einrichtungen in Pakistan so hoch wie bei keiner anderen Atommacht. Die nukleare Infrastruktur Pakistans befindet sich in unmittelbarer N\u00e4he zu den von pakistanischen Taliban gehaltenen Gebieten und trotz heftiger Kampfhandlungen werden die Nuklearreaktoren in eben dieser Region kontinuierlich ausgebaut. In der Vergangenheit kam es dann auch immer wieder zu Anschl\u00e4gen auf pakistanische Atomarsenale. Bis einer dieser Anschl\u00e4ge eine solche Professionalit\u00e4t und Schlagkraft erlangt, um tats\u00e4chlich in einem katastrophalen Ma\u00dfe radioaktive Strahlung freizusetzen, scheint nur eine Frage der Zeit zu sein.<\/p>\n<p>Zweitens geht die weitaus gr\u00f6\u00dfere Gefahr vielmehr von der pakistanischen Administration selbst aus. Pakistan ist ein zerfallender Staat, der immer tiefer in Gewalt versinkt und dessen Rechtsstaatlichkeit immer weiter erodiert. In dieser Aura des Chaos versch\u00e4rft sich eine schleichende \u201eIslamisierung\u201c und \u201eAntiamerikanisierung\u201c des Milit\u00e4rs, sowie dessen Infiltration mit Extremisten von au\u00dfen. Die Unterst\u00fctzung der afghanischen Taliban durch das pakistanische Milit\u00e4r seit den 1980ern ist ohnehin lange bekannt (\u201ePate der Taliban\u201c), ebenso eng sind die Verbindungen der Geheimdienste zu Dschihadisten jeglicher Couleur. Die Gefahr, dass aus diesen Kreisen des \u201eSicherheitsapparates\u201c eines Tages pakistanische Atomwaffen an die Taliban \u00fcbergeben werden, schwebt wie ein nukleares Damoklesschwert \u00fcber der Region. (BLOCK)<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-382485 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/5.-Bild-Milena-300x161.jpg\" alt=\"5-bild-milena\" width=\"300\" height=\"161\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/5.-Bild-Milena-300x161.jpg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/5.-Bild-Milena.jpg 640w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Auch der IS hat im letzten Jahr verk\u00fcndet, \u00fcber Mittelsm\u00e4nner pakistanische Atomwaffen kaufen zu wollen. Nicht weniger beunruhigend ist das Verh\u00e4ltnis zum saudischen K\u00f6nigshaus. Westliche Geheimdienste sch\u00e4tzen, dass bis zu 60 Prozent des pakistanischen Atomprogramms mit saudischen Petrodollars finanziert wurden, was Riad weniger als nuklearen Altruismus denn als direkte Investition ansieht und sich daher das Recht einbeh\u00e4lt, in Zukunft nach eigenem Gutd\u00fcnken auf das pakistanische Atomarsenal zugreifen zu k\u00f6nnen. Angesichts des katastrophalen, v\u00f6lkerrechtswidrigen Kriegs der Saudis im Jemen, der finanziellen und milit\u00e4rischen Unterst\u00fctzung unz\u00e4hliger Terrorgruppen, darunter Al-Qaida und der Islamische Staat, sowie der aggressiven Verbreitung radikal-islamistischer Ideologie in der gesamten muslimischen Welt, w\u00e4re die jederzeit m\u00f6gliche nukleare Bewaffnung Saudi-Arabiens eine Katastrophe f\u00fcr den Nahen Osten und w\u00fcrde ein nukleares Wettr\u00fcsten in der Region in Gang setzen.<\/p>\n<p>Da Pakistan jedoch eine prowestliche Regierung hat und offiziell ein enger Verb\u00fcndeter Washingtons im \u201eKampf gegen den Terror\u201c ist, werden die brandgef\u00e4hrlichen nuklearen Risiken der Pakistan-Taliban-Al-Qaida-Connection unter den Teppich gekehrt und lieber das haltlose Schreckgespenst eines nuklear bewaffneten Irans obsessiert. \u201ePakistans tief gespaltene Regierung in Verbindung mit verbrecherischen Geheimdiensten ist eine viel gr\u00f6\u00dfere Bedrohung f\u00fcr die Nichtverbreitung nuklearen Materials als es der Iran je sein k\u00f6nnte\u201c, meint auch der renommierte politische Analyst Akhilesh Pillalamarri.<\/p>\n<p>Neben der kontinuierlich wachsenden Gefahr der nuklearen Bewaffnung dschihadistischer Extremisten, ist nat\u00fcrlich auch die Gefahr, die von den etablierten staatlichen Atomm\u00e4chte ausgeht, alles andere als gebannt. Auf die Frage, ob sie \u201epers\u00f6nlich bereit ist, einen Atomangriff zu autorisieren, der Einhunderttausend unschuldige M\u00e4nner, Frauen und Kinder t\u00f6ten kann\u201c, erwiderte die neue britische Premierministerin Theresa May: \u201eYes.\u201c<\/p>\n<p>Angesichts der Gefahren des nuklearen Terrorismus und Massenmordsfantasien westlicher Staatenlenker: warum liegt diese apokalyptische Waffe nicht schon seit Jahrzehnten auf der M\u00fcllhalde der Geschichte?<\/p>\n<p><strong>Die Lebensl\u00fcge nuklearer Abschreckung<\/strong><\/p>\n<p>Bef\u00fcrworter der Atombombe berufen sich auf das Konzept nuklearer Abschreckung. Der Massenmord der USA an den Japanern in Hiroshima und Nagasaki zum Ende des Zweiten Weltkriegs sei demnach eine Art Geburtsfehler der eigentlich friedensstiftenden nuklearen Massenvernichtungswaffe. Denn zu diesem Zeitpunkt verf\u00fcgte noch keine andere Nation \u00fcber die Bombe und die USA konnten daher ohne die Gefahr eines Gegenschlags den Massenmord begehen. Durch die nachfolgende Aufr\u00fcstung der anderen Gro\u00dfm\u00e4chte und einiger regionaler Player wurde dann das System der nuklearen Apokalypse als Abschreckungsszenario konstruiert: wer als Erster den Knopf dr\u00fcckt, stirbt als Zweiter. 71 Jahre einer atombombenabwurffreien Welt geben den Anh\u00e4ngern des Konzepts der nuklearen Abschreckung vermeintlich Recht. Doch die Annahme, Atombomben bringen Frieden und m\u00fcssten daher in alle Ewigkeit Bestand haben, fu\u00dft auf drei fundamentalen Fehleinsch\u00e4tzungen.<\/p>\n<p>Erstens ist die schiere Drohgeb\u00e4rde der Vernichtung von Abermillionen Zivilisten schlicht die totale ethisch-moralische Bankrotterkl\u00e4rung einer\u00a0 vermeintlich zivilisierten Menschheit. (BLOCK) Wer zu Thomas Hobbes\u2018 homo homini lupus ernsthaft die eliminatorische nukleare Komponente als stabilisierendes Element hinzuf\u00fcgt, h\u00e4ngt einem Menschenbild an, das d\u00fcsterer und misanthropischer kaum sein k\u00f6nnte, denn es beruht auf der Annahme, dass einzig die Drohung der Ausl\u00f6schung ganzer Nationen uns davon abhielte, uns gegenseitig den Sch\u00e4del einzuschlagen.<\/p>\n<p>Zweitens zeigt ein kurzer Blick in die Geschichte, auf welch wackeligen Beinen das gesamte\u00a0 Konstrukt der nuklearen Abschreckung steht und dass es technische Fehler oder Fehleinsch\u00e4tzungen von Individuen sind, die in Sekunden das Konstrukt zum Einsturz bringen k\u00f6nnen. Allein auf Seiten der USA gibt es 20 dokumentierte F\u00e4lle, in denen das Milit\u00e4r unmittelbar vor dem Abschuss von Atomraketen stand. Werden die Dunkelziffer und Vorf\u00e4lle auf Sowjet-Seite hinzugerechnet, kommen wir schnell auf ein Vielfaches dieser Zahl. Das promineste Beispiel ist zweifelsohne die Kubakrise 1962, bei der die Menschheit erstmals am Rande des Dritten Weltkriegs stand. Der gef\u00e4hrlichste Zwischenfall war jedoch die Operation Able Archer, eine nukleare NATO-\u00dcbung in Europa 1983 \u2013 so t\u00e4uschend echt, dass Moskau Augenblicke davor war, den \u201eZweitschlag\u201c gegen vermeintlich zuvor abgefeuerte US-Atomraketen anzuweisen. Nur das besonnene Einschreiten des DDR-Doppelagenten Rainer Rupp (Deckname Topas) verhinderte die Katastrophe. Wie absurd wacklig das Kartenhaus der nuklearen Abschreckung aus technischer Sicht ist, machen drei Beispiele deutlich: einmal war es ein Schwarm Schw\u00e4ne, einmal der aufgehende Mond und einmal ein B\u00e4r, die daf\u00fcr \u201everantwortlich\u201c waren, dass Washington kurz davor war, Atomraketen auf Moskau abzufeuern. (BLOCK)<\/p>\n<p>Drittens ist es angesichts des mentalen Zustands bestimmter Politiker h\u00f6chstgradig unverantwortlich, ihnen die Befehlsgewalt \u00fcber Atombomben anzuvertrauen. Es ist erwiesen, dass F\u00fchrungspositionen eine starke Anziehungskraft auf Geisteskranke aus\u00fcben und auch politische \u00c4mter daher \u00fcberdurchschnittlich oft von Psychopathen bekleidet werden.<\/p>\n<p>Ausgemachte Psychopathen beziehungsweise Menschen mit starker Tendenz dorthin fanden und finden wir unz\u00e4hlige Male an den nuklearen Schaltstellen dieser Welt wieder: der selbsternannte Semigott Stalin, die Vietnam ausr\u00e4uchernden US-Pr\u00e4sidenten Eisenhower, JFK, Johnson und Nixon, der Alkoholiker Jelzin, der von Dummheit und Unf\u00e4higkeit gezeichnete Kriegsverbrecher George W. Bush und sein ebenso schie\u00dfw\u00fctiger Londoner Kompagnon, Tony Blair, in K\u00fcrze entweder der gr\u00f6\u00dfenwahnsinnige Narzisst Trump oder die nicht weniger narzisstische, pathologisch empathielose Hillary Clinton im White House, ein zerfallender Staat in Pakistan mit engsten Verbindungen seiner \u201eSicherheitskr\u00e4fte\u201c zu Dschihadisten und den Terrorpaten im saudischen K\u00f6nigshaus, eine rechtsradikale, ultranationalistische Apartheidsregierung in Israel, ein Faschist in Nordkorea, eine nach eigenen Aussagen potentielle Massenm\u00f6rderin an der Spitze Gro\u00dfbritanniens \u2013 wer k\u00f6nnte ernsthaft das Argument vertreten, Atombomben in den H\u00e4nden dieser Menschen w\u00e4ren eine friedensstiftende Ma\u00dfnahme?<\/p>\n<div id=\"attachment_382492\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-382492\" class=\"size-medium wp-image-382492\" src=\"http:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/6.-Bild-Milena-300x177.jpg\" alt=\"Image \u00a9Licensed to i-Images Picture Picture by Daniel Leal-Olivas \/ i-Images\" width=\"300\" height=\"177\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/6.-Bild-Milena-300x177.jpg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/6.-Bild-Milena.jpg 640w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-382492\" class=\"wp-caption-text\">Image \u00a9Licensed to i-Images Picture Picture by Daniel Leal-Olivas \/ i-Images<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>David gegen Goliath \u2013 die Marshallinseln und die Superm\u00e4chte<\/p>\n<p>Diese Frage stellte sich auch die Regierung der Marshallinseln und reichte \u2013 unterst\u00fctzt von einer Koalition aus Dutzenden Rechtsexperten und 55 internationalen Aktivistengruppen \u2013 2014 daher beim Internationalen Strafgerichtshof (IGH) in Den Haag eine sensationelle, historische Klageschrift ein: der kleine Inselstaat verklagt die neun Atomm\u00e4chte (USA, Russland, Frankreich, UK, Israel, Indien Pakistan, Nordkorea), da diese ihren in Artikel VI des Atomwaffensperrvertrags verbrieften Verpflichtungen zur nuklearen Abr\u00fcstung nicht nachk\u00e4men und daher durch den IGH zur Abr\u00fcstung gezwungen werden sollten.<\/p>\n<p>Die gerade einmal 72.000 Einwohner z\u00e4hlenden Marshallinseln im S\u00fcdpazifik waren lange Zeit das Versuchslabor f\u00fcr US-amerikanische Atomwaffentests. Die Folgen der insgesamt 67 Atombomben, die zwischen 1946 und 1958 von den USA auf die Marshall Inseln abgefeuert wurden, sind verheerend. Die Umwelt wurde gro\u00dffl\u00e4chig radioaktiv verseucht, ganze Inseln des Atolls wurden im Pazifik versenkt, die Bewohner leiden bis in die Gegenwart an strahlungsbedingten Krankheiten.<\/p>\n<p>Am vergangenen Mittwoch wurde die Klage wegen mangelnder Zust\u00e4ndigkeit (keine Entscheidung in der Sache) mit 9 zu 7 Stimmen abgewiesen, was gewiss einen R\u00fcckschlag f\u00fcr die Kampagne darstellt. Doch das Ziel der Marshallinseln\u00a0 war es vor allem auch, die Atomm\u00e4chte ins Rampenlicht zu stellen und so medial und moralisch zur Einhaltung der internationalen Vertr\u00e4ge und Gesetze zu dr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Der Internationale Gerichtshof in Den Haag hat bereits 1996 in einem Meilenstein-Rechtsgutachten zweifelsfrei festgestellt, dass sowohl der Einsatz als auch die blo\u00dfe Androhung des Einsatzes von Atomwaffen v\u00f6lkerrechtswidrig ist. Im selben Urteil hat der IGH die Atomm\u00e4chte auch aufgefordert, die totale nukleare Abr\u00fcstung nicht nur zu verhandeln, sondern auch \u201ezum Abschluss zu bringen\u201c (was eine \u00e4u\u00dferst wichtige Erg\u00e4nzung zur Formulierung im Atomwaffensperrvertrag darstellt). Der auf Generationen angelegte Erhalt und die Modernisierung des Atomarsenals stellen demnach einen Bruch des V\u00f6lkerrechts dar. (BLOCK)<\/p>\n<p>Die Frage nuklearer Abr\u00fcstung ist also keine ideologische Angelegenheit, keine von progressiv vs. konservativ, keine von Pazifismus oder Militarismus, sondern schlicht eine juristische. Es ist die Frage, ob wir internationales Recht respektieren oder es permanent brechen wollen. Das V\u00f6lkerrecht verpflichtet die neun Atomm\u00e4chte unzweideutig darauf, das Einhorn einer atomwaffenfreien Welt nicht nur zu suchen, sondern gef\u00e4lligst auch zu finden, und die Menschheit endlich aus der Geiselhaft nuklearer Bedrohung zu befreien. S\u00e4mtliche Handlungen der neun Staaten und ihrer Komplizen, die diesem Ziel zuwiderlaufen, sind folglich illegal.<\/p>\n<p><em>Von Jakob Reimann, Justice Now!, Oktober 2016.<\/em><\/p>\n<p>Image Rights<\/p>\n<p>Israels Ministerpr\u00e4sident Netanyahu erkl\u00e4rt der Welt bei seiner Rede vor der UN-Generalversammlung 2012 anhand der Zeichnung einer \u201eBombe\u201c die Gefahren des iranischen Atomprogramms. Beachte die bedrohlich brennende Z\u00fcndschnur. By mpeake, flickr, licensed under CC BY-ND 2.0.<\/p>\n<p>Die britische Premierministerin Theresa May im Juli 2016 im britischen Parlament. By Jakob Reimann, licensed under CC BY-ND 2.0.<\/p>\n<p>Kinderspielzeug Giant Atomic Bomb. By Daniel Schwen, wkimedia commons, licensed under CC BY-SA 4.0 (edited).<\/p>\n<p>Zwischen 1946 und 1958 z\u00fcndeten die USA 67 Atombomben auf den Marshallinseln. Hier zu sehen ist die Unterwasser-Explosion vor dem Bikini-Atoll am 25. Juli 1946, Operation Crossroads. Der l\u00e4ngliche schwarze Fleck am rechten Rand der Wassers\u00e4ule ist ein Kriegsschiff, das in den Sog gezogen wurde. By ROBERT HUFFSTUTTER, flickr, licensed under CC BY 2.0.<\/p>\n<p>Nuclear Free Zone, by Jasleen Kaur, flickr, licensed under CC BY-SA 2.0 (edited).<\/p>\n<p>Cover picture by Jakob Reimann, JusticeNow!, licensed under CC BY-SA 2.0.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Angesichts der permanenten nuklearen Bedrohung durch etablierte staatliche Akteure, sowie der zunehmenden Gefahr der atomaren Bewaffnung dschihadistischer Extremisten, muss diese apokalyptische Waffe endlich ein f\u00fcr alle Mal beseitigt werden. 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