{"id":349593,"date":"2016-08-04T17:34:24","date_gmt":"2016-08-04T16:34:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pressenza.com\/de\/?p=349593"},"modified":"2016-08-04T19:19:27","modified_gmt":"2016-08-04T18:19:27","slug":"ein-wendepunkt-in-der-geschichte-der-arbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2016\/08\/ein-wendepunkt-in-der-geschichte-der-arbeit\/","title":{"rendered":"Ein Wendepunkt in der Geschichte der Arbeit"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die neue Welle der Automatisierung k\u00fcndigt Ver\u00e4nderungen in der Gesellschaft an. Aber wie k\u00f6nnen wir sicherstellen, dass niemand dabei auf der Strecke bleibt?<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.opendemocracy.net\/author\/miklos-kis\">Miklos Kis<\/a> 3.August 2016 f\u00fcr <a href=\"https:\/\/www.opendemocracy.net\/miklos-kis\/turning-point-in-labour-history\">open Democracy<\/a><\/p>\n<p><strong>Die so genannte Sharing Economy und die neueste Welle der Automatisierung scheinen die alten Regeln neu zu schreiben.<\/strong><\/p>\n<p>Einige tiefgehende Transformationen finden momentan gleichzeitig in der Welt der Arbeit statt. Aspekte der so genannten Sharing Economy und der neuen Welle der Automatisierung scheinen die alten Regeln neu zu schreiben. Die langfristigen Konsequenzen dieses Wendepunktes h\u00e4ngen von den Gesetzgebungen ab, die von den verschiedenen Regierungen beschlossen werden.<\/p>\n<p>Es ist eine hei\u00df diskutierte Frage, ob die Technologie innerhalb der n\u00e4chsten paar Jahrzehnte mehr Jobs zerst\u00f6ren oder erschaffen wird. In den Nachrichten lesen wir \u00fcber autonom fahrende Autos, die drohen eine ganze Reihe von Berufen verschwinden zu lassen: Lastwagenfahrer, Busfahrer, Taxifahrer \u2013 sogar Uber-Fahrer. Wir lesen von automatisierten Superm\u00e4rkten oder Hotels. <a href=\"http:\/\/www.nigeltodman.com\/The_Future_of_Employment.pdf\">Forschungsergebnissen<\/a> von Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne zufolge bestehen 47% des gesamten US Arbeitsmarktes aus Berufen, die innerhalb der n\u00e4chsten oder \u00fcbern\u00e4chsten Dekade automatisierbar werden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Optimisten verweisen auf die Geschichte: Automatisierung hat kurzfristig die Jobs verringert, aber auch die Preise der Produkte gesenkt, L\u00f6hne angehoben und M\u00f6glichkeiten f\u00fcr neue Produkte und Jobs er\u00f6ffnet. Dies war der Fall als die Automatisierung der Landwirtschaft die Entwicklung der modernen Industrie erm\u00f6glichte. Genauso hat die Automatisierung der Industrie zum Dienstleistungsgewerbe in den entwickelten L\u00e4ndern beigetragen und die Bedeutung des Dienstleistungssektors ist immernoch am Wachsen. Warum also sollten wir im Lichte der historischen Erfahrung \u00fcber die Automatisierung des Dienstleistungssektors besorgt sein?<\/p>\n<p>Um die Wahrheit zu sagen, es mag einige Gr\u00fcnde geben.<\/p>\n<p><strong>Das Anwachsen der Ungleichheit scheint nicht aufzuhalten zu sein<\/strong><\/p>\n<p>Zuerst einmal scheint das Anwachsen der Ungleichheit nicht zu stoppen zu sein. Oxfam zufolge haben die reichsten 1% ihren Anteil am globalen Verm\u00f6gen von 44% im Jahr 2009 zu 48% im Jahr 2014 ansteigen sehen. Dies ist verbunden mit einem Abw\u00e4rtstrend im Anteil der Arbeit am Bruttoinlandsprodukt fast \u00fcberall auf der Welt seit den Achtzigern, welcher zum Auseinanderdriften der Einkommensungleichheit beigetragen hat. Dieser Niedergang hat den Konsum geschw\u00e4cht und ein Defizit in der Nachfrage produziert, gefolgt von steigender Arbeitslosigkeit, wie im aktuellen <a href=\"http:\/\/www.ilo.org\/global\/research\/global-reports\/weso\/2016\/WCMS_443480\/lang--en\/index.htm\">Bericht<\/a> der ILO (International Labour Organisation) nachzulesen.<\/p>\n<p>Wenn Einkommen umverteilt wird von Arbeit zu Kapital, wie Nouriel Roubini sagt, fliesst es von denjenigen, die eine h\u00f6here Neigung zum Ausgeben haben (Haushalte mit niedrigem und mittlerem Einkommen) zu denjenigen die eine h\u00f6here Neigung zum Sparen haben.<\/p>\n<p>Ein Optimist w\u00fcrde vorschlagen, dass Technologie eine neue Industrie mit brandneuen Produkten mit Millionen von Jobs schafft. Das klingt toll. Aber wer wird die Produkte kaufen, wenn die Nachfrage ungen\u00fcgend ist?<\/p>\n<p>Desweiteren gibt es einen riesigen Unterschied zwischen ansteigender Produktivit\u00e4t und dem insgesamten Ersatz von menschlicher Arbeitskraft. Historische Erfahrungen sind mehr als nur Produktivit\u00e4t. Mechanisierung bedeutete bessere Werkzeuge f\u00fcr die menschliche Arbeit, aber die kommende k\u00fcnstliche Intelligenz auf menschlichem Niveau k\u00f6nnte zu einem kompletten Ersatz f\u00fchren, ein radikaler Wendepunkt in der Arbeit und in der menschlichen Geschichte.<\/p>\n<p>Der erste Schock der Gesellschaft wird der autonome Transport sein. Viele Kommentatoren sind besorgt \u00fcber Uber und Lyft, weil sie relativ gute Taxifahrerjobs ersetzen, welche Teil des regulierten Arbeitsmarktes sind. K\u00fcnstliche Intelligenz wird auch Uber-Fahrer-Jobs ersetzen und dabei einen tieferen und langfristigen Effekt auf den Arbeitsmarkt haben als dieser Teil der Sharing Economy.<\/p>\n<p><strong>\u201cWir m\u00fcssen unseren Garten kultivieren.\u201d Diese Weisheit ist nicht \u00fcberholt.<\/strong><\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnen wir uns auf diese \u00c4nderungen vorbereiten? Viele Theoretiker so wie Robert Reich schlagen ein <a href=\"http:\/\/www.dailykos.com\/story\/2014\/3\/26\/1287365\/-Robert-Reich-Universal-Basic-Income-In-The-US-Almost-Inevitable\">universelles Grundeinkommen<\/a> vor. Das scheint eine logische L\u00f6sung zu sein, aber es ist nicht genug, Geld an jeden zu verteilen f\u00fcr etwas Essen und ein bi\u00dfchen Unterhaltung. Menschen brauchen das Gef\u00fchl von Achtung und Wichtigkeit. Arbeit ist zu integriert in unserem Leben und w\u00fcrde ein zerst\u00f6rerisches Vakuum hinterlassen. Sie bietet ein Gef\u00fchl von Zugeh\u00f6rigkeit, Status, Identit\u00e4t und noch vieles mehr.<\/p>\n<p>\u201eWir m\u00fcssen unseren Garten kultivieren,\u201c schlu\u00dffolgert Voltaire in <em>Candide<\/em>. Diese Weisheit ist nicht \u00fcberholt. Menschen wollen Werte schaffen und daher ist die Arbeit wichtig. Das Ergebnis der Arbeit wird normalerweise gemessen durch Geld \u2013 ausser in speziellen F\u00e4llen, so wie Wikipedia. Die meisten Menschen sind daran gewohnt, dass Arbeit Produkte hervorbringt und dass f\u00fcr diese Produkte jemand etwas bezahlt. Wenn niemand f\u00fcr ein Produkt zahlen m\u00f6chte, dann ist es nicht als wirkliches Produkt anerkannt, noch ist seine Anfertigung als Arbeit anerkannt, aber eine Amateurt\u00e4tigkeit und ehrenamtliche Arbeit wird nur selten als die beste L\u00f6sung f\u00fcr das Problem der Abwesenheit von Arbeit gesehen.<\/p>\n<p>Aber wenn die Menschheit frei w\u00e4re von der Fron der Arbeit, wie k\u00f6nnte sie dann diese neu gefundene Freiheit nutzen? Niemand m\u00f6chte eine Gesellschaft, in der nur eine Minderheit ein n\u00fctzliches, aktives Leben f\u00fchrt, denn, wie Hans-Peter Martin und Harald Schumann in <em>Die Globalisierungsfalle<\/em> schrieben, \u201enur 20% der Bev\u00f6lkerung werden in naher Zukunft ausreichen, um die Weltwirtschaft am Laufen zu halten.\u201c<\/p>\n<p>Martin und Schumann zitieren Experten einer Konferenz im Jahr 1995 im Fairmont Hotel in San Francisco, die auf Initiative von Michail Gorbachow mit 500 f\u00fchrenden Politikern, Wirtschaftsf\u00fchrern und Akademikern stattfand. Obwohl dieses Treffen vor mehr als 20 Jahren stattfand sind seine Auswirkungen bis heute sp\u00fcrbar \u2013 \u00fcber Martins und Schumanns Buch \u00fcberlieferte sie uns zwei Ausdr\u00fccke: \u201e20-to-80-society\u201c und \u201eTittytainment\u201c.<\/p>\n<p>\u201e20-to-80-society\u201c besagt, dass aktive 20 Prozent der Bev\u00f6lkerung an Leben, Einkommen und Konsum teilnehmen werden. Der Begriff \u201eTittytainment\u201c wurde geschaffen von Zbigniew Brzezinski, dem Berater f\u00fcr nationale Sicherheit von Jimmy Carter, der meinte, dass die frustrierte Weltbev\u00f6lkerung bei Laune gehalten werden k\u00f6nnte mit einer Mischung aus Essen zum \u00dcberleben und verdummender Unterhaltung.<\/p>\n<p>Aber beide Visionen und Vorschl\u00e4ge sind moralisch unakeptabel, weil sie inkompatibel mit dem Konzept der menschlichen W\u00fcrde sind. \u201eTittytainment\u201c \u2013 in dem Sinne, dass viele Menschen ihre Freizeit passiv mit dem Konsum von Produkten der Massenkultur verbringen &#8211; haben wir schon seit vielen Jahrzehnten. Wie bei dem Konsum von Alkohol liegt das Problem vor allem im \u00dcbergebrauch und der Sucht nach TV Shows und Computerspielen. Aber nat\u00fcrlich wird die erweiterte Realit\u00e4t es uns erlauben, immer bet\u00e4ubendere und s\u00fcchtig machendere Spiele zu kreieren.<\/p>\n<p>Vielleicht werden wir viele Menschen sehen, die vor der Freiheit fliehen, um Erich Fromm\u2019s Ausdruck zu verwenden. Sie werden freiwillig w\u00e4hlen, neue Abh\u00e4ngigkeiten und S\u00fcchte einzugehen, was dem big business neue M\u00f6glichkeiten er\u00f6ffnen wird. \u201eJeder spekuliert darauf, ein neues Bed\u00fcrfnis in jemand anders hervorzurufen, um ihn zu frischem Opfer zu dr\u00e4ngen, um ihn in eine neue Abh\u00e4ngigkeit zu bringen und ihn zu einer neuen Art Vergn\u00fcgen und damit \u00f6konomischen Ruins zu verf\u00fchren,\u201c schrieb Marx \u00fcber die Marktwirtschaft.<\/p>\n<p>Der andere Vorschlag der Fairmont Konferenz betraf ein weites Feld von ehrenamtlicher Gemeinschaftsarbeit, Nachbarschaftshilfe, sportliche Aktivit\u00e4ten und andere Arten von Zusammenk\u00fcnften. \u201eDiese Aktivit\u00e4ten k\u00f6nnten durch eine moderate Verg\u00fctung aufgewertet werden, welche das Selbstwertgef\u00fchl von Millionen von Menschen unterst\u00fctzten w\u00fcrde,\u201c bemerkte ein Experte. Aber ist das weniger besorgniserregend?<\/p>\n<p>Wir sind an einer Wegscheide. Ein Weg f\u00fchrt zu einer Dystopie, in welcher die Mehrheit in einer modernen Form des antiken Rom ihre menschliche W\u00fcrde verliert. Der andere Weg w\u00e4re besser. Dazu ist weniger Ungleichheit notwendig und viel mehr Zugang zu einer qualitativ hochwertigen Bildung. Das k\u00f6nnte uns zu einer modernen Version des antiken Athens f\u00fchren, wo Menschen kreativ sind und sich aus eigenem Vergn\u00fcgen mit Wissenschaft und Kunst besch\u00e4ftigen, nur dass die Sklaven durch Androiden ersetzt wurden. Aber dies klingt nat\u00fcrlich nach einer Utopie.<\/p>\n<p><strong>\u00dcber den Autoren<\/strong><\/p>\n<p>Miklos Kis ist ein Ungarischer Journalist. Finde ihn auf twitter: <a href=\"https:\/\/twitter.com\/mikloskis\">@mikloskis<\/a>.<\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzung aus dem Englischen Johanna Heuveling<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die neue Welle der Automatisierung k\u00fcndigt Ver\u00e4nderungen in der Gesellschaft an. 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