{"id":334830,"date":"2016-06-29T14:12:27","date_gmt":"2016-06-29T13:12:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pressenza.com\/de\/?p=334830"},"modified":"2016-06-29T14:14:53","modified_gmt":"2016-06-29T13:14:53","slug":"frauenrechte-der-tuerkei-ein-interview-mit-denise-nanni","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2016\/06\/frauenrechte-der-tuerkei-ein-interview-mit-denise-nanni\/","title":{"rendered":"Frauenrechte in der T\u00fcrkei: ein Interview mit Denise Nanni"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Denise Nanni hat 2014 an der Fakult\u00e4t f\u00fcr Politikwissenschaften, Soziologie und Kommunikation in Rom eine BA-Arbeit zum Thema der weiblichen Empowerment-Politik in der muslimischen Welt verfasste. Die Arbeit fokussiert auf den Studienfall T\u00fcrkei. Denise lebt nun in Istanbul und setzt dort ihre Arbeit zum Thema des Feminismus und der Frauenrechte in der T\u00fcrkei fort. Vor kurzem haben wir <a href=\"http:\/\/promosaik.blogspot.com.tr\/2016\/05\/women-for-womens-human-rights-wwhr_13.html\">ihren Artikel \u00fcber die Organisation WWHR<\/a> ver\u00f6ffentlicht, eine NRO, die 1993 in Istanbul gegr\u00fcndet wurde und seit ihrer Gr\u00fcndung auf nationaler und internationaler Ebene t\u00e4tig ist, um eine globale Anerkennung der Frauenrechte anzustreben. \u00a0<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Milena Rampoldi: Was bedeutet f\u00fcr Sie weibliches Empowerment? <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Denise Nanni: F\u00fcr mich bedeutet Empowerment, nicht nur im Sinne des weiblichen Empowerments, vor allem die Bewusstseinsbildung, Teil einer benachteiligen, gesellschaftlichen Gruppe zu sein. Es bedeutet das Bewusstsein der Tatsache, dass allein die Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Minderheit die eigene Existenz, die eigenen M\u00f6glichkeiten und die eigenen Lebensentscheidungen bestimmen kann. Nur nach diesem Bewusstsein ist es m\u00f6glich zu handeln und Instrumente umzusetzen, um die eigene Situation zu ver\u00e4ndern. Daher vertrete ich die Ansicht, dass weibliches Empowerment vor allem ein innerer Prozess ist, der Reflexionsarbeit erfordert und in dem man sich fragen muss, wer wir als Frauen sind, aber vor allem wer wir als Menschen sind. Wir m\u00fcssen uns fragen, wie viel von unseren Wegen von der dominanten Kultur stammt, die in jeder Gesellschaft auf mehr oder weniger offensichtliche Weise eine Identit\u00e4t und sozial akzeptierte und vorgefertigte Verhaltensmodelle aufdr\u00e4ngt. Nach dem Verst\u00e4ndnis dessen ist es m\u00f6glich, sein eigenes Leben zu \u00e4ndern. Denn mein eigenes Leben kann ich anders gestalten als es meine Herkunftskultur macht. Ich kann auch ein Beispiel der Ver\u00e4nderung, die ich vorschlagen m\u00f6chte, aufzeigen.<\/p>\n<p><strong><em>Was unterscheidet deiner Meinung nach den westlichen vom muslimischen Feminismus und welche sind die \u00e4hnlichen Aspekte? <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Der \u00e4hnliche Aspekt ist meiner Meinung nach das Endziel beider Feminismen, der darin besteht, die Lebensbedingungen der Frauen vor Ort und global zu verbessern. Der Unterschied besteht in den Modalit\u00e4ten, nach denen man versucht, dieses Ziel zu erreichen. Der moderne westliche Feminismus widersetzt sich jeglichem Aspekt der dominanten Kultur und wirft dieser vor, ein Produkt der patriarchalischen Gesellschaft zu sein. Meiner Meinung nach sind die Aktionen des westlichen Feminismus unseres Zeitalters oft nur Provokationen, die Aufmerksamkeit erregen wollen, aber am Ende vom Kernthema ablenken. Der muslimische Feminismus ist hingegen das Produkt einer Gesellschaft, in der Religion und Tradition noch eine sehr wichtige Rolle im Leben der Menschen spielen, deren Identit\u00e4t durch diese Sitten und Br\u00e4uche modelliert wird. Somit ist eine vollst\u00e4ndige Auflehnung gegen die Religion unm\u00f6glich, da es schwierig ist, sich von einer Gesamtheit von Prinzipien und Traditionen zu trennen, die zum eigenen Alltag geh\u00f6ren. Daher versuchen die muslimischen Feministinnen ihre Rolle als Frau in der eigenen Gesellschaft neu zu definieren, ohne dabei auf die Religion zu verzichten.<\/p>\n<p>Dies f\u00fchrte zu verschiedenen Polemiken zwischen den Faktionen: denn der westliche Feminismus f\u00fchlt sich auf irgendwelche Weise \u00fcberlegen, weil er nicht glaubt, dass eine Frau mit Kopftuch eine Feministin sein kann, da sie sich etwas von den M\u00e4nnern eintrichtern l\u00e4sst. Was mir aber offensichtlich erscheint, ist, dass man mit diesem Wortlaut gegen das grundlegende Selbstbestimmungsrecht verst\u00f6\u00dft, das jedem zusteht. Des Weiteren schafft man Streitpunkte in einem Bereich, in dem es hingegen der Einheit und Zusammenarbeit bedarf.<\/p>\n<p><strong><em>Erz\u00e4hlen Sie uns von den historischen Etappen des osmanisch-t\u00fcrkischen Feminismus.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Die ersten Ver\u00e4nderungen der Situation der Frauen gehen auf die Osmanenzeit zur\u00fcck. Zu jener Zeit befand sich das Reich in einer schwierigen Zeit, musste sich gegen externe Feinde und interne nationalistische Bewegungen wehren, die die Einheit des Reiches aufs Spiel setzten. Daher beschloss Sultan Mahmud II die Integration der V\u00f6lker innerhalb des Reiches und leitete somit einen Modernisierungsprozess ein. Die Unterdr\u00fcckung der Frauen galt als Modernisierungshindernis. Daher wurden Reformen in die Wege geleitet, um den Frauen zu ihren Erb- und Bildungsrechten zu verhelfen. Die Frauen begannen sich zu organisieren, \u00fcber ihre Lage zu sprechen. Es wurden verschiedene Zeitschriften zum Thema ver\u00f6ffentlicht. Dieser Feminismus war sozusagen institutionell, von Oben aufgezwungen, was bedeutete, dass nur Frauen der wohlhabenden sozialen Schichten in der Lage waren, die ihnen zuerkannten Rechte auch tats\u00e4chlich auszu\u00fcben.<\/p>\n<p>Mit der Gr\u00fcndung der t\u00fcrkischen Republik kam es zu neuen Reformwellen. Der erste t\u00fcrkische Pr\u00e4sident Atat\u00fcrk sah in der weiblichen Emanzipation eine grundlegende Voraussetzung f\u00fcr das \u00dcberleben des Landes. Dieser kemalistische Feminismus basierte auf dem Kernmythos der Existenz einer Vergangenheit vor der Konvertierung zum Islam, in der es die Gleichheit der Geschlechter gab. Atat\u00fcrk leitete Reformen ein, um die Erziehung und Besch\u00e4ftigung der Frauen zu f\u00f6rdern und gew\u00e4hrte ihnen das Wahlrecht. Dennoch war auch dieser Feminismus ein Staatsfeminismus von oben, der in seinen Grenzen verblieb.<\/p>\n<p>In den siebziger und achtziger Jahren spielten verschiedene Soziologinnen eine wesentliche Rolle in der Bewusstseinsbildung bez\u00fcglich der fehlenden Umsetzung der verabschiedeten Gesetze vor allem auf dem Lande, wo zu jener Zeit die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung lebte. Nach dem Putsch von 1980 wurden alle Parteien und politischen Organisationen verboten. Paradoxerweise kommt gerade in diesem Zeitraum eine neue Welle des Feminismus auf. \u015eirin Tekeli (feministische Aktivistin und Autorin) zufolge war dies weder ein Zufall noch ein Paradoxon: der Kemalismus und die linken Ideologien hatten bis dahin ein Hindernis dargestellt. Somit erhielten die Frauen nach dem Verbot der Parteien und der Flucht, Verhaftung oder Ermordung zahlreicher politischer F\u00fchrer einen neuen Raum, um ihre Stimme h\u00f6rbar zu machen. Dieser Feminismus gilt als der erste Feminismus, der vollst\u00e4ndig von Frauen geleitet wurde. Es entstanden Sensibilisierungsgruppen, Zeitschriften und Organisationen zwecks Schaffung eines gemeinsamen feministischen Bewusstseins. Was diesen Feminismus im Besonderen charakterisiert, waren die Institutionalisierungsversuche: es wurden Forschungszentren \u00fcber weibliche Fragen gegr\u00fcndet. In diese Zeit f\u00e4llt auch die Gr\u00fcndung des ersten Frauenhauses f\u00fcr die Aufnahme von Opfern h\u00e4uslicher Gewalt 1990 in Istanbul (<em>Mor Cati<\/em>); im selben Jahr wurde die Organisation <em>Kad\u0131n eserleri k\u00fct\u00fcphanesi ve bilgi merkezi vakf\u0131<\/em> (Bibliothek und Informationszentrum f\u00fcr Frauen) gegr\u00fcndet. 1991 wurde das Ministerium f\u00fcr Frauenangelegenheiten gegr\u00fcndet. Im Jahre 1993 wurde <em>Women for women\u2019s human rights<\/em>, eine wichtige unabh\u00e4ngige NRO, gegr\u00fcndet. In den neunziger Jahren wurden viele Gesetze, die gegen die Gleichberechtigung verstie\u00dfen, ge\u00e4ndert. 2002 reformierte das t\u00fcrkische Parlament das Zivilgesetzbuch, um eine gr\u00f6\u00dfere Gleichheit zwischen den Geschlechtern zu erzielen. In dieser Zeit kam es in der T\u00fcrkei auch zu einer wichtigen Debatte, die bis heute offen ist: ist es m\u00f6glich muslimisch und gleichzeitig feministisch zu sein?<\/p>\n<p>Heute engagiert sich nicht nur der Staat f\u00fcr eine zunehmende Gleichheit und mehr weibliches Empowerment. Seit den siebziger Jahren ist die Rolle der NRO leicht gestiegen. Einige dieser NRO sind so renommiert, dass sie sogar von der Weltbank zu Rate gezogen werden und Vertreter in der Konferenz der Vereinten Nationen haben. Seit den neunziger Jahren engagieren sich die NRO in der Politik f\u00fcr die Frauen in der T\u00fcrkei. Im Rahmen dieser Tendenz begannen die Frauen auch, immer aktiver an den Entwicklungsprogrammen teilzunehmen. Die weiblichen Empowerment-T\u00e4tigkeiten schlie\u00dfen Folgendes ein: Erbringung von Dienstleistungen zwecks Erh\u00f6hung der weiblichen Alphabetisierungsquote, medizinische Informationen und Aufkl\u00e4rung \u00fcber die Familienplanung, Entwicklung weiblicher Kompetenzen und F\u00e4higkeiten zwecks zunehmender weiblicher Teilnahme am Arbeitsleben, Er\u00f6ffnung von Frauenh\u00e4usern und rechtlicher Beistand. Verschiedene internationale Organisationen arbeiten mit und stellen den t\u00fcrkischen NRO Finanzmittel zur Verf\u00fcgung: die Weltbank, die Vereinten Nationen, UNDP und UNFPA. Diese arbeiten gem\u00e4\u00df dem Paradigma del Bottom-Up-Politics und der Entwicklung von Unten. Daher ziehen sie immer die Kooperation mit den NRO und der Zivilgesellschaft vor, die oft besser als die gro\u00dfen Organisationen in der Lage sind, Druck auf die Politik auszu\u00fcben. Eine der wesentlichsten Ver\u00e4nderungen war nach 2000 die Reform des Strafgesetzbuches von 2004.<\/p>\n<p><strong><em>Wie kann man sich auf den Islam und den Koran berufen, um die Situation der Frauen in der T\u00fcrkei zu verbesern? <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Meiner Meinung nach ist eine alternative Auslegung des Korans nicht die beste Strategie, um die Frauenrechte in der T\u00fcrkei oder in jeglichem anderen muslimischen Land zu f\u00f6rdern. Man muss sich eher auf den Hausverstand berufen. Man kann nicht jemanden davon \u00fcberzeugen, dass eine Handlung gegen die Menschenrechte verst\u00f6\u00dft, indem man Koranverse oder andere religi\u00f6se Quellen zitiert. Denn diese stammen aus anderen historischen Zeitaltern und sind deren Produkt. Um ein Beispiel anzuf\u00fchren: der Koranvers, in dem man dem Mann erlaubt, mehrere Frauen zu heiraten, ist das Ergebnis eines Zeitalters, in dem Witwen nicht alleine \u00fcberleben konnten und unter der negativen Stigmatisierung von Seiten der Gesellschaft litten. Dieser Koranvers wurde auch verwendet, um die heutige Mehrehe zu rechtfertigen. Es handelt sich um eine soziale Gepflogenheit, die zu seiner Zeit angemessen war, heute aber ungerecht ist. Man muss sich engagieren, um Menschen in die Lage zu versetzen, selbst\u00e4ndig zu denken. Wenn man auch eine alternative Auslegung des Korans pr\u00e4sentiert und wenn man auch davon ausgeht, dass diese global akzeptiert w\u00fcrde, w\u00fcrde man das Problem, aber nicht seine Ursache aus der Welt schaffen. Und diese Ursache ist meiner Meinung nach darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass Menschen nicht in der Lage sind, sich von den Regeln jeglicher Art zu trennen, auch wenn sie offensichtlich falsch sind.<\/p>\n<p><strong><em>Berichten Sie uns von der Coalition for Social and Bodily Rights in Muslim Societies? <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Im September 2001 fand in Istanbul der Kongress <em>Women, Sexuality and Change in Middle East and Mediterrean<\/em>, der die Vertreter von 19 NRO und Akademikern aus Algerien, \u00c4gypten, Libanon, Marokko, Pakistan, Pal\u00e4stina, Syrien, Tunesien, der T\u00fcrkei und Jemen zusammenbrachte. Es war der erste Kongress dieser Art, in dem sich Experten und Forscher zusammenfanden, die sich in ihrer Karriere mit den Formen der sexuellen Unterdr\u00fcckung in ihren L\u00e4ndern auseinandergesetzt hatten. Dieses Treffen f\u00fchrte zur Gr\u00fcndung der <em>Coalition for Sexual and Bodily Rights in Muslim Societies<\/em> (CSBR), die sich als ein internationales Netzwerk der Solidarit\u00e4t sieht, das das Ziel verfolgt, die sexuellen, k\u00f6rperlichen und reproduktiven Rechte als Menschenrechte in den muslimischen Gesellschaften zu f\u00f6rdern. Im Jahre 2004 wurde die CSBR auf Organisationen und Akademiker aus S\u00fcdostasien erweitert. Die CSBR verfolgt einen inklusiven Ansatz im Bereich der Sexualit\u00e4t und erkennt der Sexualit\u00e4t eine zentrale Rolle im privaten, \u00f6ffentlichen und politischen Leben zu. Sie spielte au\u00dferdem eine wichtige Rolle in der Festlegung und Ausweitung des Begriffs der sexuellen Rechte, die bis dahin nicht existierten, und in der Enttabuisierung der Rechte der Homosexuellen. Die CSBR h\u00e4lt es zwecks Erreichung der Gleichheit zwischen den Geschlechtern, der sozialen Gerechtigkeit und der Demokratisierung f\u00fcr notwendig, die Rechtssysteme zu \u00fcberarbeiten und zu st\u00e4rken, Programme und Politiken anzuwenden und umzusetzen, die auf den Bildungs- und Gesundheitsrechten basieren, die Finanzierungen von Programmen und Institutionen zu erh\u00f6hen, die sich f\u00fcr die Gleichheit der Geschlechter einsetzen, politische Richtlinien und Programme einzuleiten, die die Feminisierung der Armut und von HIV\/AIDS aus der Welt schaffen. Die T\u00e4tigkeit des CSBR besteht vor allem in Sensibilisierungs- und Informationskampagnen.<\/p>\n<p><strong><em>Welche sind Ihrer Meinung nach die besten Strategien zwecks Bek\u00e4mpfung der Gewalt gegen Frauen in L\u00e4ndern wie der T\u00fcrkei? <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Die beste Strategie ist meiner Meinung nach nur eine: Erziehung. Die Erziehung, der Austausch und der Kontakt mit verschiedenen Lebensrealit\u00e4ten sind die einzigen Wege, um den Menschen wirklich die Augen zu \u00f6ffnen und die neuen Generationen in die Lage zu versetzen, zu verstehen, dass ihre Realit\u00e4t und ihre Lebensweise nicht die einzig m\u00f6glichen sind und dass die Verhaltensmodelle, die sie in der Familie gelernt haben, nicht immer richtig sind. Die Ver\u00e4nderung kann nicht durch Gesetze aufgezwungen werden, sondern muss von einer Ver\u00e4nderung von Unten begleitet werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Denise Nanni hat 2014 an der Fakult\u00e4t f\u00fcr Politikwissenschaften, Soziologie und Kommunikation in Rom eine BA-Arbeit zum Thema der weiblichen Empowerment-Politik in der muslimischen Welt verfasste. Die Arbeit fokussiert auf den Studienfall T\u00fcrkei. 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