{"id":331664,"date":"2016-06-21T17:10:25","date_gmt":"2016-06-21T16:10:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pressenza.com\/de\/?p=331664"},"modified":"2016-06-21T17:12:36","modified_gmt":"2016-06-21T16:12:36","slug":"die-realitaet-hinter-schuhen-made-europe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2016\/06\/die-realitaet-hinter-schuhen-made-europe\/","title":{"rendered":"Die Realit\u00e4t hinter Schuhen &#8222;Made in Europe&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8222;Made in Europe\u201d klingt besser als &#8222;Made in China\u201d. Doch was steckt wirklich dahinter? Unsere neueste, mit dem internationalen NGO-Kollektiv Change Your Shoes erarbeitete Recherche zeigt: In Schuhfabriken im Osten Europas schuften zehntausende Arbeiterinnen unter unmenschlichen Bedingungen \u2013\u00ad und oft zu noch tieferen L\u00f6hnen als Arbeiterinnen in China. <\/strong><\/p>\n<p>Weltweit wurden im Jahr 2014 24,3 Milliarden Paar Schuhe produziert \u2013 mehr als drei Paare pro Mensch. Und es werden immer mehr: Allein in den letzten vier Jahren hat die weltweite Produktion um 16 Prozent zugenommen. Zwar werden die meisten Schuhe weltweit in Asien hergestellt, aber allein 2014 wurden in Europa 729 Millionen Paar Schuhe produziert, 90 Prozent davon sind f\u00fcr den eigenen Markt bestimmt.<\/p>\n<p>Bis ein Lederschuh in den Gesch\u00e4ftsregalen steht, haben viele Menschen in mehreren L\u00e4ndern und Kontinenten Hand an ihn angelegt. Am Anfang steht das Rind. Die USA und Brasilien sind die gr\u00f6ssten Hersteller von Rohleder aus Kuhh\u00e4uten. Die Lederindustrie zeichnet von sich gerne das Bild eines Restverwerters, der die H\u00e4ute der Rinder nutzt, die wegen der Fleischproduktion sowieso get\u00f6tet w\u00fcrden. Doch das ist nicht die ganze Wahrheit. <strong>Ein betr\u00e4chtlicher Teil des Erl\u00f6ses der Viehzucht wird durch den Verkauf der H\u00e4ute erzielt<\/strong>, er ist Teil des Gesch\u00e4ftsmodells. Die brasilianische Firma JBS etwa, einer der gr\u00f6ssten Fleischproduzenten der Welt, schlachtet 100 000 Rinder, 70 000 Schweine und 25 000 Schafe \u2013 pro Tag. JBS verkauft nicht nur das Fleisch, sondern auch das rohe oder bereits gegerbte Leder. <a href=\"https:\/\/www.evb.ch\/fileadmin\/files\/documents\/CCC\/EvB_supply-chain_6-16_D.pdf\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.evb.ch\/fileadmin\/files\/images\/CCC\/EvB_supply-chain_6-16_D.jpg\" alt=\"\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Unhaltbare Zust\u00e4nde &#8211; Unf\u00e4lle, Allergien Tumore<\/strong><\/p>\n<p>Schon von der Tierhaut zum Rohleder sind mehrere beschwerliche Arbeitsschritte\u00a0 \u2013 entfleischen, enthaaren, beizen \u2013 n\u00f6tig. Danach wird das Leder in Gerbereien weiterverarbeitet. Jenes, das f\u00fcr europ\u00e4ische Schuhe bestimmt ist, oft in Italien. Im Distrikt Santa Croce in der Toskana alleine gibt es 240 Gerbereien, in denen \u00fcber 12 000 Personen arbeiten. Es ist keine sch\u00f6ne Arbeit: Rohleder ist schwer, schmutzig und stinkt. <strong>Kein Wunder, werden zum Grossteil MigrantInnen besch\u00e4ftigt<\/strong>, insbesondere aus dem Senegal.<\/p>\n<p>Und die Arbeit in den Gerbereien ist gef\u00e4hrlich: Unf\u00e4lle sind ebenso an der Tagesordnung wie Gelenksch\u00e4den wegen des Hebens der schweren H\u00e4ute und Allergien oder gar Tumore, ausgel\u00f6st durch den Kontakt mit chemischen Substanzen. Einer der gef\u00e4hrlichsten Stoffe ist Chrom. 80 Prozent allen Leders wird heute mithilfe des Mineralsalzes Chrom III gegerbt. Das Problem: Bei oder nach der Gerbung kann es zur Bildung von Chrom VI kommen \u2013 einem krebserregenden und allergenen Stoff, der nicht nur f\u00fcr die ArbeiterInnen und die Natur sch\u00e4dlich ist, sondern auch f\u00fcr jene, die die Schuhe sp\u00e4ter tragen.<\/p>\n<div>\n<p><iframe loading=\"lazy\" id=\"iFrameResizer0\" class=\"embedly-embed\" src=\"https:\/\/cdn.embedly.com\/widgets\/media.html?src=https%3A%2F%2Fwww.youtube.com%2Fembed%2FF2Wlx8A4cxg%3Ffeature%3Doembed&amp;url=http%3A%2F%2Fwww.youtube.com%2Fwatch%3Fv%3DF2Wlx8A4cxg&amp;image=https%3A%2F%2Fi.ytimg.com%2Fvi%2FF2Wlx8A4cxg%2Fhqdefault.jpg&amp;key=a74c50acbdb346499d5932152d2cbe19&amp;type=text%2Fhtml&amp;schema=youtube&amp;wmode=transparent\" width=\"630\" height=\"354\" frameborder=\"0\" scrolling=\"no\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><br \/>\n<em>Erkl\u00e4rung von Bern Unter welchen Bedingungen arbeiten die Menschen in den italienischen Gerbereien? Ausschnitt aus dem ARD mittags magazin vom 05.05.2016. Im Bericht kommen ExpertInnen des &#8222;Change Your Shoes&#8220;-Netzwerks zu Wort.<\/em><\/p>\n<p><strong>Tiefere L\u00f6hne als in China<\/strong><\/p>\n<p>Bevor ans Tragen zu denken ist, m\u00fcssen aus dem Leder erst einmal Schuhe entstehen. Die arbeitsintensiven Schritte bei der Produktion von &#8222;italienischen&#8220; Lederschuhen werden oft nach Osteuropa und in die Balkanl\u00e4nder ausgelagert, aus zwei Gr\u00fcnden: Die N\u00e4he zum europ\u00e4ischen Markt (im Vergleich zu den asiatischen Produktionsst\u00e4tten) sorgt f\u00fcr kurze Lieferzeiten, und das Lohnniveau ist \u00e4usserst tief. Der neue Bericht der EvB, <a class=\"external external-link-new-window\" href=\"https:\/\/www.evb.ch\/fileadmin\/files\/documents\/CCC\/BD_REPORT_labour_on_a_shoestring.pdf\" target=\"_blank\">Labour on a Shoestring<\/a>, zeigt die Realit\u00e4ten in den Schuhfabriken von sechs europ\u00e4ischen L\u00e4ndern auf. Das Hauptproblem sind die viel zu tiefen L\u00f6hne: Der gesetzliche Mindestlohn in Albanien, Mazedonien oder Rum\u00e4nien liegt mit 140 bis 156 Euro pro Monat sogar unter dem von China.\u00a0Die L\u00f6hne m\u00fcssten vier bis f\u00fcnf Mal h\u00f6her sein, damit Albanerinnen, Mazedonierinnen oder Rum\u00e4ninnen \u2013 die Fabrikarbeitenden sind vorwiegend Frauen \u2013 und ihre Familien davon leben k\u00f6nnten. Weil viele Arbeiterinnen pro St\u00fcck bezahlt werden, arbeiten sie oft weit mehr als acht Stunden t\u00e4glich, um ihre Lebenskosten halbwegs decken zu k\u00f6nnen. Oder sie verzichten aus Produktivit\u00e4tsgr\u00fcnden auf Sicherheitsmassnahmen, die sie vor Leim und Chemikalien sch\u00fctzen w\u00fcrden. In vielen Fabriken ist es im Winter sehr kalt und im Sommer so heiss, dass immer wieder Arbeiterinnen kollabieren.<\/p>\n<div><iframe loading=\"lazy\" id=\"iFrameResizer1\" class=\"embedly-embed\" src=\"https:\/\/cdn.embedly.com\/widgets\/media.html?src=https%3A%2F%2Fwww.youtube.com%2Fembed%2Fo5BkRP9jLfI%3Ffeature%3Doembed&amp;url=http%3A%2F%2Fwww.youtube.com%2Fwatch%3Fv%3Do5BkRP9jLfI&amp;image=https%3A%2F%2Fi.ytimg.com%2Fvi%2Fo5BkRP9jLfI%2Fhqdefault.jpg&amp;key=a74c50acbdb346499d5932152d2cbe19&amp;type=text%2Fhtml&amp;schema=youtube&amp;wmode=transparent\" width=\"630\" height=\"354\" frameborder=\"0\" scrolling=\"no\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/div>\n<p><em><span class=\"copyright\"><a title=\"Erkl\u00e4rung von Bern\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/user\/Erklaerung\" target=\"_blank\">Erkl\u00e4rung von Bern<\/a><\/span> Der ARD Montags-Check befragt Arbeiterinnen in Rum\u00e4nien. Machen Sie sich ein Bild von der Schuhproduktion in Osteuropa. (25. April 2016, ARD)<\/em><\/p>\n<p>\u201eMade in Europe\u201c steht also nicht per se f\u00fcr bessere Produktionsbedingungen als etwa jene in asiatischen L\u00e4ndern. Die systemimmanenten Probleme der Bekleidungs- und Schuhindustrie \u2013 Tiefstl\u00f6hne, unbezahlte \u00dcberzeit, fehlende Arbeitssicherheit \u2013 machen keineswegs halt vor Europa. Die Schuhfirmen \u2013 auch jene aus der Schweiz \u2013 stecken noch in den Kinderschuhen, wenn es darum geht, f\u00fcr faire Produktionsbedingungen zu sorgen. Das zeigt die <a class=\"internal\" href=\"https:\/\/www.evb.ch\/fileadmin\/files\/documents\/CCC\/BD_REPORT_trampling_workers_rights_underfoot.pdf\">Firmenumfrage<\/a>, die das Change Your Shoes-Netzwerk, das in der Schweiz von der EvB koordiniert wird, durchgef\u00fchrt hat.<\/p>\n<\/div>\n<p>Die EvB fordert von den Markenfirmen und Detailh\u00e4ndlern, dass sie eine umfassende Due-Diligence-Pr\u00fcfung vornehmen, um die Einhaltung von Menschen- und Arbeitsrechten entlang ihrer kompletten Lieferkette zu garantieren. Insbesondere m\u00fcssen die L\u00f6hne sukzessive auf eine existenzsichernde H\u00f6he hin angehoben werden.<\/p>\n<p><strong>Was wir tun: Realit\u00e4t aufzeigen \u2013 und Alternativen<\/strong><\/p>\n<p>Gemeinsam mit unseren <em>Change Your Shoes<\/em> &#8211; Partnerorganisationen\u00a0 wollen wir aufzeigen, wie die Realit\u00e4t in den Schuhfabriken aussehen \u2013 und wie sie ge\u00e4ndert werden k\u00f6nnen:<\/p>\n<ul>\n<li>mit existenzsichernden L\u00f6hnen f\u00fcr die Arbeiterinnen und Arbeiter in der Leder- und Schuhindustrie<\/li>\n<li>mit f\u00fcr Mensch und Umwelt unsch\u00e4dlichen Verfahren im Gerbprozess.<\/li>\n<li>mit einem ad\u00e4quaten Gesundheitsschutz f\u00fcr die Angestellten in Gerbereien und in den Schuhfabriken.<\/li>\n<li>mit aufgekl\u00e4rten Konsumierenden, die Fragen stellen, wie ihre Schuhe produziert worden sind<\/li>\n<li>und sich selbst fragen, ob sie tats\u00e4chlich f\u00fcnf paar Schuhe pro Jahr ben\u00f6tigen.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Was Sie tun k\u00f6nnen: Konsumieren, Nachfragen, Sensibilisieren<\/strong><\/p>\n<p>Als Konsumentinnen und Konsumenten k\u00f6nnen Sie die Arbeitsbedingungen in der Schuhindustrie beeinflussen. Im Folgenden finden Sie einige Tipps, zusammengestellt von unseren Expertinnen:<\/p>\n<p><strong>Eine bewusster Umgang mit Schuhen<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Kaufen Sie nur Schuhe, die Sie wirklich brauchen. Lassen Sie sich mit der Mehrheit Ihrer Kleidung kombinieren? K\u00f6nnen die Schuhe repariert werden?<\/li>\n<li>Beginnen Sie den Einkauf bei fortschrittlicheren Unternehmen!<\/li>\n<li>Achten Sie bei Lederschuhen auf unbedenklichere Gerbungsmethoden.<\/li>\n<li>Erw\u00e4gen Sie den Kauf veganer Schuhe: Es gibt immer mehr interessante Alternativen zu Leder.<\/li>\n<li>Auch f\u00fcr Schuhe gibt es Second-Hand-Optionen, zum Kaufen oder Tauschen.<\/li>\n<li>Klingt banal, ist aber wirksam: Pflegen Sie Ihre Schuhe, dann haben Sie lange Freude dran.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong> Bei den Firmen nachfragen: <\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Woher kommt das Leder? Fordern Sie Transparenz!<\/li>\n<li>Welches Gerbverfahren wurde angewandt? Fordern Sie sichere und umweltfreundliche Gerbmethoden!<\/li>\n<li>Was verdienen die ArbeiterInnen in Gerbereien, Fabriken und im Einzelhandel? Fordern Sie existenzsichernde L\u00f6hne entlang der gesamten Lieferkette!<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Wissen Teilen: <\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Sensibilisieren Sie Ihr Umfeld f\u00fcr das Thema &#8211;\u00a0 wenn viele Konsumierende Transparenz, eine saubere Produktion und Existenzl\u00f6hne fordern, \u00e4ndert sich etwas in der Branche!<\/li>\n<li>Besuchen Sie uns auf <a class=\"external\" href=\"https:\/\/www.facebook.com\/erklaerungvbern\/\" target=\"_blank\"><strong>Facebook<\/strong> <\/a>oder <a class=\"external\" href=\"https:\/\/twitter.com\/erklaerung\" target=\"_blank\"><strong>Twitter<\/strong> <\/a>und helfen Sie mit, unsere Inhalte zu verbreiten!<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Made in Europe\u201d klingt besser als &#8222;Made in China\u201d. Doch was steckt wirklich dahinter? 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