{"id":321000,"date":"2016-05-24T15:12:11","date_gmt":"2016-05-24T14:12:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pressenza.com\/de\/?p=321000"},"modified":"2016-05-26T11:37:39","modified_gmt":"2016-05-26T10:37:39","slug":"langsamer-journalismus-gramsci-gegen-burda","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2016\/05\/langsamer-journalismus-gramsci-gegen-burda\/","title":{"rendered":"Langsamer Journalismus: Gramsci gegen Burda"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wir leben in einer dynamischen, beschleunigten Welt. Was die futuristische Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts so lobte, war die Geschwindigkeit. Sie war in den Rennwagen jener Zeit verk\u00f6rpert und regte die Phantasie futuristischer K\u00fcnstler und Schriftsteller an. Anbei der Lobgesang von F.T. Marinetti auf die technische Beschleunigung, die er in seinem Manifest zur \u00e4sthetischen Dimension des Lebens erhebt: \u201eWir behaupten, dass die Herrlichkeit der Welt sich um eine neue Sch\u00f6nheit bereichert hat: die Sch\u00f6nheit der Geschwindigkeit.\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Aber diese Dynamik zeigte bald ihre negativen Seiten: Aufr\u00fcstung um jeden Preis, Blitzkrieg, beschleunigte, wissenschaftliche T\u00f6tung, \u00dcberproduktion, Technologisierung gesamter Lebensbereiche und Gleichg\u00fcltigkeit in ethischen, sozialen und menschenrechtlichen Fragen. Dieselbe Beschleunigung im negativen Sinne erf\u00e4hrt auch der Journalismus, der sich mit dieser Welt auseinandersetzt. Er wird so zum Spiegel der beschleunigten Welt und reagiert nur noch in Form passiver Eilmeldungen auf sie. Immer weniger Journalisten schreiben in immer weniger Zeit immer mehr Nachrichten.<\/p>\n<p>Und da kommt nat\u00fcrlich die Zeit f\u00fcr die Recherche, Ursachenforschung, ethische Verantwortlichkeit und L\u00f6sungsorientierung zu kurz. Krieg, Terrorismus, Kriminalit\u00e4t, Menschenrechtsverletzungen und Gewalt jeglicher Art sind die Hauptthemen, mit denen sich diese Welt der recherchefreien Eilmeldungen befasst. Ausweglos negative Nachrichten machen Schlagzeilen, w\u00e4hrend positive Nachrichten mit konstruktiven L\u00f6sungsans\u00e4tzen verdr\u00e4ngt werden. Eine endlose Reihe ersch\u00fctternder Eilmeldungen \u00fcberschwemmt im Sekundentakt Onlinenachrichtenportale und soziale Medien. Das Geschehen wird nicht verarbeitet, sondern nur passiv rezipiert und erneut in die Welt geschossen, in der es einen Boomerangeffekt erzeugt, der visuell und akustisch (durch Bilder, Videos, gesprochene Texte oder Musik, Ger\u00e4usche, u. \u00e4.) noch verst\u00e4rkt wird.<\/p>\n<p>Was kommt dem traditionellen Journalismus auf diese Weise abhanden? Ich w\u00fcrde sagen, alles. Die wichtigsten Aspekte dieses beschleunigten Journalismus sind zweifelsohne der Mangel an ethischem und deontologischem Verst\u00e4ndnis und die unzureichende Ursachenforschung, die den Journalismus in einem zweifachen Sinne betreffen: einerseits den Journalismus als Zeitungs- und Pressewesen, der extreme Qualit\u00e4tseinbu\u00dfen erf\u00e4hrt und seiner ethischen und sozio-politischen Aufgabe nicht mehr gerecht wird, und andererseits die T\u00e4tigkeiten und Handlungen der einzelnen JournalistInnen, die sich dieser irrationalen Herausforderung stellen und an ihr zerbrechen.<\/p>\n<p>Im Folgenden m\u00f6chte ich zwei wesentlichen Fragestellungen zum Thema nachgehen: Welche sind die ethischen und Forschungsanforderungen an den Qualit\u00e4tsjournalismus? Wie kann man diesen Qualit\u00e4tsjournalismus trotz der derzeitigen Hindernisse wieder zum Erfolg f\u00fchren?<\/p>\n<p>Ethik ist f\u00fcr mich ein grundlegender Begriff, wenn es um Journalismus und um alles geht, was mit Wort, Dialektik, Dialog, Reflexion und Kommunikation zu tun hat. Worte bewegen sehr viel, und gerade wer an die Macht der Worte und den so wesentlichen, massenpsychologischen Einfluss der \u201eMassenmedien\u201c glaubt, muss die Ethik zur unerl\u00e4sslichen Grundlage seines Handelns machen, um zu vermeiden, dass Worte zu menschenverachtenden Unworten oder sinnentleerten, apathischen, verbalen H\u00fcllen werden. Denn das Gegenteil von Wort, Dialog, Kommunikation und Reflexion sind Gewalt, Nihilismus, Konflikt und Krieg.<br \/>\nQualit\u00e4tsjournalismus meint einen Journalismus mit einem wortw\u00f6rtlichen ethischen Filter als prim\u00e4rem, berufsethischem Instrument. An dieser Stelle spielt die zeitliche Dimension eine wesentliche Rolle. Der ethische Filter h\u00e4ngt n\u00e4mlich mit der zeitlichen Dimension der Reflexion \u00fcber mich als Journalistin, \u00fcber den Gegenstand meiner Recherche und meine pers\u00f6nliche und ethische Beziehung zu diesem Gegenstand-Subjekt, wie ich im Folgenden anhand von Edward Saids These aufzeigen werde, zusammen.<\/p>\n<p>Daraus folgt, dass nur ein langsamer Journalismus auch qualitativ sein kann, da JournalistInnen keine passiven RezipientInnen sind, die Informationen aufnehmen und wiederk\u00e4uen, um sie in laute sensationelle Nachrichten zu verwandeln, sondern ethisch reflektierende und handelnde Menschen, die sich mit der Dimension des \u201eDu\u201c im Sinne des j\u00fcdisch-franz\u00f6sischen Philosophen Emanuel L\u00e9vinas auseinandersetzen. Und dieses \u201eDu\u201c findet sich im Spiegel der Ereignisse, Menschen, des Weltgeschehens und der eigenen Wertewelt wieder.<\/p>\n<p><strong>Die humanistische Ethik des Journalismus basiert auf der Wahrung der Menschlichkeit und W\u00fcrde des Anderen<\/strong><\/p>\n<p>Die Ethik ist ein kulturell, religi\u00f6s, philosophisch und soziologisch sehr unterschiedlicher, dehnbarer und auch manipulierbarer Begriff. Dies gestaltet die journalistische Arbeit komplexer und gef\u00e4hrlicher: denn sie bewegt Menschen, erreicht Massen, verst\u00e4rkt Emotionen und beeinflusst gro\u00dffl\u00e4chig die \u00f6ffentliche Meinung. Ethik bedeutet einerseits Diversit\u00e4t, wenn man von der Welt ausgeht und andererseits absolute Normativit\u00e4t, wenn man die Sichtweise des Einzelnen zum Ma\u00dfstab erhebt.<br \/>\nAlle Menschen haben aber, unabh\u00e4ngig von ihren kulturellen, ethnischen, religi\u00f6sen, sozialen und wirtschaftlichen Unterschieden, die Menschlichkeit gemeinsam. Daraus folgt f\u00fcr mich, dass Qualit\u00e4tsjournalismus ein langsamer Journalismus mit einem humanistischen, ethischen Filter sein muss, der sich dann je nach Kultur, Religion, Orientierung und sozio-politischer Sichtweise anders \u201edekliniert\u201c, ohne sich deshalb zu entwurzeln. Die humanistische Ethik des Journalismus basiert auf der Wahrung der Menschlichkeit und W\u00fcrde des Anderen und umfasst somit die Menschenrechte aller Weltb\u00fcrger, unabh\u00e4ngig von der \u201eDeklination\u201c ihrer Kultur, Sprache, Religion und Gruppenzugeh\u00f6rigkeit, gesellschaftlichen Stellung, Hautfarbe, F\u00e4higkeit, ihres Talents und ihrer Kompetenz.<\/p>\n<p>Somit basieren die vorbereitende Recherche und Ursachenforschung, die Verfassung des Artikels, seine Korrektur und Verbreitung im langsamen Qualit\u00e4tsjournalismus auf dem Grundprinzip der Menschlichkeit des Anderen, seiner Welt und somit der im Artikel darzustellenden Thematik, die nur ethisch und humanistisch angegangen werden darf. Dies gilt meiner Meinung nach im Besonderen f\u00fcr den Journalismus rund um Themen wie Fl\u00fcchtlingskrise, Terrorismus, Krieg, Nord-S\u00fcd-Gef\u00e4lle, Feminismus und interkulturelle Frauenrechte und Grenzen der Pressefreiheit.<\/p>\n<blockquote><p><em>Der langsame Journalismus setzt sich mit Hilfe seines ethischen Filters auch seine eigenen Grenzen, denn meine Freiheit h\u00f6rt dort auf, wo die Freiheit, W\u00fcrde und Menschlichkeit des Anderen (meines Subjekts) anfangen.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Den Qualit\u00e4tsjournalismus sehe ich auch als antikolonialistischen Journalismus im Sinne von Edward Saids Thesen in Orientalism und als pazifistischen und anti-rassistischen Journalismus, da er den \u201eAnderen\u201c nicht als Objekt seiner Wahrnehmung, seiner eigenen Vorurteile und ethnozentrischen Standpunkte ansieht, sondern als gleichwertiges \u201eDu\u201c betrachtet, zu dem man eine dialektische und wahre Beziehung aufbauen kann.<\/p>\n<p>Der langsame Journalismus setzt sich mit Hilfe seines ethischen Filters auch seine eigenen Grenzen, denn meine Freiheit h\u00f6rt dort auf, wo die Freiheit, W\u00fcrde und Menschlichkeit des Anderen (meines Subjekts) anfangen. Wie kann man nun als JournalistInnen dem schnellen Journalismus auf dieser Grundlage am besten entgegenwirken, um den langsamen Qualit\u00e4tsjournalismus als Standard zu f\u00f6rdern, obwohl er in unserer beschleunigten und vom Kapital bestimmten Welt zeitaufw\u00e4ndiger und wirtschaftlich weniger bzw. gar nicht rentabel erscheint?<\/p>\n<p>In diesem Bereich stehen die langsamen JournalistInnen vor einer zweifachen, qualitativen und quantitativen Herausforderung: einerseits brauchen wir \u201elangsame\u201c Journalisten, die ethisch und konstruktiv recherchieren und sich mit dem Thema in seiner \u201eW\u00fcrde\u201c auseinandersetzen, Texte verfassen, die keine Informationen in wiedergek\u00e4ute, laute Sensationen verwandeln, und andererseits brauchen wir mehr Journalisten f\u00fcr weniger Artikel in mehr Zeit, weil die Zeit zur ethischen Dimension des Journalismus erhoben wird, obwohl sie sich kapital- und technologietechnisch gar nicht \u201ebezahlt\u201c.<\/p>\n<p>Aber wie \u00fcberzeugen wir McDonald-Kunden in ein raffiniertes, osmanisches Restaurant mit Gerichten aus dem 16. Jahrhundert zu wechseln? Denn der Journalismus betrifft nicht nur die Macher, sondern auch die Konsumenten. Um einen Qualit\u00e4tsjournalismus durchzusetzen, m\u00fcssen wir an beiden Fronten ansetzen, um sowohl die Medienwelt selbst als auch ihr Publikum davon zu \u00fcberzeugen, dass Ethik, Recherche, Verantwortlichkeit, Wahrheit, Zeit und Menschenrechte den Journalismus bestimmen sollen und dass dies unabh\u00e4ngig von und jenseits jeglicher finanziellen Kalkulation erfolgen muss.<\/p>\n<p>Die langsamen JournalistInnen befinden sich in einer neokolonialistischen, neoliberalen, vom Kapital, der Technologie und Geschwindigkeit bestimmten Welt, die globalisiert und gleichzeitig ethnozentrisch ist. In dieser Zwickm\u00fchle bleibt ihnen nur Eines \u00fcbrig: sie m\u00fcssen an Wunder glauben, damit sie ihnen geschehen und ihren Kampfgeist aufrechterhalten, ohne an ihren ethischen Grunds\u00e4tzen, f\u00fcr die sie leben und arbeiten, zu r\u00fctteln. Je mehr Menschen diese Sichtweise vertreten, desto mehr schl\u00e4gt der langsame Journalismus unter den Machern und Konsumenten Wellen. Die beiden Ebenen \u00fcberschneiden sich immer mehr. Der B\u00fcrgerjournalismus beeinflusst den professionellen Journalismus und umgekehrt.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>&#8222;Allein mit Qualit\u00e4tsjournalismus kann heute niemand mehr \u00fcberleben\u201c<br \/>\nVerleger Hubert Burda<br \/>\n<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Solange es Menschen gibt, die diesen ethischen Filter in ihre Arbeit einbauen, stimmt die aufsehenerregende Aussage \u201eAllein mit Qualit\u00e4tsjournalismus kann heute niemand mehr \u00fcberleben\u201c des Verlegers Hubert Burda von 2014 nicht. Denn will man sich diese Qualit\u00e4t leisten, so kann man sie sich auch leisten. Diese Qualit\u00e4t ist meine Zeit. Diese Qualit\u00e4t ist meine Ethik. So hart das auch klingen mag: der Tod des Qualit\u00e4tsjournalismus und der Beginn des Nihilismus entsprechen meinem Verzicht als JournalistIn auf meine Ethik und auf meine Zeit. Und diesen Fehltritt Anderen zuzuschreiben, w\u00e4re ein fataler Fehler, denn er ist die logische Folge meiner Entscheidung f\u00fcr die Geschwindigkeit als \u00e4sthetische Dimension eines talentfreien Journalistenlebens.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-321017\" src=\"http:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/langsamer-journalismus-6.jpg\" alt=\"langsamer journalismus 6\" width=\"300\" height=\"257\" \/><\/p>\n<p>Ganz im Sinne des italienischen Philosophen und Journalisten Antonio Gramsci gilt f\u00fcr mich im langsamen, ethischen Qualit\u00e4tsjournalismus das Motto: \u201eWas wir brauchen ist N\u00fcchternheit: einen Pessimismus des Verstandes, einen Optimismus des Willens.\u201c<\/p>\n<p>Der langsame Journalismus ist eine Berufung, eine Grund\u00fcberzeugung, eine existentielle, ethische Haltung und eine felsenfeste \u00dcberzeugung der W\u00fcrde und Gleichwertigkeit aller Menschen und somit auch aller Geschehnisse, unabh\u00e4ngig von ihrer, wie oben angesprochenen \u201eDeklination\u201c. Der langsame Journalismus bedeutet Recherche, Gr\u00fcndlichkeit, Verpflichtung zur Wahrheit und ethisches Zeitverst\u00e4ndnis. Und wer daran glaubt, finanziert das. An dieser Stelle kommt das \u201eethische Kapital\u201c der Macher und Konsumenten ins Spiel. Somit macht sich Qualit\u00e4tsjournalismus nicht nur bezahlt, sondern zahlt sich auch aus, wie paradox dies auch erscheinen mag.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen uns als JournalistInnen und als Gesellschaft gleichzeitig f\u00fcr Pessimismus und Optimismus entscheiden und der diametralen Gegen\u00fcberstellung dieser beiden Dimensionen den R\u00fccken zu kehren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir leben in einer dynamischen, beschleunigten Welt. Was die futuristische Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts so lobte, war die Geschwindigkeit. Sie war in den Rennwagen jener Zeit verk\u00f6rpert und regte die Phantasie futuristischer K\u00fcnstler und Schriftsteller an. 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Insegnante di lingue e traduttrice, da anni si occupa di storia e religione islamica, di questioni politiche ed umanitarie, di femminismo e diritti umani e di storia medio-orientale ed africana. Tra le varie pubblicazioni, soprattutto in lingua tedesca, figurano i testi italiani sui Corsari del Mediterraneo e sul filosofo Ren\u00e9 Gu\u00e9non. E' promotrice dell'Associazione per il dialogo interculturale e interreligioso Promosaik www.promosaik.com\",\"url\":\"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/author\/milena-rampoldi\/\"}]}<\/script>\n<!-- \/ Yoast SEO plugin. -->","yoast_head_json":{"title":"Langsamer Journalismus: Gramsci gegen Burda","description":"Wir leben in einer dynamischen, beschleunigten Welt. Was die futuristische Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts so lobte, war die Geschwindigkeit. 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