{"id":310085,"date":"2016-05-03T10:50:57","date_gmt":"2016-05-03T09:50:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pressenza.com\/de\/?p=310085"},"modified":"2016-05-04T06:22:44","modified_gmt":"2016-05-04T05:22:44","slug":"310085","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2016\/05\/310085\/","title":{"rendered":"Kult und Wissenschaft \u2013 eine Zukunftsentscheidung"},"content":{"rendered":"<p><strong>Gabriela Jurosz-Landa ist Anthropologin, hat an der Ludwig-Maximilians-Universit\u00e4t in M\u00fcnchen promoviert, und in Wien, Prag und Berlin gearbeitet. Sie h\u00e4lt Vortr\u00e4ge und publiziert \u00fcber internationale kulturell-politische Themen, Kunst und Museumskunde. Als Gr\u00fcnderin und Pr\u00e4sidentin von <a href=\"http:\/\/www.ForumWorldCultures.com\">Forum of World Cultures<\/a>, engagiert sie sich f\u00fcr inter-kulturellen Austausch. Momentan lebt sie in New York. In folgendem Artikel kritisiert sie die heutige wissenschaftliche Dominanz in Museumsausstellungen. Stattdessen schl\u00e4gt die Autorin\u00a0eine Perspektive vor, die vom Subjekt statt dem Objekt ausgeht und so den Menschen in den Mittelpunkt seiner Welt und der Ausstellung stellt.<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Die Geschichte eines jeden Volkes beginnt mit der Wahrheitsoffenbarung aus dem Mythos. Aus ihr entwickelt sich kultisches Handeln, das Wissenschaft dann zu erkl\u00e4ren versucht. Auch der K\u00fcnstler bet\u00e4tigt sich in seinem Wirken kultisch. So ist es dieses Handeln, das seinem Sinn eine Form versetzt, was es in Ausstellungen kultureller Inhalte \u2013 Kunst, Geschichte, Politik, um nur einige zu nennen &#8211; darzustellen gilt.<\/p>\n<p>\u00dcbertr\u00e4gt man diese Betrachtung auf die Bedeutung von Kult und Wissenschaft im Museumsbetrieb, zeigt sich die aktuelle Hierarchie eindeutig. Wissenschaftliche Perspektiven und Darstellungsmethoden ragen \u00fcber der Pr\u00e4sentation des eigentlichen Werkes hinaus. Es ist meine \u00dcberzeugung, dass dabei der Museumsbesucher, der eigentliche Rezipient, nicht selten distanziert und entfremdet wird. Museumsausstellungen m\u00fcssen einem breiteren Publikum zug\u00e4nglich sein \u2013 unterschiedlichen Generationen und Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten &#8211; wollen sie nicht, wie die Kirchen, ihre \u201eKundschaft\u201c verlieren.<\/p>\n<p>Was nun verstehen wir konkret unter Wissenschaft im Museumsbetrieb. Zum einen ist es die akademische Disziplin, die den Mythos und seinen Kult analysiert und hinterfragt &#8211; Mythos als inhaltsauslegendes Wort, Kult als dessen Handlung. Zum anderen dr\u00fcckt sie sich aus in den Methoden, die zur Verf\u00fcgung stehen, Inhalt mitsamt ihrem Kult im Museum zu pr\u00e4sentieren. Wissenschaft sollte dazu da sein, den Kult darzustellen. Alle Mittel, die dem Museumsbetrieb zur Verf\u00fcgung stehen, sollten ihrem zu ver\u00e4u\u00dfernden Inhalt und dessen Ausdrucksweisen dienen. Denn nur so steht der Mensch im Mittelpunkt der Welt und eben nicht \u2013 wie das goldene Kalb &#8211; das Objekt.<\/p>\n<p>Da wir in Europa seit Descartes in einer wissenschaftorientierten Gesellschaft leben, werden Mythos und Wahrheit immer gegen\u00fcbergesetzt, als seien sie Gegens\u00e4tze. Es ist heute enorm schwierig, sich an Leben anstatt an Verwissenschaftlichung und Technologisierung zu orientieren. Viele Menschen haben bereits eine st\u00e4rkere Beziehung zu Technik als zu Natur. Wo das hinf\u00fchrt, brauchen wir hier nicht zu schildern. Ob wir diesen Weg gehen wollten, ist t\u00e4gliche Entscheidung eines jeden.<\/p>\n<p>Kult ist anders strukturiert als Wissenschaft und nicht so leicht einzuordnen. Kult mag rituell wiederholt werden, dient jedoch der Erneuerung. Hierin liegt seine Verwandtschaft zur Kunst als kreativem Schaffen. Hierin liegt jedoch auch ein Grund, weshalb es vorgezogen wird, ihn mitsamt zu ignorieren und aus der Welt des Menschen zu verbannen.<\/p>\n<p>Um mit Georg Picht zu sprechen, wird Kunst in diesem Jahrhundert rein \u00e4sthetisch aufgefasst, rein k\u00fcnstlerisch und so in die &#8222;Sph\u00e4re allgemeiner Unverbindlichkeit&#8220; entr\u00fcckt genossen.<\/p>\n<p><em>&#8222;Die Kunstwissenschaft und die \u00c4sthetik haben [als Wissenschaften] Formen der Betrachtung von Kunstwerken entwickelt, die es erlauben sollten, die Kunst rein als Kunst, also unabh\u00e4ngig von ihrem wirklichen oder vermeintlichem Zusammenhang mit der Welt des Mythos zu betrachten&#8220;.<\/em><\/p>\n<p>Leiter von Museen, die sich mit Pers\u00f6nlichkeiten aus Kunst oder Wissenschaft besch\u00e4ftigen, m\u00f6chten sich diesen Fakt vor Augen halten, um der allgegenw\u00e4rtigen Wissenschaftsanbetung, zu dem sie die Universit\u00e4ten Gro\u00dfteils erziehen, nicht zu unterliegen. Sie sind \u201eF\u00fchrer\u201c ihrer Gesellschaft und als erste Bildungsinstanzen verantwortlich f\u00fcr die Entwicklung ihrer Mitmenschen. Wenn wir heute an simplifizierendem Ratio-Wahn leiden, sind es Institutionen wie Museen, in deren Hand es liegt, ein anderes, individuelleres Bild der Existenz und somit eine vielschichtigere und lebendige Vision unserer Welt zu zeichnen. In jeder Entscheidung sollte so der Mensch im Zentrum stehen. Technik steht ihm nach und sollte nicht als billiges und vorallem bequemes Mittel eingesetzt werden, weil einem nichts Kreativeres zur Pr\u00e4sentation eines Themas einf\u00e4llt.<\/p>\n<p><strong>Problem des Kultus<\/strong><\/p>\n<p>Richard Schaeffler schrieb schon 1974 in seinem Aufsatz \u201eDer Kultus als Weltauslegung\u201c:<\/p>\n<p><em>\u201eDer Kultus pflegt nicht zu kommentieren, was er tut. Es muss aus dem Tun abgelesen werden.\u201c<\/em> Genau dieses Ablesen wird f\u00fcr den heutigen Menschen jedoch eine Schwierigkeit. Schnelllebigkeit und fehlende Hinf\u00fchrung zum Kern der Dinge blockieren ihm den Weg zur Erkenntnis. Um mit Peter Tepe zu antworten: <em>\u201eAufkl\u00e4rung ist ein ausgek\u00fcgeltes System des Verdr\u00e4ngens.\u201c<\/em> (Mythologica 8: 2002, 386). Gerade diese vermeintliche Aufkl\u00e4rung macht den Menschen zunehmend blind f\u00fcr das Wesentliche.<\/p>\n<p>Dieses Wesentliche ist mit allen Sinnen besser zu erkennen als mit Vernunftsdenken allein. Das k\u00f6nnen sich Museumsverantwortliche zu Nutze machen, haben nicht gerade sie es mit materiellen Artefakten oder besser noch dem Ausdruck immaterieller direkter Gedanken des auszustellenden Protagonisten zu tun? Hand anlegen und Hand anlegen lassen ist des Museums Devise. Der digitale Knopfdruck kann da nicht mithalten. Was alles kann man durch das H\u00f6ren etwa der Musik Bachs oder Wagners erfahren. Nicht das Objekt, evozierte Bilder sind es, die wesentlich sind. Die Darstellung der Bilder und Erlebnisse, die den K\u00fcnstler inspirierten, lassen den Rezipienten Werk und Leben des Kulturschaffenden nacherleben lassen.<\/p>\n<p>Friedrich Bachmayr scheint dies im Stringbergmuseum in Saxen erfa\u00dft zu haben. Er stellt seelische Abgr\u00fcnde, aus denen das Werk des Schriftstellers sch\u00f6pft als Schluchten dar, die Strindberg auch physisch in der \u00f6sterreichischen Landschaft durchging. Und auch in Teilen des Bayreuther Richard-Wagner-Museum hat Volker Staab mit seinen Produzenten Mythos unterhalb der Kopflinie in dunklen Untergeschossen mystisch inszeniert.<\/p>\n<p>Die Kunst, Kunst darzustellen, ist keine Frage des Geldes oder zur Verf\u00fcgung stehender historischer Artefakte, sie spiegelt die F\u00e4higkeit der Phantasie, des In-der-Welt-Seins, um mit Heidegger zu sprechen, wieder, die wiederrum ein Ausdruck von Freiheit und gleichzeitiger Verwurzelung sind.<\/p>\n<p><em>Gabriela Jurosz-Landa<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gabriela Jurosz-Landa ist Anthropologin, hat an der Ludwig-Maximilians-Universit\u00e4t in M\u00fcnchen promoviert, und in Wien, Prag und Berlin gearbeitet. Sie h\u00e4lt Vortr\u00e4ge und publiziert \u00fcber internationale kulturell-politische Themen, Kunst und Museumskunde. 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