{"id":2697560,"date":"2026-05-04T10:42:42","date_gmt":"2026-05-04T09:42:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=2697560"},"modified":"2026-05-04T10:42:42","modified_gmt":"2026-05-04T09:42:42","slug":"die-afd-und-das-ende-des-deutschen-schuldkults","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2026\/05\/die-afd-und-das-ende-des-deutschen-schuldkults\/","title":{"rendered":"Die AfD und das Ende des deutschen \u201dSchuldkults\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die AfD will die Erinnerungskultur in Deutschland grunds\u00e4tzlich ver\u00e4ndern. Sie m\u00f6chte die \u00bbScham- und Schuldkultur\u00ab beenden und fordert eine \u00bbpatriotische Wende\u00ab. Helmut Ortner \u00fcber die Entsorgung der Nazi-Geschichte und rechtsnationalen Kulturkampf \u2013 und warum es Gegenwehr und Gegenaufkl\u00e4rung braucht.<\/strong><\/p>\n<p>Im Oktober 1944 bekommt Saul K. Padover, ein junger amerikanischer Offizier, der zur <em>Abteilung f\u00fcr psychologische Kriegsf\u00fchrung<\/em> geh\u00f6rt, von seinen Vorgesetzen den Auftrag, im besetzten Aachen die Einstellungen und Erwartungen der Deutschen zu erkunden. Dabei soll er Menschen aus allen Schichten und Berufsgruppen befragen, um Erkenntnisse \u00fcber deren \u00bbMentalit\u00e4t\u00ab zu bekommen. Das Ergebnis ist ern\u00fcchternd.<\/p>\n<p>\u201eSeit zwei Monaten sind wir hier zugange\u201d notiert er, \u201ewir haben mit vielen Menschen gesprochen, wir haben jede Menge Fragen gestellt \u2013 und wir haben keinen einzigen Nazis gefunden. Jeder ist ein Nazi-Gegner. Alle Leute sind gegen Hitler. Sie sind schon immer gegen Hitler gewesen. Was bedeutet das? Es bedeutet, dass Hitler die Sache ganz allein, ohne Hilfe und Unterst\u00fctzung irgendeines Deutschen durchgezogen hat\u2026\u201d.<\/p>\n<p>Einen Monat sp\u00e4ter \u00fcbergibt Padover seinen Bericht der Milit\u00e4rverwaltung. Sein Fazit: \u201ePsychologisch gesehen wollen sich die Deutschen Strafe und moralischer Verantwortung entziehen, indem sie der Welt einen Schuldigen pr\u00e4sentieren, den sie noch vor kurzer Zeit als Halbgott angehimmelt haben\u2026 In dieser Neigung, sich vom auserw\u00e4hlten F\u00fchrer abzuwenden, entdeckt man nicht den Schimmer eigenen Schuldbewusstseins &#8230;\u201d.<\/p>\n<p>Antworten, wie sie Saul Padover in seiner Aachener Mikroanalyse zusammenfasst, h\u00e4tte er im besiegten \u00bbTausendj\u00e4hrigen Reich\u00ab auch in anderen St\u00e4dten auf seine Fragen bekommen.<\/p>\n<p><strong>Im Nachkriegs-Deutschland<\/strong> wollten die Deutschen nicht mehr \u00fcber die allerorten gegenw\u00e4rtige Vergangenheit sprechen. Sie wollten nicht an die deutschen Gro\u00dfverbrechen erinnert werden. Daran, wie es m\u00f6glich war, dass ein moderner, fortschrittlicher und kultivierter Staat in k\u00fcrzester Zeit in Barbarei sinken konnte, die in kaum vorstellbarer Brutalit\u00e4t und einem beispiellosen V\u00f6lkermord gipfelte. Sie wollten nicht dar\u00fcber reden, wieso so viele Adolf Hitler gegen\u00fcber loyal waren, der aus seinem Judenhass und seinen Kriegspl\u00e4nen nie einen Hehl gemacht hatte. Warum sie dem Nazi-Regime treu dienten und so seine Verbrechen erm\u00f6glichten. Warum sie ihrem \u00bbF\u00fchrer\u00ab schlie\u00dflich bis in den Untergang folgten.<\/p>\n<p>Ein Volk m\u00fchte sich, das zu vergessen, was es verschwieg: seine Bereitschaft zur Teilnahme an einem System der Barbarei.\u00a0Geschichts-Verleugnung und Geschichts-Umdeutung hatten Hochkonjunktur. So verlor sich der Schrecken und die Einzigartigkeit, den der Zivilisationsbruch des Holocaust und die Vernichtungskriege bedeuteten, im kollektiven Verdr\u00e4ngen und Vergessen. Der nationalsozialistische Wahn wurde zur austauschbaren Metapher des B\u00f6sen, pers\u00f6nliche Schuld relativiert. Hitler allein sollte es gewesen sein, verantwortlich f\u00fcr das Verderben der Deutschen und ihre millionenfachen Verbrechen. Wenn nicht allein, dann allenfalls eine kleine verbrecherische Nazi-Elite und ihre fanatischen Getreuen. Zur Bereinigung des kollektiven Scham- und Schuldenkontos passte dieses Bild: <em>\u00bbder F\u00fchrer\u00ab<\/em> in der Rolle als solit\u00e4rer Verf\u00fchrer, Verursacher und Verbrecher. Ein Volk auf der Flucht vor ihrer Vergangenheit \u2013 unter der S\u00fcndenbock-Schirmherrschaft Hitlers.<\/p>\n<p>Als Max Horxheimer, weltweit renommierter Sozialphilosoph, der 1947 aus dem Exil das erste Mal aus den USA wieder nach Deutschland zur\u00fcckkehrt, um mit der Frankfurter Universit\u00e4t \u00fcber die Wiederer\u00f6ffnung des \u00bbInstituts f\u00fcr Sozialforschung\u00ab zu sprechen, dass er einst geleitet hatte \u2013 stellt er fest, dass dort noch immer alte Kollegen sitzen: \u201eT\u00e4ter scheint es hier keine zu geben, nur unbeteiligte Zeitgenossen, unideologische B\u00fcrokraten und Oppositionelle, die in der \u00bbinneren Emigration\u00ab tapfer das Martyrium der Nazi-Herrschaft auf sich genommen haben\u201d, notiert er sarkastisch. Allerorten trifft er auf eine Haltung des \u00bbSich-Selbst-Vergebens\u00ab und Vergessens.<\/p>\n<p><strong>Wie aber begann alles \u00dcbel, das Grauen, der Wahn?<\/strong> \u00bb<em>Wie konnte das geschehen? <\/em>Wie konnte sich das einmal herbeigew\u00e4hlte und konstituierte Hitler-Deutschland mit atemberaubendem Tempo zu einer menschlichen Maschinerie des Zerst\u00f6rens, Eroberns und Mordens entwickeln? Wie wurden aus so vielen Deutsche fanatische, aktive, gef\u00fcgige Mitmacher, Helfer und Zuschauer, Vollstrecker des Massenmordens?<\/p>\n<p>Es waren ja nicht nur Fanatiker, die das System st\u00fctzten, sondern beinahe alle gesellschaftlichen Organisationen, die sich angepasst hatten. Es waren Hunderttausende Deutsche, die sich aktiv an Menschheitsverbrechen ungeheuren Ausma\u00dfes beteiligten, die diese billigten oder geschehen lie\u00dfen.\u00a0 Eine \u00fcbergreifende Schweige-Gemeinschaft von Volk und F\u00fchrung, die das Weitermachen bis zum Schluss erm\u00f6glichte.\u00a0Es brauchte dazu nicht nur die hundertprozentigen Parteigenossen, die Vordenker und F\u00f6rderer und Unterst\u00fctzer, es brauchte genauso die Hundertausenden Folgsamen, die \u201eStillen, die Harmlosen\u201d &#8211; all die loyalen und diensteifriger Helfer, die das verbrecherische Terror-System am Leben hielten.<\/p>\n<p><strong>Kann pers\u00f6nliche und kollektive Schuld verj\u00e4hren?<\/strong> Nein, sagt Alfred Grosser, der franz\u00f6sische Publizist und Historiker, denn das vergangene Geschehen ist keineswegs abwesend in der Gegenwart, nur weil es vergangen ist. Die Verbrechen von damals sind zu gewaltig, um heute zu sagen: Jetzt soll endlich einmal Schluss sein.<\/p>\n<p>In den Sechziger Jahre konfrontierten viele ihre Eltern und Gro\u00dfeltern mit Fragen und Vorw\u00fcrfen \u2013 aber es kamen keine Antworten. Es herrschte lautes Schweigen. Das sch\u00fctzte die nachfolgende Generation vor dem Eindringen unliebsamer Tatsachen.\u00a0 Willy Brandt war die Ausnahme. Mit seinem Kniefall in Warschau 1970 nahm er eine neue \u00bbPolitik der Reue und der Entschuldigung\u00ab vorweg. Die Rede von Richard von Weiz\u00e4cker 1985 markierte dann den Durchbruch: er gebrauchte das Wort \u00bbErinnerung\u00ab und sprach vom 8. Mai 1945 als <em>\u00bbTag der Befreiung\u00ab.<\/em> Seine Rede fand viel Beachtung im Ausland \u2013 nicht unbedingt Zustimmung im eigenen Land. Viele wollten nicht wissen, was ihre V\u00e4ter und Gro\u00dfv\u00e4ter, Onkel und Nachbarn getan und zugelassen hatten. Sie wehrten sich auch gegen die Kollektivschuld-These, die eine pauschale Abstraktion bleibt, nicht aber die Beschreibung der historischen Wahrheit ist. Aber es ging hier vor allem um eines: um die Anerkennung einer individuellen, ganz und gar pers\u00f6nlichen Beteiligung &#8211; um Schuld und Mit-Schuld am Ganzen. Um die Pflicht, sich zu Erinnern. Wann aber ist die Vergangenheit wirklich vergangen?<\/p>\n<p><strong>Es gibt immer mehr Deutsche,<\/strong> die immer weniger \u00fcber die eigene Vergangenheit reden m\u00f6chten. Die AfD will die Erinnerungskultur in Deutschland grunds\u00e4tzlich ver\u00e4ndern. Sie spricht hier von einem \u00bbSchuldkult\u00ab, den es zu beenden gilt. Ein wichtiger Hebel daf\u00fcr ist die Relativierung des Holocaust und der Kriegsschuld der Deutschen.\u00a0 Ihr Ehrenvorsitzender Alexander Gauland, nennt die Zeit von \u201eHitler und den Nazis\u201c einen \u201eVogelschiss in \u00fcber 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte\u201c, Bj\u00f6rn H\u00f6cke, einer der radikalsten AfD-Wortf\u00fchrer, sieht im Erinnern an die NS-Zeit eine \u201ed\u00e4mliche Bew\u00e4ltigungspolitik&#8220; und fordert \u201eeine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad\u201d. Er fordert also eine in welcher Form auch immer positive Darstellung des Nationalsozialismus. Sie m\u00f6chte die \u00bbScham- und Schuldkultur\u00ab beenden und fordert eine \u201epatriotische Wende\u00ab auf allen Gebieten\u201d.<\/p>\n<p>Die schleichende Normalisierung im Umgang mit der AfD steht im umgekehrten Verh\u00e4ltnis zur Radikalisierung, die die Partei Jahr f\u00fcr Jahr st\u00e4rker pr\u00e4gt. H\u00f6cke, Crupalla und Weigel sind die abschreckenden Gesichter f\u00fcr ein Symptom einer tieferliegenden Krise unserer Demokratie \u2013 und zugleich ihre gef\u00e4hrlichsten Beschleuniger. Die rechtsextreme Partei h\u00f6hlt gezielt die Demokratie mit ihren eigenen Mittel aus. Kein guter Zustand.<\/p>\n<p>Ein Vergleich mit der Weimarer Republik oder dem Aufstieg der der NSDAP gilt zu Recht als gef\u00e4hrlich, weil er die Schreckensherrschaft der Nazis verharmlost. Auch t\u00e4te man vielen W\u00e4hlern der AfD Unrecht, die keine Nazis sind. Dennoch erinnern die Gleichg\u00fcltigkeit und der Verdruss der Bev\u00f6lkerung in manchen Punkten an die sp\u00e4ten 1920er Jahr. Der Autor Jens Bisky hat das in einem lesenswerten Buch eindrucksvoll beschrieben, in dem er die Jahre von 1929 bis 1934 analysiert. Die \u00bblange schwelenden Probleme jener Zeit h\u00e4tten jedes \u201ewohl f\u00fcr sich gel\u00f6st werden k\u00f6nnen, ihr Zusammentreffen aber verst\u00e4rkte bei einer wachsenden Zahl von Menschen den Eindruck, dass es so nicht mehr weitergehen k\u00f6nne \u2026\u201d.<\/p>\n<p><strong>Die AfD will ein anderes Deutschland<\/strong>. Sie r\u00fcttelt offen an den Grundlagen unserer Demokratie \u2013 radikal und strategisch. Die Partei betreibt eine wirksame Emp\u00f6rungs- und Gef\u00fchlspolitik. Ihre Dynamik, der schier unaufhaltsame Drang zur Zuspitzung und Versch\u00e4rfung, er bestimmt mittlerweile die politische Tonalit\u00e4t in unserem Land. Die digitale Beschleunigung befeuert diesen gef\u00fchlspolitischen Wettbewerb.<\/p>\n<p>Tatsache ist aber auch: Der Erfolg der AfD ist auch das Ergebnis permanenter Unterlassungen. Ob beim Thema Migration und Integration, Bildung und B\u00fcrokratie, Rente und Pflege, Klima oder Verkehr \u2013 zu viele Vers\u00e4umnisse und Vertr\u00f6stungen, zu wenig politischer Willen und verl\u00e4ssliche Klarheit. Selten hat die Politik dem Volk so wenig Ehrlichkeit zugemutet, wie in diesen Zeiten.<\/p>\n<p>Die AfD wird nicht mehr aus Protest, sondern aus \u00dcberzeugung gew\u00e4hlt. Ein deutlicher Beleg daf\u00fcr, dass viele Menschen den regierenden Parteien die L\u00f6sung dieser Problemfelder nicht mehr zutrauen \u2013 sich abwenden, weil sie ihnen nicht mehr vertrauen, deutlicher \u2013 ihnen misstrauen. Das alles ist Sauerstoff f\u00fcr einen populistischen Geist, der keine eigenen politischen Antworten hat \u2013 auch k\u00f6nnte man sagen: braucht &#8211; au\u00dfer dagegen zu sein: Gegen <strong>die <\/strong>Eliten, gegen die Alt-Parteien, gegen die Medien, oder \u2013 schlichter geht immer: die L\u00fcgenpresse \u2026<\/p>\n<p>Eine Studie, die Anfang Dezember 2025 in Sachsen-Anhalt von der dortigen Landeszentrale f\u00fcr Politische Bildung ver\u00f6ffentlicht wurde, spricht von einem hohen Anteil sogenannter <em>\u00bbfragiler Demokraten\u00ab.<\/em> Damit gemeint sind Menschen, die zwar die Idee der Demokratie bef\u00fcrworten, sich aber auch ein Ein-Parteien-System oder einen \u00bbstarken F\u00fchrer\u00ab vorstellen k\u00f6nnten, immerhin 54 Prozent der Befragten z\u00e4hlten zu dieser Gruppe.\u00a0 Eine geschlossen rechtsextreme Einstellung liegt der Studie zufolge bei 8,6 Prozent der Bev\u00f6lkerung in Sachsen-Anhalt vor.<\/p>\n<p>Nicht nur der Osten ist anf\u00e4llig f\u00fcr rechte Gesinnung.\u00a0 Die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung erhebt im Zweijahres-Abstand Umfragen zur Verbreitung von extrem rechten Einstellungen. F\u00fcr die j\u00fcngste Auswertung befragte sie \u00fcber 2200 Personen im Sommer letzten Jahres. Die Studie zeigt: die Zustimmung f\u00fcr v\u00f6lkische Parolen ist im ganzen Land gestiegen. Ein Viertel der Bev\u00f6lkerung meint: \u201eWas Deutschland jetzt braucht, ist eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verk\u00f6rpert.\u201c Und 15 Prozent sagen: \u201eWir sollten einen F\u00fchrer haben, der Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert.\u201c\u00a0 Begriffe wie \u00bbVolk, Volksgemeinschaft, F\u00fchrer\u00ab, allesamt NS-kontaminierte Begriffe, finden wieder Verwendung \u2013 nicht nur im nationalgesinnten Gedankengebr\u00e4u rechtextremer \u201ePatrioten\u201c.<\/p>\n<p><strong>Der Nationalismus erlebt in Deutschland seine Wiederkehr<\/strong> \u2013 nicht nur in Umfragen. Die AfD ist ihr Gesicht. Sie verfolgt das Ziel einer Einheit von Staat und Volk nach national-v\u00f6lkischen Vorstellungen. Sie strebt danach, allein und damit willk\u00fcrlich bestimmen zu k\u00f6nnen, wer in Deutschland lebt &#8211; und wer nicht. In ihrem Programm (und man sollte es tats\u00e4chlich einmal sorgsam lesen!!!) ist von einem biologistisch konstruierten \u2026- \u00bbdeutschen Volk\u00ab die Rede. Es fordert das \u00bbAbstammungsprinzip\u00ab: deutscher Geburtsort, deutsche Eltern, wei\u00dfe Haut. Denn: \u00bbDer Pass macht noch keinen Deutschen\u00ab. In Migranten, Zugewanderten und \u00bbkulturfremden\u00ab Menschen sieht die AfD eine Gefahr f\u00fcr den \u00bbVolksk\u00f6rper\u00ab.<\/p>\n<p>Es dreht sich alles um dieses angeblich \u00bbhomogene Gemeinwesen\u00ab, das auf der Grundlage eines national-v\u00f6lkischen Menschenbildes als besonders wertvoll hervorgehoben wird, dass \u00bbdie Anderen\u00ab &#8211; die nicht dazugeh\u00f6ren \u2013 abwertet. Die zentrale Botschaft besteht also darin, dass es ein deutsches Volk g\u00e4be, dass benachteiligt w\u00fcrde und bedroht sei, w\u00e4hrend sich die AfD f\u00fcr dieses angeblich benachteiligte \u2013 ja bedrohte \u2013 Volk einsetze. Sie definiert, wer zum deutschen Volk geh\u00f6rt, wer \u00bbBio-Deutscher\u00ab ist.\u00a0 Nach ihren Vorstellungen gibt es einen \u00bbeinheitliche Volkswillen\u00ab, den allein sie repr\u00e4sentiert. Dieses Konzept, das nicht auf Rechtstaatlichkeit, auf Rationalit\u00e4t und Vernunft basiert, sondern mit dem permanenten Sch\u00fcren von \u00c4ngsten und vermeintlichen Bedrohungslagen auf Emotionalit\u00e4t setzt, ist der Markenkern der AfD.<\/p>\n<p><strong>In Sachsen-Anhalt, wo im Herbst gew\u00e4hlt wird<\/strong>, kann die Partei mit 40 Prozent und mehr rechnen. In ihrem Wahl-Programm fordert sie eine \u00bbpatriotische Grundhaltung\u201c in Schulen und Vereinen, um, wie es hei\u00dft, die \u201eIdentit\u00e4tsst\u00f6rung\u201c zu bek\u00e4mpfen, indem man sich \u201eauf die guten Seiten der deutschen Geschichte\u201c konzentriert und den Schuldkomplex hinter sich l\u00e4sst.\u00a0Beispielsweise mit einem sogenannten<em> \u00bbStolz-Pass\u00ab,<\/em> der soll als Stempelkarte zum Besuch aller historischen St\u00e4tten eingef\u00fchrt werden. \u00a0Mit ihm will die AfD Kultur im Land \u00bberlebbar\u00ab machen \u2013 freilich nur in Kulturst\u00e4tten, die sie selbst ausw\u00e4hlt. KZ- und NS-Gedenkst\u00e4tten werden dabei nicht benannt. \u00a0Hingegen soll Geschichte in dem Sinne erinnert werden, dass die Kriegerdenkm\u00e4ler gepflegt werden: \u201eGefallene Soldaten haben ihr Leben f\u00fcr die Verteidigung ihres Landes gegeben. Es ist ein erstes Zeichen der patriotischen Wende, dass wir dieses gro\u00dfe Opfer anerkennen und ehren.\u201c Die patriotische Wende besteht darin, die deutschen Angriffskriege im Zweiten Weltkrieg zur Verteidigung umzutaufen.<\/p>\n<p>Den bisherigen Landesslogan <em>&#8222;#moderndenken&#8220;<\/em> will die AfD durch <em>&#8222;#deutschdenken&#8220;<\/em> ersetzen. An den Schulen solle &#8222;pervers-linke Agitation&#8220; beendet werden, worunter unter anderem Programme wie <em>&#8222;Schule gegen Rassismus&#8220;<\/em> verstanden wird. Stattdessen soll an den Schulen jeden Morgen die Deutschlandfahne gehisst werden, Regenbogenflaggen w\u00fcrden verboten. Und so weiter, und so weiter \u2026 Fast jede \u00dcberschrift im Wahl-Programm endet mit einem Ausrufezeichen, so die auch die Forderung, den &#8222;Schutz f\u00fcr das Deutschtum im Strafrecht zu verankern&#8220;. Wer den &#8222;deutschen Staat&#8220; und das &#8222;deutsche Volk&#8220; herabw\u00fcrdigt und beleidigt, soll sanktioniert und bestraft werden\u2026.\u00a0 Es geht darum, die \u00bbdeutsche Sache\u00ab zu verteidigen und in Ehren zu halten. Das Beenden der Erinnerung an die NS-Diktatur geh\u00f6rt zu diesem Weltbild. Es geht um die Entsorgung der NS-Vergangenheit.<\/p>\n<p>Noch einmal: Nicht alle, die die AfD w\u00e4hlen sind Nazis, aber sie m\u00fcssen sich vorwerfen lassen, rechtsradikale und rechtsextremistische Politiker mit weitreichenden parlamentarischen Legitimationen und Eingriffsm\u00f6glichkeiten auszustatten. Wer Demokratie-Feinden seine Stimme gibt, den sollten wir ausdr\u00fccklich in Mithaftung nehmen. Ausreden gibt es nicht.<\/p>\n<p><strong>Und die Heutigen?<\/strong> Ist die heutige, die politisch und moralisch schuldlose Generation, nun entlassen aus der Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur und deren Erbe? Oder beginnt nicht die Verantwortung nachfolgender Generationen bei der Frage, ob sie sich erinnern will?<\/p>\n<p>Hans Habe, ein heute beinahe vergessener einst sehr erfolgreicher Schriftsteller, der sp\u00e4ter ins Exil ging, zuerst auf franz\u00f6sischer Seite, dann als amerikanischer GI gegen Hitler k\u00e4mpfte \u2013 hat einmal auf die Frage, was er seine Kinder lehren w\u00fcrde, geantwortet:<\/p>\n<p><em>\u00bbIch w\u00fcrde ihnen lehren, dass alles B\u00d6SE unter der stillschweigenden Duldung der Guten geschieht. W\u00fcrden die Guten nicht schweigen, w\u00fcrde das B\u00f6se nicht geschehen. Diese Tr\u00e4gheit schlie\u00dft alle anderen S\u00fcnden ein. Die Stillen im Land sind die Komplizen\u00ab.<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><em>\u00a0<\/em><strong><em>Von Helmut Ortner gerade erschienen:<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong><em> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-2697562 alignleft\" src=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/9783865694508-193x300.webp\" alt=\"\" width=\"93\" height=\"145\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/9783865694508-193x300.webp 193w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/9783865694508.webp 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 93px) 100vw, 93px\" \/><\/em><\/strong><strong><em>GNADENLOS DEUTSCH<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong><em>T\u00e4ter, Helfer. Zuschauer \u2013 und die Entsorgung der NS-Zeit<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Alibri Verlag<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong><em>320 Seiten, 24 Euro<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die AfD will die Erinnerungskultur in Deutschland grunds\u00e4tzlich ver\u00e4ndern. Sie m\u00f6chte die \u00bbScham- und Schuldkultur\u00ab beenden und fordert eine \u00bbpatriotische Wende\u00ab. Helmut Ortner \u00fcber die Entsorgung der Nazi-Geschichte und rechtsnationalen Kulturkampf \u2013 und warum es Gegenwehr und Gegenaufkl\u00e4rung braucht. 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