{"id":2693606,"date":"2026-04-17T15:51:35","date_gmt":"2026-04-17T14:51:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=2693606"},"modified":"2026-04-17T15:51:35","modified_gmt":"2026-04-17T14:51:35","slug":"kohlenstoff-giganten-vor-gericht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2026\/04\/kohlenstoff-giganten-vor-gericht\/","title":{"rendered":"Kohlenstoff-Giganten vor Gericht"},"content":{"rendered":"<p><strong>Bauern aus Pakistan klagen gegen RWE und Heidelberg Materials wegen ihrer Verluste durch die klimawandelbedingte Flutkatastrophe von 2022. Beide Konzerne z\u00e4hlen zu den 100 gr\u00f6\u00dften historischen Emittenten von klimasch\u00e4dlichem CO2 weltweit.<\/strong><\/p>\n<p>(Eigener Bericht) \u2013 Landwirte aus Pakistan verklagen zwei deutsche Unternehmen, RWE und Heidelberg Materials, wegen t\u00f6dlicher Auswirkungen durch sie mitverursachter Kohlenstoffemissionen. Die beim Amtsgericht Heidelberg eingereichte Klage (\u201eClimate Cost Case Pakistan\u201c) fordert eine Teilentsch\u00e4digung f\u00fcr die Verluste, die 39 pakistanischen Bauern durch die Flutkatastrophe im Jahr 2022 entstanden sind. Die Fluten \u2013 die schlimmsten in der Geschichte Pakistans \u2013 forderten \u00fcber 1.700 Todesopfer, vertrieben rund 33 Millionen Menschen und f\u00fcgten der Wirtschaft des Landes einen Gesamtschaden von 30 Milliarden US-Dollar zu. Sie gelten als Folge des Klimawandels. RWE und Heidelberg Materials z\u00e4hlen zu den etwas mehr als 100 Unternehmen weltweit, die zusammen f\u00fcr fast 70 Prozent der historischen industriellen Treibhausgasemissionen verantwortlich sind. Die Klage st\u00fctzt sich auf den Rechtsgrundsatz, dass zahlen muss, wer Schaden verursacht hat. Bereits im Jahr 2015 war eine \u00e4hnliche Klage gegen RWE von einem peruanischen Bauern eingereicht worden. Obwohl sie letztlich abgewiesen wurde, entschied das zust\u00e4ndige deutsche Gericht, dass Unternehmen im Prinzip f\u00fcr bestimmte klimabedingte Sch\u00e4den haftbar gemacht werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<h2><strong>Climate Cost Case Pakistan<\/strong><\/h2>\n<p>39 Bauern aus Pakistan ziehen zwei deutsche Unternehmen, RWE und Heidelberg Materials, vor Gericht. Anlass sind deren hohe Treibhausgasemissionen; sie haben, wie es in der Klage hei\u00dft, mit ihrer klimasch\u00e4dlichen Wirkung zu den katastrophalen t\u00f6dlichen Fluten beigetragen, die das s\u00fcdasiatische Land im Sommer 2022 heimgesucht haben.[1] Die im Dezember vergangenen Jahres beim Landgericht Heidelberg eingereichte Klage fordert eine Teilentsch\u00e4digung f\u00fcr die Verluste der 39 Bauern, von denen viele zwei volle Ernten verloren haben; das hat ihre Familien, die ohnehin schon am Rande des Existenzminimums lebten, in tiefe Existenzn\u00f6te gest\u00fcrzt. Laut dem European Centre for Constitutional and Human Rights (ECCHR), das die Landwirte vertritt, wurden die beiden Unternehmen ausgew\u00e4hlt, weil sie zwei der drei gr\u00f6\u00dften Kohlendioxidemittenten in Deutschland sind. In der Klageschrift hei\u00dft es, die Auswirkungen der von den beiden Unternehmen in Deutschland ausgesto\u00dfenen Treibhausgase seien trotz fehlender r\u00e4umlicher N\u00e4he noch in Tausenden Kilometern Entfernung zu sp\u00fcren. Weiterhin erkl\u00e4ren die Kl\u00e4ger, die Unternehmen h\u00e4tten eine gesetzliche Pflicht, den Schaden zu minimieren, von dem sie wussten, dass er durch den Aussto\u00df von Treibhausgasen entstehen w\u00fcrde.[2] Die Klage wird derzeit gepr\u00fcft.<\/p>\n<h2><strong>\u201eMonsun auf Steroiden\u201c<\/strong><\/h2>\n<p>Die beispiellosen Regenf\u00e4lle im Sommer 2022 setzten ein Drittel Pakistans monatelang unter Wasser und f\u00fchrten zu den schlimmsten Fluten in der bekannten Geschichte des Landes. Rund 1.700 Menschen starben infolge des Hochwassers; sch\u00e4tzungsweise 33 Millionen Menschen wurden vertrieben.[3] Nach Angaben der staatlichen Katastrophenschutzbeh\u00f6rde wurden mehr als 12.000 Kilometer Stra\u00dfen, 390 Br\u00fccken und \u00fcber 1.800.000 H\u00e4user zerst\u00f6rt. Zudem wurden rund 925.000 Todesf\u00e4lle bei Nutztieren gemeldet, von denen viele infolge der Fluten aufgrund von Mangel an Futter und sauberem Trinkwasser starben. In bestimmten Provinzen des Landes verseuchten die \u00dcberschwemmungen den Boden und das Grundwasser und vernichteten die Ernte eines ganzen Jahres; der Gesamtschaden f\u00fcr die pakistanische Wirtschaft wird auf mindestens 30 Milliarden US-Dollar beziffert. Laut Angaben einer Website, die \u00fcber die Klage informiert (\u201eClimate Cost Case Pakistan\u201c), entwickelt sich Pakistan zu einem \u201eglobalen Hotspot\u201c, an dem sich die durch die Klimakrise entfesselten zerst\u00f6rerischen Kr\u00e4fte konzentrieren, was zu h\u00e4ufigen Katastrophen im Land f\u00fchrt.[4] Die damalige pakistanische Ministerin f\u00fcr den Klimawandel, Sherry Rehman, bezeichnete die Fluten als \u201eklimabedingte humanit\u00e4re Katastrophe epischen Ausma\u00dfes\u201c; UN-Generalsekret\u00e4r Ant\u00f3nio Guterres nannte sie einen \u201eMonsun auf Steroiden\u201c.[5]<\/p>\n<h2><strong>Wer Schaden verursacht, muss zahlen<\/strong><\/h2>\n<p>Das aktuelle Gerichtsverfahren wurde am 28. Oktober 2025 eingeleitet, als die 39 Bauern die beiden deutschen Unternehmen offiziell \u00fcber ihre Absicht informierten, Entsch\u00e4digungszahlungen zu verlangen. Zun\u00e4chst forderten sie sie zu einem Dialog sowie zu einem Mediationsverfahren auf.[6] Nachdem die Unternehmen dies abgelehnt hatten, reichten die Bauern am 22. Dezember 2025 ihre Klage beim Landgericht Heidelberg ein. Die Bauern st\u00fctzen ihre Klage auf den einfachen, aber wichtigen Rechtsgrundsatz: Wer Schaden verursacht, muss daf\u00fcr bezahlen.[7] Hinsichtlich der Frage, ob die deutsche Justiz zust\u00e4ndig sei, verweisen die Kl\u00e4ger auf den Pr\u00e4zedenzfall Sa\u00fal Luciano Lliuya gegen RWE, in dem ein deutsches Gericht im Mai 2025 entschied, gro\u00dfe CO<sub>2<\/sub>-Emittenten k\u00f6nnten f\u00fcr klimabedingte Sch\u00e4den auch im Ausland haftbar gemacht werden. Laut Angaben des ECCHR nimmt die Klage auf zwei Paragrafen des B\u00fcrgerlichen Gesetzbuchs (BGB) Bezug: \u00a7906, der sich auf Schadensersatz aufgrund der \u201eZuf\u00fchrung unw\u00e4gbarer Stoffe\u201c bezieht, und \u00a7823, der sich auf die Verantwortung f\u00fcr Sch\u00e4den oder Verletzungen bezieht, die einer anderen Person vors\u00e4tzlich oder fahrl\u00e4ssig zugef\u00fcgt wurden.<\/p>\n<h2><strong>Unter den Top 100 weltweit<\/strong><\/h2>\n<p>W\u00e4hrend Pakistan nicht einmal ein Prozent zu den globalen Kohlenstoffemissionen beitr\u00e4gt, geh\u00f6ren der Beklagte RWE, einer der gr\u00f6\u00dften Stromerzeuger Europas, und Heidelberg Materials, einer der weltweit gr\u00f6\u00dften Zementhersteller, zu den gr\u00f6\u00dften Kohlenstoffemittenten \u00fcberhaupt.[8] Die beiden Unternehmen fallen in die Kategorie der \u201eKohlenstoff-Giganten\u201c, mit dem Unternehmen bezeichnet werden, die ma\u00dfgeblich zum Klimawandel beigetragen haben. Der Begriff wurde durch Studien des Climate Accountability Institute gepr\u00e4gt, die ergaben, dass etwas mehr als 100 Unternehmen f\u00fcr fast 70 Prozent der historischen industriellen Treibhausgasemissionen weltweit verantwortlich sind. RWE und Heidelberg Materials sind zwei davon. Laut \u201eClimate Cost Case Pakistan\u201c ist RWE f\u00fcr mindestens 0,68 Prozent, Heidelberg Materials f\u00fcr 0,12 Prozent der weltweiten Industrieemissionen seit 1965 verantwortlich.[9] Auf der Website hei\u00dft es weiter, RWE und Heidelberg Materials h\u00e4tten trotz ihres Wissens um die durch ihre Emissionen verursachten Sch\u00e4den nicht nur sehr wenig zur Emissionsreduzierung unternommen; sie h\u00e4tten dar\u00fcber hinaus auch noch jahrzehntelang versucht, von Gesetzgebern eingef\u00fchrte verbindliche Vorschriften zum Klimaschutz abzuschw\u00e4chen.[10]<\/p>\n<h2><strong>Pr\u00e4zedenzf\u00e4lle<\/strong><\/h2>\n<p>Die Klage der 39 pakistanischen Bauern ist nicht der erste solche Fall, der vor ein deutsches Gericht gebracht wurde. Im Jahr 2015 verklagte der peruanische Bauer Sa\u00fal Luciano Lliuya RWE wegen \u00e4hnlicher Vorw\u00fcrfe. Allerdings wies das zust\u00e4ndige deutsche Gericht die Klage im Jahr 2025 ab.[11] Es entschied jedoch, dass Unternehmen grunds\u00e4tzlich f\u00fcr bestimmte klimabedingte Sch\u00e4den haftbar gemacht werden k\u00f6nnen, die durch ihre Kohlenstoffemissionen verursacht wurden; damit ebnete es den Weg f\u00fcr die aktuelle Klage der pakistanischen Landwirte. Miriam Saage-Maa\u00df, Legal Director beim ECCHR, erl\u00e4utert, Urteile wie dieses machten Deutschland \u201ebis zu einem gewissen Grad\u201c zu einem g\u00fcnstigen Gerichtsstand f\u00fcr Klimaklagen; allerdings weist sie auch darauf hin, dass transnationale Klimaf\u00e4lle weltweit zunehmend verfolgt werden. Au\u00dferdem wurde Anfang 2012, nachdem bei einem Brand in einer Textilfabrik in der s\u00fcdpakistanischen Metropole Karachi mehr als 250 Arbeiter ums Leben gekommen waren, eine Klage gegen das deutsche Unternehmen KiK eingereicht, das einen Gro\u00dfteil seiner Waren aus dieser Fabrik bezog. In der Klage hie\u00df es, das Unternehmen habe es vers\u00e4umt, grundlegende Standards zur Brand- und Geb\u00e4udesicherheit zu gew\u00e4hrleisten. Obwohl die Klage aus verfahrensrechtlichen Gr\u00fcnden abgewiesen wurde, zahlte KiK den Opfern letztendlich eine Entsch\u00e4digung. Der Fall l\u00f6ste zudem eine Debatte \u00fcber die Festlegung von Rechenschaftspflichten in den globalen Lieferketten aus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[1] Pernia Mubashir: Why Pakistani farmers are suing two German companies for deadly 2022 floods. aljazeera.com 20.03.2026.<\/p>\n<p>[2] Climate Cost Case Pakistan: Pakistani farmers vs. RWE and Heidelberg Materials. climatecostcase.org.<\/p>\n<p>[3] Alia Chughtai: Mapping the scale of damage by the catastrophic Pakistan floods. aljazeera.com 16.09.2022.<\/p>\n<p>[4] Climate Cost Case Pakistan: Polluters have to pay! climatecostcase.org.<\/p>\n<p>[5] Pernia Mubashir: Why Pakistani farmers are suing two German companies for deadly 2022 floods. aljazeera.com 20.03.2026.<\/p>\n<p>[6] ECCHR: Pakistani farmers demand compensation from RWE and Heidelberg Materials. ecchr.eu.<\/p>\n<p>[7] ECCHR: Pakistani farmers take climate justice fight against RWE and Heidelberg Materials to German court. ecchr.eu 20.01.2026.<\/p>\n<p>[8] Climate Cost Case Pakistan: Polluters have to pay! climatecostcase.org.<\/p>\n<p>[9] Climate Cost Case Pakistan: RWE and Heidelberg Materials: A history of irresponsibility. climatecostcase.org.<\/p>\n<p>[10] Climate Cost Case Pakistan: Pakistani farmers vs. RWE and Heidelberg Materials. climatecostcase.org.<\/p>\n<p>[11] Pernia Mubashir: Why Pakistani farmers are suing two German companies for deadly 2022 floods. aljazeera.com 20.03.2026.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bauern aus Pakistan klagen gegen RWE und Heidelberg Materials wegen ihrer Verluste durch die klimawandelbedingte Flutkatastrophe von 2022. 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