{"id":2693347,"date":"2026-04-16T17:02:32","date_gmt":"2026-04-16T16:02:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=2693347"},"modified":"2026-04-16T17:02:32","modified_gmt":"2026-04-16T16:02:32","slug":"die-berliner-sudan-konferenz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2026\/04\/die-berliner-sudan-konferenz\/","title":{"rendered":"Die Berliner Sudan-Konferenz"},"content":{"rendered":"<p><strong>Berliner Sudan-Konferenz: Experten erwarten keine relevanten Ergebnisse. Die RSF-Miliz, die genozidale Massaker an der schwarzafrikanischen Bev\u00f6lkerung ver\u00fcbt, erh\u00e4lt Waffen von einem Kooperationspartner des Westens \u2013 auch Deutschlands.<\/strong><\/p>\n<p>(Eigener Bericht) \u2013 Keine relevanten Ergebnisse erwarten Experten von der stolz beworbenen internationalen Sudan-Konferenz am heutigen Mittwoch in Berlin. Nicht einmal \u201eeine humanit\u00e4re Waffenruhe\u201c im Krieg im Sudan sei \u201ein Sicht\u201c, hie\u00df es in der vergangenen Woche bei der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Der Krieg, der vor genau drei Jahren begann, hat im Sudan die aktuell wohl gr\u00f6\u00dfte humanit\u00e4re Katastrophe der Welt ausgel\u00f6st: Wom\u00f6glich mehr als 400.000 Menschen sind zu Tode gekommen; 13 Millionen sind auf der Flucht; bereits in wenigen Jahren d\u00fcrften 60 Prozent der Bev\u00f6lkerung in extremer Armut leben. Ein UN-Bericht attestiert der Kriegf\u00fchrung der Aufstandsmiliz RSF, genozidalen Charakter zu tragen; die arabisch gepr\u00e4gte Miliz hat gezielt schwarzafrikanische Bev\u00f6lkerungsteile massakriert und wom\u00f6glich auch versklavt. Die RSF werden von den Vereinigten Arabischen Emiraten unterst\u00fctzt. K\u00fcrzlich hat sich die Trump-Administration mit der Einstufung von Sudans Muslimbruderschaft als terroristisch auf die Seite der Emirate und damit der RSF geschlagen. Die einzige Chance, den Krieg zu beenden \u2013 die Durchsetzung eines Waffenembargos gegen die RSF \u2013, scheitert an der N\u00e4he des Westens zu den Emiraten.<\/p>\n<h2><strong>Die aktuell gr\u00f6\u00dfte humanit\u00e4re Katastrophe<\/strong><\/h2>\n<p>Drei Jahre nach Kriegsbeginn am 15. April 2023 spitzt sich die Lage der Bev\u00f6lkerung im Sudan immer weiter zu. Die Zahl der Todesopfer ist unbekannt. Bereits im Jahr 2024 beliefen sich Sch\u00e4tzungen von Experten auf bis zu 150.000; der fr\u00fchere US-Sondergesandte f\u00fcr Sudan Tom Perriello ging im August 2025 von mehr als 400.000 Todesopfern aus.[1] Die Zahl der Fl\u00fcchtlinge wird von Hilfsorganisationen mit rund 13 Millionen Menschen beziffert, bei einer Vorkriegsbev\u00f6lkerung von rund 50 Millionen. Die klare Mehrheit sind Binnenfl\u00fcchtlinge. Das UN-Entwicklungsprogramm UNDP sch\u00e4tzt die Zunahme der Einwohner, die in Armut leben \u2013 von maximal vier US-Dollar pro Tag \u2013, von 38 Prozent vor Kriegsbeginn auf heute rund 70 Prozent.[2] Das Durchschnittseinkommen pro Kopf ist auf das Niveau von 1992 gefallen; die Zahl der Menschen, die in extremer Armut leben, wuchs bereits im ersten Kriegsjahr um knapp sieben Millionen und \u00fcbersteigt mittlerweile das Niveau der 1980er Jahre. Dauert der Krieg weiter an, werden nach Prognose des UNDP im Jahr 2030 60 Prozent der Bev\u00f6lkerung in extremer Armut leben.[3] Auch die Gesundheitsversorgung wird immer schlechter; nach zahllosen Angriffen auf Gesundheitseinrichtungen gelten jetzt 37 Prozent der Krankenh\u00e4user als nicht funktionsf\u00e4hig.[4] 19 Millionen Kinder hatten Unterbrechungen im Schulunterricht.<\/p>\n<h2><strong>Genozidale Massaker<\/strong><\/h2>\n<p>Besonders schwer wiegen dar\u00fcber hinaus die Angriffe der Rapid Support Forces (RSF) auf die Zivilbev\u00f6lkerung. Anfang Januar 2025 hatte das US-Au\u00dfenministerium \u2013 noch zu Zeiten von Pr\u00e4sident Joe Biden \u2013 erkl\u00e4rt, es stufe die Massaker der RSF in der Stadt Al Junaina in West-Darfur als genozidal ein. Die arabisch gepr\u00e4gten RSF hatten 2023 in Al Junaina laut Sch\u00e4tzungen bis zu 15.000 Menschen aus der schwarzafrikanischen Bev\u00f6lkerungsgruppe der Masalit ermordet.[5] In einem Mitte Februar 2026 ver\u00f6ffentlichten Bericht kamen nun die Vereinten Nationen zu dem Resultat, die RSF h\u00e4tten sich auch in der Stadt Al Fashir in Nord-Sudan genozidaler Massenmorde schuldig gemacht, dieses Mal an den Angeh\u00f6rigen zweier anderer schwarzafrikanischer Bev\u00f6lkerungsgruppen \u2013 der Fur und der Zaghawa. Die RSF hatten Al Fashir im Mai 2024 umzingelt und eroberten die Stadt, die sie zuvor ausgehungert hatten, im Oktober 2025. Die Vereinten Nationen konnten nun in ihrem detaillierten Bericht zahlreiche Vergewaltigungen sowie rassistisch motivierte Morde belegen. Viele der Opfer wurden in Massengr\u00e4bern verscharrt. \u00dcberlebende wurden verschleppt, begleitet von Rufen wie \u201eSklave, Sklave, Sklave!\u201c[6] Die genaue Anzahl der Opfer ist bis heute nicht bekannt. Nur Menschen, die die M\u00f6rder f\u00fcr Araber hielten, wurden verschont.<\/p>\n<h2><strong>Riad vs Abu Dhabi<\/strong><\/h2>\n<p>Auf politischer Ebene ist der Krieg im Sudan zuletzt zum Schauplatz eines Machtkampfes zwischen zwei Staaten geworden, mit denen Deutschland eng kooperiert: Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate. Die Emirate unterst\u00fctzen schon seit Jahren die RSF, denen sie auch Waffen liefern; die Lieferungen, die Abu Dhabi abstreitet, sind in zahlreichen Berichten gut dokumentiert.[7] Sie sind international immer wieder massiv kritisiert worden \u2013 vor allem auch wegen der genozidalen RSF-Massaker an der schwarzafrikanischen Bev\u00f6lkerung Darfurs. Die Emirate suchen mit ihrer Unterst\u00fctzung f\u00fcr die RSF nicht blo\u00df ihren Einfluss in Ostafrika und am Roten Meer allgemein auszubauen. Sie stellen sich zudem laut Berichten auf die Seite der Milizen, da die offiziellen Streitkr\u00e4fte Sudans in gewissem Umfang von der Muslimbruderschaft beeinflusst werden, dem Erzfeind der emiratischen Herrscherclans. Saudi-Arabien wiederum unterst\u00fctzt Sudans regul\u00e4re Streitkr\u00e4fte, die sich im Krieg gegen die RSF verteidigen. Zur Begr\u00fcndung hei\u00dft es in Riad, in instabilen Regionen wie etwa Nordostafrika m\u00fcsse man die bestehenden Staaten sichern. Wer Separatisten oder aufst\u00e4ndische Milizen unterst\u00fctze, riskiere den totalen Zusammenbruch staatlicher Strukturen und den Absturz der gesamten Region in Chaos und Gewalt.<\/p>\n<h2><strong>Partei bezogen<\/strong><\/h2>\n<p>Der Konflikt zwischen Saudi-Arabien und den Emiraten bez\u00fcglich Sudan ist j\u00fcngst eskaliert. Mitte November bat der saudische Thronfolger Muhammad bin Salman al Saud US-Pr\u00e4sident Donald Trump bei einem Besuch im Wei\u00dfen Haus, den Konflikt mit Sanktionen zu l\u00f6sen. Ob Muhammad bin Salman sch\u00e4rfere Sanktionen gegen Waffenlieferungen an die RSF oder sogar Sanktionen gegen die Emirate forderte, ist nicht ganz klar.[8] Klar ist aber, dass Trump den Pr\u00e4sidenten der Emirate, Muhammad bin Zayed al Nahyan, telefonisch \u00fcber die Bitte des saudischen Machthabers in Kenntnis setzte. Daraufhin eskalierte der Konflikt zwischen Riad und Abu Dhabi. Inzwischen scheint die Trump-Administration Position f\u00fcr die Emirate und die RSF zu ergreifen. Am 9. M\u00e4rz teilte sie mit, sie habe den sudanesischen Ableger der Muslimbruderschaft als \u201eSpecially Designated Global Terrorist\u201c (SDGT) eingestuft. In K\u00fcrze werde sie sie zudem als \u201eForeign Terrorist Organisation\u201c (FTO) klassifizieren.[9] Ersteres erm\u00f6glicht es, Sanktionen gegen die Vereinigung zu verh\u00e4ngen; Letzteres verbietet es Dritten, sie materiell zu unterst\u00fctzen. Aufgrund des Einflusses der Muslimbruderschaft auf Sudans Milit\u00e4r ist die US-amerikanische Ma\u00dfnahme Wasser auf die M\u00fchlen der genozidal mordenden RSF.<\/p>\n<h2><strong>Geringe Erwartungen<\/strong><\/h2>\n<p>Anl\u00e4sslich des dritten Jahrestags des Kriegsbeginns hat die Bundesregierung f\u00fcr diesen Mittwoch zu einer internationalen Sudan-Konferenz nach Berlin eingeladen. Die Konferenz ist bereits die dritte nach zwei Vorg\u00e4ngerveranstaltungen in Paris (2024) und London (2025). Ziel ist es laut Angaben des Ausw\u00e4rtigen Amts, \u201edie Friedensbem\u00fchungen weiter voranzubringen\u201c und \u201eweitere dringend ben\u00f6tigte humanit\u00e4re Mittel f\u00fcr die notleidende Zivilbev\u00f6lkerung in Sudan zu mobilisieren\u201c.[10] Mitgetragen wird die Zusammenkunft nicht nur von Frankreich, Gro\u00dfbritannien, der EU und den USA, sondern auch von der Afrikanischen Union (AU). Die Erwartungen sind gering. Nicht einmal \u201eeine humanit\u00e4re Waffenruhe\u201c sei \u201ein Sicht\u201c, hie\u00df es bereits vergangene Woche in einer Stellungnahme aus der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP); man d\u00fcrfe es schon als \u201eFortschritt\u201c werten, wenn sich die Anwesenden \u201eauf eine Erkl\u00e4rung zur Deeskalation des Konflikts einigen\u201c k\u00f6nnten\u201c.[11] F\u00fcr Unmut hat zuletzt gesorgt, dass nicht einmal Repr\u00e4sentanten der Regierung Sudans eingeladen wurden.[12] Die wohl einzig wirksame L\u00f6sung \u2013 ein real durchgesetztes Verbot von Waffenlieferungen an die Kriegsparteien \u2013 wird nicht in Betracht gezogen: Sie verlangte Ma\u00dfnahmen gegen die Vereinigten Arabischen Emirate, mit denen der Westen eng kooperiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[1] Nicholas Kristof: Where There\u2019s No Debate About Genocide \u2013 and No Response, Either. nytimes.com 30.08.2025.<\/p>\n<p>[2] UN warnen vor \u201esystematischer Zerst\u00f6rung der Zukunft eines Landes\u201c. faz.net 14.04.2026.<\/p>\n<p>[3] Sudan\u2019s War: The Price a Nation Is Paying. undpsudan.exposure.co 14.04.2026.<\/p>\n<p>[4] Mark Townsend: Anger at \u2018bloody unacceptable\u2019 efforts to end Sudan\u2019s war as conflict enters fourth year. theguardian.com 14.04.2026.<\/p>\n<p>[5] Declan Walsh: Sudanese Paramilitary Group Committed Genocide, U.S. Says. nytimes.com 07.01.2025.<\/p>\n<p>[6] Sudan: Hallmarks of Genocide in El-Fasher. Report of the independent international fact-finding mission for the Sudan. 17 February 2026.<\/p>\n<p>[7] S. dazu <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/9946\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Die Londoner Sudan-Konferenz<\/a>.<\/p>\n<p>[8] Vivian Nereim: How a Call From Trump Ignited a Bitter Feud Between Two U.S. Allies. nytimes.com 27.02.2026.<\/p>\n<p>[9] US blacklists Sudanese Muslim Brotherhood as \u2018terrorist\u2019 group. aljazeera.com 09.03.2026.<\/p>\n<p>[10] Regierungspressekonferenz vom 13. April 2026. bundesregierung.de.<\/p>\n<p>[11] Gerrit Kurtz: Internationale Sudankonferenz in Berlin: Zeit f\u00fcr einen Perspektivwechsel. swp-berlin.de 08.04.2026.<\/p>\n<p>[12] Dominic Johnson: \u201eUnzureichend und hinderlich\u201c. taz.de 14.04.2026.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Berliner Sudan-Konferenz: Experten erwarten keine relevanten Ergebnisse. 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