{"id":2690218,"date":"2026-04-04T18:39:01","date_gmt":"2026-04-04T17:39:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=2690218"},"modified":"2026-04-04T18:39:55","modified_gmt":"2026-04-04T17:39:55","slug":"das-friedenszeitalter-ist-ganz-nah","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2026\/04\/das-friedenszeitalter-ist-ganz-nah\/","title":{"rendered":"Das Friedenszeitalter ist ganz nah"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Heldenstaat, das Spiegelprinzip und warum Krieg \u00fcberfl\u00fcssig wird, auch wenn es gerade nicht so aussieht.<\/strong><\/p>\n<p>Wie komme ich dazu, von einem Zeitalter des Friedens zu sprechen? W\u00e4hrend meines gesamten Lebens befand sich mein Land fast ununterbrochen im Krieg. In einer meiner fr\u00fchesten Erinnerungen sitze ich mit meinem Vater vor dem Fernseher und wir sehen Bilder von Gewehren und Panzern im Vietnamkrieg. Er war so w\u00fctend, dass er vom Stuhl aufsprang und den Bildschirm anschrie.<\/p>\n<p>Die wenigen Friedensjahre nach dem Vietnamkrieg endeten mit den Kleinkriegen, den verdeckten und Stellvertreter-Kriegen der Reagan-Bush-\u00c4ra: Granada, Nicaragua, El Salvador, Panama, Angola, Libyen, Libanon, Honduras, die Philippinen, Kuwait. Dann kamen Clintons Kriege: Bosnien, Serbien, Kosovo, Somalia, Haiti, Afghanistan, Sudan (Operation Unbegrenzte Reichweite) und Irak (Operation W\u00fcstenfuchs). Aus dem leisen K\u00f6cheln der Nach-Vietnam-Konflikte kochte schlie\u00dflich nach 9\/11 unter George W. Bush der Krieg gegen den Terror auf, begann in Afghanistan und Irak (und benachbarten L\u00e4ndern), plus Somalia und die Philippinen, und damit brach das Zeitalter des grenzenlosen globalen Kriegs an. Als n\u00e4chstes kam Obama und f\u00fcgte gr\u00f6\u00dfere Milit\u00e4roperationen in Libyen und Syrien hinzu, und weitete Bushs nach wie vor schwelenden Drohnenkriege im Yemen, in Somalia, Pakistan und anderswo aus. Trump f\u00fchrte die meisten dieser Operationen fort, ebenso Joe Biden, der den Stellvertreterkrieg gegen Russland durch die Ukraine beisteuerte und Israels Genozid im Gazastreifen unterst\u00fctzte.<\/p>\n<p>Und nun haben wir also Donald Trump, der \u2013 seinen zahllosen Anti-Kriegs-Wahlkampfreden zum Trotz \u2013 den weltweiten Generalkrieg seiner Vorg\u00e4nger weiterf\u00fchrt und einen katastrophalen neuen im Iran begann. Nicht zu vergessen seine Kampagne in ganz Lateinamerika, vorgeblich gegen den Drogenhandel: \u00bbOperation V\u00f6llige Vernichtung.\u00ab<\/p>\n<p>Wie kann \u2013 bei diesen geschichtlichen und gegenw\u00e4rtigen Ereignissen \u2013 die Verk\u00fcndung eines Friedenszeitalters mehr als ein frommer Wunsch sein?<\/p>\n<p>Erstens: weil Krieg nicht mehr funktioniert. In gewisser Weise hat er nie funktioniert, aber beim Irankrieg wird das so offensichtlich, dass nicht mal Donald Trump es ignorieren kann.<\/p>\n<p>Pragmatische Kritiker der amerikanischen Imperialkriege merken gern an, dass die Vereinigten Staaten seit dem Zweiten Weltkrieg keinen Krieg mehr gewonnen haben. Korea, Vietnam, Irak, Afghanistan, Syrien, Libyen \u2026 Jedes Land befand sich nach dem Krieg in einer schlechteren Verfassung als zuvor. In keinem davon wurden die vorgegebenen Ziele erreicht.[1]<\/p>\n<p>Aber klar: Gemessen an den eigentlichen Zielen \u2013 wie der Bereicherung von R\u00fcstungsfirmen, dem Verbreiten von Chaos oder der Rechtfertigung von \u00dcberwachung und Kontrolle im Heimatland \u2013 , waren diese Kriege bewundernswert erfolgreich. Trotzdem h\u00e4tte der Aggressor sicher gern einen Anschein von Sieg erweckt. Warum ging das nicht? Warum kann das st\u00e4rkste Land der Welt nicht einmal einen Krieg gegen weit schw\u00e4chere Gegner gewinnen? Wenn es nur Vietnam w\u00e4re oder nur Irak, k\u00f6nnten wir das als Ausnahme abtun. Aber jeder Krieg? Es muss einen tieferliegenden Grund geben, warum Krieg nicht mehr so funktioniert, wie er das fr\u00fcher getan hat.<\/p>\n<p>Das historische Zusammentreffen zwischen dem letzten \u00bberfolgreichen\u00ab Krieg und dem Anbruch des Atomzeitalters zeigt eine wichtige Spur auf. Der sowjetische Atombombentest 1949 beendete die \u00c4ra des totalen Kriegs. Zuvor war Jahrtausende lang die v\u00f6llige Zerst\u00f6rung des Feinds eine gangbare M\u00f6glichkeit, einen Konflikt zu l\u00f6sen \u2013 die zivile Infrastruktur zerst\u00f6ren, die Bev\u00f6lkerung dezimieren oder sogar jeden Mann, jede Frau und jedes Kind t\u00f6ten. All das h\u00f6rte auf mit der Bombe: Die Doktrin der gegenseitig garantierten Zerst\u00f6rung und die Bedrohung durch radioaktive Verseuchung und den nuklearen Winter machte den totalen Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion unm\u00f6glich.<\/p>\n<p>Bestimmte L\u00e4nder haben noch nicht gemerkt, dass Sieg durch Gewalt nicht mehr auf der Speisekarte steht. Sie m\u00fcssen das wom\u00f6glich auf die harte Tour lernen.<\/p>\n<p>Das dem Gleichgewicht des Schreckens[2] zugrunde liegende Prinzip ist Interdependenz, gegenseitige Abh\u00e4ngigkeit. Diesen Begriff w\u00fcrde ich gern weiterf\u00fchren und \u00bbInterbeing\u00ab [Mit-Sein] nennen; die Basis von Friedensbewusstsein. Es bedeutet, dass wir in Wirklichkeit nicht getrennt sind, dass unser ganzes Sein auf Beziehung beruht. Im Fall des Atomkriegs ist das offensichtlich: Was wir dem anderen antun, tun wir auch uns selbst an. Im Fall des konventionellen Kriegs ist es weniger offensichtlich \u2013 oder war es wenigstens.<\/p>\n<p>Das Gleichgewicht des Schreckens h\u00e4ngt nicht mehr von Atomwaffen ab. Bei asymmetrischem Kriegsgeschehen (wie zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran) tr\u00e4gt nat\u00fcrlich die schw\u00e4chere Seite die Hauptlast an Opfern und physischer Zerst\u00f6rung. Dennoch kann das st\u00e4rkere Land nicht wirklich gewinnen. Das sehen wir jetzt. Der Iran hat keine Atombomben, aber er k\u00f6nnte gen\u00fcgend Energie-Infrastruktur zerst\u00f6ren, dass die Industrie der Welt kaputtgeht. Mangelnde Energieversorgung, unterbrochene Lieferketten, zusammenbrechende Lebensmittelproduktion, finanzieller Kollaps und zivile Unruhen w\u00fcrden einem umfassenden Krieg auf dem Fu\u00dfe folgen. Zwei Faktoren geben dem Iran und \u00e4hnlichen L\u00e4ndern den l\u00e4ngeren Hebel in die Hand: Erstens ist Milit\u00e4rtechnik wie Raketen und Drohnen leichter erh\u00e4ltlich als je zuvor. Zweitens ist die Welt so eng verflochten, so technisch und wirtschaftlich untereinander abh\u00e4ngig, dass ein Schaden an irgendeinem ihrer zentralen Knotenpunkte sich auf das gesamte System auswirkt.<\/p>\n<p>Was passiert, wenn die L\u00f6sungsm\u00f6glichkeit, den Feind einfach auszul\u00f6schen, nicht mehr verf\u00fcgbar ist? Man muss zu irgendeiner Art von Verst\u00e4ndigung gelangen. Dazu muss man die Lage aus dem Blickwinkel der anderen zumindest ein klein wenig verstehen. Und man muss \u00fcberhaupt anerkennen, dass sie eine berechtigte Sichtweise haben, dass sie nicht einfach eine Horde tobender Orks sind. Man muss ihr Menschsein anerkennen.<\/p>\n<p>Krieg wird nicht nur durch Milit\u00e4rtechnologie und wirtschaftliche Abh\u00e4ngigkeiten \u00fcberfl\u00fcssig. Ich w\u00fcrde gerne sagen k\u00f6nnen, dass das sich hebende Bewusstsein unserer Zeit Kriege nicht mehr zul\u00e4sst, aber das stimmt nicht ganz. Bewusstsein \u00bbhebt\u00ab sich nicht entlang einer Achse, auf der manche Menschen bewusster sind als andere. Es stellt sich die Frage: \u00bbWessen bist du dir bewusst?\u00ab Wenn ich also von Bewusstsein rede, meine ich das bewusste Wahrnehmen des Interbeing. Oder nennen wir es das Spiegel-Prinzip: Was wir anderen antun, tun wir uns selber an.<\/p>\n<p>Das Spiegelprinzip wirkt auf allen Gebieten. Wir entsorgen Unmengen Plastik in die Umwelt \u2013 und unsere K\u00f6rper sind von Mikroplastik durchsetzt. Amerika \u00fcbt im Ausland Gewalt aus \u2013 und erleidet ein hohes Ma\u00df an Gewalt im Heimatland (Waffengewalt, h\u00e4usliche Gewalt, selbstzerst\u00f6rerische Gewalt). Im pers\u00f6nlichen Umfeld merken wir ebenso, dass wir nicht immun sind gegen den radioaktiven R\u00fcckfluss des Leids, das wir anderen zuf\u00fcgen. Selbst wenn die, die wir schlecht behandelt haben, gar keine Rache \u00fcben, nagt das, was wir getan haben, von innen an uns. Und genauso leuchtet in uns das Gute, das wir tun.<\/p>\n<p>Das Bewusstsein von Interbeing, Mit-Sein, w\u00e4chst durch unsere direkten Erfahrungen, durch die Entdeckung der Quantentheorie, wie sehr die Wirklichkeit vom Beobachter abh\u00e4ngt, durch die Lehren der \u00d6kologie, durch psychedelische Medizin, durch die Wiederbegegnung mit indigenen Weltanschauungen, durch die Enth\u00fcllungen von UFOs und Psi-Ph\u00e4nomenen, durch viele, viele Wege. In diesem Bewusstsein ist Krieg vollkommen sinnlos. Seine Begr\u00fcndungen klingen hohl, selbst wenn wir seine geopolitischen Voraussetzungen akzeptieren.<\/p>\n<p>Das Spiegelprinzip wirkt auch in ganz allt\u00e4glichen Vorg\u00e4ngen. Beispielsweise verwahrlost die eigene Infrastruktur der Vereinigten Staaten, nachdem sie die Infrastruktur ganzer L\u00e4nder \u00fcber Jahre hinweg zerst\u00f6rt haben. Das ist nat\u00fcrlich eine Folge der Priorit\u00e4tensetzung im Staatshaushalt. Aber auch da wirkt ein tieferliegendes Muster.<\/p>\n<p>Krieg ist die logische Weiterf\u00fchrung der Gewohnheit, Probleme auszulagern, die eigentlich im Inneren liegen. Nun gibt es manchmal auch Probleme, die weit au\u00dferhalb liegen und mit St\u00e4rke gel\u00f6st werden k\u00f6nnen, und nur mit St\u00e4rke. Flucht vor einem Raubtier ist ein Beispiel daf\u00fcr. Der Leopard greift die Antilope nicht wegen ihrer Opfermentalit\u00e4t an.<\/p>\n<p>Meistens jedoch spiegeln \u00e4u\u00dfere Probleme etwas Inneres. Dies anzuschauen ist unbequem, denn es bedeutet, die Eigenwahrnehmung zu ver\u00e4ndern. Im Falle der USA hei\u00dft das: Zu untersuchen, wie die Handlungen unserer \u00bbGegner\u00ab unsere eigenen Handlungen spiegeln, wird die Geschichte von Amerika als Heldenstaat kaputtmachen, die im Nachgang des Zweiten Weltkriegs geschmiedet wurde. Nach den 9\/11-Angriffen fragte praktisch niemand mehr (zumindest nicht in Politik und Medien), welche US-Methoden und imperialen Systeme solchen Terrorismus \u00fcberhaupt erst verursacht haben k\u00f6nnten. Nein, die einzige Erkl\u00e4rung war: \u00bbDas sind verr\u00fcckte Fanatiker, die uns wegen unserer Freiheiten hassen.\u00ab<\/p>\n<p>Probleme nach au\u00dfen zu projizieren, f\u00fchrt unweigerlich zu ihrer Vernachl\u00e4ssigung. Wenn wir zum Beispiel Trumps Wahlsieg 2016 auf \u00bbrussische Einmischung\u00ab zur\u00fcckf\u00fchren, sehen oder verstehen wir nie das Ph\u00e4nomen Trump und die Unruhen und Enteignungen, die es anheizten. Wenn die Demokraten seinen Sieg 2024 auf Bigotterie, Wahnsinn und Dummheit seiner Anh\u00e4nger zur\u00fcckf\u00fchren, erkennen sie nie die gravierenden M\u00e4ngel in ihrer eigenen Partei. Wenn wir f\u00fcr Krankheit nur die Erreger verantwortlich machen, betrachten wir nie die Ern\u00e4hrungsgewohnheiten oder Lebensstile, die den Boden bereiten, auf dem Erreger gedeihen. Wenn wir Kriminalit\u00e4t auf diese ganzen verkommenen Verbrecher schieben, schauen wir uns nie die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen an \u2013 bei denen wir mitmachen \u2013, die Verbrechen hervorbringen. Wenn ich die emp\u00f6rten Blicke, die ich abkriege, auf die Unh\u00f6flichkeit der Leute schiebe, werde ich nie erfahren, dass ich Hundekacke an der Hose habe.<\/p>\n<p>Kriegshaltung ist Opferhaltung. Sie wehrt Selbstverantwortung ab und verlagert die Schuld auf andere. Paradoxerweise ist die Haltung des Helden dieselbe wie die Haltung des Opfers: Am Problem ist immer jemand anderes schuld. Der Held \u00fcberwindet einen Schurken nach dem andern, externalisiert jegliches \u00dcbel und erkennt nie seine eigene Teilhabe an genau der Sache, die er bek\u00e4mpft.<\/p>\n<p>Bitte beachte, dass der Heros, wie ihn Joseph Campbell [Mythenforscher] darstellt, nicht ganz derselbe Held ist, \u00fcber den ich hier schreibe. Der Heros Campbells ist jedoch selbstverst\u00e4ndlich unreif, ein Knaben-Archetyp, kein Mann-Archetyp. Nach seiner Heldenreise muss der Heros in das n\u00e4chste Reifungsstadium eintreten, in dem er die Begrenztheit seiner vorherigen triumphalen Herangehensweise an Herausforderungen gezeigt bekommt. Dennoch wiederholt er sie, jedes Mal mit st\u00e4rkerer Reue, bis er endlich anschaut, was er zuvor nie untersucht hat. Er versteht, dass die Schurkenparade nur eine Begleiterscheinung seiner eigenen kriegerischen Wesensart war.<\/p>\n<p>Betrachte die Welt als feindlich, und es werden Feinde auftauchen, um deine Betrachtungsweise zu best\u00e4tigen. Ob diese Feinde tats\u00e4chlich b\u00f6se sind, ist ziemlich egal: Der Heldenstaat wird sie so darstellen. Er muss das tun, um seine Identit\u00e4t zu bewahren.<\/p>\n<p>Diskussionen \u00fcber die pers\u00f6nlichen Eigenschaften von Wladimir Putin, Saddam Hussein, Ali Khamenei usw. lenken nur ab. Der Held zieht sein Gegenst\u00fcck nicht nur an, er produziert es auch. Die US-Vorgehensweise von Sanktionen, \u00bbmaximalem Druck\u00ab und Raketen- und Drohnen-Angriffen schw\u00e4cht die gem\u00e4\u00dfigten Stimmen in den Ziell\u00e4ndern und st\u00e4rkt die Macht militanter Extremisten, die dann im Nachhinein benutzt werden, um die Aggression zu rechtfertigen. Solche politischen Dynamiken illustrieren das gr\u00f6\u00dfere Prinzip des Interbeing. Die Welt spiegelt uns zur\u00fcck, wer wir sein wollen.<\/p>\n<p>Indem der Heldenstaat den gr\u00f6\u00dften Teil seiner Aufmerksamkeit und Ressourcen f\u00fcr Probleme im Au\u00dfen verwendet, \u00fcbersieht er nat\u00fcrlich die blinden Flecken, die andererseits sichtbar w\u00e4ren, wenn er den Blick nach innen richten w\u00fcrde. So konnte es so weit kommen, dass Amerika \u2013 vormals ein starker Motor von Erfindungen und Entdeckungen, f\u00fchrend auf beinah jedem Gebiet der Technik und Industrie, der Bannertr\u00e4ger f\u00fcr Freiheit und Demokratie \u2013 so tief in Ungnade gefallen ist. Die F\u00e4ulnis wird gut sichtbar in Form von maroder Infrastruktur, Obdachlosenlagern und grundlegender H\u00e4sslichkeit der modernen gebauten Umwelt. Die weniger sichtbare F\u00e4ulnis ist sogar noch ernster: Epidemien chronischer Krankheit, Depression, \u00dcbergewicht und Unfruchtbarkeit, finanzieller Unsicherheit, Zerfall von Gemeinschaften, Einsamkeit, Kindesmissbrauch, h\u00e4uslicher Gewalt und, wom\u00f6glich am treffendsten, Sucht.<\/p>\n<p>Keines dieser Probleme l\u00e4sst sich mit Krieg l\u00f6sen, aber die Kriegshaltung durchdringt jeden Aspekt der politischen Argumentation. Wir f\u00fchren Krieg gegen Drogen, Krieg gegen den Terror, Krieg gegen Armut, Krieg gegen das Verbrechen. Wir nehmen unsere Probleme \u00bbin Angriff\u00ab, f\u00fchren \u00bbFeldz\u00fcge\u00ab gegen sie. Wir mobilisieren unsere Truppen. Wir bek\u00e4mpfen die Obdachlosigkeit. Wir ziehen gegen Defizite in die Schlacht.<\/p>\n<p>Aber Terror ist ein Gef\u00fchl, Drogen sind Substanzen, und Obdachlosigkeit ist ein Zustand. Wogegen sollen wir da k\u00e4mpfen? Wir m\u00fcssen einen Stellvertreter einf\u00fchren, den wir bek\u00e4mpfen, jemanden, dem wir die Schuld geben k\u00f6nnen. Saddam Hussein! Die Drogenschmuggler! Blackrock!<\/p>\n<p>Die Kriegssprache bietet einen Rahmen, den die Menschen verstehen, aber sie f\u00fchrt uns auf ewig in die Irre, indem sie einfache, oberfl\u00e4chliche, falsche L\u00f6sungen f\u00fcr das jeweilige Problem anbietet.<\/p>\n<p>Es ist erleichternd, einen \u00dcbelt\u00e4ter f\u00fcr die eigenen Probleme zu finden. Dann wei\u00df man, was zu tun ist. Dann wei\u00df man, wem man die Schuld geben kann. Dann wei\u00df man, wen man bombardieren muss.<\/p>\n<p>Die Identit\u00e4ten von Held und Schurke auszutauschen, l\u00f6st das Grundmuster nicht auf. Diese Herangehensweise wurde manchmal von der politischen Linken eingesetzt. Amerika ist nicht der Held, es ist das Monster. Der Schurkenstaat ist nicht Iran, wir sind es selber. Wei\u00dfe sind nicht besser als Farbige, sie sind schlimmer. Die Industrie ist nicht der Wohlt\u00e4ter der Welt, sie ist ihr Zerst\u00f6rer. Moderne Kulturen sind denen der Eingeborenen nicht \u00fcberlegen, es ist genau andersherum. Den Spie\u00df auf diese Weise umzudrehen, erf\u00fcllt einen n\u00fctzlichen Zweck, n\u00e4mlich die Schattenseiten des Helden zu enth\u00fcllen, die nicht erz\u00e4hlten Teile der Geschichte zu offenbaren. Die oben erw\u00e4hnte Reifung des Heros erfordert, dass er sich selbst so erkenne, wie er gewesen ist. Die Rollen im Gut-gegen-B\u00f6se-Drama nur auszutauschen, tr\u00e4gt jedoch nichts zur Ver\u00e4nderung des Dramas selbst bei.<\/p>\n<p>Die Unterdr\u00fcckten werden zum Unterdr\u00fccker, das Opfer wird zum T\u00e4ter, der Held wird zum Schurken, die L\u00f6sung wird zum Problem, alles dreht sich endlos im Kreis, bis wir Teil einer neuen Geschichte werden.<\/p>\n<p>Das Friedenszeitalter folgt einem anderen Drehbuch. Das Held-Schurke-Drama, das Opfer-T\u00e4ter-Retter-Drama, das Wir-gegen-Die-Drama wird nie ganz verschwinden (frag einfach die Antilope). Aber es wird nicht mehr die Schablone f\u00fcr das Verstehen eines jeden Konflikts liefern. Wir werden andere Handlungsstr\u00e4nge auf die B\u00fchne bringen, die auf Interdependenz, Interbeing und auf dem Spiegelprinzip gr\u00fcnden. Wir werden fragen: \u00bbWelche Bedingungen haben dich so gemacht, wie du bist?\u00ab \u00bbWie habe ich zu diesen Bedingungen beigetragen?\u00ab \u00bbWas k\u00f6nnen wir gemeinsam tun, um sie zu ver\u00e4ndern?\u00ab Es werden weiterhin Konflikte entstehen, aber wir werden nicht l\u00e4nger die Zeichentrick-Versionen echter Menschen und echter Staaten bek\u00e4mpfen, die in den Farben unserer eigenen nicht verheilten Geschichte gemalt sind.<\/p>\n<p>Wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf die Verletzungen und Krankheiten richten, die wir nicht l\u00e4nger nach au\u00dfen projizieren, k\u00f6nnen wir endlich anfangen, sie zu heilen. Das Friedenszeitalter wird deshalb auch ein Gesundheits- und ein Wohlstandszeitalter sein. Alles, was dahinsiechte, w\u00e4hrend wir damit besch\u00e4ftigt waren, einander zu bek\u00e4mpfen, wird erstarken. Das gilt f\u00fcr jeden Einzelnen, es gilt f\u00fcr jede Familie, es gilt f\u00fcr jeden Staat, und es gilt f\u00fcr diese Erde.<\/p>\n<p>\u00dcbersetzt von Ingrid Suprayan, Bobby Langer und Christa Dregger (Zeitpunkt). Die englische Originalfassung dieses Essays ist <a href=\"https:\/\/charleseisenstein.substack.com\/p\/the-age-of-peace-is-very-close\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a> zu finden.<\/p>\n<p>[Dieser Artikel ist unter einer Creative-Commons-Lizenz (Namensnennung \u2013 Nicht kommerziell \u2013 Keine Bearbeitungen 3.0 Deutschland) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen darf er verbreitet und vervielf\u00e4ltigt werden.]<\/p>\n<hr \/>\n<p>[1]\u00a0Ok, mir ist klar, dass ich \u00fcbertreibe. Man k\u00f6nnte behaupten, dass der erste Irakkrieg und das Eingreifen in Serbien \u00bberfolgreich\u00ab waren. Aber die Tendenz ist immer noch dieselbe.<\/p>\n<p>[2] Vgl. zum Begriff: https:\/\/www.dw.com\/de\/gleichgewicht-des-schreckens\/a-16287296<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Heldenstaat, das Spiegelprinzip und warum Krieg \u00fcberfl\u00fcssig wird, auch wenn es gerade nicht so aussieht. Wie komme ich dazu, von einem Zeitalter des Friedens zu sprechen? W\u00e4hrend meines gesamten Lebens befand sich mein Land fast ununterbrochen im Krieg. 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