{"id":2686183,"date":"2026-03-20T15:58:29","date_gmt":"2026-03-20T15:58:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=2686183"},"modified":"2026-03-20T15:58:29","modified_gmt":"2026-03-20T15:58:29","slug":"indigene-frauen-und-rassismus-im-justizsystem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2026\/03\/indigene-frauen-und-rassismus-im-justizsystem\/","title":{"rendered":"Indigene Frauen und Rassismus im Justizsystem"},"content":{"rendered":"<p>Mexiko-Stadt, 2. M\u00e4rz 2026, <a href=\"https:\/\/debatesindigenas.org\/2026\/03\/01\/prisiones-y-continuidades-coloniales-la-experiencia-de-las-mujeres-indigenas-ante-el-racismo-judicial-en-mexico\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Debates Ind\u00edgenas<\/a>).- Gef\u00e4ngnisse und Kriminalisierung der indigenen Bev\u00f6lkerung zeugen von einer kolonialen Kontinuit\u00e4t, die weiterhin die Erstbewohnenden ihrer Territorien beraubt und die verletzlichsten Teile dieser Gruppe vertreibt und einsperrt. Die Erfahrung indigener Frauen in einem nationalen Hochsicherheitsgef\u00e4ngnis in Mexiko zeigt das Kontinuum der Gewalt, das ihr Verh\u00e4ltnis zum Staat und seinem rassistischen und patriarchalen Justizsystem pr\u00e4gt. In einem Raum, der Konkurrenz und Misstrauen unter den Inhaftierten f\u00f6rdert, haben Frauen durch den Aufbau einer inneren Gemeinschaft Widerstandsstrategien entwickelt.<\/p>\n<p>In Lateinamerika hat der Mythos der <em>Mestizaje<\/em> den Rassismus in den Gef\u00e4ngnissen unsichtbar gemacht. Einschl\u00e4gige Analysen beschr\u00e4nkten sich auf die Kriminalisierung von Armut und die <a href=\"https:\/\/www.npla.de\/lexikon\/korruption\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Korruption<\/a> in der Justiz. Die \u00dcberrepr\u00e4sentation rassifizierter Menschen in Institutionen des Freiheitsentzugs wurde ignoriert. Dennoch wissen wir: <a href=\"https:\/\/www.casi.com.ar\/sites\/default\/files\/El%20color%20de%20la%20c%23U00e1rcel%20en%20Am%23U00e9rica%20Latina.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Das Gef\u00e4ngnis tr\u00e4gt Farbe;<\/a> es ist Teil eines rassistischen Systems. Laut Gefangenenstatistik waren im Jahr 2022 von insgesamt 247.000 Inhaftierten 8.142 indigen. Die tats\u00e4chliche Zahl ist vermutlich h\u00f6her, da f\u00fcr die Zuordnung sprachliche Identifizierungskriterien angelegt werden. Wer die eigene Sprache durch Zwangsintegration und <em>castellanizaci\u00f3n<\/em> (Hispanisierung) verloren hat, wird nicht mitgez\u00e4hlt.<\/p>\n<p><strong>Der Krieg gegen den <a href=\"https:\/\/www.npla.de\/lexikon\/drogenhandel\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Drogenhandel<\/a><\/strong><\/p>\n<p>Der sogenannte \u201eKrieg gegen den Drogenhandel\u201c ist eine 2006 vom damaligen Pr\u00e4sidenten Felipe Calder\u00f3n Hinojosa ausgegebene Sicherheitsstrategie, die darauf abzielt, durch den Einsatz der Armee im Innern Drogenkartelle anzugreifen und zu schw\u00e4chen. Bewirkt hat sie jedoch nicht mehr als eine Zunahme der Kriminalisierung und Einsperrung indigener Personen. Es ist die Kontinuit\u00e4t des kolonialen Projekts mit <a href=\"https:\/\/www.npla.de\/lexikon\/landraub\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Landraub<\/a>, Zerst\u00f6rung gemeinschaftlicher Verbindungen und systematischer Gewalt gegen die betroffene Bev\u00f6lkerung. Indigene Personen wurden gewaltsam aus ihren Gemeinschaften vertrieben und in weit entfernte Gef\u00e4ngnisse verlegt, wo sie Isolation sowie k\u00f6rperliche und symbolische Gewalt erleiden.<\/p>\n<p>Indigene Frauen in Haft erfahren spezifische Formen intersektionaler Gewalt, und zwar vor, w\u00e4hrend und nach ihrer Verhaftung. Zwar werden nur f\u00fcnf Prozent der 13.985 in bundesstaatlichen und nationalen Gef\u00e4ngnissen inhaftierten Frauen als indigen identifiziert. Doch wissen wir, dass es sich dabei um eine statistische Untererfassung handelt, da viele Indigene nicht als solche anerkannt werden, wenn sie keine indigene Sprache sprechen. Laut Mexikos Nationaler Menschenrechtskommission <em>Comisi\u00f3n Nacional de los Derechos Humanos<\/em> sind 43 Prozent der Frauen, bei denen diese ethnische Zuschreibung anerkannt wurde, wegen Delikten in Verbindung mit Drogenhandel verhaftet worden, rechtlich unter \u201eStraftaten gegen die Gesundheit\u201c eingeordnet. Ihre Inhaftierung erm\u00f6glicht dem mexikanischen Staat, mittels Statistiken zu zeigen, dass er \u201eetwas tut\u201c gegen den Drogenhandel, ohne dass davon die Interessen der Netzwerke organisierter Kriminalit\u00e4t betroffen sind. Paradoxerweise hat die Einsperrung indigener Frauen, die mit Drogenkleinhandel oder dem Anbau nat\u00fcrlicher Rauschmittel in Verbindung gebracht werden, den Einfluss der Drogenhandelsnetzwerke nicht verringert. Im Gegenteil, diese Entwicklung hat ihre S\u00f6hne und T\u00f6chter anf\u00e4llig gemacht und dazu beigetragen, Kreisl\u00e4ufe kultureller Entwurzelung und der Anwerbung Jugendlicher f\u00fcr den Drogenhandel aufrechtzuerhalten.<\/p>\n<h2><strong>Die Auferlegung kolonialen Rechts<\/strong><\/h2>\n<p>Seit 17 Jahren arbeiten wir im Umfeld von Haftanstalten und begleiten inhaftierte Frauen, die ihre Lebensgeschichten aufschreiben. Immer wieder zeigte sich, dass indigene Frauen vor, w\u00e4hrend und nach ihrer Inhaftierung <a href=\"https:\/\/www.rosalvaaidahernandez.com\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/bajo-la-sombra-del-guamuchil.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">rassistische Gewalt<\/a> erleiden: von Bel\u00e4stigung und Diskriminierung bis zur Trennung von ihren Kindern, Folter und sexueller Gewalt. Die Besetzung ihrer Territorien durch Gef\u00e4ngniskomplexe ging einher mit der Besetzung ihrer K\u00f6rper durch <a href=\"https:\/\/www.npla.de\/lexikon\/polizeigewalt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Polizeigewalt<\/a>.<\/p>\n<p>Der Rassismus des Justizsystems operiert nach au\u00dfen, indem er Strategien der Militarisierung und Sicherheitspolitik auf armutsbetroffene und rassifizierte Regionen konzentriert, die von Indigenen bewohnt werden. Gleichzeitig reproduziert das Justizsystem in seinem Inneren rassistische und patriarchale Vorurteile im Umgang mit indigenen Frauen, die oft nicht auf \u00dcbersetzer*innen zur\u00fcckgreifen k\u00f6nnen und ihr Recht auf Pflichtverteidigung nicht kennen. Menschen, die im Hochsicherheitsgef\u00e4ngnis f\u00fcr Frauen <em>Centro Federal de Readaptaci\u00f3n Social (<a href=\"https:\/\/debatesindigenas.org\/2026\/03\/01\/prisiones-y-continuidades-coloniales-la-experiencia-de-las-mujeres-indigenas-ante-el-racismo-judicial-en-mexico\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Cefereso 16<\/a>)<\/em> (\u201eBundeszentrum f\u00fcr Resozialisierung\u201c) inhaftiert sind, wurden von ihren Territorien vertrieben und durch eine koloniale Justiz verurteilt, die systematisch ihre Rechte verletzt. Indem die Strafgerichte in indigenen Territorien Geltung beanspruchen, stellen sie koloniales Recht \u00fcber die Indigene Gerichtsbarkeit und versto\u00dfen so gegen das mexikanische Gesetz \u00fcber Rechte und Indigene Kultur<em>\u00a0(\u00dcbereinkommen \u00fcber Indigene V\u00f6lker der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO-<a href=\"https:\/\/www.npla.de\/lexikon\/ilo-konvention-169\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Konvention 169<\/a>)<\/em> und die <em>UN-Erkl\u00e4rung \u00fcber die Rechte der Indigenen V\u00f6lker). <\/em>Historisch betrachtet stellt das Einsperren indigener Frauen und M\u00e4nner eine Kontinuit\u00e4t kolonialer Praktiken dar. Die \u00dcberrepr\u00e4sentierung Armutsbetroffener und Rassifizierter in den Gef\u00e4ngnissen ist das eine Problem. Das andere ist die Auferlegung eines Strafsystems, das nicht zu den traditionellen Formen der Konfliktl\u00f6sung passt, die historisch von den indigenen V\u00f6lkern Mexikos entwickelt wurden.<\/p>\n<p><strong>Michapa: Resozialisierungszentrum oder koloniale Enklave?<\/strong><\/p>\n<p>Im indigenen und kleinb\u00e4uerlichen Gebiet von Michapa ragt das <a href=\"https:\/\/www.proyectosmexico.gob.mx\/proyecto_inversion\/592-centro-federal-de-readaptacion-social-femenil-cefereso-no-16\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Centro de Readaptaci\u00f3n Social Nr. 16 <\/em><\/a>auf: das erste und einzige Hochsicherheitsgef\u00e4ngnis f\u00fcr Frauen in Mexiko. Gebaut vom Unternehmen <em>Grupo Inbursa<\/em>, das dem Magnaten Carlos Slim geh\u00f6rt, wurde es im Rahmen eines Public Private Partnership errichtet, wie viele Gef\u00e4ngnisse Mexikos auf dem Land indigener V\u00f6lker. Heutzutage sind die Nachfahren des Volks der Tlahuica B\u00e4uer*innen, die auf L\u00e4ndereien in gemeinschaftlichem und kommunalem Eigentum Produkte f\u00fcr den Eigenbedarf und tropische Fr\u00fcchte anbauen. Ein gro\u00dfer, mehr als einen Kilometer breiter Gef\u00e4ngniskomplex durchbricht die Landschaft um die einsame Stra\u00dfe von Amacuzac nach Michapa. Urspr\u00fcngliche Vegetation wurde durch den Bau zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>Die \u00d6konomie des Strafens macht Einsperren zur Ware: Private Akteure k\u00fcmmern sich um den Entwurf, den Bau, die Ausstattung und die Wartung der R\u00e4ume. Der Staat als Kunde dieser Dienstleistung bezahlt wiederum f\u00fcr die gesamten vorgehaltenen Kapazit\u00e4ten: 2.528 Zellen, egal ob sie belegt sind oder nicht. Zugleich hat sich eine Gef\u00e4ngnisindustrie mit Textilmanufakturen etabliert, die von billiger Arbeitskraft abh\u00e4ngt, ohne Sozialversicherungsleistungen und mit einer vom Staat subventionierten Infrastruktur. Die Bezahlung von 250 Pesos pro Woche (14,57 Dollar) erinnert an die Zeit der\u201etiendas de raya\u201c w\u00e4hrend der Diktatur Porfirio D\u00edaz\u2018 (1876\u20131911). Di Bezahlung erfolgt durch ein internes System von Punkten, die in den L\u00e4den des Gef\u00e4ngnissystems eingel\u00f6st werden k\u00f6nnen; die Rolle der Gro\u00dfgrundbesitzer von damals \u00fcbernimmt heute die Gef\u00e4ngnisverwaltung.<\/p>\n<p>Nach Michapa zu kommen bedeutet, ein Terrain der Unterdr\u00fcckung zu betreten. Vor der Ankunft verliert sich das Telefonsignal, und die 40 Grad Au\u00dfentemperatur machen die Anreise zu einer \u00dcbung in Widerstandsf\u00e4higkeit. \u00dcber 20 aufeinanderfolgende Einlasskontrollen sind Teil eines strengen b\u00fcrokratisch-strafrechtlichen Labyrinths, in dem extreme \u00dcberwachung als Bestrafung derer wirkt, die Zugang suchen. Symbolische Gewalt manifestiert sich in der monochromen, mechanischen und n\u00fcchternen Architektur. Eine sorgf\u00e4ltig kontrollierte Bepflanzung hei\u00dft Besucher*innen von au\u00dfen willkommen, w\u00e4hrend es innen nur Kunstrasen gibt, der Leben simuliert, als w\u00e4re die Negation des Lebendigen Teil der Strafe.<\/p>\n<h2><strong>Das Modul 6.1<\/strong><\/h2>\n<p>Die Bedingungen von Folter, Isolation und mangelnder medizinischer Versorgung, unter denen die Inhaftierten leben, werden unter den Hauptursachen f\u00fcr die Verschlechterung ihrer <a href=\"https:\/\/grupoanimal.mx\/sociedad\/cefereso-16-penal-morelos-negligencias-medicas\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">psychischen Gesundheit<\/a> genannt. Diese Bedingungen haben einen unhaltbaren Grad erreicht, einen <a href=\"https:\/\/www.lajornadamorelos.mx\/editorial\/cuantas-muertes-mas-se-necesitan-en-el-cefereso-16\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kipppunk<\/a>t f\u00fcr das seelische Gleichgewicht der Inhaftierten, was in einer alarmierenden und schmerzhaften Zahl\u00a0an <a href=\"https:\/\/elpais.com\/mexico\/2024-11-07\/alarma-en-la-carcel-federal-de-morelos-por-la-muerte-de-otras-dos-mujeres.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Suiziden<\/a> mit 20 erfassten F\u00e4llen bis zum Januar 2026 gipfelte. Insbesondere die <a href=\"https:\/\/grupoanimal.mx\/sociedad\/cefereso-16-morelos-femenil-cementerio-vivas\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Verlegung<\/a> von Gefangenen aus anderen Haftanstalten seit 2022 wird als wichtige Ursache dieser Welle von Suiziden genannt, worauf auch die <a href=\"https:\/\/grupoanimal.mx\/sociedad\/cndh-cefereso-16-morelos-violo-derechos-humanos-mujeres\">Nationale Menschenrechtskommission<\/a> <em>Comisi\u00f3n Nacional de Derechos Humanos<\/em> und das <em><a href=\"https:\/\/www.npla.de\/lexikon\/instituto-federal-de-defensoria-publica\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Instituto Federal de Defensor\u00eda P\u00fablica<\/a><\/em> hingewiesen haben.<\/p>\n<p>Unter den hierher verlegten Bewohnerinnen sind indigene Frauen aus verschiedenen Regionen: Maya aus Quintana Roo, Otom\u00ed aus den Bundesstaaten M\u00e9xico und Hidalgo, Nahua aus Guerrero, Morelos und Puebla, Mixteken und Chatino aus Oaxaca, Yaqui aus Sonora, Wix\u00e1rika aus Zacatecas und eine Frau afrikanischer Abstammung aus dem Bundesstaat Guerrero. Anl\u00e4sslich der Verhaftung der afro-indigenen, zum Volk der Amuzgo geh\u00f6renden Menschenrechtsaktivistin <a href=\"https:\/\/grupoanimal.mx\/sociedad\/kenia-hernandez-prision-encarcelada\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kenia Hern\u00e1ndez<\/a> und angespornt durch ihre f\u00fchrende Rolle, forderten die indigenen Frauen in Michapa ein spezielles Modul, in dem sie gemeinsam leben und ihre kulturellen Praktiken pflegen k\u00f6nnen. Daraus entstand im Modul 6.1 eine multiethnische Gemeinschaft aus 18 indigenen Frauen, die wegen bundesrechtlicher Delikte wie Raub oder organisierter Kriminalit\u00e4t, aber auch wegen kleineren Vergehen wie Betrug oder Urkundenf\u00e4lschung inhaftiert sind.<\/p>\n<p>\u201eDas Kontinuum der Gewalt hat ihre Leben von Kindheit an gepr\u00e4gt, einschlie\u00dflich der legitimierten Gewalt eines kolonialen Staates, der Gef\u00e4ngnisse als Mittel von Kontrolle, Enteignung und Entmenschlichung benutzt.\u201c<\/p>\n<p>Da die Mehrheit von ihnen gewohnt war, im Kontakt mit der Natur zu leben, stellt die Inhaftierung in einem grauen Betonblock an sich schon eine Form von Gewalt dar. In der kreisf\u00f6rmigen Anlage, in der die Zellen um einen zentralen Raum angeordnet sind, entfalten sich alle Aktivit\u00e4ten von Essen und Bildung bis zur pers\u00f6nlichen K\u00f6rperpflege in den Duschen. Das ganze Modul ist komplett mit Beton bedeckt. Die Frauen sehnen sich nach so etwas Elementarem wie die Erde unter den F\u00fc\u00dfen zu sp\u00fcren. Sie tr\u00e4umen und schreiben von der Erde, den Fl\u00fcssen, den B\u00e4umen und der gesamten Natur, die ihre Herkunfts-Gemeinschaften umgibt. Parallel zur Isolierung ihrer Gemeinschaften werden Strafma\u00dfnahmen wie vollst\u00e4ndige Isolation zur Kontrolle der Gef\u00e4ngnisinsassinnen eingesetzt. W\u00e4hrend der drei Jahre, in denen wir in dieser Haftanstalt arbeiteten, waren wir Zeuginnen eines Falls, in dem eine der Bewohnerinnen des Moduls 6.1 als Strafe f\u00fcr \u201eschlechtes Verhalten\u201c geschlagen, an H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen gefesselt und in Isolationshaft gehalten wurde. Das Kontinuum der Gewalt, das ihre Leben von Kindheit an gepr\u00e4gt hat, vervollst\u00e4ndigt nun die legitimierte Gewalt eines kolonialen Staats, der Gef\u00e4ngnisse als Mittel von Kontrolle, Enteignung und Entmenschlichung benutzt.<\/p>\n<h2><strong>Schreiben als Widerstand: <em>Totoltin<\/em> und die dissidenten Stimmen<\/strong><\/h2>\n<p>Angesichts der kolonialen Kontrollstruktur hat die dortige multiethnische Gemeinschaft ihre eigene Widerstandsstrategien entwickelt und Care-Netzwerke gebildet. Angesto\u00dfen durch den Workshop <em>Renacer en la escritura<\/em> (etwa: durch Schreiben wieder ins Leben treten), begannen die Frauen aus Modul 6.1, ihre Geschichten zu teilen, einander kennenzulernen und zu spiegeln sowie individuelle und kollektive Heilungsprozesse zu durchlaufen, ausgehend vom Schreiben und der Wiedererlangung der W\u00fcrde ihrer Erinnerungen.<\/p>\n<p>Das\u00a0Herausgeberinnenkollektiv<a href=\"https:\/\/hermanasenlasombra.org\/nosotras\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em> Hermanas en la Sombra<\/em><\/a> (Schwestern im Schatten) kam 2023 nach Michapa, um eine Workshopreihe durchzuf\u00fchren, die auf der Methode Identit\u00e4tskonstituierendes Schreiben (<em>Escritura Identitaria)<\/em> basiert, die wir w\u00e4hrend unserer 17 Jahre langen Knastarbeit entwickelt haben. N\u00e4heres findet man in dem <a href=\"https:\/\/hermanasenlasombra.org\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Manual-Digital_Renacer-en-la-escritura_16OCT-1-1.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Handbuch<\/a> <em>\u201eRenacer en la escritura. Manual para la intervenci\u00f3n feminista en espacios donde se viven violencia.\u201c<\/em> (Durch Schreiben wieder ins Leben treten. Handbuch f\u00fcr feministische Interventionen in R\u00e4umen erlebter Gewalt.). Die Methode ist eine \u00dcbung in Rekonstruktion von Subjektivit\u00e4t. Sie erlaubt es, die eigene Stimme wiederzuerlangen, strukturelle Unterdr\u00fcckung anzuklagen und zu bezeugen und sich als Betroffene mit Geschichte, Ged\u00e4chtnis und Handlungsmacht zu st\u00e4rken. Sich im Schreiben sicher zu f\u00fchlen, kann auch als politisches Werkzeug dienen, um offiziellen Narrativen zu widersprechen, die indigene Frauen auf Zahlen und Delikte reduzieren.<\/p>\n<p>\u201eNach und nach wurden Erinnerungen durch das Schreiben freigesetzt, viele von ihnen getrieben durch Gewalt und Unterdr\u00fcckung, sowohl in ihren Lebensgeschichten als auch im historischen Ged\u00e4chtnis ihrer Ahnen und Gemeinschaften.\u201c<\/p>\n<p>Mittels des geschriebenen Worts gingen die Frauen des Moduls 6.1 Woche f\u00fcr Woche durch die Themen des Handbuchs: Rassismus, Klassismus, Androzentrismus, Schwesternschaft und Misogynie, Mythen der romantischen Liebe, Geschichten des Lebens und der K\u00f6rper, Selbstbestimmung sowie transformatives und heilendes Schreiben. Diese Prozesse des Dialogs und des Schreibens wurden begleitet durch Ges\u00e4nge, Rituale, Lekt\u00fcren und \u00dcbungen der Introspektion und der Verbindung mit sich selbst. In jeder Sitzung reflektierten wir gemeinsam \u00fcber Lebenserfahrungen, h\u00f6rten einander zu und erkannten uns wieder. Nach und nach wurden die Erinnerungen durch das Schreiben freigesetzt, viele von ihnen getrieben durch Gewalt und Unterdr\u00fcckung, sowohl in ihren Lebensgeschichten als auch im historischen Ged\u00e4chtnis ihrer Ahnen und Gemeinschaften.<\/p>\n<p>Im Buch: <em><a href=\"https:\/\/www.comecso.com\/publicaciones\/resena-del-libro-totoltin-palomas\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Totoltin<\/a>: Palomas. Escritos de mujeres de pueblos originarios internas en Michapa <\/em>(2025) erinnert sich Nido an ihre Kindheit in der Sierra de Sonora und erlebt erneut die zwangsweise Umsiedlung, die sie mit ihrer Familie des Yaqui-Volkes durchlebt hat, um Zugang zum staatlichen Bildungssystem zu erlangen: \u201eEs kam der Zeitpunkt, wo ich in die Grundschule gehen sollte, ich erinnere mich gut an diesen ersten Tag, ich brauchte nur da stehen mit meiner handbestickten Tracht, die meine Mama mir gemacht hatte, und schon lachten alle \u00fcber mich und sagten, die M\u00e4dchen aus der Stadt verst\u00fcnden meine indigene Sprache nicht. St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck hat der Hass Besitz von mir ergriffen, und bis heute schleppe ich diese Erinnerung wie eine Kette mit mir herum. Viele Male haben sie mich h\u00e4sslich beschimpft und mich dumm und unwissend genannt.<\/p>\n<h2><strong>Autorinnen, die ihre Geschichten und ihren Schmerz zur Welt bringen<\/strong><\/h2>\n<p>Zum Abschluss der Schreib-Workshops wurden die geschriebenen Texte digitalisiert und eine zweite Etappe begonnen mit dem Ziel, die Geschichten in Buchform zu bringen. Die Texte des Buchs <em>Totoltin: Palomas. Escritos de mujeres de pueblos originarios internas en Michapa<\/em> wurden von den Autorinnen selbst ausgew\u00e4hlt und lektoriert. Au\u00dferdem stellten sie die Buchumschl\u00e4ge in Handarbeit her, erlernten Buchbindungstechniken und waren bei jedem Schritt mit ganzem Herzen dabei. Da viele der 18 Teilnehmenden ihre Muttersprache sprechen (haupts\u00e4chlich Nahuatl, Chatino, Maya und Zapotekisch), aber nicht schreiben konnten, wurden die meisten Texte auf Spanisch geschrieben. Einige erkl\u00e4rten, ihre Sprachen nicht zu sprechen, weil Rassismus und Diskriminierung sie dazu gezwungen hatten, diese zu vergessen. In ihrem Text <em>\u201eAufgewachsen bin ich\u201c,<\/em> erz\u00e4hlt Luc\u00eda Ram\u00edrez, Nahua aus Tatahuicapan de Ju\u00e1rez, von den Schwierigkeiten und Entbehrungen ihrer Kindheit:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Nej ni guella ken inon pelotzit cuak illek qui mel cajtek <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u00a0noselti<\/em>,<em> nictemo ken nia ni isatotik<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u00a0Ne niteki pano nochipa aun quej poins ni ciahuia pues alla ni llole catca<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u00a0<\/em>Aufgewachsen bin ich wie die H\u00fcndchen, die von ihrer Mama verlassen wurden,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">allein habe ich versucht zu \u00fcberleben.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Ich arbeitete und war immer so m\u00fcde, denn ich war ja noch klein.<\/p>\n<p>In den letzten Sitzungen reflektierten die Frauen ihren Transformationsprozess w\u00e4hrend der Workshop-Reihe und seine Wirkung. \u201eMama Lety\u201c, Leticia P\u00e9rez, Nahua aus Puebla, dr\u00fcckte es so aus: \u201eIch sehe das Buch als etwas, das wir alle zusammen zur Welt gebracht haben, gemeinsam, woran wir \u00fcber Monate gearbeitet haben, und jetzt wird es erscheinen. Es wird ver\u00f6ffentlicht<em>, compa\u00f1eras!<\/em> Es vergegenw\u00e4rtigt unsere Geschichten, aber auch das, was wir erlitten haben. Ich wei\u00df nicht, wie ihr das seht, f\u00fcr mich haben wir das alle gemeinsam auf die Welt gebracht.\u201c Die Metapher des gemeinsamen zur-Welt-Bringens zeigt, wie das Schreiben den Sinn f\u00fcr Gemeinschaftlichkeit und emotionale Verbindungen st\u00e4rkt. Indem sie sich als Autorinnen\/Geb\u00e4rende anerkennen, die ihre Geschichten und ihren Schmerz offen machen und mit neuen Bedeutungen versehen, im Kollektiv verfasst und materialisiert in Form eines Buch-Objekts, konstruieren sie Erinnerungen, in ihren eigenen Worten erz\u00e4hlt und voller poetischer, politischer und emotionaler Kraft.<\/p>\n<p>Im Gef\u00e4ngnis, einem feindlichen Raum, entworfen, um zu kontrollieren, erscheint das Schreiben als symbolischer Uterus, der Widerstand und Gemeinschaft erzeugt und zur Welt bringt. Schreiben erm\u00f6glicht das Denken von Subjektivit\u00e4ten, die nicht durch die Straflogik des Staats definiert werden, sondern durch die F\u00e4higkeit, etwas zu erschaffen, zu erz\u00e4hlen, zu widerstehen und sich zu best\u00e4rken als Subjekte mit Geschichte, Ged\u00e4chtnis und Handlungsmacht. Dadurch teilen die Autorinnen von <em>Totoltin<\/em> kollektive Erinnerungen und bilden die Rahmenbedingungen von Gewalt, Exklusion, Unterdr\u00fcckung und Beraubung, mit denen sich indigene Frauen im Mexiko des 21. Jahrhunderts konfrontiert sehen.<\/p>\n<h2><strong>Abschlie\u00dfende Betrachtungen<\/strong><\/h2>\n<p>Gef\u00e4ngnisse sind auf dem gesamten amerikanischen Kontinent immer noch Dispositive des Strafens, der Kontrolle und des Landraubs an indigenen V\u00f6lkern. In diesem Sinne kann <em>Totoltin: Palomas. Escritos de mujeres de pueblos originarios internas en Michapa<\/em> als Teil der Archive des Widerstands der <em>Pueblos Originarios,<\/em> der V\u00f6lker der Erstbewohnenden des Kontinents, betrachtet werden, besonders der indigenen Frauen. Die Kontinuit\u00e4t des kolonialen Projekts in den Amerikas ist mit verschiedenen literarischen Strategien angeklagt worden, die von politischen Manifesten bis zu Liedern, erz\u00e4hlenden Essays und Dichtung reichen. Das Schweigen der Komplizenschaft ist gebrochen, und nichts kann diese Stimmen mehr zum Verstummen bringen. Zu diesen Anklagen\u00a0geh\u00f6ren auch Zeugnisse verschiedener Formen des Widerstands, die die Frauen entwickelt haben, um Leben zu sch\u00fctzen und Gemeinschaft aufzubauen. Dies sogar unter Rahmenbedingungen, unter denen die kolonialen Staaten sie gewaltsam isolieren, mit Hilfe von Gesetzen, die Verschleppungen, Vertreibungen und Landraub rechtfertigen. Wir hoffen, dass mit diesem Text ihr Aufruf Anklang findet, die Mauern dieser kolonialen Enklaven niederzurei\u00dfen, die sich als Resozialisierungszentren ausgeben. So beschreibt es Yanetzin Marcelo im titelgebenden Gedicht des Buchs, das dazu aufruft, Widerstand im Kollektiv aufrechtzuerhalten:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Totometzini<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u00a0Xmotlahpialikan<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u00a0Xmonapalokan<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u00a0Nehuame maka xmikan<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u00a0Xkelnamikan nimochikawalis<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u00a0Xpatlanikan, xmititikan, xmotlasohtlakan<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u00a0Nochipa xnemika<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Geliebte Tauben<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Baut euer Nest und putzt euch heraus<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Besch\u00fctzt euch allein und im Schwarm<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Seid St\u00e4rke, Wille, Mut und Leben<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Widersteht dem Sterben zwischen diesen Zellen<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Schreibt, liebt, singt und tanzt<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Und haltet euch immer in der Luft<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">(Yanetzin Marcelo, Gedicht <em>Palomares\u2013Totohmetsinti<\/em> [Taubenschl\u00e4ge])<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"https:\/\/debatesindigenas.org\/author\/r-aida-hernandez-castillo\/\">A\u00edda Hern\u00e1ndez-Castillo<\/a> ist Mexikanerin, Doktorin in Anthropologie (Universit\u00e4t Stanford) und hat eine Forschungsprofessur am <em>Centro de Investigaciones y Estudios Superiores en Anthropolog\u00eda Social (CIESAS)<\/em> in Mexiko-Stadt inne. Au\u00dferdem ist sie Gr\u00fcndungsmitglied der <em>Red Feminista Anticarcelaria de Am\u00e9rica Latina<\/em> (Feministisches Netzwerk gegen Gef\u00e4ngnisse in Lateinamerika).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/debatesindigenas.org\/author\/marcia-daniela-trejo-bizarro\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Marcia Daniela Trejo Bizarro<\/a> kommt aus dem Indigenen Volk der Ocotepec und ist Sozialanthropologin, ausgebildet am<em> Centro de Investigaci\u00f3n en Ciencias Sociales y Estudios Regionales (CICSER) <\/em>der <em>Universidad Aut\u00f3noma del Estado de Morelos<\/em>. Seit 2020 ist sie Teil des Kollektivs <em>Colectiva Editorial Hermanas en la Sombra,<\/em> das sie zurzeit koordiniert.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>\u00dcbersetzung: Constanze Schw\u00e4rzer<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mexiko-Stadt, 2. 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