{"id":2685117,"date":"2026-03-17T14:23:06","date_gmt":"2026-03-17T14:23:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=2685117"},"modified":"2026-03-17T14:26:12","modified_gmt":"2026-03-17T14:26:12","slug":"15-jahre-fukushima-rueckkehr-in-eine-veraenderte-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2026\/03\/15-jahre-fukushima-rueckkehr-in-eine-veraenderte-welt\/","title":{"rendered":"15 Jahre Fukushima: R\u00fcckkehr in eine ver\u00e4nderte Welt"},"content":{"rendered":"<p>Unser Autor hat die Pr\u00e4fektur Fukushima seit der Nuklearkatastrophe im Jahr 2011 immer wieder besucht. Vieles hat sich ver\u00e4ndert, doch manche Probleme bleiben.<\/p>\n<p>Von Fritz Schumann f\u00fcr die <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/open-source\/15-jahre-nach-fukushima-der-groesste-anzunehmende-unfall-und-seine-folgen-li.10022265?utm_source=newsletter&amp;utm_medium=email&amp;utm_term=2026-03-14&amp;utm_campaign=BLZ+Open+Source+12+03+\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Berliner Zeitung<\/a><\/p>\n<p>Am 11. M\u00e4rz 2011 um 14:46 Uhr Ortszeit bebte die Erde vor der K\u00fcste von <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/topics\/fukushima\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Fukushima<\/a>: 9,1 auf der Momenten-Magnituden-Skala. Diese Skala endet bei 10,6 \u2013 bei dieser St\u00e4rke bricht die Erdkruste auseinander. Das Beben l\u00f6st einen <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/topics\/tsunami\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Tsunami<\/a> aus, der sogar die amerikanische Westk\u00fcste erreichte und dort f\u00fcr Sch\u00e4den in Millionenh\u00f6he sorgte. In <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/topics\/japan\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Japan<\/a> wurden mehr als 120.000 Geb\u00e4ude komplett zerst\u00f6rt, fast 20.000 Menschen verloren in Verbindung mit der Katastrophe ihr Leben. Und dann war da noch das Ungl\u00fcck im Atomkraftwerk.<\/p>\n<p>Zwei Wochen nach dem Erdbeben wandte sich Sakurai Katsunobu in einer Videobotschaft an die Welt. Der damals 55-J\u00e4hrige wirkte ersch\u00f6pft, erst seit zwei Monaten war er der neue B\u00fcrgermeister von Minamisoma. N\u00fcchtern z\u00e4hlte er auf, wie viele Menschen verstorben waren und wie viele noch als vermisst galten. Seine Stadt lag am Rand des evakuierten 20-Kilometer-Radius rund um das havarierte Kernkraftwerk Fukushima Daiichi. 50.000 Menschen waren bereits gefl\u00fcchtet, ein Teil der Stadt sollte nicht mehr betreten werden. \u201eWir sind isoliert und auf uns alleine gestellt\u201c, sagte Sakurai. \u201eBitte helft uns.\u201c Innerhalb kurzer Zeit wurde das Video auf <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/channel\/UCOK_An4e3Um5pkziO3e1Qyw\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">YouTube<\/a> damals mehr als 200.000 Mal gesehen.<\/p>\n<p><strong>Ein Zufall verhinderte Schlimmeres<\/strong><\/p>\n<p>Tepco, der Betreiber des Kernkraftwerkes, und die japanische Regierung waren zur gleichen Zeit \u00e4hnlich \u00fcberfordert wie Sakurai. Die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) und eine investigative Recherche der Zeitung Asahi Shimbun haben sp\u00e4ter den Ablauf der Katastrophe detailliert rekonstruieren k\u00f6nnen: Das Kraftwerk \u00fcberstand das Erdbeben, doch der 15 Meter hohe Tsunami, der ungef\u00e4hr 50 Minuten nach dem Beben auf das Kraftwerk knallte, sorgte f\u00fcr den gr\u00f6\u00dften anzunehmenden Unfall.<\/p>\n<p>In den Reaktoren 1 und 3 kam es zu Kernschmelzen, ihre H\u00fcllen wurden von Wasserstoffexplosionen zerst\u00f6rt. Die Reaktorkerne \u00fcberlebten die Explosionen und lagen anschlie\u00dfend zum Teil unter freiem Himmel. Ein Zufall verhinderte Schlimmeres in Reaktor 4.<\/p>\n<p>Der damalige Premierminister Kan Naoto bezeichnete das in seiner Biografie sp\u00e4ter als \u201eg\u00f6ttlichen Beistand\u201c. W\u00e4re es schlimmer gekommen, h\u00e4tte Tokio evakuiert werden m\u00fcssen. Eine monumentale Aufgabe und laut Kan Naoto \u201edas Ende der japanischen Nation\u201c.<\/p>\n<p>Obwohl Fukushima weniger gravierend war und niemand direkt wegen der Strahlung sterben musste, weckte die Katastrophe in Deutschland bei vielen die Erinnerungen an Tschernobyl. Folglich gingen die Menschen vielerorts auf die Stra\u00dfe und protestierten gegen Atomkraft. Drei Monate nach der Katastrophe in Fukushima wurde von der deutschen Regierung entschieden, sich von der Atomkraft zu verabschieden. Auch in Japan pr\u00fcfte man anschlie\u00dfend alle Kraftwerke.<\/p>\n<p>Der Aufruf von Sakurai damals hatte Erfolg. Schnell kamen zahlreiche Freiwillige nach Minamisoma. Ein halbes Jahr nach der Katastrophe begleitete ich eine Gruppe von ihnen. Mit zwei gemieteten Kleinlastern brachten wir unbelastete Lebensmittel wie Zwiebeln, Kartoffeln oder Karotten zu den Menschen in den tempor\u00e4ren Unterk\u00fcnften.<\/p>\n<p>Ein Geigerz\u00e4hler in der Fahrerkabine gab uns stets aktuelle Messwerte f\u00fcr die Strahlenbelastung. Die Zahlen sagten jedoch wenig aus. Entscheidend war, wie lange man der Strahlenbelastung ausgesetzt war und ob man radioaktive Spuren im eigenen K\u00f6rper trug. Daher war es wichtig, die Menschen mit Lebensmitteln zu versorgen, die au\u00dferhalb der Region gewachsen waren.<\/p>\n<p><strong>Reis, den niemand mehr ernten wollte<\/strong><\/p>\n<p>Bei unserer Ankunft in den Notunterk\u00fcnften warteten bereits Dutzende Menschen auf uns. Sie waren in Baracken aus Aluminium untergebracht, deren einzelnen Einheiten \u00e4hnlich wie japanische Wohnh\u00e4user mit Schiebet\u00fcren und Eingangsbereichen aufgebaut waren. Es waren haupts\u00e4chlich Senioren, die hier lebten. Sie waren dankbar f\u00fcr unseren Einsatz. Vor der Anlage wuchs Reis auf einem Feld, den nun niemand mehr ernten wollte.<\/p>\n<p>Nach der Verteilungsaktion fuhren wir an der K\u00fcste entlang, wo die Spuren des Tsunamis noch deutlich zu sehen waren. Leergefegt und plattgewalzt erstreckte sich die Landschaft kilometerweit von der Stra\u00dfe bis zum Meer. Vereinzelt standen B\u00e4ume, Betonpfeiler und was von H\u00e4usern \u00fcbrig war. Alles andere wurde landeinw\u00e4rts gesp\u00fclt. Boote lagen auf den Feldern und neben der Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>F\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter, im Fr\u00fchjahr 2016, reiste ich erneut in das Katastrophengebiet, im Rahmen einer Pressereise einer deutschen Hilfsorganisation. Die Spuren des Tsunamis waren inzwischen weniger sichtbar, aber immer noch da. 55.000 Menschen lebten noch in den Notunterk\u00fcnften, die eigentlich nur f\u00fcr zwei bis drei Jahre vorgesehen waren. Wer hier wohnte, dessen Haus stand entweder im Bannkreis um das Kraftwerk oder es wurde nach dem Tsunami noch nicht wieder aufgebaut.<\/p>\n<p>Die Menschen hatten es sich in den Baracken inzwischen gem\u00fctlich gemacht. Ich sah bunte Windspiele an den Fenstern und Gartenzwerge vor den Eing\u00e4ngen. Solarbetriebene Geigerz\u00e4hler zeigten die aktuelle Strahlenbelastung in der Luft an. Laut einer Studie der Fukushima Medical University litten 14,6 Prozent der Evakuierten an psychischen Problemen. Die japanische Regierung ging von mehr als 2000 indirekten Todesopfern der Katastrophe aus \u2013 Menschen, die sich zu Tode getrunken hatten oder wegen des Stresses an einem Herzinfarkt gestorben waren.<\/p>\n<p><strong>Der Imageschaden war nur von kurzer Dauer<\/strong><\/p>\n<p>Ich traf Amano Yoshiku, die damals seit drei Jahren eines dieser tempor\u00e4ren Lager leitete. Ihr Sohn lebte hier zusammen mit ihr und arbeitete weiterhin f\u00fcr Tepco, auch aus einem Gef\u00fchl der Verantwortung. Ihr mehr als hundert Jahre altes Familienhaus lag im Sperrgebiet. Dekontaminierungsarbeiter hatten zwar die oberste Erdschicht abgetragen, aber noch konnte sie nicht wieder zur\u00fcck. Sie wollte es auch nicht. Einmal besuchte sie das Haus und eine Patrouille kontrollierte sie. \u201eEs war wie in einem Kriegsgebiet\u201c, sagte sie. Als sie davon erz\u00e4hlte, fing Amano an zu weinen. \u00dcberall sah sie in ihrem Haus Spuren von Kakerlaken und M\u00e4usen, vor dem Haus hatten sich Wildschweine ausgetobt. \u201eDas ist nicht mehr mein Zuhause\u201c, sagte sie.<\/p>\n<p>Die Landschaft im Sperrgebiet war kahl und die Erde aufgew\u00fchlt, wie eine riesige Wunde. Radioaktive Erde wurde in schwarzen S\u00e4cken gesammelt und in Lagern gestapelt. Keine Pr\u00e4fektur wollte sie \u00fcbernehmen, sodass sie hier liegenbleiben mussten. An der K\u00fcste war die Stra\u00dfe f\u00fcr Autos gesperrt, im Asphalt klaffte ein riesiges Loch, durch das man das Meer in f\u00fcnf Meter Tiefe sehen konnte. Der Tsunami hatte die Stra\u00dfe in den Abgrund gerissen, die Leitplanke hing dar\u00fcber in der Luft.<\/p>\n<p>Drei Jahre sp\u00e4ter war ich erneut im Katastrophengebiet. Die Familie eines Freundes wohnte eine Autostunde entfernt und lud mich zum Neujahrsfest ein. Anschlie\u00dfend fuhren wir so nah an das Kraftwerk, wie es ging.<\/p>\n<p>Der Imageschaden, den die Katastrophe f\u00fcr Japan mit sich gebracht hatte, schien sich verfl\u00fcchtigt zu haben. Der Tourismus im Land boomte, ein neuer Rekord mit 25 Millionen Besuchern aus dem Ausland. Selbst die Pr\u00e4fektur Fukushima hatte die Anzahl der internationalen G\u00e4ste fast verdoppelt. Der Bannkreis um das Kraftwerk war offiziell verkleinert worden und die Patrouillen reduziert.<\/p>\n<p>Vereinzelt sah man noch die Ruinen, welche die Katastrophe hinterlassen hatte. Die schwarzen S\u00e4cke mit der radioaktiven Erde standen immer noch in der Landschaft und warteten auf ein Endlager, das es nicht gab. In der N\u00e4he vom Kernkraftwerk hatte man sie ins Meer abgestellt, als Wellenbrecher. Vereinzelt waren sie bereits aufgeplatzt, und ihr Inhalt verteilte sich im Wasser.<\/p>\n<p><strong>Vorreiter bei regenerativen Energien<\/strong><\/p>\n<p>Heute, 15 Jahre nach der Katastrophe, informiert die Beh\u00f6rde f\u00fcr Wiederaufbau \u00fcber den aktuellen Stand: 100 Prozent der Stra\u00dfen seien rekonstruiert und alle, die in Notunterk\u00fcnften untergekommen waren, seien nun in dauerhaften Wohnsituationen. Der R\u00fcckbau vom havarierten Kernkraftwerk und S\u00e4uberungsma\u00dfnahmen werden voraussichtlich noch bis 2051 andauern.<\/p>\n<p>Im Kraftwerk befinden sich mehr als 54.000 Tonnen K\u00fchlwasser, die seit August 2023 nach einer Filterung ins Meer abgeleitet werden. Das radioaktive Isotop Tritium l\u00e4sst sich jedoch nicht entfernen und man hofft darauf, dass es sich im Meerwasser verd\u00fcnnt. Bei regelm\u00e4\u00dfigen Kontrollen habe man keine gef\u00e4hrliche Belastung erkennen k\u00f6nnen. Die Werte sollen unter den Grenzen liegen, die von der WHO gesetzt worden sind. Dennoch ist das radioaktive Wasser unter anderem der Grund, warum L\u00e4nder wie China die Einfuhr von Fischen und Lebensmitteln aus Fukushima und benachbarten Regionen beschr\u00e4nken oder verbieten.<\/p>\n<p>Abgetragene Erde aus Fukushima liegt heute in einem Beet vor der Residenz der Premierministerin Takaichi in Tokio. Ihr Wunsch ist es, die Atomkraft wieder hochzufahren. Derzeit ist nur ein Drittel der 36 Kernkraftwerke in Japan im Betrieb. Das erste Mal seit der Katastrophe bef\u00fcrwortet eine knappe Mehrheit der Bev\u00f6lkerung den Erhalt und den Ausbau von Kernkraftwerken.<\/p>\n<p>Fukushima hat heute ein anderes Ziel: Die Pr\u00e4fektur ist heute Vorreiter bei regenerativen Energien und deckt bereits jetzt 50 Prozent ihres Strombedarfes durch Solarenergie. Bis 2040 sollen es sogar 100 Prozent werden.<\/p>\n<p>B\u00fcrgermeister Sakurai, der die Welt damals in seine Stadt eingeladen hatte, wurde drei Wochen nach meinem letzten Besuch aus dem Amt gew\u00e4hlt. Man kritisierte ihn f\u00fcr mangelnde Kooperationsbereitschaft mit der Zentralregierung beim Wiederaufbau. Als letzte Amtshandlung verankerte er den Ausbau regenerativer Energie f\u00fcr Minamisoma.<\/p>\n<p>Bereits vier Jahre sp\u00e4ter deckte die Stadt fast ihren gesamten Energiebedarf ausschlie\u00dflich durch Solarstrom. Die Strahlenbelastung in der Luft wird weiterhin regelm\u00e4\u00dfig \u00fcberwacht. Nach den unmittelbar nach der Katastrophe besorgniserregenden Werten liegt die Hintergrundstrahlung in Minamisoma heute sogar unter dem Niveau Berlins. Nach 15 Jahren scheint in Fukushima wieder die Sonne zu strahlen.<\/p>\n<p><em>Das ist ein Beitrag, der im Rahmen der Open-Source-Initiative der <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/open-source\/15-jahre-nach-fukushima-der-groesste-anzunehmende-unfall-und-seine-folgen-li.10022265?utm_source=newsletter&amp;utm_medium=email&amp;utm_term=2026-03-14&amp;utm_campaign=BLZ+Open+Source+12+03+\">Berliner Zeitung<\/a> ver\u00f6ffentlicht wurde. Dieser Beitrag unterliegt der Creative Commons Lizenz (CC BY-NC-ND 4.0). Er darf f\u00fcr nicht kommerzielle Zwecke unter Nennung des Autors und der Berliner Zeitung und unter Ausschluss jeglicher Bearbeitung von der Allgemeinheit frei weiterverwendet werden.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p><em>Fritz Schumann recherchiert seit 2009 in Japan f\u00fcr deutsche und internationale Medien. Er hat bislang vier Sachb\u00fccher ver\u00f6ffentlicht, u.a. zu Fukushima. Sein letztes Buch \u201eJapan, wer bist du?\u201c enth\u00e4lt eine Sammlung von Reportagen aus 15 Jahren Arbeit.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unser Autor hat die Pr\u00e4fektur Fukushima seit der Nuklearkatastrophe im Jahr 2011 immer wieder besucht. Vieles hat sich ver\u00e4ndert, doch manche Probleme bleiben. Von Fritz Schumann f\u00fcr die Berliner Zeitung Am 11. 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