{"id":2685105,"date":"2026-03-17T13:29:40","date_gmt":"2026-03-17T13:29:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=2685105"},"modified":"2026-03-17T13:29:40","modified_gmt":"2026-03-17T13:29:40","slug":"abschiebung-in-den-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2026\/03\/abschiebung-in-den-krieg\/","title":{"rendered":"Abschiebung in den Krieg"},"content":{"rendered":"<p><strong>Deutschland intensiviert die Abschiebungen nach Afghanistan trotz der Menschenrechtslage und trotz eines neuen Krieges zwischen Afghanistan und Pakistan. Eine Ursache des Krieges sind Grenzkonflikte, die auf die Kolonialzeit zur\u00fcckgehen.<\/strong><\/p>\n<p>Die Bundesrepublik schiebt Afghanen nicht nur ungeachtet der desolaten Menschenrechtslage am Hindukusch, sondern auch trotz immer wieder aufflackernder Kriegshandlungen zwischen Afghanistan und Pakistan nach Kabul ab. Ende Februar f\u00fchrte sie ihren bereits dritten Abschiebeflug durch; er f\u00fchrte direkt in die afghanische Hauptstadt und war das Ergebnis monatelanger Verhandlungen zwischen den deutschen Beh\u00f6rden und den Taliban. Der Verhandlungsprozess begann mit der Akkreditierung von zwei Taliban-Beamten beim afghanischen Generalkonsulat in Bonn im Oktober vergangenen Jahres. Unmittelbar darauf folgte der Besuch zweier deutscher Beamter in Kabul. Gleichzeitig treibt die Bundesregierung ihren Plan voran, die Aufnahme einstiger afghanischer \u201eOrtskr\u00e4fte\u201c vor allem der Bundeswehr \u201esoweit wie m\u00f6glich\u201c zu beenden. Die j\u00fcngste Abschiebung fand genau an dem Tag statt, an dem der Konflikt zwischen Afghanistan und Pakistan zum Krieg eskalierte; die pakistanische Luftwaffe griff unter anderem Kabul an. Pakistan wirft Afghanistan vor, Terrorgruppen gegen es einzusetzen, und behauptet, Indien nutze die afghanischen Taliban als Stellvertreter in seinem Konflikt mit Islamabad.<\/p>\n<p><strong>Die dritte Abschieberunde<\/strong><\/p>\n<p>Am 26. Februar hatte die Bundesrepublik 20 wegen Straftaten verurteilte afghanische Staatsb\u00fcrger nach Afghanistan abgeschoben.[1] Es war bereits die dritte derartige Operation, nachdem Berlin die Abschiebungen in das Land nach der Macht\u00fcbernahme durch die Taliban im Jahr 2021 zun\u00e4chst ausgesetzt hatte. Der Charterflug mit 20 afghanischen M\u00e4nnern f\u00fchrte Berichten zufolge vom Flughafen Leipzig\/Halle direkt nach Kabul. In einer am selben Tag ver\u00f6ffentlichten Erkl\u00e4rung betonte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt, \u201edie Abschiebung von Straft\u00e4tern\u201c sei \u201eein zentraler Baustein \u2026 in der Migrationspolitik\u201c der Bundesregierung. Eine dazu geschlossene \u201eVereinbarung\u201c mit den Taliban schaffe \u201eeine verl\u00e4ssliche Grundlage f\u00fcr direkte und dauerhafte Abschiebungen nach Afghanistan\u201c.[2] Wie das Innenministerium mitteilte, handelte es sich bei der Ma\u00dfnahme vom 26. Februar um den \u201eerste[n] Charterflug auf der Grundlage dieser Vereinbarung zu regelm\u00e4\u00dfigen R\u00fcckf\u00fchrungen\u201c an den Hindukusch. Die Abschiebung war die erste, die ohne Vermittlung eines Drittlandes wie Qatar von Berlin und den Beh\u00f6rden in Kabul organisiert wurde.<\/p>\n<p><strong>Neue Priorit\u00e4ten<\/strong><\/p>\n<p>Die zunehmenden Abschiebungen erfolgen zu einer Zeit, zu der die Bundesregierung die Aufnahmezusagen f\u00fcr diejenigen Afghanen widerruft, die vor der Macht\u00fcbernahme der Taliban in Afghanistan als Ortskr\u00e4fte f\u00fcr deutsche Stellen gearbeitet hatten, insbesondere f\u00fcr die Bundeswehr, und die deshalb als besonders gef\u00e4hrdet gelten.[3] Die Zusagen waren im Oktober 2022 mit dem \u201eBundesaufnahmeprogramm f\u00fcr Afghanistan\u201d formalisiert worden. Ziel des Programms war es, einen geordneten Ablauf des zun\u00e4chst spontanen Prozesses zu gew\u00e4hrleisten; bis August 2023 kamen mehr als 30.000 Afghanen nach Deutschland. Die heutige Gro\u00dfe Koalition strebt jedoch an, das Bundesprogramm \u201esoweit wie m\u00f6glich\u201c zu beenden, und hat seitdem fast die H\u00e4lfte der Zusagen an mehr als 2.300 Afghanen, die derzeit in Pakistan festsitzen, widerrufen.[4] Das Bundesinnenministerium rechtfertigt dies mit der Begr\u00fcndung, die Zusagen seien unverbindliche \u201eAbsichtserkl\u00e4rungen\u201d und unterl\u00e4gen einer Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung.[5] Zudem hei\u00dft es, es bestehe kein politisches Interesse mehr an der Aufnahme der ehemaligen lokalen Mitarbeiter. Allerdings klagen mittlerweile mehr als 500 Afghanen auf die Erf\u00fcllung der Zusagen \u2013 bislang in den meisten F\u00e4llen mit Erfolg.<\/p>\n<p><strong>Auf dem Weg zur Normalisierung<\/strong><\/p>\n<p>Die Abschiebung afghanischer Staatsb\u00fcrger ohne Vermittlung durch Drittl\u00e4nder ist das Ergebnis monatelanger direkter Verhandlungen zwischen den deutschen Beh\u00f6rden und den Taliban. Bereits im Oktober vergangenen Jahres wurden wichtige Schritte in diese Richtung unternommen, als Deutschland zwei Taliban-Vertreter am afghanischen Generalkonsulat in Bonn akkreditierte.[6] Laut Regierungssprecher Stefan Kornelius sollen sie bei der Koordinierung der Abschiebefl\u00fcge helfen. Aus Protest gegen ihre Akkreditierung traten alle vorherigen Mitarbeiter des Konsulats zur\u00fcck und wiesen darauf hin, der Schritt bringe eine \u201eernsthafte Bedrohung\u201d f\u00fcr die Sicherheit der in Deutschland lebenden Afghanen mit sich \u2013 denn er verschaffe den Taliban Zugang zu sensiblen Dokumenten und Informationen \u00fcber sie. Kurz nach der Akkreditierungsentscheidung flogen zwei Beamte der Bundespolizei-Abteilung des Bundesinnenministeriums nach Kabul, um praktische Absprachen f\u00fcr k\u00fcnftige Abschiebungen voranzutreiben. Die deutsche Delegation traf sich dabei mit Vertretern des afghanischen Innen- und Au\u00dfenministeriums sowie der Flughafenbeh\u00f6rden in Kabul, um die technischen und die administrativen Aspekte der Abschiebungen zu besprechen.[7]<\/p>\n<p><strong>Krieg am Hindukusch<\/strong><\/p>\n<p>Der j\u00fcngste Abschiebeflug wurde genau an dem Tag durchgef\u00fchrt, an dem Pakistan Afghanistan den \u201eoffenen Krieg\u201c erkl\u00e4rte. Dies markiert den zweiten Konflikt zwischen den beiden ehemaligen Verb\u00fcndeten innerhalb der vergangenen f\u00fcnf Monate.[8] Die j\u00fcngste Eskalationsrunde begann, nachdem Pakistan am 21. Februar Angriffe auf afghanisches Territorium durchgef\u00fchrt hatte, die sich \u2013 so hie\u00df es \u2013 gegen \u201eLager und Verstecke von Terroristen\u201c richteten. Ziel war die militante Gruppe Tehrik-e-Taliban Pakistan (TTP), ein Ableger der afghanischen Taliban, der im Jahr 2007 w\u00e4hrend des sogenannten Anti-Terror-Kriegs der Vereinigten Staaten gegr\u00fcndet wurde. Die pakistanische Regierung rechtfertigte die Angriffe mit Verweis auf die j\u00fcngsten Anschl\u00e4ge im Land, von denen sie erkl\u00e4rt, sie seien von afghanischem Territorium aus ver\u00fcbt worden. In Reaktion darauf griff Afghanistan in der Nacht zum 26. Februar pakistanische Milit\u00e4rkontrollpunkte entlang der Grenze an. Pakistan antwortete mit der Operation Ghasab Lil-Hak (Gerechter Zorn) und f\u00fchrte Luftangriffe gegen bedeutende St\u00e4dte wie Kabul und Kandahar sowie gegen den Luftwaffenst\u00fctzpunkt Bagram durch. \u201eUnsere Geduld ist am Ende\u201c, erkl\u00e4rte Pakistans Verteidigungsminister Khawaja Asif, \u201ejetzt herrscht offener Krieg zwischen uns.\u201c Die K\u00e4mpfe setzten sich Ende vergangener Woche fort.<\/p>\n<p><strong>Alter Grenzkonflikt<\/strong><\/p>\n<p>Nach Angaben aus Islamabad wurden bereits bis zum 1. M\u00e4rz 415 Taliban-K\u00e4mpfer get\u00f6tet und \u00fcber 580 verletzt. Kabul wiederum behauptet, 110 pakistanische Soldaten seien get\u00f6tet und 27 pakistanische Milit\u00e4rposten eingenommen worden. Beide Seiten erlitten schon beim vorigen milit\u00e4risch ausgetragenen Konflikt schwere Verluste; dieser hatte begonnen, als Pakistan im Oktober mehrere Luftangriffe auf Ziele in Afghanistan durchf\u00fchrte, die ebenfalls vor allem den TPP galten. In Islamabad hei\u00dft es, Afghanistan nutze die Organisation als Stellvertreter im Konflikt um die sogenannte Durand-Linie, die die Grenze zwischen den beiden L\u00e4ndern bildet. Kabul betrachtet sie als Ergebnis eines 1893 unter Zwang unterzeichneten Abkommens zwischen dem damaligen Herrscher Afghanistans, Abdur Rahman Khan, und den britischen Kolonialherren in Indien. Es erkennt sie daher nicht an. Laut afghanischer Auffassung verl\u00e4uft die \u201etats\u00e4chliche\u201c Grenze viel weiter \u00f6stlich, beinahe am Fluss Indus, der mitten durch Pakistan flie\u00dft.<\/p>\n<p><strong>Konflikt mit Indien<\/strong><\/p>\n<p>Gleichzeitig wirft Islamabad den afghanischen Taliban vor, als Stellvertreter Indiens gegen Pakistan zu agieren. W\u00e4hrend des j\u00fcngsten Konflikts beschuldigte der pakistanische Verteidigungsminister Kawaja Asif New Delhi, \u201eeinen Krieg geringer Intensit\u00e4t gegen Pakistan zu f\u00fchren. Um dies zu erreichen, nutzen sie Kabul.\u201c Ein Sprecher des indischen Au\u00dfenministeriums wies dies als \u201eweiteren Versuch Pakistans\u201c zur\u00fcck, \u201eseine internen Probleme nach au\u00dfen zu verlagern\u201c.[9] Beobachter bemerken, dass die Eskalation des Konflikts zwischen Pakistan und Afghanistan im Oktober 2025 mit einem Besuch des afghanischen Au\u00dfenministers Amir Khan Muttaqi in Indien zusammenfiel, wo er sich mit dem indischen Au\u00dfenminister Subrahmanyam Jaishankar traf.[10] Obwohl Indien davon Abstand nahm, die Autorit\u00e4t der Taliban in Afghanistan offiziell anzuerkennen, k\u00fcndigte es w\u00e4hrend des Besuchs von Muttaqi an, es werde seine seit Juni 2022 in Kabul t\u00e4tige technische Mission zu einer Botschaft aufwerten. Einen Monat sp\u00e4ter ersch\u00fctterte ein Suizidanschlag Islamabad; mindestens zw\u00f6lf Menschen kamen zu Tode.[11] Verteidigungsminister Asif bezeichnete den Anschlag damals als \u201eeines der schlimmsten Beispiele f\u00fcr staatlich gef\u00f6rderten Terrorismus durch indische Beh\u00f6rden in der Region\u201c und erkl\u00e4rte Pakistans Bereitschaft, milit\u00e4rische Operationen an zwei Fronten zugleich durchzuf\u00fchren \u2013 sowohl gegen Afghanistan als auch gegen Indien.<\/p>\n<p>Dies ist die Situation, in die hinein die Bundesrepublik zuletzt Afghanen abgeschoben hat und auch weiterhin abschieben will.<\/p>\n<p>[1] Santos, Ana P.: Germany deports 20 Afghan nationals convicted of crimes back to Afghanistan. infomigrants.net 27.02.2026.<\/p>\n<p>[2] Pressemitteilung: 20 Straft\u00e4ter nach Kabul ausgeflogen. Bundesministerium des Innern. bmi.bund.de 26.02.2026.<\/p>\n<p>[3] Mellersh, Natasha: Germany stands firm on revoked Afghan promises amid lawsuits and taliban crackdowns. infomigrants.net 03.03.2026.<\/p>\n<p>[4] S. dazu\u00a0<a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/10148\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Deutschlands Abschiebepartnerschaft mit den Taliban<\/a>.<\/p>\n<p>[5] Thomas Ludwig: Afghanen-Aufnahme: Schwarz-Rot widerruft fast jede zweite Zusage aus der Ampel-Zeit. noz.de 20.01.2026.<\/p>\n<p>[6] S. dazu\u00a0<a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/10148\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Deutschlands Abschiebepartnerschaft mit den Taliban<\/a>.<\/p>\n<p>[7] Berlin confirms talks with Taliban on Afghan deportations. afint.com 07.10.2025.<\/p>\n<p>[8], [9] Malik, Satyajeet: Vom Schwelbrand zum Luftkrieg. junge Welt 07.03.2026.<\/p>\n<p>[10] Raykhona Abdullayeva, Aziza Mukhammedova: What\u2018s behind India\u2019s Political Rapprochement with the Taliban? thediplomat.com 19.11.2025.<\/p>\n<p>[11] Asif Shahzad, Saeed Shah: Suicide bombing in Pakistan capital kills 12, raises regional tension. reuters.com 11.11.2025.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutschland intensiviert die Abschiebungen nach Afghanistan trotz der Menschenrechtslage und trotz eines neuen Krieges zwischen Afghanistan und Pakistan. 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