{"id":2681494,"date":"2026-03-05T15:41:26","date_gmt":"2026-03-05T15:41:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=2681494"},"modified":"2026-03-05T15:41:26","modified_gmt":"2026-03-05T15:41:26","slug":"fuer-eine-neutrale-ukraine-raketen-weg-von-grossmachtsgrenzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2026\/03\/fuer-eine-neutrale-ukraine-raketen-weg-von-grossmachtsgrenzen\/","title":{"rendered":"F\u00fcr eine neutrale Ukraine \u2013 Raketen weg von Grossmachtsgrenzen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Offener Brief von Professor Jeffrey Sachs an Bundeskanzler Friedrich Merz: \u00abOhne Ehrlichkeit gibt es kein Vertrauen.\u00bb<\/strong><\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.jeffsachs.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Jeffrey Sachs<\/a>, Professor an der Columbia University in New York, besch\u00e4ftigt sich mit Geopolitik und dem Krieg in der Ukraine. Sein Brief vom Dezember an den deutschen Bundeskanzler fand in den Medien kaum Echo. Deshalb sei er hier dokumentiert. Zwischentitel von der Redaktion.<\/em><\/p>\n<p><em>Im Jahr 2022 hatte Sachs zusammen mit anderen Professoren sowie mit Jakob Augstein, Richard D. Precht und Erich Vad einen <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2022\/27\/ukraine-krieg-frieden-waffenstillstand#cid-61970503\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Appell \u00abWaffenstillstand jetzt\u00bb<\/a>\u00a0unterzeichnet.<\/em><\/p>\n<p>Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Merz,<\/p>\n<p>Sie haben wiederholt von Deutschlands Verantwortung f\u00fcr die europ\u00e4ische Sicherheit gesprochen. Diese Verantwortung l\u00e4sst sich nicht durch Parolen, selektive Erinnerung oder die Normalisierung von Kriegsrhetorik ersetzen. Sicherheitsgarantien sind keine Einbahnstrassen. Sie wirken in beide Richtungen. Dies ist weder ein russisches noch ein amerikanisches Argument; es ist ein Grundprinzip der europ\u00e4ischen Sicherheit, das explizit in der Schlussakte von Helsinki, dem OSZE-Rahmen und jahrzehntelanger\u00a0Nachkriegsdiplomatie verankert ist.<\/p>\n<p>Deutschland ist verpflichtet, diesem Moment mit historischem Ernst und Ehrlichkeit zu begegnen. In dieser Hinsicht bleibt Ihre j\u00fcngste Rhetorik gef\u00e4hrlich hinter den Erwartungen zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Seit 1990 wurden Russlands zentrale Sicherheitsbedenken wiederholt ignoriert, verw\u00e4ssert oder direkt verletzt \u2013 oft mit aktiver Beteiligung oder Duldung Deutschlands. Diese Geschichte darf nicht ausgel\u00f6scht werden, wenn der Krieg in der Ukraine beendet werden soll, und sie darf nicht ignoriert werden, wenn Europa einen permanenten Konfrontationszustand vermeiden will.<\/p>\n<p><strong>Angriff auf Serbien als Warnung<\/strong><\/p>\n<p>Am Ende des Kalten Krieges gab Deutschland der sowjetischen und sp\u00e4ter der russischen F\u00fchrung wiederholt und unmissverst\u00e4ndlich die Zusicherung, dass die Nato nicht nach Osten expandieren w\u00fcrde. Diese Zusicherungen erfolgten im Kontext der deutschen Wiedervereinigung. Deutschland profitierte enorm davon. Die rasche Wiedervereinigung Deutschlands \u2013 innerhalb der Nato \u2013 w\u00e4re ohne die auf diesen Zusagen beruhende sowjetische Zustimmung nicht m\u00f6glich gewesen. Sp\u00e4ter so zu tun, als seien diese Zusicherungen bedeutungslos gewesen oder lediglich beil\u00e4ufige Bemerkungen, ist nicht realistisch, sondern geschichtsrevisionistisch.<\/p>\n<p>1999 beteiligte sich Deutschland an den Nato-Bombenangriffen auf Serbien, dem ersten gr\u00f6sseren Krieg, den die Nato ohne Mandat des UN-Sicherheitsrates f\u00fchrte. Dies war keine Verteidigungsaktion, sondern eine wegweisende Intervention, die die Sicherheitsordnung nach dem Kalten Krieg grundlegend ver\u00e4nderte. F\u00fcr Russland war Serbien keine abstrakte Angelegenheit. Die Botschaft war unmissverst\u00e4ndlich: Die Nato w\u00fcrde Gewalt jenseits ihres Territoriums anwenden, ohne UN-Mandat und ohne R\u00fccksicht auf russische Einw\u00e4nde.<\/p>\n<p><strong>N\u00e4her an Russlands Grenzen<\/strong><\/p>\n<p>Im Jahr 2002 traten die Vereinigten Staaten einseitig aus dem ABM-Vertrag aus, einem Eckpfeiler der strategischen Stabilit\u00e4t \u00fcber drei Jahrzehnte. Deutschland erhob keine ernsthaften Einw\u00e4nde. Doch die Aush\u00f6hlung der R\u00fcstungskontrollarchitektur erfolgte nicht im luftleeren Raum. Raketenabwehrsysteme, die n\u00e4her an Russlands Grenzen stationiert wurden, wurden von Russland zu Recht als destabilisierend wahrgenommen. Diese Wahrnehmungen als Paranoia abzutun, war politische Propaganda und keinesfalls kluge Diplomatie.<\/p>\n<p>2008 erkannte Deutschland die Unabh\u00e4ngigkeit des Kosovo an, trotz ausdr\u00fccklicher Warnungen, dass dies den Grundsatz der territorialen Integrit\u00e4t untergraben und einen Pr\u00e4zedenzfall mit weitreichenden Folgen schaffen w\u00fcrde. Erneut wurden Russlands Einw\u00e4nde als b\u00f6swillig abgetan, die grunds\u00e4tzlichen Bedenken wurden nicht ernst\u00a0genommen.<\/p>\n<p>Das stetige Dr\u00e4ngen auf eine Nato-Erweiterung um die Ukraine und Georgien \u2013 formell erkl\u00e4rt auf dem Gipfeltreffen in Bukarest 2008 \u2013 \u00fcberschritt die deutlichsten roten Linien, trotz jahrelanger, lautstarker, klarer, konsequenter und wiederholter Einw\u00e4nde Moskaus. Wenn eine Grossmacht ein zentrales Sicherheitsinteresse benennt und es \u00fcber Jahrzehnte hinweg immer wieder betont, ist dessen Ignorieren keine Diplomatie, sondern eine bewusste Eskalation.<\/p>\n<p><strong>Abkommen von 2014 und 2015<\/strong><\/p>\n<p>Deutschlands Rolle in der Ukraine seit 2014 ist besonders beunruhigend. Berlin vermittelte gemeinsam mit Paris und Warschau das Abkommen vom 21. Februar 2014 zwischen Pr\u00e4sident Janukowitsch und der Opposition \u2013 ein Abkommen, das die Gewalt beenden und die verfassungsm\u00e4ssige Ordnung wahren sollte. Innerhalb weniger Stunden scheiterte dieses Abkommen. Es folgte ein gewaltsamer Umsturz. Eine neue Regierung entstand auf verfassungswidrigem Wege. Deutschland anerkannte das neue Regime umgehend an und unterst\u00fctzte es. Das von Deutschland garantierte Abkommen wurde folgenlos aufgegeben.<\/p>\n<p>Das Minsker Abkommen II von 2015 sollte die Korrektur darstellen \u2013 ein ausgehandelter Rahmen zur Beendigung des Krieges in der Ostukraine. Deutschland fungierte erneut als Garantiemacht. Doch sieben Jahre lang wurde das Minsker Abkommen II von der Ukraine nicht umgesetzt. Kiew lehnte seine politischen Bestimmungen offen ab. Deutschland setzte sie nicht durch. Ehemalige deutsche und andere europ\u00e4ische Staats- und Regierungschefs haben inzwischen einger\u00e4umt, dass Minsk weniger als Friedensplan denn als Verteidigungsmassnahme behandelt wurde. Allein dieses Eingest\u00e4ndnis erfordert eine Auseinandersetzung mit den Vorg\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund klingen Forderungen nach immer mehr Waffen, immer sch\u00e4rferer Rhetorik und immer gr\u00f6sserer \u00abEntschlossenheit\u00bb hohl. Sie fordern Europa auf, die j\u00fcngste Vergangenheit zu vergessen, um eine Zukunft permanenter Konfrontation zu rechtfertigen.<\/p>\n<p><strong>Russlands Sicherheitsinteressen ignoriert<\/strong><\/p>\n<p>Genug der Propaganda! Genug der moralischen Infantilisierung der O\u0308ffentlichkeit! Die Europ\u00e4er sind durchaus in der Lage zu verstehen, dass Sicherheitsdilemmata real sind, dass Nato-Aktionen Konsequenzen haben und dass Frieden nicht dadurch erreicht wird, dass man so tut, als g\u00e4be es Russlands Sicherheitsbedenken nicht.<\/p>\n<p>Die europ\u00e4ische Sicherheit ist unteilbar. Dieses Prinzip bedeutet, dass kein Land seine Sicherheit auf Kosten eines anderen st\u00e4rken kann, ohne Instabilit\u00e4t zu provozieren. Es bedeutet auch, dass Diplomatie nicht Beschwichtigung ist und historische Ehrlichkeit kein Verrat.<\/p>\n<p>Deutschland hat dies einst verstanden. Ostpolitik war keine Schw\u00e4che, sondern strategische Reife. Es wurde erkannt, dass Europas Stabilit\u00e4t von Dialog, R\u00fcstungskontrolle, Wirtschaftsbeziehungen und der Achtung der legitimen Sicherheitsinteressen Russlands abh\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Deutschland braucht diese Reife heute erneut. Es darf nicht l\u00e4nger so reden, als sei Krieg unvermeidlich oder gar tugendhaft. Strategisches Denken darf nicht l\u00e4nger auf B\u00fcndnisparolen reduziert werden. Es muss sich endlich um echte Diplomatie bem\u00fchen \u2013 nicht als PR-Massnahme, sondern als ernsthafter Versuch, eine europ\u00e4ische Sicherheitsarchitektur wieder aufzubauen, die Russland einschliesst, statt es auszuschliessen.<\/p>\n<p>Eine erneuerte europ\u00e4ische Sicherheitsarchitektur muss mit Klarheit und Zur\u00fcckhaltung beginnen. Zun\u00e4chst erfordert sie ein unmissverst\u00e4ndliches Ende der Nato-Osterweiterung \u2013 um die Ukraine, Georgien und jeden anderen Staat entlang der russischen Grenzen.<\/p>\n<p>Die Nato-Erweiterung war keine unvermeidliche Folge der Nachkriegsordnung; sie war eine politische Entscheidung, die unter Verletzung feierlicher Zusicherungen von 1990 getroffen und trotz wiederholter Warnungen vor einer Destabilisierung Europas verfolgt wurde.<\/p>\n<p><strong>Glaubw\u00fcrdige internationale Garantien<\/strong><\/p>\n<p>Sicherheit in der Ukraine wird nicht durch die Stationierung deutscher, franz\u00f6sischer oder anderer europ\u00e4ischer Truppen erreicht, da diese die Spaltung nur vertiefen und den Krieg verl\u00e4ngern w\u00fcrde. Stabilit\u00e4t wird durch Neutralit\u00e4t erreicht, gest\u00fctzt auf glaubw\u00fcrdige internationale Garantien. Die Geschichte ist eindeutig: Weder die Sowjetunion noch die Russische F\u00f6deration haben in der Nachkriegsordnung die Souver\u00e4nit\u00e4t neutraler Staaten verletzt \u2013 weder Finnland, O\u0308sterreich, Schweden, die Schweiz noch andere. Neutralit\u00e4t funktionierte, weil sie legitime Sicherheitsbedenken aller Seiten ber\u00fccksichtigte. Es gibt keinen triftigen Grund, anzunehmen, dass sie nicht erneut funktionieren kann.<\/p>\n<p>Zweitens erfordert Stabilit\u00e4t Entmilitarisierung und Gegenseitigkeit. Russische Streitkr\u00e4fte m\u00fcssen von den Nato-Grenzen ferngehalten werden, und Nato-Streitkr\u00e4fte \u2013 einschliesslich Raketensysteme \u2013 m\u00fcssen von den russischen Grenzen ferngehalten werden. Sicherheit ist unteilbar, nicht einseitig. Grenzregionen sollten durch \u00fcberpr\u00fcfbare Abkommen entmilitarisiert und nicht mit immer mehr Waffen \u00fcberladen werden.<\/p>\n<p>Sanktionen sollten im Rahmen einer Verhandlungsl\u00f6sung aufgehoben werden; sie haben keinen Frieden gebracht und der europ\u00e4ischen Wirtschaft schweren Schaden zugef\u00fcgt.<\/p>\n<p>Insbesondere Deutschland sollte die leichtfertige Beschlagnahmung russischer Staatsverm\u00f6gen ablehnen \u2013 ein eklatanter Verstoss gegen das V\u00f6lkerrecht, der das Vertrauen in das globale Finanzsystem untergr\u00e4bt. Die Wiederbelebung der deutschen Industrie durch rechtm\u00e4ssigen, auf Vertr\u00e4gen beruhenden Handel mit Russland ist keine Kapitulation, sondern wirtschaftlicher Realismus. Europa sollte seine eigene Produktionsbasis nicht im Namen moralischer Rhetorik zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p><strong>Die OSZE aufwerten<\/strong><\/p>\n<p>Schliesslich muss Europa zu den institutionellen Grundlagen seiner eigenen Sicherheit zur\u00fcckkehren. Die OSZE \u2013 nicht die Nato \u2013 sollte wieder als zentrales Forum f\u00fcr europ\u00e4ische Sicherheit, Vertrauensbildung und R\u00fcstungskontrolle dienen. Strategische Autonomie f\u00fcr Europa bedeutet genau dies: eine europ\u00e4ische Sicherheitsordnung, die von europ\u00e4ischen Interessen gepr\u00e4gt ist, nicht von der permanenten Unterordnung unter den Nato-Expansionsgedanken.<\/p>\n<p>Frankreich k\u00f6nnte seine nukleare Abschreckung als europ\u00e4ischen Sicherheitsschirm ausweiten, jedoch nur in einer rein defensiven Haltung, ohne vorgeschobene Systeme, die Russland bedrohen.<\/p>\n<p>Europa sollte dringend auf eine R\u00fcckkehr zum\u00a0<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/INF-Vertrag\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">INF-Abr\u00fcstungsvertrag<\/a>\u00a0und auf umfassende strategische Verhandlungen zur nuklearen R\u00fcstungskontrolle unter Beteiligung der Vereinigten Staaten und Russlands \u2013 und sp\u00e4ter auch Chinas \u2013 dr\u00e4ngen.<\/p>\n<p><strong>Das Streben nach Frieden muss unantastbar sein.<\/strong><\/p>\n<p>Und das Wichtigste: Lernen Sie Geschichte, Herr Bundeskanzler! Und seien Sie dabei ehrlich! Ohne Ehrlichkeit kann es kein Vertrauen geben. Ohne Vertrauen kann es keine Sicherheit geben. Und ohne Diplomatie riskiert Europa die Katastrophen zu wiederholen, aus denen es angeblich gelernt hat.<\/p>\n<p>Die Geschichte wird beurteilen, woran sich Deutschland erinnert \u2013 und was es vergisst. Lassen Sie Deutschland dieses Mal Diplomatie und Frieden w\u00e4hlen und zu seinem Wort stehen.<\/p>\n<p>Mit freundlichen Gr\u00fcssen,<\/p>\n<p><em>Jeffrey D. Sachs\u00a0<\/em><\/p>\n<p>___________<br \/>\n<em>\u00dcbersetzung der\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/politik-gesellschaft\/offener-brief-von-jeffrey-sachs-lernen-sie-geschichte-herr-bundeskanzler-li.10010628\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>\u00abBerliner Zeitung<\/em>\u00bb<\/a><\/p>\n<p><strong>F\u00fcr Putins Krieg gegen die Ukraine gibt es keine Entschuldigung<\/strong><\/p>\n<p>Es kann durchaus sein, dass es ohne Osterweiterung der Nato und ohne Absicht, die Ukraine in die Nato aufzunehmen zu keinem Krieg gekommen w\u00e4re. Doch auch wenn sich Russland von der Nato eingeschn\u00fcrt f\u00fchlte, war Russland existenziell nicht bedroht. Angegriffen wurde Russland schon gar nicht. Deshalb gibt es <a href=\"https:\/\/www.infosperber.ch\/politik\/nichts-aber-auch-gar-nichts-rechtfertigt-den-angriffskrieg\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">nichts<\/a>, das den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine rechtfertigt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Offener Brief von Professor Jeffrey Sachs an Bundeskanzler Friedrich Merz: \u00abOhne Ehrlichkeit gibt es kein Vertrauen.\u00bb Jeffrey Sachs, Professor an der Columbia University in New York, besch\u00e4ftigt sich mit Geopolitik und dem Krieg in der Ukraine. 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