{"id":2678939,"date":"2026-02-24T15:02:09","date_gmt":"2026-02-24T15:02:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=2678939"},"modified":"2026-02-24T15:05:01","modified_gmt":"2026-02-24T15:05:01","slug":"eine-schlacht-nach-der-anderen-und-die-verfuehrung-des-endlosen-kampfes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2026\/02\/eine-schlacht-nach-der-anderen-und-die-verfuehrung-des-endlosen-kampfes\/","title":{"rendered":"Eine Schlacht nach der anderen und die Verf\u00fchrung des endlosen Kampfes"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wir leben in einer Zeit, die sich ihrer Wachsamkeit r\u00fchmt. Uns wird gesagt \u2013 oft zu Recht \u2013, dass Geschichte niemals endet, dass die Reaktion niemals schl\u00e4ft, dass Unrecht in neuer Gestalt zur\u00fcckkehrt, sobald wir den Blick abwenden. Diese Lehre erscheint n\u00fcchtern, sogar verantwortungsbewusst: Es wird immer eine neue Schlacht geben. Und so bereiten wir uns eher auf Ausdauer als auf Ver\u00e4nderung vor. <\/strong><\/p>\n<p><em>von Sam Ben-Meir\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Paul Thomas Andersons <em>One Battle After Another (2025)<\/em> inszeniert diese Lektion mit bewundernswerter Ernsthaftigkeit. Der Film bietet keinen Triumphalismus, keine Illusion eines endg\u00fcltigen Sieges. Faschismus, Autoritarismus, Reaktion \u2013 wie auch immer man es nennen mag \u2013 kehren wieder und wieder zur\u00fcck. Der Kampf ist dauerhaft.<\/p>\n<p>Doch Dauer ist nicht Neutralit\u00e4t. Zu behaupten, der Kampf ende nie, hei\u00dft bereits, Stellung zu beziehen, welche Art von Politik m\u00f6glich ist \u2013 und welche nicht. Stellt man\u00a0<em>One Battle After Another<\/em>\u00a0neben zwei der einflussreichsten zeitgen\u00f6ssischen politischen Philosophen, Slavoj \u017di\u017eek und Alain Badiou, tritt etwas Deutlicheres zutage. Was wie Realismus erscheint, beginnt eher wie Trost zu wirken. Dieser Beitrag argumentiert, dass sowohl \u017di\u017eek als auch Badiou uns zu verstehen helfen, warum das Mantra des endlosen Kampfes \u2013 so militant es klingen mag \u2013 auch als subtile Form der Beruhigung fungieren kann: als Schutz vor der weitaus beunruhigenderen Frage, ob ein anderer politischer Horizont \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Trost verbinden wir gew\u00f6hnlich mit Sanftheit oder Sentimentalit\u00e4t: Feiertagsfilme, Erz\u00e4hlungen von pers\u00f6nlicher Erl\u00f6sung, Zusicherungen, dass am Ende alles gut wird. Doch Trost kann auch hart sein. Er kann in Gestalt von Realismus, Zynismus oder gar Militanz auftreten. \u201eEs wird immer eine weitere Schlacht geben\u201c \u2013 das mag abgekl\u00e4rt, erwachsen, illusionslos klingen. Es verweigert falsche Hoffnung, weist naiven Optimismus zur\u00fcck. Zugleich bewirkt es aber noch etwas anderes: Es normalisiert Wiederholung. Es lehrt uns, eher mit Wiederkehr als mit Bruch zu rechnen, eher mit Bew\u00e4ltigung als mit Ver\u00e4nderung. Dies ist der eigentliche Gegenstand meiner Kritik: nicht an der Hoffnung, sondern an der Ausdauer, die zur Tugend erhoben wird. Der Trost unserer Zeit lautet nicht mehr \u201eAlles wird gut\u201c. Er lautet: \u201eNichts wird je gut \u2013 aber so ist es nun einmal.\u201c<\/p>\n<p>Eine \u017di\u017eeksche Lesart von\u00a0<em>One Battle After Another<\/em>\u00a0beginnt mit Misstrauen. \u017di\u017eeks zentrale These lautet seit Jahrzehnten: Ideologie zeigt sich heute selten als T\u00e4uschung. Wir wissen oft sehr wohl, wie schlecht es steht. Ideologie wirkt, indem sie bestimmt, was wir f\u00fcr unvermeidlich halten. Aus dieser Perspektive ist das Beharren des Films auf endlosem Kampf nicht blo\u00df Beschreibung, sondern ideologische Setzung. Es lehrt uns, Wiederholung als Realismus zu erleben. Die st\u00e4ndige Wiederkehr des Feindes gilt als Beweis, dass grundlegender Wandel nicht m\u00f6glich ist \u2013 nur Wachsamkeit, Resilienz und Erneuerung.<\/p>\n<p>\u017di\u017eek w\u00fcrde sich auf die libidin\u00f6se \u00d6konomie des Films konzentrieren: auf das eigent\u00fcmliche Genie\u00dfen, das im Widerstand selbst liegt. Die Figuren sind ersch\u00f6pft, traumatisiert, zynisch \u2013 doch sie werden auch durch den Kampf belebt. Ihre Identit\u00e4t ist untrennbar mit Opposition verbunden. K\u00e4mpfen ist nicht nur Pflicht, sondern Sinnquelle. Hier f\u00fchrt \u017di\u017eek eine seiner beunruhigendsten Ideen ein: Jouissance \u2013 oder die Lust. Wir leiden nicht nur unter Ideologie, wir beteiligen uns auch an ihr, weil sie Befriedigung bietet. Der endlose Kampf erlaubt es, uns moralisch gerecht zu f\u00fchlen, ohne die Destabilisierung zu riskieren, die echte Ver\u00e4nderung erfordern w\u00fcrde. Wir bleiben engagiert, kritisch, wachsam \u2013 w\u00e4hrend die Grundkoordinaten des Systems unangetastet bleiben.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund l\u00e4uft <em>One Battle After Another<\/em> Gefahr, zu einer Lektion in Scheinaktivit\u00e4t zu werden: st\u00e4ndige Bewegung ohne strukturelle Ver\u00e4nderung. Widerstand wird eher zu einem Ritual als zu einem Bruch. Wir k\u00e4mpfen nicht, um die Welt zu ver\u00e4ndern, sondern um uns selbst zu versichern, nicht mitschuldig zu sein. Der Trost dabei ist hart, aber real: Ihr werdet nie siegen \u2013 doch ihr werdet immer gebraucht werden. Dieses Versprechen ist seltsamerweise tr\u00f6stlich.<\/p>\n<p>Eine explosivere Variante dieser Dynamik zeigt Romain Gavras\u2019\u00a0<em>Athena<\/em>\u00a0(2022), der den Aufstand in den Pariser Banlieues mit atemberaubender, fast ekstatischer Intensit\u00e4t inszeniert. Die Kamera bewegt sich mit den Randalierenden; Wut wird zur Choreografie, Feuer zur Beleuchtung. Der Aufstand wirkt dringlich, gerecht, lebendig. Und doch bleibt ein seltsamer \u00dcberschuss \u2013 eine Energie, die sich aus sich selbst zu speisen scheint. Die Revolte stiftet nicht nur Protest, sondern erzeugt Sinn, Zugeh\u00f6rigkeit, ja Erregung. Der Kampf verbindet die Br\u00fcder enger als jeder Sieg es k\u00f6nnte. Am Ende lodert das Spektakel hell \u2013 doch die Struktur, die es hervorgebracht hat, bleibt bestehen. Der Aufstand hat Identit\u00e4t geschaffen, ohne eine Ver\u00e4nderung herbeizuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Mit au\u00dfergew\u00f6hnlicher gestalterischer Pr\u00e4zision bildet der Film die Wucht der Entscheidung ab; was er nicht zeigt, ist eine Neubestimmung der Situation selbst. Die Revolte ist spektakul\u00e4r, aber sie ist kein Ereignis. W\u00e4hrend \u017di\u017eek die in der Revolte verborgene Befriedigung aufdeckt, stellt Badiou eine schwierigere Frage: Was hat sich, wenn \u00fcberhaupt, tats\u00e4chlich ver\u00e4ndert? Wo \u017di\u017eek mit Misstrauen beginnt, setzt Badiou bei der M\u00f6glichkeit an. Seine Philosophie kreist um eine einzige, anspruchsvolle Idee: das Ereignis. Ein Ereignis ist kein gro\u00dfes Geschehen oder dramatisches Spektakel. Es ist etwas, das mit der bestehenden Ordnung auf eine Weise bricht, die diese Ordnung selbst nicht erkl\u00e4ren kann. Politik ist f\u00fcr Badiou nicht endloser Widerstand. Sie ist selten, schwierig, diskontinuierlich. Sie beginnt, wenn etwas zuvor Undenkbares erscheint \u2013 und wenn Subjekte sich diesem in Treue verpflichten.<\/p>\n<p>Aus einer Badiouschen Perspektive riskiert <em>One Battle After Another<\/em> nicht nur ideologische Wiederholungen, sondern vers\u00e4umt es \u00fcberhaupt, Politik zu inszenieren. Es gibt Kampf, Mut, Opferbereitschaft \u2013 aber kein Ereignis. Es geschieht nichts, was die Koordinaten der Situation neu definiert. Der Feind kehrt zur\u00fcck, weil nichts die Logik unterbrochen hat, die ihn hervorbringt. Badiou w\u00e4re vom Realismus des Films nicht beeindruckt. Er w\u00fcrde ihn als Kapitulation vor der Situation bezeichnen. Indem der Film darauf besteht, dass der Kampf niemals endet, schlie\u00dft er die M\u00f6glichkeit aus, dass etwas wirklich Neues geschehen k\u00f6nnte. Beharrlichkeit wird mit Treue verwechselt. Ausdauer ersetzt Wahrheit. Hier nimmt der Trost eine andere Form an. Uns bleibt die Forderung erspart, uns einem Ereignis zu verpflichten, das Scheitern, Isolation oder Verlust unserer gewohnten Identit\u00e4t voraussetzen w\u00fcrde. Stattdessen wird uns die Sicherheit der Kontinuit\u00e4t geboten: ein Kampf nach dem anderen, ohne entscheidende Risiken.<\/p>\n<p>\u017di\u017eek und Badiou sind sich in vielem grundlegend uneinig. Der eine betont Ideologie und Genuss, der andere Wahrheit und Bruch. Doch in diesem Fall konvergiert ihre Kritik. Beide w\u00fcrden in <em>One Battle After Another<\/em> eine Verweigerung der schwierigsten politischen Frage erkennen: Was hie\u00dfe es, wenn der Kampf nicht mit einer Niederlage, sondern mit einer Transformation endet? F\u00fcr \u017di\u017eek droht endloser Widerstand zum ideologischen Supplement des Status quo zu werden. F\u00fcr Badiou markiert er die Abwesenheit eines Ereignisses, das Treue verdient. In unterschiedlichen Sprachen sagen beide dasselbe: Wiederholung wird mit Ernsthaftigkeit verwechselt. Diese \u00dcbereinstimmung verdeutlicht ein tieferes Problem der gegenw\u00e4rtigen politischen Kultur. Wir haben gelernt, der Hoffnung zu misstrauen, Utopismus als Naivit\u00e4t abzutun und Pessimismus f\u00fcr Reife zu halten. Doch was, wenn Pessimismus selbst zum verf\u00fchrerischsten Trost geworden ist?<\/p>\n<p>Der gef\u00e4hrlichste Trost unserer Zeit ist nicht Optimismus, sondern moralische Wachsamkeit. Wir beruhigen uns mit unserer Aufmerksamkeit, unserer Alertheit, unserer Weigerung, uns t\u00e4uschen zu lassen. Wir wissen, dass der Feind niemals verschwindet, dass der Kampf endlos ist, dass Geschichte keine Garantien kennt. Aber Wissen kann auch wie eine Bet\u00e4ubung wirken. Es kann uns daran hindern, uns zu fragen, ob unsere politische Vorstellungskraft insgeheim nicht bereits diszipliniert und unterworfen wurde.<\/p>\n<p><em>One Battle After Another<\/em>\u00a0bel\u00fcgt uns nicht; der Film sagt die Wahrheit durch Wiederholung. Aber er lehrt uns auch, was wir nicht begehren sollen: ein Ende des Kampfes, das ein Umdenken in Bezug auf die Welt selbst erfordern w\u00fcrde. Wiederholung ist verf\u00fchrerisch, weil sie uns ethisch mobilisiert, ohne dass wir einen Bruch riskieren. Wir leiden, wir halten durch \u2013 und nennen das Politik. Doch Ausdauer ist noch keine moralische Angemessenheit. Leiden rechtfertigt sich nicht selbst. Wachsamkeit ist keine Transformation. Wenn Widerstand von der M\u00f6glichkeit der Ver\u00e4nderung getrennt wird, wird er zum Ritual. Die Befriedigung liegt nicht im Sieg, sondern darin, wieder einmal auf der richtigen Seite des Kampfes gestanden zu haben.<\/p>\n<p>Es gibt jedoch Filme, die diesen Trost verweigern. Alfonso Cuar\u00f3ns\u00a0<em>Children of Men<\/em>\u00a0(2006) versichert uns weder, dass der Kampf weitergeht, noch schmeichelt er unserer Wachsamkeit. Er inszeniert eine Welt, in der sogar der Kampf ersch\u00f6pft ist \u2013 in der Widerstandsbewegungen hohl geworden sind, Politik auf Eind\u00e4mmung reduziert ist und Hoffnung keine brauchbare Kategorie mehr darstellt. Und doch bleibt Handeln m\u00f6glich. Theo handelt nicht, weil er an die Zukunft glaubt oder weil die Historie es verlangt oder weil Ausdauer zur Tugend geworden ist. Er handelt ohne R\u00fcckversicherung. Verantwortung speist sich hier nicht aus Wiederholung, sondern aus der Konfrontation mit einer singul\u00e4ren Anforderung, die keine Gegenleistung verspricht. So sieht eine Ethik ohne Trost aus, wenn sie dramatisiert wird.<\/p>\n<p>\u017di\u017eek hilft uns zu erkennen, wie Widerstand als Identit\u00e4t genossen werden kann. Badiou zeigt uns, wie Beharrlichkeit ohne Ereignis politisch leer bleibt. Gemeinsam legen sie die Grenzen einer Kultur offen, die sich selbst daf\u00fcr begl\u00fcckw\u00fcnscht, zu wissen, dass der Kampf niemals endet. Was fehlt, ist nicht Realismus, sondern Mut: der Mut, sich vorzustellen, dass die Wiederholung selbst das Problem sein k\u00f6nnte. Ein Ende des Kampfes zu denken, hei\u00dft nicht, sich Utopie oder endg\u00fcltige Harmonie vorzustellen. Es bedeutet, das Risiko einzugehen, die Koordinaten des Konflikts so radikal zu ver\u00e4ndern, dass der Feind, wie wir ihn kennen, keinen Sinn mehr ergibt.<\/p>\n<p>Eine solche Vorstellung ist gef\u00e4hrlich: Sie bedroht Identit\u00e4ten, die auf Widerstand, moralischer Eindeutigkeit und der Gewissheit aufgebaut sind, ihren Platz im Kampf zu kennen. Das ist der Grund, warum Trost so oft in Form von Wiederholung auftritt. Besser ein weiterer Kampf als ein Sprung ins Ungewisse.<\/p>\n<p><em>One Battle After Another<\/em>\u00a0ist ein ernsthafter Film. Seine Verweigerung des leichten Sieges ist ehrlich. Doch Ehrlichkeit gen\u00fcgt nicht. Die Gefahr besteht darin, dass Ehrlichkeit zum Alibi der Resignation wird. Eine \u017di\u017eeksche Lekt\u00fcre warnt: Endloser Widerstand kann Ideologie werden. Eine badiousche Lesart mahnt: Ohne Bruch gibt es keine Politik. Gemeinsam zwingen sie uns zu einer h\u00e4rteren Frage: K\u00e4mpfen wir, weil die Welt sich \u00e4ndern muss \u2013 oder weil das K\u00e4mpfen selbst zu unserer \u00dcberlebensstrategie in einer Welt geworden ist, an deren Wandel wir nicht mehr glauben? Heute Trost abzulehnen, bedeutet nicht, Optimismus zu fordern. Es hei\u00dft, den Komfort der Wiederholung zu verweigern und darauf zu bestehen, dass Politik, wenn sie etwas bedeuten soll, mehr riskieren muss als blo\u00dfe Ausdauer.<\/p>\n<p>Andernfalls wird es immer wieder eine neue Schlacht geben \u2013 und sonst nichts.<br \/>\n<i><b><\/b><\/i><\/p>\n<p><i><b>\u00dcbersetzung aus dem Englischen vom ehrenamtlichen Pressenza-\u00dc<\/b><\/i><i><b>bersetzungsteam. <a href=\"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/mitarbeiten\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wir suchen Freiwillige!<\/a><\/b><\/i><\/p>\n<hr \/>\n<p><em><strong>Sam Ben-Meir<\/strong> ist Assistant Adjunct Professor f\u00fcr Philosophie an der City University of New York, College of Technology.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir leben in einer Zeit, die sich ihrer Wachsamkeit r\u00fchmt. 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