{"id":2677974,"date":"2026-02-20T13:00:31","date_gmt":"2026-02-20T13:00:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=2677974"},"modified":"2026-02-20T13:00:31","modified_gmt":"2026-02-20T13:00:31","slug":"afrika-am-scheideweg-wasser-souveraenitaet-und-narrative-power-beim-39-gipfeltreffen-der-afrikanischen-union","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2026\/02\/afrika-am-scheideweg-wasser-souveraenitaet-und-narrative-power-beim-39-gipfeltreffen-der-afrikanischen-union\/","title":{"rendered":"Afrika am Scheideweg: Wasser, Souver\u00e4nit\u00e4t und narrative Power beim 39. Gipfeltreffen der Afrikanischen Union"},"content":{"rendered":"<p>Bei einem Treffen in Addis Abeba vom 14. bis 15. Februar 2026 stellte die Afrikanische Union die Wassersicherheit in den Mittelpunkt ihrer Agenda. Doch die Gespr\u00e4che gingen \u00fcber das Thema Wasser hinaus: sie befassten sich auch mit den Fragen der politischen Legitimit\u00e4t, der geopolitischen Neuordnung des Kontinents und mit der Debatte \u00fcber Informationssouver\u00e4nit\u00e4t in einer multipolaren Welt.<\/p>\n<p>Vom 14. bis 15. Februar 2026 versammelten sich die Staats- und Regierungschefs der 55 Mitgliedsl\u00e4nder der Afrikanischen Union in Addis Abeba zur 39. ordentlichen Sitzung. Das offizielle Thema lautete Sicherstellung nachhaltiger Wasserverf\u00fcgbarkeit und sicherer Versorgung mit sanit\u00e4ren Einrichtungen, um die Ziele der Agenda 2063 zu erreichen, und es wurde im Abschlusskommuniqu\u00e9 als Thema des Jahres 2026 angenommen. Im heutigen Afrika bedeutet Wasser Infrastruktur, Stabilit\u00e4t, Souver\u00e4nit\u00e4t und \u00dcberleben.<\/p>\n<p>Der Kontinent sieht sich mit anhaltenden D\u00fcrren am Horn von Afrika konfrontiert, mit Wassermangel in gro\u00dfen Teilen der Sahelzone und mit urbanem demografischem Druck, was die Sanit\u00e4rversorgung und die Produktionssysteme belastet. Die Entscheidung, Wasser in den Mittelpunkt der Agenda 2026 zu stellen, ist keine blo\u00df rhetorische Phrase: es spiegelt eine grundlegende Einsch\u00e4tzung wider. Ohne Wassersicherheit gibt es keine resiliente Landwirtschaft; ohne Landwirtschaft gibt es keine Ern\u00e4hrungssicherheit; und ohne Ern\u00e4hrungssicherheit gibt es keine politische Stabilit\u00e4t.<\/p>\n<p>Aus afrikanischer Sicht steht der Ansatz im Einklang mit der Agenda 2063, die im Abschlusskommuniqu\u00e9 als gemeinsamer Fahrplan f\u00fcr eine inklusive und resiliente Entwicklung best\u00e4tigt wurde. Wassersicherheit ist nicht nur Umweltpolitik, sie ist ein wesentlicher Baustein f\u00fcr die Ausgestaltung des Staates.<\/p>\n<p>Der Gipfel nahm jedoch seinen Lauf, Spannungen miteinbeziehend, die \u00fcber Klimafragen hinausgehen.<\/p>\n<p>In den letzten Jahren erlebten Mali, Burkina Faso und Niger institutionelle Umbr\u00fcche, die die politische Landschaft Westafrikas grundlegend ver\u00e4ndert haben. Diese Regierungen haben milit\u00e4rische und diplomatische Allianzen neu geordnet, die franz\u00f6sische Pr\u00e4senz reduziert und die Beziehungen zu Russland und anderen nicht-westlichen Akteuren ausgebaut. Das abschlie\u00dfende Kommuniqu\u00e9 brachte tiefe Besorgnis zum Ausdruck bezogen auf Konflikte, auf Terrorismus und gewaltt\u00e4tigen Extremismus, auf verfassungswidrige Regierungswechsel und humanit\u00e4re Krisen, und es bekr\u00e4ftigte die Null-Toleranz gegen\u00fcber verfassungswidrigen Regierungswechseln mit dem Bekenntnis, die Waffen in Afrika zum Schweigen bringen zu wollen.<\/p>\n<p>Nach afrikanischer und \u00f6stlicher Interpretation der globalen Landschaft bildet diese Bewegung Teil eines Wandels zu einer multipolaren Ordnung. Der Wettstreit zwischen Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten um den Einfluss am Horn von Afrika best\u00e4tigt, dass Afrika nicht ein peripherer, sondern ein zentraler Schauplatz in der Umverteilung der Weltmacht ist.<\/p>\n<p>Doch jede externe Neukonfiguration geht mit einer internen einher.<\/p>\n<p>In Addis Abeba entzogen \u00e4thiopische Beh\u00f6rden w\u00e4hrend des Gipfels internationalen Journalisten, die \u00fcber das Treffen berichteten, die Akkreditierung, ein Umstand, \u00fcber den Reuters berichtete. In Bamako wurde der Journalist Youssouf Sissoko am 5. Februar 2026 festgenommen, nachdem er \u00f6ffentlich Kritik an Nigers Milit\u00e4rf\u00fchrer ge\u00e4u\u00dfert hatte. Beide Ereignisse sind Teil einer tiefergehenden Diskussion \u00fcber die Deutungshoheit bezogen auf Nachrichten und Erz\u00e4hlungen.<\/p>\n<p>Aus Perspektive mehrerer Sahel-Regierungen werden westliche Medien als Instrumente geopolitischen Drucks gesehen. Die afrikanische Geschichte enth\u00e4lt Episoden der Intervention und von Medienstrategien, die im Einklang mit externen Interessen gestaltet wurden. Von daher kommt hier Misstrauen nicht aus dem luftleeren Raum.<\/p>\n<p>Die Herausforderung kommt jedoch nicht nur von au\u00dfen. Die entscheidende Frage ist, welches institutionelle Modell festigt sich, wenn ausl\u00e4ndischer Einfluss eingeschr\u00e4nkt wird.<\/p>\n<p>Wenn Souver\u00e4nit\u00e4t in der Berichterstattung bedeutet, dass der lokale Journalismus verst\u00e4rkt einer Informationskontrolle ohne unabh\u00e4ngige gerichtliche Gegengewichte oder Schutzma\u00dfnahmen ausgesetzt ist, besteht das Risiko, dass geopolitische Emanzipation zu Intransparenz im Innern f\u00fchrt. Abh\u00e4ngigkeit von au\u00dfen durch Zentralisierung im Inneren zu ersetzen, l\u00e4uft nicht automatisch auf Demokratisierung hinaus.<\/p>\n<p>Aus autonomer afrikanischer Perspektive sollte das Ziel nicht einfach darin bestehen, westliche Sichtweisen zu verbannen, sondern robuste, professionelle Mediensysteme aufzubauen, die in der Lage sind, sich auf globaler B\u00fchne auf Augenh\u00f6he zu engagieren. Souver\u00e4nit\u00e4t ist nicht Schweigen; es ist institutionelle Leistungsf\u00e4higkeit.<\/p>\n<p>Die Afrikanische Union selbst sieht sich der Kritik aus Kreisen der Jugendlichen ausgesetzt, und wird dabei als abgehoben von dringenden demografischen und wirtschaftlichen Notwendigkeiten wahrgenommen. Afrika ist der jugendlichste Kontinent auf der Welt. Die Kluft zwischen traditioneller politischer F\u00fchrung und den Erwartungen der Jugend ist ein struktureller Faktor, den der Gipfel nicht ignorieren kann.<\/p>\n<p>Das afrikanische Szenario k\u00f6nnte sich voraussichtlich in drei Richtungen entwickeln.<\/p>\n<p>Erstens, eine multipolare Konsolidierung, in der Afrika mit mehreren Partnern aus einer ausgewogeneren strategischen Position heraus verhandelt.<\/p>\n<p>Zweitens, eine Institutionalisierung der Umweltsouver\u00e4nit\u00e4t, in der die Kontrolle \u00fcber das Wasser und das Klima zum Kern regionaler Zusammenarbeit und S\u00fcd-S\u00fcd-Investitionen werden.<\/p>\n<p>Drittens, ein Scheideweg: entweder f\u00fchren die Prozesse des Umbruchs mit ihren historischen Abh\u00e4ngigkeiten zu institutioneller St\u00e4rkung und zu Pluralismus, oder sie entwickeln sich zu geschlossenen Modellen, in denen sich Herrschaft unter dem Banner der Souver\u00e4nit\u00e4t verfestigt.<\/p>\n<p>Beim formellen Abschluss der 39. ordentlichen Sitzung der Versammlung der Afrikanischen Union ver\u00f6ffentlichten die Staats- und Regierungschefs ein abschlie\u00dfendes Kommuniqu\u00e9, in dem sie Beschl\u00fcsse, Bekenntnisse und Resolutionen verabschiedeten, und den Amtsantritt von S.E. \u00c9variste Ndayishimiye als Vorsitzender der Afrikanischen Union f\u00fcr 2026 best\u00e4tigten.<\/p>\n<p>Das Kommuniqu\u00e9 bekr\u00e4ftigte die Verpflichtung zu einer Union, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt, die effizient, verantwortlich und finanziell stabil ist. Es \u00fcbernahm Berichte von Gremien wie Africa CDC (Afrika Zentrum f\u00fcr Krankheitsbek\u00e4mpfung und -pr\u00e4vention), APRM (Afrikanischer Peer Review Mechanismus), AUDA-NEPAD (Entwicklungsagentur der Afrikanischen Union \u2013 Neue Partnerschaft f\u00fcr Afrikas Entwicklung), CAHOSCC (Ausschuss der afrikanischen Staats- und Regierungschefs f\u00fcr den Klimawandel) und dem C-10 Committee (Ausschuss der zehn Staats- und Regierungschefs zur Reform des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen).<\/p>\n<p>Im Hinblick auf eine globale Staatsf\u00fchrung bekr\u00e4ftigte die Versammlung die Notwendigkeit einer gerechten Vertretung Afrikas in globalen Lenkungseinrichtungen und nahm den Bericht \u00fcber die Teilnahme der AU an der G20 (Gruppe der Zwanzig) zur Kenntnis, wobei sie unter anderem eine nachhaltige Entwicklungsfinanzierung, Schuldenumstrukturierung, Klimaschutz, Ern\u00e4hrungssicherheit und digitale Transformation als Priorit\u00e4ten hervorhoben.<\/p>\n<p>Im Bereich Entwicklung hob die Versammlung Fortschritte bei der Umsetzung der AfCFTA (Afrikanische Kontinentale Freihandelszone) hervor und betonte die Bedeutung der Beschleunigung bei der Industrialisierung, der Wertsch\u00f6pfung und des innerafrikanischen Handels. Sie bekr\u00e4ftigte die Transformation der Lebensmittelsysteme im Rahmen des CAADP (Umfassendes Programm f\u00fcr die Entwicklung der Landwirtschaft in Afrika) und die Mobilisierung von Ressourcen f\u00fcr Infrastruktur, Energie, Wasser und Klimaanpassung.<\/p>\n<p>Es stellte auch eine Studie in Aussicht, zur Einstufung der Kolonisierung als Verbrechen gegen die Menschlichkeit, und von bestimmten Handlungen aus der Zeit der Sklaverei und Deportation als V\u00f6lkermord an den V\u00f6lkern Afrikas. Sie pr\u00fcfte den Bericht hinsichtlich der Lage in Pal\u00e4stina und bekr\u00e4ftigte ihre Unterst\u00fctzung f\u00fcr eine L\u00f6sung im Einklang mit dem V\u00f6lkerrecht und den entsprechenden Resolutionen der Vereinten Nationen.<\/p>\n<p>Der Addis Abeba-Gipfel konnte nicht f\u00fcr alle Spannungen L\u00f6sungen finden. Er machte jedoch deutlich, dass Afrika seine eigene strategische Architektur innerhalb des internationalen Systems festigen, und Wasser, Frieden, institutionelle Reformen und globale Vertretung miteinander verbinden will.<\/p>\n<p>Wasser war das offizielle Thema. Souver\u00e4nit\u00e4t \u2013 umwelttechnisch, politisch und institutionell \u2013 war das verbindende Element.<\/p>\n<p>Die Zukunft des Kontinents wird davon abh\u00e4ngen, wie es gelingt, strategische Autonomie, inklusive Regierungsf\u00fchrung und die Grundrechte auszubalancieren, ohne wieder neue Abh\u00e4ngigkeiten oder neue Intransparenz zu schaffen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><em>Die \u00dcbersetzung aus dem Englischen wurde von Ursula Nollenberger vom ehrenamtlichen Pressenza-\u00dcbersetzungsteam erstellt. <\/em><\/strong><a href=\"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/mitarbeiten\/\"><strong><em>Wir suchen Freiwillige!<\/em><\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei einem Treffen in Addis Abeba vom 14. bis 15. Februar 2026 stellte die Afrikanische Union die Wassersicherheit in den Mittelpunkt ihrer Agenda. 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