{"id":2677558,"date":"2026-02-18T18:03:49","date_gmt":"2026-02-18T18:03:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=2677558"},"modified":"2026-02-18T18:03:49","modified_gmt":"2026-02-18T18:03:49","slug":"der-weg-zur-bombe-iii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2026\/02\/der-weg-zur-bombe-iii\/","title":{"rendered":"Der Weg zur Bombe (III)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Merz dringt auf konkrete Schritte zum Aufbau eines europ\u00e4ischen Nuklearschirms noch in diesem Jahr. Der k\u00f6nnte sich auf die franz\u00f6sischen und britischen Kernwaffen st\u00fctzen oder auf neue Atomwaffen etwa in Deutschland, Schweden oder Polen.<\/strong><\/p>\n<p>(Eigener Bericht) \u2013 Bundeskanzler Friedrich Merz dringt auf erste konkrete Schritte zum Aufbau eines europ\u00e4ischen Nuklearschirms noch in diesem Jahr. Dazu habe man bereits vertrauliche Gespr\u00e4che mit Frankreich eingeleitet, teilt Merz in einem Namensbeitrag in der US-Zeitschrift Foreign Affairs mit. Frankreich hatte zuvor eine enge Kooperation seiner Atomstreitkr\u00e4fte mit Gro\u00dfbritannien initiiert. Es bietet zudem seit Jahren an, seinen Nuklearschirm auf die gesamte EU auszuweiten, was bisher jedoch daran gescheitert ist, dass Deutschland Mitbestimmung \u00fcber Frankreichs Atomwaffen und \u00fcber ihren etwaigen Einsatz verlangt. In der aktuell zum wiederholten Mal anschwellenden Debatte wird erneut auch \u00fcber eine m\u00f6gliche deutsche Bombe diskutiert. Diese sei allerdings mit gewaltigem Aufwand und mit immensen Kosten verbunden, hei\u00dft es. Beschleunigt worden ist die Debatte durch eine neue Studie der M\u00fcnchner Sicherheitskonferenz, die f\u00fcnf Optionen f\u00fcr eine europ\u00e4ische Abschreckung gegen Nuklearm\u00e4chte diskutiert. Zumindest \u00fcbergangsweise sei man dabei auf den US-Atomschirm angewiesen. Die Option, energisch auf nukleare Abr\u00fcstung zu setzen, wird nicht ernsthaft in Betracht gezogen.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcnf Optionen<\/strong><\/p>\n<p>Die Studie zu den Optionen, \u00fcber die die Staaten Europas im Hinblick auf ihre nukleare Abschreckung verf\u00fcgen, basiert auf Vorarbeiten, die bereits im Februar 2024 gestartet wurden \u2013 ein Dreivierteljahr vor dem Wahlsieg des heutigen US-Pr\u00e4sidenten Donald Trump. Erstellt worden ist sie von der European Nuclear Study Group (ENSG), einer gemeinsamen Initiative der Munich Security Conference (MSC), des Centre for International Security an der Berliner Hertie School und des Instituts f\u00fcr Politikwissenschaft an der Universit\u00e4t St. Gallen. Im Grundsatz halten die Autoren des Papiers f\u00fcnf verschiedene Vorgehensweisen f\u00fcr denkbar. So k\u00f6nne man sich weiterhin auf die nukleare Abschreckung der Vereinigten Staaten verlassen, hei\u00dft es. M\u00f6glich sei auch die Nutzung des franz\u00f6sischen und des britischen Nukleararsenals, um eine europ\u00e4ische Abschreckung zu gestalten. Dar\u00fcber hinaus k\u00f6nne man gemeinsame europ\u00e4ische Atomwaffen beschaffen oder, viertens, auf nationale Alleing\u00e4nge in der atomaren Aufr\u00fcstung setzen. Als letzte Option nimmt die ENSG eine stark forcierte konventionelle Hochr\u00fcstung der NATO-Staaten Europas in den Blick. Mit der Frage, welche Option heute zu w\u00e4hlen sei, m\u00fcssten sich Europas Regierungen jetzt \u201eunmittelbar und ohne Verz\u00f6gerung\u201c befassen und die ben\u00f6tigten Finanzmittel bereitstellen, hei\u00dft es in dem Papier.[1]<\/p>\n<p><strong>Der US-Nuklearschirm als \u00dcbergangsl\u00f6sung<\/strong><\/p>\n<p>Drei der genannten Optionen weisen der ENSG zufolge deutliche Schw\u00e4chen auf. Dies gilt zun\u00e4chst f\u00fcr die Option, weiterhin auf die nukleare Abschreckung der Vereinigten Staaten zu setzen: Sie verfehlt das Ziel, gr\u00f6\u00dfere Unabh\u00e4ngigkeit von Washington zu erlangen.[2] Unzul\u00e4nglich ist laut der Untersuchung auch die \u00dcberlegung, Abschreckung gegen nuklear bewaffnete M\u00e4chte mit konventioneller Aufr\u00fcstung zu erreichen. Dies erfordere beispiellose, kaum zu finanzierende Waffenk\u00e4ufe, hei\u00dft es. Als unrealistisch gilt zudem die Option, eine gemeinsame europ\u00e4ische Beschaffung von Atombomben anzustreben. In der Tat sind die Staaten Europas in allerlei Fragen so zerstritten, dass ein belastbares gemeinsames Vorgehen in der nuklearen Bewaffnung faktisch ausgeschlossen werden kann. F\u00fcr die anderen beiden Optionen gelte, so hei\u00dft es weiter bei der ENSG, dass eine L\u00f6sung, wenn sie erreicht werden k\u00f6nne, keinesfalls im Handumdrehen zu verwirklichen sei. \u201eDie Schl\u00fcsselfrage\u201c bestehe darin, wie man parallel zur Umsetzung der gew\u00e4hlten L\u00f6sung die bisherige Rolle der USA in der nuklearen Abschreckung Europas aufrechterhalten k\u00f6nne \u2013 quasi als \u00dcbergangsl\u00f6sung. Keinesfalls d\u00fcrfe man Washington \u201eden Eindruck vermitteln\u201c, es werde zuk\u00fcnftig nicht mehr gebraucht. Denn dann seien ein sofortiges Ende der US-Abschreckung und eine Phase der Schutzlosigkeit zu bef\u00fcrchten.<\/p>\n<p><strong>Die franz\u00f6sisch-britische Kooperation<\/strong><\/p>\n<p>Als wahrscheinlichste L\u00f6sung gilt der Versuch, die Nuklearstreitkr\u00e4fte Frankreichs sowie unter Umst\u00e4nden auch Gro\u00dfbritanniens f\u00fcr den Aufbau eines europ\u00e4ischen Nuklearschirms zu nutzen. Dabei m\u00fcsste die bereits bestehende Nuklearkooperation der beiden Staaten ber\u00fccksichtigt werden. Diese wurde zuletzt mit der Northwood Declaration vom 10. Juli 2025 intensiviert. Darin halten Paris und London fest, sie k\u00f6nnten sich keine Situation vorstellen, in der \u201edie vitalen Interessen\u201c der einen Seite, aber nicht zugleich diejenigen der anderen Seite bedroht seien. Sie stimmten daher darin \u00fcberein, es k\u00f6nne \u201ekeine extreme Bedrohung f\u00fcr Europa\u201c geben, die nicht eine gemeinsame \u201eAntwort unserer beiden Nationen veranlassen w\u00fcrde\u201c.[3] \u201eFrankreich und das Vereinigte K\u00f6nigreich haben deshalb entschieden\u201c, hei\u00dft es weiter, \u201eihre nukleare Kooperation und Koordination zu vertiefen.\u201c In einem ersten Schritt lud Frankreich, wie berichtet wird, \u201eranghohe britische Milit\u00e4rs\u201c in das Kontrollzentrum der Forces A\u00e9riennes Strat\u00e9giques (FAS) auf der Base a\u00e9rienne 921 in Taverny bei Paris ein, um ein Atomkriegsman\u00f6ver mit franz\u00f6sischen Rafale-Kampfjets zu beobachten.[4] Im Dezember fand in Paris die erste gemeinsame Sitzung einer neuen franz\u00f6sisch-britischen nuklearen Lenkungsgruppe statt.<\/p>\n<p><strong>Deutsch-franz\u00f6sische Gespr\u00e4che<\/strong><\/p>\n<p>Frankreichs Pr\u00e4sident Emmanuel Macron bietet seit Jahren an, Frankreichs Nuklearschirm auch auf die EU auszudehnen. Zur Begr\u00fcndung daf\u00fcr \u00e4u\u00dferte er etwa im Januar 2024 in einer Rede an der Milit\u00e4rakademie in Stockholm: \u201eUnsere vitalen Interessen sind heute weitgehend europ\u00e4isch, was uns bei der nuklearen Abschreckung eine spezielle Verantwortung einr\u00e4umt.\u201c[5] Konkret hei\u00dft es etwa, Deutschland und weitere EU-Staaten k\u00f6nnten sich an den regelm\u00e4\u00dfig durchgef\u00fchrten franz\u00f6sischen Atomman\u00f6vern beteiligen: mit konventionellen Kampfjets etwa, die mit Atombomben bewaffnete franz\u00f6sische Rafale-Kampfjets sch\u00fctzten. Zuweilen war auch die Stationierung franz\u00f6sischer Kernwaffen auf Milit\u00e4rst\u00fctzpunkten in anderen EU-Staaten im Gespr\u00e4ch. Eine Mitbestimmung \u00fcber m\u00f6gliche Eins\u00e4tze schlie\u00dft Paris allerdings kategorisch aus, weshalb noch keinerlei Einigung mit Berlin in Sicht ist: Bislang besteht die Bundesregierung darauf, an der Entscheidung \u00fcber einen Einsatz von Atomwaffen beteiligt zu sein. Bundeskanzler Friedrich Merz hat am Freitag best\u00e4tigt, inzwischen f\u00e4nden erneut Nukleargespr\u00e4che zwischen Berlin und Paris statt. In einem Beitrag f\u00fcr die US-Zeitschrift Foreign Affairs teilte Merz zudem mit: \u201eWir hoffen, noch in diesem Jahr die ersten konkreten Schritte beschlie\u00dfen zu k\u00f6nnen.\u201c[6]<\/p>\n<p><strong>\u201eMit deutscher F\u00fchrung\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Gelingt dabei kein Durchbruch, dann ist weiterhin der Griff zu einer deutschen Bombe nicht undenkbar. So hatte etwa der Vorsitzende der CDU\/CSU-Bundestagsfraktion, Jens Spahn, im Sommer vergangenen Jahres f\u00fcr einen europ\u00e4ischen Nuklearschirm pl\u00e4diert \u2013 \u201emit deutscher F\u00fchrung\u201c.[7] Nun dringt Spahn erneut darauf, \u201eohne Reflexe\u201c eine solche Variante in Betracht zu ziehen. Zu der Option, sich auf franz\u00f6sische oder auf britische Atomwaffen zu st\u00fctzen, erkl\u00e4rt er: \u201eWenn morgen Wahlen w\u00e4ren, w\u00fcrde Farage in UK gewinnen und Le Pen in Frankreich. Ich wei\u00df nicht, ob ich mich auf die beiden verlassen m\u00f6chte\u201c.[8] Experten weisen zus\u00e4tzlich zu v\u00f6lkerrechtlichen Problemen (german-foreign-policy.com berichtete [9]) darauf hin, dass nicht nur Atomwaffen selbst, sondern \u201edie ganze institutionelle Infrastruktur f\u00fcr einen Zweitschlag\u201c geschaffen werden m\u00fcsste, wie James Davis, Politikwissenschaftler der Universit\u00e4t St. Gallen und Mitglied der ENSG, erl\u00e4utert \u2013 von \u201eKommando- und Kontrollstrukturen\u201c \u00fcber \u201eFr\u00fchwarnsysteme\u201c bis hinzu nuklear best\u00fcckten \u201ePlattformen wie U-Boote[n], die den Erstschlag \u00fcberstehen\u201c.[10] Davis res\u00fcmiert k\u00fchl, es sei \u201eeine komplexe Sicherheitsarchitektur und Politik damit verbunden, die Jahre braucht, um aufgebaut zu werden\u201c; zudem w\u00fcrde sie viele Milliarden Euro kosten.<\/p>\n<p><strong>\u201e30 Atomwaffenstaaten\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Nicht zuletzt d\u00fcrften diverse weitere Staaten eine deutsche Bombe zum Anlass nehmen, sich ihrerseits in den Besitz von Kernwaffen zu bringen. Bereits k\u00fcrzlich hatte der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im d\u00e4nischen Parlament, Rasmus Jarlov, erkl\u00e4rt, \u201eeine Atombombe der nordischen L\u00e4nder\u201c w\u00fcrde er \u201ebegr\u00fc\u00dfen\u201c.[11] Erst kurz zuvor hatte Dagens Nyheter, eine der einflussreichsten Tageszeitungen Schwedens, eine Diskussion \u00fcber \u201eschwedische Atomwaffen\u201c eingefordert.[12] Schweden unterhielt in den fr\u00fchen Jahren des Kalten Krieges ein eigenes Nuklearwaffenprogramm, das es allerdings in den fr\u00fchen 1970er Jahren stoppte. Auf der M\u00fcnchner Sicherheitskonferenz gaben sich Politiker aus den baltischen Staaten offen f\u00fcr Atomwaffen. \u201eWarum nicht?\u201c, wurde Lettlands Ministerpr\u00e4sidentin Evika Sili\u0146a zitiert, w\u00e4hrend Estlands stellvertretender Verteidigungsminister Tuuli Duneton erkl\u00e4rte, er sei bereit zu Gespr\u00e4chen \u00fcber eine europ\u00e4ische nukleare Abschreckung.[13] Am Sonntag sprach sich zudem Polens Pr\u00e4sident Karol Nawrocki daf\u00fcr aus, Polen solle seine Sicherheitsstrategie \u201eauf nukleares Potenzial\u201c gr\u00fcnden.[14] Die US-Politikwissenschaftlerin Anne-Marie Slaughter sagt voraus, in absehbarer Zeit k\u00f6nnten rund 30 Staaten Atomwaffen besitzen.[15]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[1], [2] Mind the Deterrence Gap: Assessing Europe\u2019s Nuclear Options. Report of the European Nuclear Study Group. Berlin, February 2026.<\/p>\n<p>[3] Northwood Declaration. gov.uk 10.07.2025.<\/p>\n<p>[4] Michaela Wiegel: Macrons Atomschirm. Frankfurter Allgemeine Zeitung 12.02.2026.<\/p>\n<p>[5] Stefan Br\u00e4ndle: Macron will den Atomschirm \u00fcber Europa aufspannen. derstandard.de 07.02.2024. S. dazu <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/9483\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Die sozialdemokratische Bombe<\/a>.<\/p>\n<p>[6] Friedrich Merz: How to Avert the Tragedy of Great-Power Politics. foreignaffairs.com 13.02.2026.<\/p>\n<p>[7] Nikolaus Doll, Elke Bodderas: \u201eMal halbe Stunde offen queer sein im Hamas-kontrollierten Gaza-Streifen \u2013 gute Reise\u201c. welt.de 28.06.2025. S. dazu <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/10049\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Der Weg zur Bombe<\/a>.<\/p>\n<p>[8] \u201eWei\u00df nicht, ob ich mich auf die beiden verlassen m\u00f6chte\u201c, sagt Spahn \u00fcber Farage und Le Pen. welt.de 16.02.2026.<\/p>\n<p>[9] S. dazu <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/10283\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Der Weg zur Bombe (II)<\/a>.<\/p>\n<p>[10] Peter Althaus: Atomwaffenexperte warnt vor gef\u00e4hrlicher Phase. focus.de 15.02.2026.<\/p>\n<p>[11] Steffen Gassel: \u201eWir k\u00f6nnen den Amerikanern nicht mehr trauen. Wir brauchen eigene Atomwaffen\u201c. stern.de 21.01.2026. S. dazu <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/10283\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Der Weg zur Bombe (II)<\/a>.<\/p>\n<p>[12] Jonas Olsson: Sweden weighs Franco-British nuclear weapons cooperation. breakingdefense.com 27.01.2026.<\/p>\n<p>[13] Laura Kayali, Victor Jack: Nuke-talk is heating up among Europeans in Munich. politico.eu 14.02.2026.<\/p>\n<p>[14] Zia Weise: Poland should \u2018begin work\u2019 on nuclear defenses, Nawrocki says. politico.eu 15.02.2026.<\/p>\n<p>[15] Steffen Gassel: \u201eWir steuern auf eine Welt zu, in der 30 L\u00e4nder Atomwaffen haben werden\u201c. capital.de 16.02.2016.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Merz dringt auf konkrete Schritte zum Aufbau eines europ\u00e4ischen Nuklearschirms noch in diesem Jahr. 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