{"id":2677394,"date":"2026-02-18T08:33:41","date_gmt":"2026-02-18T08:33:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=2677394"},"modified":"2026-02-18T08:33:41","modified_gmt":"2026-02-18T08:33:41","slug":"macht-gier-psychopathie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2026\/02\/macht-gier-psychopathie\/","title":{"rendered":"Macht, Gier, Psychopathie"},"content":{"rendered":"<p style=\"padding-left: 40px;\">\u201eEs ist schon merkw\u00fcrdig, Harry, aber vielleicht sind diejenigen, die am besten geeignet sind, Macht auszu\u00fcben, diejenigen, die sie nie angestrebt haben. Diejenigen, die gezwungen sind, die F\u00fchrung zu \u00fcbernehmen, akzeptieren sie, weil sie es m\u00fcssen, und entdecken zu ihrer eigenen \u00dcberraschung, dass sie sie gut aus\u00fcben.\u201c Albus Dumbledore<\/p>\n<p>Moderne Gesellschaften tendieren dazu, politische Gewalt, extreme Ungleichheit und Zerfall des sozialen Friedens zu erkl\u00e4ren, indem sie auf zwei in gleichem Ma\u00dfe unzureichende begriffliche Ans\u00e4tze zur\u00fcckgreifen. Der erste besteht darin, diese Ph\u00e4nomene einer vermeintlichen \u201emenschlichen Natur\u201c zuzuschreiben, die zwangsl\u00e4ufig selbsts\u00fcchtig, konkurrierend und gewaltt\u00e4tig ist. Der zweite, mehr Mut machende Ansatz, besteht darin, das Problem auf besonders brutale Einzelpersonen zu reduzieren und sie als moralische Abarten und vereinzelte Krankheitsbilder zu behandeln, ohne die strukturellen Voraussetzungen zu hinterfragen, die sie kennzeichnen, legitimieren und verst\u00e4rken.<\/p>\n<p>Diese Abhandlung stellt eine andere These auf. Das Anrichten von schwerwiegenden politischen Sch\u00e4den ist weder die Folge genereller Wesensz\u00fcge der Menschheit im Ganzen noch das Produkt einer psychischen Erkrankung im klinischen Sinne, sondern vielmehr das Ergebnis der Machtergreifung durch anormale Charakterstrukturen, vereinzelt auftretend, festgefahren und frei von empathischer Zur\u00fcckhaltung. Diese Strukturen \u00e4u\u00dfern sich in erster Linie in zwei Formen: durch identit\u00e4tsorientierte Gier und in sich geschlossenem Fanatismus. Beide sind mit einem hohen Ma\u00df an funktionaler Intelligenz vereinbar, beide k\u00f6nnen legalit\u00e4tskonform agieren, und beide f\u00fchren zu einer anhaltenden Ver\u00e4nderung des sozialen Friedens.<\/p>\n<p>Dies ist kein Versuch, Verlangen zu tadeln oder Konkurrenz, Ehrgeiz oder Abgrenzung zu leugnen. Es ist eine Bem\u00fchung, zu verstehen, warum bestimmte Charakterkonstellationen, wenn sie sich Zugang zur Macht verschaffen, zielgerichtet Grausamkeit, Entmenschlichung und soziale Zerst\u00f6rung hervorbringen, w\u00e4hrend andere dies in ebenso schwierigen Zusammenh\u00e4ngen, nicht tun.<\/p>\n<p><strong>Mehr haben zu wollen ist keine Gier<\/strong><\/p>\n<p>Eine erste Unterscheidung ist unumg\u00e4nglich. Mehr haben zu wollen ist an sich nicht problematisch. Menschliches Verlangen kann legitimerweise auf Expansion, Erschaffung, Vergn\u00fcgen, Sicherheit oder die Verwirklichung lebenswichtiger Projekte ausgerichtet sein. Man kann mehr haben wollen, weil man etwas mag, weil es n\u00fctzlich ist, weil man es genie\u00dft, weil es ben\u00f6tigt wird, oder weil es die weitergehende Umsetzung einer Idee erm\u00f6glicht. In diesen F\u00e4llen hat Verlangen ein Ziel, hat einen Sinn und kann enden.<\/p>\n<p>Es kann eine enorme, sogar ma\u00dflose Anh\u00e4ufung geben, ohne Gier. Jemand, der Kleidung, Make-up, B\u00fccher, Musikinstrumente, Sportartikel oder Briefmarken liebt, kann sehr vieles davon zusammentragen, ohne sich ausschlie\u00dflich vom Besitz abh\u00e4ngig zu machen. Der Gegenstand ist von Bedeutung f\u00fcr das, was er ist oder was er m\u00f6glich macht. Er kann geteilt, verschenkt werden oder sogar verloren gehen, ohne dass das Selbst zerbricht.<\/p>\n<p><strong>Gier ist etwas anderes <\/strong><\/p>\n<p>Gier definiert sich nicht \u00fcber Menge, sondern durch die Struktur der Beziehung zum Objekt. Das begehrte Objekt ist zwar wichtig, aber nicht wegen seines Nutzens oder seiner Bedeutung, sondern ausschlie\u00dflich aus zwei Gr\u00fcnden: es ist wichtig, weil es mir geh\u00f6rt, oder es ist wichtig, weil ich es besitzen will. Der Wert liegt nicht im Objekt selbst, sondern im Vorgang der Aneignung. Haben ist gleichbedeutend mit Sein. Haben wollen ist gleichbedeutend damit, sich selbst zu versprechen, dieses Sein zu bekommen.<\/p>\n<p>Deshalb ist Gier niemals zu befriedigen. Nicht weil die Welt unzul\u00e4nglich ist, sondern weil kein Gegenstand eine Identit\u00e4t aufrechterhalten kann, die ausschlie\u00dflich \u00fcber den Besitz hergestellt wird. Jeder Erwerb erzeugt nur vor\u00fcbergehend eine Befreiung, die rasch nachl\u00e4sst. Der gierige Mensch sucht keine Befriedigung; er sucht Best\u00e4tigung. Und Best\u00e4tigung, wenn sie vom Haben abh\u00e4ngig ist, ist strukturell instabil.<\/p>\n<p><strong>Gier, Psychopathie und Charakter<\/strong><\/p>\n<p>Aus anthropologischer und klinischer Sicht stellt diese Struktur nicht die menschliche Norm dar. Die meisten Menschen streben nach Stabilit\u00e4t, gegenseitiger Anerkennung, sinngebenden Verbindungen und grundlegender Vorhersehbarkeit. Gier dagegen wird als eine identit\u00e4tsorientierte Fixierung bezeichnet.<\/p>\n<p>Kurt Schneider bietet in \u201ePsychopathische Pers\u00f6nlichkeiten\u201c einen nach wie vor g\u00fcltigen Ansatzpunkt an: er definiert Psychopathie nicht als Wahnsinn oder psychische Erkrankung, sondern als Charakterstrukturen, die durch ihr Wesen anderen oder sich selbst unentwegt Schaden zuf\u00fcgen. Seine Art von Psychopathen sind scharfsinnig, sachlich und oft gesellschaftlich erfolgreich.<\/p>\n<p>Die moderne Anthropologie und Sozialpsychologie haben diese Anschauung vertieft, ohne sie als krankhaft einzuordnen. Forschungen zu den Merkmalen der sogenannten dunklen Triade &#8211; Narzissmus, Machiavellismus und subklinische Psychopathie \u2013 zeigen, dass diese Profile nicht die Mehrheit repr\u00e4sentieren, sondern \u201ein Positionen wirtschaftlicher und politischer Macht \u00fcberproportional vertreten sind.\u201c Nicht weil sie intelligenter sind, sondern weil sie das Fehlen von Empathie, die Instrumentalisierung anderer und die Aufl\u00f6sung gemeinsamer moralischer Grenzen besser ertragen.<\/p>\n<p>Strukturell verstanden, f\u00fcgt sich Gier in diesen Ansatz ein. Sie ist kein gelegentlicher Impuls, sondern eine Organisation des Selbst. Das begehrte Objekt st\u00e4rkt den Charakter. Der Verlust des Objekts kommt einer ontologischen Bedrohung gleich. Es zu teilen entzieht ihm die Bedeutung. Es zu verteidigen wird zu einem absoluten Gebot. Der andere wird zum Mittel, zum Konkurrenten oder zum Hindernis. Hier wird ein entscheidendes Merkmal sichtbar: Intelligenz ver\u00e4ndert diese Struktur nicht; sie f\u00fchrt sie aus.<\/p>\n<p><strong>Intelligenz in den Diensten des Charakters<\/strong><\/p>\n<p>Intelligenz an sich ist nicht ethisch. Sie ist ein Instrument und\/oder ein Bestandteil der Pers\u00f6nlichkeit. Wenn sie den Charakter pr\u00e4gt, bringt sie Reflexion, Grenzen und die F\u00e4higkeit zur Anpassung mit. Wenn sie jedoch in den Dienst eines von Gier oder Fanatismus fixierten Charakters gestellt wird, wird sie zu einem Beschleuniger der pathologischen Symptomatik.<\/p>\n<p>In diesen F\u00e4llen verbessert Intelligenz die Besitznahme, ermittelt Risiken, sieht Widerstand voraus, beseitigt Hindernisse, rechtfertigt Verletzungen durch technische, rechtliche oder ideologische Auseinandersetzungen. Sie erzeugt keine moralischen Zweifel, da kein innerer Konflikt besteht. Erfolg ver\u00e4ndert die Gier nicht; er untermauert sie. Privilegien schaffen \u00e4u\u00dfere Grenzen ab. Rechtm\u00e4\u00dfigkeit wird zum Alibi.<\/p>\n<p>Deshalb vereinigt sich erfolgreiche Gier tendenziell mit Macht.<\/p>\n<p><strong>Gier, Fanatismus und die Ver\u00e4nderung des sozialen Friedens<\/strong><\/p>\n<p>Sozialer Frieden ist weder ein vages moralisches Idealbild noch eine wirklichkeitsfremde Utopie. Er ist eine grundlegende Voraussetzung f\u00fcr die Option einer minimal tragf\u00e4higen menschlichen Gesellschaft. Er schlie\u00dft Grundvertrauen, Vorhersehbarkeit, Anerkennung des anderen als Mitmenschen ein, und die berechtigte Erwartung, dass Konflikte nicht systematisch durch Gewalt und Dem\u00fctigung beigelegt werden.<\/p>\n<p>Psychopathische Gier und psychopathischer Fanatismus sind zwei strukturelle St\u00f6rfaktoren dieses Zustands. Der erste f\u00fchrt die Gesellschaft in eine Zone der Ausbeutung, der letzte verwandelt die Welt in eine B\u00fchne st\u00e4ndiger symbolischer Kriege.<\/p>\n<p>Bei einer zur Norm gewordener Gier ist Ungleichheit kein Problem mehr, das behoben werden muss, sondern wird zu einem Organisationsprinzip. Entbehrliche Bev\u00f6lkerungsgruppen, Bereiche, die geopfert werden k\u00f6nnen und nutzloses Leben werden zur Normalit\u00e4t. Gewalt ist nicht immer offensichtlich, aber sie wird strukturell.<\/p>\n<p>Bei einem zur Norm gewordenen Fanatismus verlangt eine starre Identit\u00e4t nach fortdauerndem Konflikt. Frieden wird fragw\u00fcrdig, Widerspruch wird zum Verrat, der andere wird zum Feind, Schaden ist nicht unbeabsichtigt, er ist unerl\u00e4sslich.<\/p>\n<p>Beiden Strukturen ist das Fehlen wirksamer Empathie eigen. Dabei handelt es sich nicht um emotionales Unverm\u00f6gen, sondern um die strukturelle Bedeutungslosigkeit des Leids der anderen bei der Entscheidungsfindung. Wenn diese Konstellationen die Macht ergreifen, verlieren Institutionen ihre vermittelnde Funktion und beginnen zu beherrschen. Das Recht wird seiner Ethik beraubt. Zwang ersetzt Rechtm\u00e4\u00dfigkeit. \u00dcberwachung ersetzt Vertrauen.<\/p>\n<p>Paradoxerweise wirkt sich dieser Schwund des sozialen Friedens am Ende sogar auf diejenigen aus, die scheinbar ihren Nutzen daraus ziehen. Jede Entscheidung erfordert mehr Kontrolle, mehr pr\u00e4ventive Gewalt, mehr Isolation. Das politische Leben verwandelt sich in eine dauerhafte Administration von Chaos.<\/p>\n<p><strong>Trump und Netanjahu: zwei unterschiedliche Auspr\u00e4gungen politischer Psychopathie<\/strong><\/p>\n<p>Donald Trump und Benjamin Netanjahu sollten nicht als Wahnsinnige oder einf\u00e4ltige B\u00f6sewichte betrachtet werden. Sie sind ungew\u00f6hnliche Figuren, im statistischen Sinne anormal, nicht repr\u00e4sentativ f\u00fcr den Durchschnittsmenschen. Beide \u00fcben tats\u00e4chliche Macht aus und richten gewaltigen Schaden an. Sie tun dies jedoch aus unterschiedlichen Haltungen heraus.<\/p>\n<p>Trump verk\u00f6rpert echte identit\u00e4tsorientierte Gier. Sein Verh\u00e4ltnis zur Welt ist habgierig. Dinge \u2013 Geld, Macht, Frauen, Institutionen, L\u00e4nder, Narrative \u2013 sind insofern von Bedeutung als sie sein Selbst best\u00e4tigen. Er regiert nicht aus einem Konzept heraus, sondern aus dem st\u00e4ndigen Bed\u00fcrfnis, zu gewinnen. Gewinnen nicht, um etwas zu erreichen, sondern um zu sein.<\/p>\n<p>Angerichteter Schaden beruht nicht auf \u00dcberzeugung, er ist belanglos. Es gibt keinen inneren Konflikt, kein Schuldbewusstsein, keine symbolische Grenze. Intelligenz ist taktisch, instrumentell, in den Diensten des Charakters. Chaos st\u00f6rt ihn nicht, er instrumentalisiert es. Legalit\u00e4t beschr\u00e4nkt ihn nicht, er benutzt sie.<\/p>\n<p>Netanjahu dagegen wird nicht von Selbstsucht getrieben, sondern vom Fanatismus einer Idee. \u00a0Seine Leitlinie ist nicht unmittelbare pers\u00f6nliche Bereicherung, sondern eine abgeschottete, religi\u00f6s aufgeladene Weltanschauung: \u00a0Sicherheit, historische Sonderstellung, bleibender Feind. Die Welt ist aufgeteilt in \u201eWir\u201c, in die \u201eFeinde\u201c und in die \u201eErsetzbaren\u201c.<\/p>\n<p>Intelligenz ist hier strategisch, vergangenheitsorientiert und weitschweifig, aber der \u00fcbersteigerten Idee untergeordnet. Angerichteter Schaden ist kein Zufall oder \u00dcberma\u00df, er ist eine Voraussetzung f\u00fcr die Wahrscheinlichkeit des Projekts. Das Recht wird zum Werkzeug. Gewalt wird allt\u00e4glich. Frieden wird zur Bedrohung.<\/p>\n<p>Trump w\u00fcrdigt herab. Netanjahu geht planm\u00e4\u00dfig vor. Trump muss gewinnen. Netanjahu muss besiegen. Beiden fehlt es an wirksamer Empathie, und beide best\u00e4tigen, dass, wenn Gier oder Fanatismus sich mit Macht vereinigen, die Regelwidrigkeit zum gemeinsamen Schicksal wird.<\/p>\n<p><strong>Nichtpsychopathische Machtfiguren:\u00a0 Beispiele f\u00fcr Begrenzung und Widerstandsf\u00e4higkeit.<\/strong><\/p>\n<p>Im Hinblick auf diese Konstellationen gibt es historische Beispiele \u2013 wenn auch keine perfekten Beispiele \u2013 die eine andere m\u00f6gliche Verbindung zwischen Charakter, Intelligenz und Macht aufzeigen.<\/p>\n<p>Nelson Mandela regierte S\u00fcdafrika nach jahrzehntelanger Apartheid und 27-j\u00e4hriger Inhaftierung. In einem am Rande eines B\u00fcrgerkriegs stehenden Land setzte er den sozialen Frieden als Voraussetzung f\u00fcr das kollektive \u00dcberleben an erster Stelle. Seine Anpassungsf\u00e4higkeit bestand darin, dass er den erlittenen Schaden nicht in die Art der Aus\u00fcbung von Herrschaft \u00fcbertrug.<\/p>\n<p>Angela Merkel regierte Deutschland, eine mitteleurop\u00e4ische Macht, und wurde mit aufeinanderfolgenden Krisen konfrontiert, ohne ihre Macht f\u00fcr Selbstbeweihr\u00e4ucherung und \u201eidentit\u00e4re Beutez\u00fcge\u201c zu nutzen. Ihre F\u00fchrung war abw\u00e4gend, selbstbegrenzend und auf Stabilit\u00e4t ausgerichtet. Intelligenz bestimmte ihren Charakter.<\/p>\n<p>Jose Mujica regierte Uruguay nach einem von politischer Gewalt gepr\u00e4gten Lebensweg. Anstatt Macht f\u00fcr narzisstische Entsch\u00e4digung zu benutzen, schaltete er sie symbolisch aus. Das Haben war nicht die Grundlage f\u00fcr das sein. Der Widersacher wurde nicht entmenschlicht.<\/p>\n<p>Jacinda Ardern regierte Neuseeland, ein kleines Land ohne Hegemonialbestrebungen, das mit Terrorismus und einer Pandemie konfrontiert war. Sie band Empathie in die politische Infrastruktur mit ein. Ihre Anpassungsf\u00e4higkeit war beziehungsorientiert: sie hielt den sozialen Zusammenhalt auch unter Druck aufrecht.<\/p>\n<p>In diesen Beispielen werden weder Konflikte verleugnet noch wird Politi idealisiert. Sie beweisen, dass Aus\u00fcbung von Macht weder Psychopathie noch Gier noch Fanatismus ben\u00f6tigt.<\/p>\n<p><strong>Schlussfolgerungen:<\/strong><\/p>\n<p>Noch bevor jeglicher gedanklichen Abstraktion wurden Gier und ihre Logik seit Jahrhunderten mit gnadenloser Deutlichkeit geschildert.\u00a0 Nur wenige Szenen verdeutlichen dies so pr\u00e4zise wie der H\u00f6hepunkt von William Shakespeares \u201eDer Kaufmann von Venedig\u201c.<\/p>\n<p>Antonio, der Kaufmann, gelangt nicht durch Bosheit oder kriminellen Leichtsinn an diesen Punkt, sondern durch eine Verkettung erkennbar menschlicher Entscheidungen: Vertrauen, Freundschaft, Gesch\u00e4ftsrisiko. Um seinem Freund Bassanio zu helfen, nimmt er einen Kredit von Shylock auf, einem Geldverleiher, der seit Jahren von der venezianischen Gesellschaft ausgegrenzt und gedem\u00fctigt wird und der von Antonio selbst \u00f6ffentlich verachtet wird. Der Vertrag ist anscheinend ironisch, geradezu ein Witz: sollte die Schuld nicht beglichen werden, darf Shylock ein Pfund Fleisch vom K\u00f6rper des Kaufmanns verlangen.<\/p>\n<p>Zur tragischen Wendung kommt es, als Antonios Schiffe verschollen sind. Das Geld kommt nicht an. Der Vertrag jedoch bleibt g\u00fcltig. Und Shylock fordert seine wortgetreue Erf\u00fcllung.<\/p>\n<p>Die Szene der Gerichtsverhandlung ist in ihrer psychologischen Exaktheit unertr\u00e4glich. Es gibt keine Schreie. Keine Gef\u00fchlsausbr\u00fcche. Es herrscht eine chirurgische K\u00e4lte, die Gewalt vorausahnen l\u00e4sst. Shylock verlangt kein Geld. Er akzeptiert keine Entsch\u00e4digung. Er verhandelt nicht. Er will das Fleisch.<\/p>\n<p>Der Richter &#8211; wie wir sp\u00e4ter erfahren ist es die verkleidete Portia \u2013 versucht zu verstehen. Er beruft sich nicht zuerst auf das Gesetz, sondern auf die menschliche Vernunft. Er fragt nach dem Warum. Warum besteht jener darauf, einen so ungerechtfertigten Schaden zuzuf\u00fcgen, wenn er doch ein vielfaches des Geldes erhalten kann. Warum will er dieses Fleisch?<\/p>\n<p>Shylocks Antwort ist in ihrer moralischen Offenheit niederschmetternd. Er f\u00fchrt keinen praktischen Grund an. Er beruft sich nicht auf Gerechtigkeit. Er appelliert an keine Notwendigkeit. Er bekr\u00e4ftigt lediglich das Eigentumsrecht.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDas Pfund Fleisch, das ich von ihm verlange, ist teuer erkauft; es geh\u00f6rt mir, und ich werde es bekommen.\u201c (Akt IV, Szene I)<\/p>\n<p>Er sagt:\u201c Ich brauche es.\u201c<\/p>\n<p>Er sagt nicht:\u201c Es ist gerecht.\u201c<\/p>\n<p>Er sagt:\u201c Es geh\u00f6rt mir.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Shakespeare stellt hier die gesamte Logik psychopathischer Gier in Kurzform dar. Das Objekt ist weder wegen seines Gebrauchswerts noch wegen seiner wiedergutmachenden Funktion von Bedeutung, sondern weil es sich angeeignet werden kann. Rechtm\u00e4\u00dfigkeit wird auf Besitz reduziert. Haben wird gleichbedeutend mit in der Lage sein etwas zu tun. Das Recht zu zerst\u00f6ren leitet sich von dem Recht zu besitzen ab.<\/p>\n<p>Die Szene wird noch unertr\u00e4glicher, als der Richter den Vertrag zu dessen eigenen Bedingungen anerkennt. Shylock wird die Erlaubnis erteilt, das Fleisch abzuschneiden. Er bekommt genau das, was er verlangt hat. Und genau in diesem Augenblick taucht die Angst auf.<\/p>\n<p>Zum ersten Mal z\u00f6gert Shylock. Nicht aus Mitleid, sondern aus Gewissenhaftigkeit. Er muss genau ein Pfund abschneiden. Kein Tropfen Blut mehr. Kein Gramm weniger. Der menschliche K\u00f6rper, reduziert auf vertragliche Belange, zeigt sich als das, was er immer war: eine Begrenzung, mit der die Gier nicht umzugehen wei\u00df.<\/p>\n<p>Der gefesselte Kaufmann bietet seine Brust. Das Messer wird erhoben. Es herrscht absolute Stille. Die Spannung liegt nicht in der direkten Gewalt, sondern in der Unf\u00e4higkeit des gierigen Mannes, die Folgen seines eigenen Verlangens zu kontrollieren. Das Gesetz, das buchstabengetreu angewendet zu werden hat, richtet sich gegen denjenigen, der sich ohne moralische Hemmung darauf berufen hat.<\/p>\n<p>Shakespeares Genialit\u00e4t liegt nicht darin, Shylock als vereinzeltes Individuum zu verteufeln, sondern darin, aufzuzeigen, wie er zu dem wurde. Shylock wurde nicht als Ungeheuer geboren. Er wird gedem\u00fctigt, ausgegrenzt, auf ein Klischee reduziert. Aber anstatt Leid als Begrenzung zu erfahren, wandelt er es in absolutes Recht um. Leiden erzeugt hier keine Empathie; es schafft Fixierung.<\/p>\n<p>Shakespeares beabsichtigt weder eine deutliche Rechtfertigung noch eine Verurteilung. Es gilt zu zeigen, dass, wenn die Welt ausschlie\u00dflich auf Eigentum, auf Vertr\u00e4ge und auf juristischen Buchstabenglauben ausgerichtet ist, Menschlichkeit aus der Berechnung ausgeklammert wird. Der Zeitpunkt, an dem Shylock sagt \u201ees geh\u00f6rt mir\u201c ist kein Ausbruch, sondern ein ontologisches Bekenntnis. Er kennt keine andere Sprache. Er kann nicht anders sprechen.<\/p>\n<p>Diese Szene nimmt mit erschreckender Deutlichkeit vorweg, was Jahrhunderte sp\u00e4ter in weitaus durchdachteren, institutionellen Formen auftauchen wird: Wenn Besitz zur obersten Grundlage des Rechts wird, wenn Intelligenz in den Diensten des Charakters anstatt der Begrenzung steht, bricht der soziale Frieden von innen zusammen. Nicht durch direkten Hass, sondern durch strukturelle Gleichg\u00fcltigkeit.<\/p>\n<p>Shakespeare verfasst keine Allegorie des absolut B\u00f6sen. Er schreibt eine Warnung. Das Messer, das \u00fcber Antonios Brust schwebt, bedroht nicht nur ein Individuum, sondern eine Gesellschaftsform, die Rechtm\u00e4\u00dfigkeit mit Gerechtigkeit und Eigentum mit moralischer Legitimit\u00e4t verwechselt hat.<\/p>\n<p>Von diesem Punkt aus \u2013 nicht in der Theorie, sondern durch das entbl\u00f6\u00dfte Fleisch &#8211; wird es unm\u00f6glich, weiterhin von Gier als reinem Ehrgeiz oder subjektiver Eigenschaft zu sprechen. Hier enth\u00fcllt die Gier ihr Innerstes: Wollen, weil es mir geh\u00f6rt, und wollen, selbst wenn der Preis daf\u00fcr die Zerst\u00f6rung des anderen ist\u2026. und letztendlich die eigene.<\/p>\n<p>Gier bedeutet nicht, mehr haben zu wollen. Es bedeutet, zu wollen, um zu sein. Wenn sie als strukturelles Charaktermerkmal ausgeformt ist und mit Macht in Ber\u00fchrung kommt, verursacht sie anhaltenden Schaden, nicht durch ein \u00dcberma\u00df an Menschlichkeit, sondern durch deren R\u00fcckgang.<\/p>\n<p>Politische Psychopathie ist keine psychische Erkrankung, sondern eine Anomalie des Charakters, welche von modernen Gesellschaften weiterhin als Anpassungsvorteil bevorzugt werden. Nicht weil es der Mehrheit entspricht, sondern weil dies das Fehlen von Begrenzungen, die Instrumentalisierung anderer und den Schwund des sozialen Friedens besser zulassen kann.<\/p>\n<p>Trump und Netanjahu verk\u00f6rpern nicht das unvermeidliche Schicksal von Herrschaft. Sie stellen au\u00dfergew\u00f6hnliche Konstellationen dar, die, wenn sie an die Macht gelangen, die moralische Zerbrechlichkeit der Systeme offenlegen, die sie legitimieren. Mandela, Merkel, Mujica und Ardern zeigen, dass historisch gesehen eine andere Beziehung zwischen Charakter, Intelligenz und Macht m\u00f6glich gewesen war.<\/p>\n<p>Die letzte Frage ist nicht psychologischer, sondern politischer und anthropologischer Natur: welche Art von Menschlichkeit wird reproduziert, wenn Macht Gier und Fanatismus belohnt werden und welche gemeinsamen Mechanismen erm\u00f6glichen es, dass Intelligenz wieder den Charakter lenkt, anstatt ihn zu erledigen.<\/p>\n<p>Die Verteidigung des sozialen Friedens ist keine moralische Blau\u00e4ugigkeit.\u00a0 Es ist eine Strategie des kollektiven \u00dcberlebens. Sogar \u2013 und besonders \u2013 f\u00fcr diejenigen, die glauben, dass sie ihn nicht brauchen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><em>Die \u00dcbersetzung aus dem Englischen wurde von Doris Fischer vom ehrenamtlichen Pressenza-\u00dcbersetzungsteam erstellt. <\/em><\/strong><a href=\"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/mitarbeiten\/\"><strong><em>Wir suchen Freiwillige!<\/em><\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eEs ist schon merkw\u00fcrdig, Harry, aber vielleicht sind diejenigen, die am besten geeignet sind, Macht auszu\u00fcben, diejenigen, die sie nie angestrebt haben. 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