{"id":2665929,"date":"2026-01-06T11:49:05","date_gmt":"2026-01-06T11:49:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=2665929"},"modified":"2026-01-10T09:20:06","modified_gmt":"2026-01-10T09:20:06","slug":"gnade-oder-fluch-der-spruch-von-der-gnade-der-spaeten-geburt-gehoert-vom-kopf-auf-die-fuesse-gestellt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2026\/01\/gnade-oder-fluch-der-spruch-von-der-gnade-der-spaeten-geburt-gehoert-vom-kopf-auf-die-fuesse-gestellt\/","title":{"rendered":"Gnade oder Fluch? Der Spruch von der \u201eGnade der sp\u00e4ten Geburt\u201c geh\u00f6rt vom Kopf auf die F\u00fc\u00dfe gestellt"},"content":{"rendered":"<p><strong>Einer der d\u00fcmmsten Spr\u00fcche der Nachkriegszeit ist der von der \u201eGnade der sp\u00e4ten Geburt\u201c, den der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl gepr\u00e4gt hatte. Er legt nahe, dass man, weil sp\u00e4t geboren, in der Nazizeit keine Schuld mehr auf sich habe laden k\u00f6nnen.<\/strong><\/p>\n<p><em>von Barbara Volhard<\/em><\/p>\n<p>Kohl war Jahrgang 1930 und war nur mit Gl\u00fcck der Rekrutierung in den \u201eVolkssturm\u201c entgangen, in den 1945 alle Jungen ab 15 Jahren eingezogen wurden. Die meisten Jungen seines Alters hatten dieses Gl\u00fcck nicht. Wenn man den Film \u201eDie Br\u00fccke\u201c gesehen hat, bekommt man eine Ahnung davon, was das damals bedeutete (<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=i8J7QYHR_Qw\">der Film ist auf Youtube noch zu sehen<\/a>). Es gibt schreckliche Geschichten von fanatischen Hitlerjungen, die als Volkssturmangeh\u00f6rige mit Waffen ausgestattet die wenigen Fl\u00fcchtlinge, denen es gelang aus KZs oder von Todesm\u00e4rschen zu fliehen, gnadenlos erschossen haben. Das ist ihnen kaum vorzuwerfen, denn selbst ich, vier Jahre j\u00fcnger als Kohl, hatte schon 1944 als Zehnj\u00e4hrige die zweifelhafte Chance, schuldig zu werden, und es war mehr Gl\u00fcck als Verstand, dass ich es nicht wurde. Um das erz\u00e4hlen zu k\u00f6nnen, muss ich ausholen und die Indoktrination beschreiben, der ich als Kind schon in der Grundschule ausgesetzt war und die dazu f\u00fchrte, dass ich meinen Verstand fast nicht eingesetzt h\u00e4tte.<\/p>\n<p><strong>Hintergrund<\/strong><\/p>\n<p>Dazu geh\u00f6rt auch, wo wir wohnten und warum. Mein Vater war Arzt und hatte seit 1935 eine Stelle als Oberarzt und Privatdozent an der Uniklinik in Danzig. Als die Nazis 1939 Polen besetzt und auch Danzig eingenommen hatten, machte er im Freundeskreis eine positive Bemerkung \u00fcber Juden. Sofort wurde er von einem seiner \u201eFreunde\u201c bei der GESTAPO angezeigt. Die Folge war: Ihm wurde seine Lehrerlaubnis an der Universit\u00e4t entzogen und er wurde strafversetzt an das St\u00e4dtische Krankenhaus in Bromberg (heute Bydgoszcz), wo er immer wieder auf die Kommandantur zitiert wurde, um sich dort beschimpfen zu lassen, dass er sich nicht wie ein \u201erichtiger Deutscher\u201c verhalte. Er hatte beispielsweise polnischen Patienten genauso wie deutschen Patienten bei der Visite die Hand gegeben: So etwas tut ein anst\u00e4ndiger Deutscher nicht. Das alles erfuhr ich erst sehr viel sp\u00e4ter, aber es erkl\u00e4rt, warum meine Eltern sich h\u00fcteten, meiner schulischen Indoktrination etwas entgegenzusetzen.<\/p>\n<p><strong>Was ich in der Schule lernte<\/strong><\/p>\n<p>So wurde ich 1940 in Bromberg eingeschult. In der dritten und vierten Klasse hatten wir Frau Pich als Klassenlehrerin, und nun wurde es ernst. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte mir Papi die Welt erkl\u00e4rt, jetzt erkl\u00e4rte sie Frau Pich. Wir lernten nicht nur Lesen, Schreiben, Rechnen und Heimatkunde, sondern vor allem eine ganze Rangordnung von besseren und schlechteren Rassen, besseren und weniger guten Deutschen und besseren und schlechteren Feinden.<\/p>\n<p>Die beste Rasse waren die Germanen, zu denen wir Deutschen auch geh\u00f6rten, auch die Engl\u00e4nder, nur dass die leider unsere Feinde waren, aber immerhin als Germanen bessere Feinde. Eine schlechtere Rasse waren die Romanen, zu denen die Franzosen geh\u00f6rten, die \u201enat\u00fcrlich\u201c unsere Feinde waren. Nur waren die Italiener auch Romanen, aber die waren mit uns verb\u00fcndet und deshalb irgendwie besser. Das war verwirrend, aber jede Regel hat halt ihre Ausnahme, und dahin geh\u00f6rte dies wohl auch.<\/p>\n<p>Die schlechteste Rasse waren die Slawen, zu denen die Russen und die Polen geh\u00f6rten. Die waren Untermenschen. Aber auch da gab es eine Ausnahme: von den Ukrainern n\u00e4mlich waren ganze Regimenter zu uns \u00fcbergelaufen und k\u00e4mpften mit uns gegen die Russen, daher waren sie auch irgendwie besser. Und Klara, Adalbert und Frau Poszlednik, die bei uns im Hause wohnten, waren zwar Polen, aber von denen wusste ich nun genau, dass sie keine Untermenschen waren, daher mussten sie auch zu den Ausnahmen geh\u00f6ren.<\/p>\n<p><strong>Mensch oder Tier?<\/strong><\/p>\n<p>Dann gab es noch Wesen, die weit unter den Untermenschen standen, das waren die Juden. Frau Pich sprach von ihnen nur als Bestien, Sch\u00e4dlinge, die den Untergang Deutschlands wollten. Ich stellte sie mir als eine Mischung von Mensch und Tier vor. In der Fibel gab es eine abschreckende Karikatur dieser Wesen, und wir bekamen Angst vor ihnen. Aber da beruhigte uns Frau Pich: Wir brauchten keine Angst vor ihnen zu haben, denn der F\u00fchrer habe sie bereits alle ausgerottet. Sie sagte wirklich \u201eausgerottet\u201c, und das beruhigte mich wirklich. Denn Sch\u00e4dlinge mussten doch ausgerottet werden, nicht wahr?<\/p>\n<p><strong>Der F\u00fchrer als Pop-Idol<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcberhaupt: der F\u00fchrer. Den hatte Gott gesandt, um Deutschland zu retten. Das konnte man schon daran erkennen, dass er w\u00e4hrend des 1. Weltkrieges, in dem er tapfer gek\u00e4mpft hatte, so verletzt wurde, dass er erblindete. Aber Gott hatte ihm sein Augenlicht wieder gegeben, damit er Deutschland retten k\u00f6nne. Frau Pich schilderte uns den F\u00fchrer als so wundervolle, heldenhafte Figur, dass ich \u2013 und ich vermute auch meine Klassenkamerad:innen \u2013 f\u00fcr ihn schw\u00e4rmte wie heute viele Kinder oder Jugendlichen f\u00fcr ein Musik-Idol. Selbstverst\u00e4ndlich hatte ich \u201eF\u00fchrer, Volk und Vaterland\u201c innerlich Treue geschworen, und h\u00e4tte man mich aufgefordert, f\u00fcr diesen F\u00fchrer und dieses Vaterland zu sterben, h\u00e4tte ich auch das gerne und voller \u00dcberzeugung getan, so wie heutzutage in manchen Kulturen Kinder zu bewegen sind, sich f\u00fcr Bombenattentate zu opfern.<\/p>\n<p><strong>Kinder sind nicht ernst zu nehmen<\/strong><\/p>\n<p>Ich erinnere nochmal daran: Ich war acht, neun, zehn Jahre alt, als ich all dies lernte und glaubte. Ich vermute, dass meine Eltern \u00fcber das Ausma\u00df von Indoktrination, dem ich da ausgesetzt war, wenig wussten. Unsere Tischgespr\u00e4che hatten andere Themen. Die \u00fcbliche Frage von Eltern: \u201eWie war\u2019s in der Schule?\u201c wurde von mir vermutlich mit dem ebenso \u00fcblichen \u201eOch, wie immer\u201c beantwortet (wie ich das jedenfalls aus sp\u00e4teren Zeiten erinnere).<\/p>\n<p>Als ich am 20. Juli 1944 im Radio hell entsetzt von dem Attentat auf Hitler erfuhr, sagte ich zu meiner Mutter so etwas wie \u201eIst das nicht schrecklich?\u201c und erinnere von ihr ein sehr laues \u201eJa, ja.\u201c Dass ihre Reaktion so lau war, fiel mir nicht weiter auf, denn ich schob es auf meine Erfahrung, dass ich als Kind eben nicht ernst genommen wurde, solche Dinge mit mir nicht besprochen wurden. Daher erschien mir das \u201enormal\u201c. So normal, wie ich auch fand, was Frau Pich von uns forderte: \u201eWenn eure Eltern etwas gegen Hitler sagen, m\u00fcsst ihr mir das sagen, dann muss ich mal mit ihnen reden!\u201c Selbstverst\u00e4ndlich h\u00e4tte ich das getan, denn meine Eltern, das wusste ich, h\u00e4tten mir doch nicht geglaubt, wie gro\u00dfartig Hitler war. Nein, da h\u00e4tte schon Frau Pich \u201emit ihnen reden\u201c m\u00fcssen. Soviel zur \u201eGnade der sp\u00e4ten Geburt\u201c. Schon dadurch h\u00e4tte ich mit acht oder neun Jahren schuldig werden k\u00f6nnen. Wurden andere Kinder vielleicht in \u00e4hnlicher Weise \u201eschuldig\u201c? Konnten sie danach damit weiterleben?<\/p>\n<p><strong>Hausaufgabe Zeitungslekt\u00fcre<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcbrigens geh\u00f6rte zu unseren Hausaufgaben schon in der dritten Grundschulklasse die t\u00e4gliche Zeitungslekt\u00fcre, vor allem des Wehrmachtsberichts. Dar\u00fcber wurden wir am n\u00e4chsten Tag abgeh\u00f6rt und mussten jeweils in der Lage sein, den Frontverlauf mit F\u00e4hnchen auf der gro\u00dfen in der Klasse h\u00e4ngenden Karte abzustecken. Dadurch blieb uns nat\u00fcrlich auch nicht verborgen, wie die Ostfront uns in Bromberg st\u00e4ndig n\u00e4her kam. Aber auch da beruhigte uns Frau Pich: Der F\u00fchrer lie\u00df gerade an einer Wunderwaffe arbeiten. Die war fast fertig und so gro\u00dfartig, dass sie auf einen Schlag den Krieg beenden w\u00fcrde. Heute kennen wir diese \u201eWunderwaffe\u201c unter dem Namen Atombombe.<\/p>\n<p><strong>Noch einen Vater zu haben wird peinlich<\/strong><\/p>\n<p>Weniger gro\u00dfartig war, dass immer mehr Kinder aus meiner Klasse ihre V\u00e4ter verloren, die \u2013 wie den Todesanzeigen zu entnehmen war \u2013 alle den Heldentod gestorben waren, selbstverst\u00e4ndlich im Dienst von F\u00fchrer, Volk und Vaterland. Keinen Vater mehr zu haben, wurde langsam \u201enormal\u201c, und mir wurde es fast peinlich, dass mein Vater nicht an der Front k\u00e4mpfte, also kein Held war und deshalb noch lebte. Zwar war ich einerseits froh dar\u00fcber, andererseits beantwortete ich die von vielen Erwachsenen immer \u00fcblicher werdende \u201etaktvolle\u201c Frage nach meinem Vater trotzig mit dem Satz: \u201eEr ist an der Heimatfront eingesetzt.\u201c<\/p>\n<p><strong>\u201eHeim\u201c ins Reich<\/strong><\/p>\n<p>Die Ostfront kam jedoch immer n\u00e4her, und im Sommer 1944 schickten daher viele M\u00e4nner ihre Frauen und Kinder \u201eheim ins Reich\u201c. Das wurde dann wegen Def\u00e4tismus verboten (\u201eDef\u00e4tist\u201c war, wer nicht an den Sieg glaubte) und f\u00fchrte in letzter Konsequenz dazu, dass am Schluss, als schon alle eingekesselt waren und die Flucht endlich erlaubt wurde, es kaum noch Fluchtm\u00f6glichkeiten gab.<\/p>\n<p>Gleichzeitig aber wurde mein Vater von Bromberg nach Gotenhafen (heute Gdynia) versetzt, wir mussten also dort hin umziehen. Ich war damals zehn Jahre, meine j\u00fcngere Schwester sieben Jahre, meine j\u00fcngste Schwester zehn Monate alt. Es gelang meiner Mutter, die Erlaubnis zu bekommen, uns drei Kinder zu Verwandten im Reich zu bringen, angeblich nur f\u00fcr die Zeit des Umzugs, damit wir \u201eaus dem Wege\u201c waren. Sie musste jedoch versprechen, uns gleich danach wieder zur\u00fcck zu holen. Au\u00dferdem konnte sie uns dort nur \u201eabliefern\u201c und musste noch mit dem gleichen Bus, mit dem wir in Masserberg\/Th\u00fcringen ankamen, wieder zur\u00fcck fahren.<\/p>\n<p>In Masserberg hatte mein Gro\u00dfvater ein Ferienhaus, das \u2013 weil er zehn Kinder hatte \u2013 recht gro\u00df war. Nun allerdings waren mehrere Familien dieser Kinder, meist M\u00fctter mit ihren Kindern, vor den Bomben in Frankfurt und Magdeburg dorthin geflohen, so dass in dem Haus damals 21 Menschen wohnten, darunter mit uns Dreien 13 Kinder im Alter von wenigen Monaten bis 14 Jahren. Im Februar des n\u00e4chsten Jahres kamen meine Eltern noch dazu, und es wurde noch enger. Aber von September 1944 bis Februar 1945, also ein halbes Jahr lang war ich dort ohne meine Eltern.<\/p>\n<p><strong>Einsam unter lauter Kindern<\/strong><\/p>\n<p>Ich hatte mich sehr auf diese Reise gefreut: Endlich w\u00fcrde ich meine Kusinen und Vettern kennenlernen! Und ein Haus voller Kinder, das war sicher spannend! Ich hatte nat\u00fcrlich keine Ahnung, dass dies einen Abschied f\u00fcr immer bedeuten w\u00fcrde, Abschied von meiner Heimat, von meinen Freundinnen, vom Meer, nach dem ich mich so sehnte, denn nat\u00fcrlich glaubte ich die M\u00e4r von der baldigen R\u00fcckkunft. Und ich freute mich auf die Wohnung in Gotenhafen, die ganz nahe am Meer lag, wie mein Vater in Briefen beschrieb.<\/p>\n<p>Es wurde ein halbes Jahr gro\u00dfer Einsamkeit. Die j\u00fcngeren Kinder waren mir zu jung, den \u00c4lteren war ich zu jung. Ich ging zur Schule in ein nach Masserberg evakuiertes D\u00fcsseldorfer Gymnasium, f\u00fcr welches das Kurhaus in ein Internat umgewandelt worden war. In der Klasse fand ich als Ausw\u00e4rtige keinen Anschluss, vielleicht auch, weil es den Kindern in dieser Klasse auch nicht besser ging als mir: auch sie waren ja von ihren Eltern getrennt. Irgendwann fing ich an, wieder in die Hose zu machen, wof\u00fcr ich mich halb zu Tode sch\u00e4mte: Mit zehn Jahren noch in die Hose machen, und das auch noch jeden Tag! Nat\u00fcrlich begriff ich nicht, dass das psychogen war, ich war nur voller Entsetzen und Scham. Eine Tante, der ich mich anvertrauen musste, denn ich brauchte ja t\u00e4glich frische W\u00e4sche, reagierte zum Gl\u00fcck sehr vern\u00fcnftig darauf, so dass ich schlie\u00dflich so viel Vertrauen zu ihr bekam, dass ich das \u201eIn-die-Hose-machen\u201c nach einer Weile wieder sein lassen konnte. Aber ich wei\u00df nur zu gut, wie es den vielen Kindern ging, die in die \u201eKinderlandverschickung\u201c kamen, die manchmal in fremden Pflegefamilien landeten, oft aber in Heimen, in denen ihnen vermutlich kaum jemand half, wie auch die \u201everschickten\u201c Kinder in jenem D\u00fcsseldorfer Gymnasium.<\/p>\n<p><strong>Der neue Onkel<\/strong><\/p>\n<p>Im Herbst 1944 \u2013 ich vermute Oktober \u2013 klopfte ich eines Tages an die T\u00fcr jener Tante, wartete aber nicht auf ein \u201eHerein\u201c, sondern \u00f6ffnete gleich die T\u00fcr. Zu meinem Schrecken lag da ein fremder Mann in ihrem Bett! Schnell wollte ich die T\u00fcr wieder zumachen, da winkte er mich heran, fragte mich, wer ich sei und erkl\u00e4rte mir dann: Er sei der Mann meiner Tante, der Bruder meines Vaters, und ich d\u00fcrfe niemandem sagen, dass er hier sei. Ich nickte verwirrt, wusste immerhin, dass dieser Bruder meines Vaters Luftwaffenpilot war, sah im Hinausgehen seine Uniform \u00fcber einen Stuhl h\u00e4ngen und blieb drau\u00dfen entgeistert stehen. Denn ich dachte: Wenn ich niemandem sagen darf, dass dieser Onkel hier ist, dann hei\u00dft das doch, dass er nicht auf Urlaub hier ist. Das aber hei\u00dft doch, dass er desertiert ist. Und das hei\u00dft wiederum: Dann ist er doch ein Verr\u00e4ter an F\u00fchrer, Volk und Vaterland! Ein Feigling! Also muss ich ihn doch melden!<\/p>\n<p>Aber dann \u2013 das wusste ich sehr genau \u2013 wird er erschossen. Das fand ich auch richtig so: Wie sollten wir denn den Sieg erringen, wenn die Soldaten feige davon liefen? Andererseits war er mein Onkel, der Mann jener Tante, der Vater von drei Kusinen. Ich geriet in einen f\u00fcrchterlichen Konflikt zwischen zwei f\u00fcr mich gleichwertige Loyalit\u00e4ten: Der Loyalit\u00e4t zu \u201eF\u00fchrer, Volk und Vaterland\u201c und der Familien-Loyalit\u00e4t. Und ich war entsetzlich alleine damit, denn ich konnte ja niemanden fragen: In der Familie w\u00fcrden nat\u00fcrlich alle sagen, dass ich den Onkel nicht melden d\u00fcrfte, h\u00e4tte ich aber die Lehrerin gefragt, h\u00e4tte ich ihn doch schon verraten.<\/p>\n<p><strong>Gl\u00fcck und Verstand<\/strong><\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht mehr, wie lange ich damit herumlief, ob Tage oder Wochen. Jedenfalls aber kam ich an einen Punkt, an dem ich es nicht mehr aushielt. Mir war klar, dass ich eine Entscheidung f\u00e4llen musste und dass ich daf\u00fcr nochmal sehr genau nachdenken musste. Denn das hatte ich durch eine fr\u00fchere, ganz unpolitische, aber wichtige Erfahrung mit sieben Jahren schon gelernt: Wenn man genau nachdenkt (also seinen Verstand einschaltet), dann kann man sich aus schrecklichen, sogar lebensbedrohlichen Situationen selbst herausarbeiten. Dem Professor Schmidt, Ordinarius f\u00fcr Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten an der Universit\u00e4t Danzig, der mir damals zu dieser Erkenntnis verhalf, bin ich bis heute dankbar.<\/p>\n<p>Ich setzte mich also hin, dachte sorgf\u00e4ltig nach und kam zu folgender \u00dcberlegung: Wenn ich den Onkel melde, wird er erschossen. Das kann ich nicht mehr r\u00fcckg\u00e4ngig machen. Wenn ich ihn aber nicht melde, kann ich das noch r\u00fcckg\u00e4ngig machen. Ich beschloss also, ihn \u2013 vorl\u00e4ufig! \u2013 nicht zu melden und hoffte, dass von irgendwoher noch ein Zeichen kommen w\u00fcrde, das mir sagen w\u00fcrde, ob ich ihn doch \u2013 oder vielleicht auch nicht \u2013 melden m\u00fcsse. Das mag wie ein ziemlich sophistisches Herumdr\u00fccken um eine Entscheidung aussehen. Aber diese jetzt bewusste Entscheidung entlastete mich dennoch, weil ich die eigentliche Entscheidung nun an ein kindlich-magisch erhofftes \u201eZeichen\u201c abgegeben hatte. Ich war immerhin erst zehn Jahre alt!<\/p>\n<p><strong>Das Wunder<\/strong><\/p>\n<p>Und dann geschah das Wunder: Das \u201eZeichen\u201c kam! Allerdings erst im Januar 1945. In den Monaten bis dahin war dieser Onkel weiterhin f\u00fcr mich nichts weiter als ein Feigling und ein Verr\u00e4ter, ich hatte nur Verachtung f\u00fcr ihn \u00fcbrig. Im Januar 1945 aber war meine j\u00fcngste Schwester, die im September 1944, als wir nach Masserberg kamen, erst 10 Monate alt gewesen war, nun 14 Monate alt. Sie konnte stehen, aber noch nicht laufen. Eines Tages aber \u00f6ffnete ich die T\u00fcr zu dem allgemeinen Aufenthalts- und Esszimmer und blieb stehen: Da sa\u00df der Onkel, hatte meine kleine Schwester vor sich hingestellt und sie torkelte jubelnd und juchzend auf ihn zu. Er fing sie auf, stellte sie wieder hin, ermunterte sie immer wieder zum Laufen und sie war sichtbar gl\u00fccklich. Die ganze Szene hatte etwas so Liebevolles an sich, dass ich sofort wusste: Das war das \u201eZeichen\u201c! Ich musste ihn nicht melden!<\/p>\n<p>Ich war unendlich erleichtert. Zugleich aber hatte ich diesen Onkel zum ersten Mal als den liebevollen Menschen gesehen, der er wirklich war, nicht als das Zerrbild, als das ich ihn zu sehen gelehrt worden war. Als die Amerikaner im April 1945 Masserberg besetzten, zog er seine Uniform an und ergab sich. Als ich das sah, dachte ich entsetzt: Warum tut er das? Jetzt wird er doch erschossen! Ich hatte noch nicht gelernt, dass Kriegsgefangene keineswegs immer erschossen werden.<\/p>\n<p><strong>Erinnerung und sp\u00e4tes Begreifen<\/strong><\/p>\n<p>Ich nehme an, weil die Geschichte gut ausgegangen war, konnte ich sie vergessen. Als sie mir wieder einfiel, waren sowohl meine Eltern als auch jener Onkel und meine Tante verstorben, und ich hatte sie nie jemandem erz\u00e4hlt. Nun aber war ich etwa 60 Jahre alt und jetzt wurde mir hei\u00df und kalt. Denn erst jetzt begriff ich, auf welch messerscharfem Grat ich damals herum balanciert war und wie leicht ich auf der falschen Seite h\u00e4tte abrutschen k\u00f6nnen. Ich begriff, dass es eine Mischung aus Gl\u00fcck und Verstand war, die mich damals gerettet hatte. Das Gl\u00fcck bestand darin, dass es sich um einen Familienangeh\u00f6rigen handelte. W\u00e4re es ein Fremder gewesen, ich h\u00e4tte ihn sofort und bedenkenlos gemeldet. So aber hatte mich dieses Gl\u00fcck gezwungen, meinen Verstand einzusetzen. Und zugleich wusste ich: H\u00e4tte ich damals falsch entschieden, h\u00e4tte ich nicht nur meinen Onkel in den Tod geschickt, sondern w\u00fcrde auch selbst nicht mehr leben. Denn ich bezweifle, dass ich mit dieser Schuld h\u00e4tte leben k\u00f6nnen, ich glaube nicht, dass ich sie mir in Hinblick darauf, dass ich ja nur ein Kind war, h\u00e4tte verzeihen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Zugleich fragte ich mich, wie viele Kinder meiner Alterskohorte es wohl gegeben haben mag, die \u00e4hnliche Entscheidungen haben treffen m\u00fcssen, und wieviele davon wohl sp\u00e4ter nicht damit haben leben k\u00f6nnen oder wenn doch, wie. Vielleicht damit, dass sie jenen uns\u00e4glichen Spruch von der \u201eGnade der sp\u00e4ten Geburt\u201c f\u00fcr sich als Entlastung in Anspruch nahmen?<\/p>\n<p><strong>Entsetzliche Frage \u2013 und keine Antwort<\/strong><\/p>\n<p>Ich konnte das nicht. Als ich 1969 in Ausschwitz das erste Mal ein KZ besuchte, war ich ersch\u00fcttert. Allerdings nicht nur von dem Grauen, das mich schon 1945 als Elfj\u00e4hrige mit den Bildern in den Besatzungszeitungen schockiert und traumatisiert hatte, sondern auch von der Erkenntnis, dass ich mir eine entsetzliche Frage nicht wirklich beantworten konnte: Was w\u00e4re geschehen, wenn meine schulische Erziehung bruchlos so weitergegangen w\u00e4re, w\u00e4re ich dann mit 18 Jahren vielleicht eine ganz brauchbare KZ-W\u00e4rterin oder KZ-Sekret\u00e4rin geworden? Ich war 35 Jahre alt und wusste nur zu gut, wie dumm und gedankenlos ich als 18-J\u00e4hrige noch gewesen war.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund sehe ich die Verurteilung damals 18-19-J\u00e4hriger mit gemischten Gef\u00fchlen, genauso wie die angeblich so gro\u00dfartige \u201eVerarbeitung\u201c unserer Vergangenheit. Da ist nichts \u201everarbeitet\u201c worden, im Gegenteil. Die meisten derjenigen, die wussten, was sie taten, kamen auch nach der Hitlerzeit wieder in Amt und W\u00fcrden oder konnten mit staatlicher oder kirchlicher Hilfe fliehen. Verurteilt wurden diejenigen, die vielleicht zu jung oder zu dumm waren, wirklich zu verstehen, was sie taten, wobei sie vermutlich tats\u00e4chlich nur gedankenlos Befehlen gefolgt waren. Das kann man von den Globkes, Kiesingers und Filbingers, um nur wenige Beispiele von vielen zu erw\u00e4hnen, kaum sagen. (Wer dar\u00fcber Genaueres wissen will, lese das Buch von Ralph Giordano: \u201eDie zweite Schuld\u201c).<\/p>\n<p><strong>Hilflosigkeit<\/strong><\/p>\n<p>Vor allem aber wurden wir, die Sp\u00e4tgeborenen und die noch J\u00fcngeren alleine gelassen mit dieser sogenannten \u201eVerarbeitung\u201c. Das begann schon mit unserem Geschichtsunterricht, der zumindest teilweise noch von Nazilehrern erteilt wurde, die sich erfolgreich darum dr\u00fcckten, uns die Geschichte von 1933-1945, geschweige denn, wie es dazu kam zu lehren. Mein eigener Geschichtsunterricht (Abitur 1953) endete zum Beispiel im Jahr 1914. Sp\u00e4ter h\u00f6rte ich von J\u00fcngeren, dass das auch in den fr\u00fchen 60er Jahren noch so war. Als ich in den 90er Jahren mit einem Bekannten, der ungef\u00e4hr 10 Jahre j\u00fcnger als ich gewesen sein mochte, \u00fcber die Geschichte mit meinem Onkel sprach, erz\u00e4hlte er mir, dass sich ein Drittel (!) seiner Klassenkameraden umgebracht h\u00e4tten, weil sie mit ihren Nazi-V\u00e4tern nicht mehr h\u00e4tten leben k\u00f6nnen. Diese Suizide sind schrecklicher Ausdruck der Hilflosigkeit, der wir J\u00fcngeren ausgeliefert blieben. F\u00fcr diese Jungen war ihre sp\u00e4te Geburt zum t\u00f6dlichen Fluch geworden.<\/p>\n<p>Auch in meiner Ausbildung zur Lehrerin f\u00fcr Deutsch und Englisch in den 70er Jahren war nie die Rede von Geschichte oder Vergangenheitsbew\u00e4ltigung, geschweige denn davon, wie wir die unseren Sch\u00fclern beibringen sollten. So dass auch ich nur hilflos war angesichts von Bemerkungen wie: \u201eMeine Oma sagt, das war alles ganz anders\u201c. Was sollte ich auch gegen eine Oma sagen, die nicht verkraften konnte, dass ihr Mann f\u00fcr ein Verbrecher-Regime gestorben war!<\/p>\n<p><strong>Unterschiedlich wertvolle Deutsche<\/strong><\/p>\n<p>Die \u201eGnade der sp\u00e4ten Geburt\u201c ist also eine Fiktion. Es gab jedoch eine \u201eGnade\u201c der fr\u00fchen (!) Geburt, von der allerdings kaum jemand etwas wei\u00df, weshalb es notwendig ist, davon zu erz\u00e4hlen. Daf\u00fcr muss ich nochmal zu Frau Pich zur\u00fcckkehren.<\/p>\n<p>In Frau Pichs Denkuniversum hatten n\u00e4mlich auch Deutsche unterschiedliche Wertigkeiten. Am h\u00f6chsten stehend waren die Reichsdeutschen, das waren die Deutschen, die nach der Besetzung in diesen jetzt \u201eWestpreu\u00dfen\u201c genannten Teil Polens gezogen waren. Zu denen geh\u00f6rte auch meine Familie, und ich war stolz darauf, nicht nur Germanin, sondern auch Reichsdeutsche zu sein.<\/p>\n<p>Dann gab es die Volksdeutschen, die einen geringeren \u201eWert\u201c hatten. Das waren Deutsche, die auch schon in Bromberg gewohnt hatten, als es noch polnisch war (und von denen manche viele Jahrzehnte sp\u00e4ter als \u201eAussiedler\u201c nach Westdeutschland kommen sollten). Zwar vermittelte uns Frau Pich diese Wertigkeit, wir jedoch machten innerhalb unserer Schulklasse keinen Unterschied zwischen Reichs- und Volksdeutschen.<\/p>\n<p>Die drittbesten Deutschen waren die \u201eEingedeutschten\u201c. Das waren diejenigen Polen oder sonstigen Ausl\u00e4nder, die Deutschland laut Frau Pich so wunderbar fanden, dass sie unbedingt Deutsche werden wollten und daher \u201eeingedeutscht\u201c wurden. Solche \u201eEingedeutschten\u201c sollten wir kennenlernen und zugleich auch lernen, dass Frau Pich offensichtlich gar nichts von ihnen hielt.<\/p>\n<p><strong>\u201eEingedeutschte\u201c<\/strong><\/p>\n<p>In unserem Klassenzimmer standen damals jene Schulb\u00e4nke, die es heute vielleicht gar nicht mehr gibt: Je eine Bank, zusammengeschraubt mit einem Tisch f\u00fcr zwei Sch\u00fcler:innen. Diese Schulb\u00e4nke standen in drei Reihen von jeweils sechs oder sieben B\u00e4nken hintereinander. Wir sa\u00dfen verteilt \u00fcber diese drei Reihen, als uns Frau Pich eines Tages (ich glaube, in der vierten Klasse, da waren wir 9 Jahre alt) befahl, uns auf zwei Reihen zusammen zu setzen, so dass die dritte Reihe frei blieb. Schon das gefiel uns gar nicht, wir mussten uns ja ganz anders zusammensetzen als wir vorher gesessen hatten.<\/p>\n<p>Dann ging die T\u00fcr auf, und herein kamen 12-14 Kinder unseres Alters, die sich auf die Pl\u00e4tze der freigemachten Schulbank-Reihe setzten. Darunter war ein M\u00e4dchen, das so wundersch\u00f6n war mit ihren wei\u00dfblonden Haaren, dass ich sofort dachte: Die m\u00f6chte ich zur Freundin haben! Daraus wurde allerdings nichts. Denn nun erkl\u00e4rte uns Frau Pich, diese Kinder seien eingedeutschte Polen. Wir h\u00e4tten die Aufgabe, sie zu bewachen und darauf zu achten, dass sie kein Polnisch sprechen. Zus\u00e4tzlich ordnete sie den besseren Sch\u00fcler:innen unter uns je eines dieser Kinder zu, auch mir. Wir hatten in den kleinen Pausen die Hausaufgaben dieser Kinder f\u00fcr die jeweils n\u00e4chste Stunde zu \u00fcberpr\u00fcfen und Fehler mit Bleistift anzustreichen. Das wurde dann anschlie\u00dfend von Frau Pich kontrolliert.<\/p>\n<p><strong>Heimlicher Widerstand Neunj\u00e4hriger<\/strong><\/p>\n<p>Das war das erste Mal, dass sich bei mir so etwas wie Widerspruchsgeist regte. Was sollte das? Diese Kinder waren jetzt doch Deutsche, also war doch alles in Ordnung? Sollten wir gar petzen? Also das ging gar nicht. Ich vermute mal, die anderen in der Klasse dachten \u00e4hnlich, nur sprachen wir leider nie dar\u00fcber. Mir war ein Junge zugeteilt, der so sch\u00fcchtern war, dass er kaum wagte, mit mir zu reden. Ich versuchte, ihm so freundlich wie m\u00f6glich seine Fehler zu erkl\u00e4ren, aber er nickte immer nur. Ansonsten waren diese nun f\u00fcr uns durch zus\u00e4tzliche Arbeit gef\u00fcllten kleinen Pausen nat\u00fcrlich keine Pausen mehr, sondern eine Belastung.<\/p>\n<p>Die einzige Pause, die wir alle wirklich hatten, war die gro\u00dfe Pause. In ihr st\u00fcrmten wir deutschen Kinder befreit hinaus auf den Schulhof \u2013 und, als ob wir das verabredet h\u00e4tten, so weit wie m\u00f6glich weg von dem Geb\u00e4ude, wo wir dann spielten. Gelegentlich beobachtete ich aus der Ferne, wie unsere polnischen Klassenkamerad:innen in drei kleinen Gr\u00fcppchen entlang der Mauer des Schulgeb\u00e4udes standen und zornig (das konnte man ihren Gesichtern ablesen) miteinander sprachen. Niemand von uns wollte wissen, ob sie polnisch oder deutsch sprachen. Petzen ging nun mal gar nicht. Warum diese Kinder so zornig waren, wusste ich aber auch nicht.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht mehr, wie viele Wochen oder Monate dieser Zustand andauerte. Aber eines Tages waren die polnischen Kinder wieder weg. Einfach weg. Frau Pich hielt es nicht f\u00fcr n\u00f6tig, uns irgend etwas zu erkl\u00e4ren \u2013 und wir fragten nicht. Ich glaube, wir waren einfach nur erleichtert, jedenfalls war ich das. Da wir untereinander nie dar\u00fcber gesprochen hatten und auch jetzt nicht dar\u00fcber sprachen, kann ich nur vermuten, dass es uns allen so ging. Es war vor allem eine Belastung gewesen, die wir zwar nicht verstanden, aber dennoch gesp\u00fcrt hatten. Ich habe mich jahrelang gefragt, was aus diesen Kindern wohl geworden war.<\/p>\n<p><strong>Gnade oder Fluch?<\/strong><\/p>\n<p>Erst Jahrzehnte sp\u00e4ter (auch das geh\u00f6rt zu unserer so gro\u00dfartigen \u201eVerarbeitung\u201c) erfuhr ich von der \u201eAktion Lebensborn\u201c, jener schrecklichen Institution, die polnischen Eltern ihre \u201earisch\u201c aussehenden (!) Kinder zu Tausenden einfach weggenommen, manchmal auf der Stra\u00dfe oder im Kindergarten abgegriffen hatte, um sie dann zwangsweise einzudeutschen und von SS- oder SA-Familien adoptieren zu lassen.<\/p>\n<p>Hier kann man aber von einer \u201eGnade der FR\u00dcHEN Geburt\u201c sprechen. Ich jedenfalls hoffte, dass meine polnischen Klassenkamerad:innen, die damals ja auch schon 9 Jahre alt waren, eine Chance hatten, ihre richtigen Eltern wiederzufinden, weil sie sich noch an sie und an ihren richtigen Namen erinnern konnten. Anders war das n\u00e4mlich bei dem \u00e4lteren Mann, den ich vor einigen Jahren anl\u00e4sslich einer Ausstellung \u00fcber die \u201eAktion Lebensborn\u201c in Freiburg kennenlernte. Er war seinen polnischen Eltern schon im Alter von zwei Jahren entrissen worden und hatte sein Leben damit verbracht, vergeblich nach seinen richtigen Eltern zu suchen. Auch bei ihm und vielen anderen war die sp\u00e4te Geburt nicht Gnade sondern Fluch geworden.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Ich fand es notwendig, davon zu erz\u00e4hlen, weil heute, im Jahr 2025, die Medien sich nicht genug tun k\u00f6nnen, auf die \u201eB\u00f6sartigkeit\u201c der Russen hinzuweisen, unter anderem mit der Begr\u00fcndung, sie w\u00fcrden ukrainische Kinder entf\u00fchren, um sie zu \u201erussifizieren\u201c. Dass sie dergleichen von uns Deutschen gelernt haben k\u00f6nnten, wird nie dazugesagt, geh\u00f6rt jedoch dazu.<\/p>\n<p>Aber mehr noch: Aus meiner eigenen Schulzeit heraus wei\u00df ich ziemlich genau, was ukrainische und russische, israelische und pal\u00e4stinensische, sudanesische und myanmarische Kinder, jedenfalls alle Kinder, die im Krieg aufwachsen, in der Schule lernen: \u201eWir sind die Guten, die anderen sind die B\u00f6sen und m\u00fcssen vernichtet werden.\u201c Vernichtet! Als Kind h\u00e4lt man das dann f\u00fcr normal. Deshalb gibt es weltweit Kindersoldaten, die ihr Soldatentum ebenfalls f\u00fcr normal halten, sich sogar f\u00fcr Bombenattentate opfern, weil sie ernstlich glauben, ihrem Gemeinwesen damit etwas Gutes zu tun.<\/p>\n<p><strong>Abgrenzung und Ausgrenzung<\/strong><\/p>\n<p>Was wir Deutschen aus unserer Geschichte h\u00e4tten lernen m\u00fcssen, was aber die Wenigsten von uns wirklich gelernt haben, ist der Unterschied zwischen Abgrenzung und Ausgrenzung. Mit der Ausgrenzung aus Lokalen, Stra\u00dfenbahnen, Theatern, Schulen, Universit\u00e4ten, Berufen usw. begann die Ausgrenzung der Juden, die schlie\u00dflich in ihrer Ausgrenzung aus dem Leben endete. Diese furchtbare Konsequenz tr\u00e4gt \u201eAusgrenzung\u201c potentiell immer in sich, auch wenn man glaubt, so etwas doch gar nicht zu meinen.<\/p>\n<p>Wenn Menschen \u201eanders\u201c sind als wir selbst, also eine andere Meinung haben oder anders aussehen, anders sprechen, anders denken, eine andere Religion haben oder eine andere Kultur, so ist es verst\u00e4ndlich, wenn uns das erst einmal abschreckt. Denn die Vorsicht vor dem, was uns unbekannt ist, ist uns angeboren und hat eine nat\u00fcrliche Schutzfunktion.<\/p>\n<p>Ebenfalls angeboren ist uns jedoch die Neugier auf alles \u201eAndere\u201c, die wir \u00fcbrigens mit vielen Tieren teilen. Sie kann uns helfen zu entdecken, dass solche \u201eAnderen&#8220; ja auch interessant und eine Bereicherung sein k\u00f6nnten. Schon deswegen d\u00fcrfen wir sie niemals ausgrenzen, sondern sollten genau auf sie hinschauen und hinh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Wir d\u00fcrfen und sollten uns jedoch abgrenzen von dem, was uns nicht richtig erscheint oder unbehaglich ist. Das ist allerdings erheblich anstrengender als das einfache In-eine-Schublade-stecken und basta. Denn dazu m\u00fcssen wir mit den je \u201eAnderen\u201c zun\u00e4chst einmal sprechen, um sie vielleicht auch zu verstehen. Das setzt Denken und Handeln voraus, gar Argumente finden, was vielen von uns zu m\u00fchselig ist.<\/p>\n<p>Eines ist jedoch sicher: Das Aushalten der \u201eAnderen\u201c neben und mitten unter uns ist garantiert leichter als das Aushalten und Ertragen von Terror oder Bomben. Wenn die Menschheit \u00fcberleben soll, m\u00fcssen wir Menschen das schaffen. Und ich denke: Das k\u00f6nnen wir auch!<\/p>\n<p>Es gibt <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=bAUqHW1_03s\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">auf Youtube<\/a> einen wunderbaren d\u00e4nischen Drei-Minuten-Film von vor sieben Jahren, auf Englisch, aber mit deutschen Untertiteln, der uns dabei helfen kann: \u201eWas passiert, wenn wir aufh\u00f6ren Menschen in Schubladen zu packen?\u201c Der Film zeigt uns, dass wir \u2013 wie unterschiedlich wir auch sein m\u00f6gen \u2013 mehr miteinander gemein haben als wir glauben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einer der d\u00fcmmsten Spr\u00fcche der Nachkriegszeit ist der von der \u201eGnade der sp\u00e4ten Geburt\u201c, den der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl gepr\u00e4gt hatte. 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