{"id":2611199,"date":"2025-06-13T13:50:10","date_gmt":"2025-06-13T12:50:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=2611199"},"modified":"2025-06-13T13:52:33","modified_gmt":"2025-06-13T12:52:33","slug":"sind-wir-unfaehig-zum-frieden-oder-die-fatale-aktualitaet-eines-45-jahre-alten-essays","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2025\/06\/sind-wir-unfaehig-zum-frieden-oder-die-fatale-aktualitaet-eines-45-jahre-alten-essays\/","title":{"rendered":"\u201eSind wir unf\u00e4hig zum Frieden?\u201c \u2013 oder: Die fatale Aktualit\u00e4t eines 45 Jahre alten Essays"},"content":{"rendered":"<div class=\"article-body\">\n<p><strong>Im Mai 1980 \u2013 der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt hatte kurz zuvor erkl\u00e4rt, die aktuelle Situation erinnere stark an die Vorphase des Ersten Weltkriegs 1914 \u2013 publizierte der Arzt, Psychoanalytiker und sp\u00e4tere Mitbegr\u00fcnder der deutschen Sektion der \u201eInternationale \u00c4rzte f\u00fcr die Verh\u00fctung des Atomkriegs\u201c (IPPNW), Horst-Eberhard Richter (1923-2011) einen langen Essay, der nicht unwesentlich zur Entstehung der Friedensbewegung der Achtziger Jahre beitrug. Wir ver\u00f6ffentlichen hier unkommentiert Ausz\u00fcge, denn dieser Text bedarf angesichts der heute aktuellen Weltlage keiner weiteren Erl\u00e4uterung.<\/strong> <strong>\u2013 Die Zitate ausgew\u00e4hlt hat Leo Ensel.<\/strong><\/p>\n<p><em>Von der <a href=\"https:\/\/globalbridge.ch\/sind-wir-unfaehig-zum-frieden-oder-die-fatale-aktualitaet-eines-45-jahre-alten-essays\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Globalbridge.ch-Redaktion<\/a><\/em><\/p>\n<p>In der internationalen Presse wurde unl\u00e4ngst offen diskutiert, dass die aktuelle Weltlage stark an die Vorphase des Ersten Weltkrieges erinnere. Wir alle haben in der ersten H\u00e4lfte dieses Jahres aus den t\u00e4glichen Nachrichten ein bedenkliches Missverh\u00e4ltnis ablesen k\u00f6nnen zwischen der Bedrohlichkeit der Weltlage einerseits und einer Politik der Gro\u00dfm\u00e4chte andererseits, die das Risiko einer Katastrophe laufend erh\u00f6ht statt vermindert hat. Wir beobachten eine eskalierende Strategie der Konfrontation, obwohl aus weltpolitischer Verantwortung genau umgekehrt mit allen Energien um die Wiederherstellung von Kooperation und Vertrauen gerungen werden m\u00fcsste.<\/p>\n<h3><strong>Sprachlosigkeit und stumpfe Unbeweglichkeit<\/strong><\/h3>\n<p>Wie reagieren wir als B\u00fcrger nun auf diese Situation?\u00a0Nahezu die H\u00e4lfte unserer Bev\u00f6lkerung glaubt laut Umfragen an die M\u00f6glichkeit eines Krieges. Die Leute sind betroffen, aber sie r\u00fchren sich kaum. Was hat das eigentlich zu bedeuten? Wie k\u00f6nnen Menschen in Passivit\u00e4t und zumindest \u00e4u\u00dferlicher Gelassenheit auf demoskopischen Frageb\u00f6gen bejahen, dass ein gro\u00dfer Krieg bevorstehen k\u00f6nnte? Warum reagieren wir so, als handele es sich hier um ein unbeeinflussbares Naturereignis, obwohl in dieser Angelegenheit doch alles, was geschieht, in der Macht menschlicher Berechnung und Entscheidung liegt?<\/p>\n<p>Wir B\u00fcrger f\u00fchlen uns in einen seltsam unm\u00fcndigen Zustand versetzt, der uns zugleich die Sprache verschl\u00e4gt. Auch wenn wir gewiss keine Aussicht haben, die weltpolitischen Prozesse direkt zu beeinflussen, so ist doch der Zustand unserer Sprachlosigkeit und unserer stumpfen Unbeweglichkeit absolut unangemessen. Wir widersprechen unserem eigenen Selbstbild einer m\u00fcndigen demokratischen Gesellschaft, wenn wir gegen hunderterlei harmlosere Mi\u00dfst\u00e4nde mit imposanten B\u00fcrgerinitiativen aufbegehren, dagegen dem Anschein nach willig und unkritisch hinnehmen, was unsere Existenz mehr als alles sonst bedroht.<\/p>\n<p>Einer der Gr\u00fcnde f\u00fcr die weitverbreitete resignative Passivit\u00e4t d\u00fcrfte darin liegen, dass die Atomkriegsgefahr f\u00fcr das menschliche Fassungsverm\u00f6gen kaum noch zu erfassen ist. Das Vernichtungspotential, das die Atomm\u00e4chte bereits jetzt angesammelt haben, ist zu ungeheuerlich, als dass man es noch auszuhalten wagt, sich seine Ausma\u00dfe vor Augen zu halten. Es gibt Wahrheiten, die so entsetzlich sind, dass man alle Anstrengungen daran wendet, sie zu verdr\u00e4ngen bzw. zu verharmlosen.<\/p>\n<p>Je weniger man selbst das System beeinflussen kann, in das man eingeordnet und von dem das eigene Tun in erheblichem Ma\u00dfe bestimmt wird, um so mehr m\u00f6chte man darauf bauen, dass das gute Gewissen in dem System selbst steckt. Man versucht alles m\u00f6gliche, um diese \u00dcberzeugung gegen gegenteilige Erfahrungen zu verteidigen, und konsumiert deshalb dankbar eine entsprechende Propaganda des Systems. Man bel\u00fcgt sich, aber man kann damit besser schlafen.<\/p>\n<h3><strong>Ein unheilvoller Verschiebungsmechanismus<\/strong><\/h3>\n<p>Seit der Zeit der Osterm\u00e4rsche ist die Atomkriegsgefahr allm\u00e4hlich von anderen Besorgnissen \u00fcberwuchert oder gar verdr\u00e4ngt worden. Da handelt es sich zwar durchweg um legitime Bef\u00fcrchtungen. Wer wollte leugnen, dass man den Schutzeinrichtungen der Kernkraftwerke zu misstrauen hat. Und auch viele andere moderne Bef\u00fcrchtungen, die vor allem der Gesundheitsvorsorge gelten, haben eine reale Grundlage. Ich denke an die massenhaft aufgeloderten \u00c4ngste vor Tabak und k\u00fcnstlich Ged\u00fcnktem, vor Gewichtszunahme, Bewegungsmangel, vor schlechter Luft und verunreinigtem Wasser. Niemand wird den Sinn der Initiativen bestreiten, die sich zur Abwendung solcher und anderer Gefahren aufgetan haben. Aber wenn das Gesamt dieser Initiativen am Ende zu einer Ersch\u00f6pfung der Widerstandskr\u00e4fte f\u00fchrt, von denen ein gro\u00dfer Teil sich gegen die wichtigste aller Bedrohungen wenden m\u00fcsste, dann liegt in der Tat ein unheilvoller Verschiebungsmechanismus vor. Man reagiert sich in der Bek\u00e4mpfung von vergleichsweise greifbaren Sch\u00e4dlichkeiten ab, die unbewusst das bei weitem gef\u00e4hrlichste, aber deshalb unertr\u00e4glich gewordene Angstobjekt ersetzen. Man verstellt sich den Blick auf den wichtigsten Feind der Menschheit durch vergleichsweise kleinere Feinde, die weniger Grauen erregen.<\/p>\n<h3><strong>Die Nuklearkriegsgefahr mit atomarer Aufr\u00fcstung bannen?<\/strong><\/h3>\n<p>Tats\u00e4chlich haben die Verdr\u00e4ngung und die Verschiebung der Atomkriegsangst bewirkt, dass die konkurrierenden Weltm\u00e4chte ihre expansionistische Machtpolitik unbeirrt fortsetzen und weiter denn je davon entfernt sind, ihr Waffenpotential von einer \u00fcbergeordneten internationalen Organisation wirksam zur Garantie des Friedens kontrollieren zu lassen. Es wird nicht nur weiter, sondern noch hektischer ger\u00fcstet. Und die Massen lassen sich das fatale, tr\u00fcgerische Argument gefallen, die Produktion immer gigantischerer Vernichtungswaffen sei so lange dem Frieden dienlich, als diese t\u00f6dlichen Potentiale sich h\u00fcben und dr\u00fcben im Gleichgewicht hielten und quasi wechselseitig neutralisierten. Nur wenige protestieren gegen den grotesken Widerspruch, der darin liegt, dass die Ansammlung von immer mehr Zerst\u00f6rungsenergie angeblich geeignet sein soll, ein friedliches Zusammenleben zu erleichtern, w\u00e4hrend dadurch in Wirklichkeit doch st\u00e4ndig mehr Misstrauen und Spannung produziert wird. Die Absurdit\u00e4t liegt in der Illusion, die Nuklearkriegsgefahr mit Hilfe einer Strategie bannen zu wollen, deren fundierende Motivation in sich bereits die Steigerung dieser Gefahr fixiert. Wenn man sich wirklich miteinander verst\u00e4ndigen und gemeinsam die vielen offenen Probleme der Menschheit l\u00f6sen will, dann ist doch nichts widersinniger als zu argumentieren, die Erh\u00f6hung des beiderseitigen Abschreckungspotentials erhalte oder f\u00f6rdere gar die Bedingungen f\u00fcr eine friedliche Kooperation.<\/p>\n<h3><strong>Die definitive Aufspaltung in Gut und B\u00f6se<\/strong><\/h3>\n<p>Man redet sich ein, die Nuklearr\u00fcstung innerhalb des eigenen B\u00fcndnissystems sei harmlos und gewisserma\u00dfen gut gemeint. Sie solle ja nur sch\u00fctzen und abschrecken. Schlimm seien nur die Atomwaffen der Gegenseite. Abgr\u00fcndiges Misstrauen fordert dazu auf, dass man die von teuflischer B\u00f6sartigkeit erf\u00fcllte andere Seite jederzeit in Schach halten muss. Die eigene R\u00fcstung dient dann wie selbstverst\u00e4ndlich dem Guten in der Welt, weil man ja eben selbst lediglich das Gute wolle. Diese wechselseitige S\u00fcndenbock- bzw. Verfolgungstheorie verfestigt und eskaliert automatisch ein Rivalit\u00e4tsverh\u00e4ltnis, das f\u00fcr beide schlie\u00dflich in eine selbstm\u00f6rderische Sackgasse zu f\u00fchren droht. Denn ist erst einmal die definitive Aufspaltung in Gut und B\u00f6se vollzogen, kann man ja einander nicht mehr die Hand reichen. Denn wie sollte das Gute ernstlich mit dem B\u00f6sen paktieren? Da ist es logisch, dass man nicht mehr redet und verhandelt. Die Guten f\u00fchlen sich gezwungen, \u00fcber die B\u00f6sen zu triumphieren. Das B\u00f6se muss bestraft und unterworfen werden.<\/p>\n<p>Was geschieht indessen mit denen, die sich darum bem\u00fchen, die Projektion des absoluten Feindbilds abzubauen? Die z.B. in unserem Land nur die Vermutung laut werden lassen, dass die Sowjets mit ihrer R\u00fcstung nicht mehr aggressive und nicht weniger defensive Absichten als die Amerikaner verfolgen und dass man jedenfalls die Angst der Russen als Motiv sehr ernst zu nehmen habe? Hat man nicht im letzten Jahr Herbert Wehner prompt \u2013 wie schon so oft \u2013 der Moskauh\u00f6rigkeit verd\u00e4chtigt, als er solches \u00e4u\u00dferte? Und musste nicht General Bastian letztlich aus analogem Grund seinen Dienst in der Bundeswehr quittieren?<\/p>\n<p>Mit der Haltung des radikalen Moralismus paart sich eine kurzfristige Unvers\u00f6hnlichkeit, die gerade das B\u00f6se zu fixieren droht, dessen \u00dcberwindung erkl\u00e4rtes Ziel eben dieses Moralismus ist. Der hartn\u00e4ckige Drang, Unrecht um jeden Preis zu bestrafen, kann sich selbst in Unmoral verwandeln, wenn damit auf der Gegenseite die Chance, sich unter Wahrung des Gesichts zur\u00fcckzunehmen, verbaut wird. In der Inszenierung hier Polizist, dort Misset\u00e4ter kann es schwerlich zu einem guten Ende, eher zu einer baldigen Wiederholung einer bedrohlichen Konfrontationslage kommen.<\/p>\n<h3><strong>Die Notwendigkeit einer alternativen Politik<\/strong><\/h3>\n<p>Die expansionistische R\u00fcstungspolitik wird solange automatisch weiter eskalieren, solange sich nicht die Menschen hier wie dort massenweise aufraffen, um sich diesem Wahnsinn entgegenzustemmen. Erkennbar wird die Notwendigkeit einer\u00a0<em>alternativen Politik<\/em>\u00a0mit gewandelten Leitvorstellungen und gegen\u00fcber den bisherigen Ritualen wesentlich ver\u00e4nderten Kommunikationsformen.<\/p>\n<p>Es ist, so meine ich, an der Zeit, dass der Widerstand gegen Entmenschlichung und schlie\u00dflich gegen eine Zerst\u00f6rung unserer Welt wieder mit allem m\u00f6glichen Nachdruck in die Gesellschaft hinausgetragen wird.<\/p>\n<p><em>(Horst-Eberhard Richters Essay wurde ver\u00f6ffentlicht in: Psychosozial. Zeitschrift f\u00fcr Analyse, Pr\u00e4vention und Therapie psychosozialer Konflikte und Krankheiten. 4\/1980, 3. Jg., Reinbek. Die Zwischen\u00fcberschriften der vorliegenden Ausz\u00fcge stammen von Leo Ensel.)<\/em><\/p>\n<p><em>Anmerkung I<\/em><\/p>\n<p>Im Mai 1982 verfasste Horst-Eberhard Richter die folgende \u201e<a href=\"https:\/\/www.ippnw.de\/der-verein\/geschichte-der-ippnw\/erklaerungen\/artikel\/de\/frankfurter-erklaerung-1982-1.html\">Frankfurter Erkl\u00e4rung<\/a>\u201c, die von der deutschen Sektion der IPPNW verabschiedet wurde:<\/p>\n<p><em>\u201eIch halte alle Ma\u00dfnahmen und Vorkehrungen f\u00fcr gef\u00e4hrlich, die auf das Verhalten im Kriegsfall vorbereiten sollen. Ich lehne deshalb als Arzt jede Schulung oder Fortbildung in Kriegsmedizin ab und werde mich daran nicht beteiligen. Das \u00e4ndert nichts an meiner Verpflichtung und Bereitschaft, in allen Notf\u00e4llen medizinischer Art meine Hilfe zur Verf\u00fcgung zu stellen und auch weiterhin meine Kenntnisse in der Notfallmedizin zu verbessern.<\/em><\/p>\n<p><em>Da ein Krieg in Europa nach \u00fcberwiegender Experten-Meinung unter Benutzung der modernen Massenvernichtungswaffen gef\u00fchrt werden w\u00fcrde, muss er absolut unm\u00f6glich gemacht werden. Jede Vorbereitungsma\u00dfnahme indessen, die von seiner M\u00f6glichkeit ausgeht, f\u00f6rdert indirekt die Bereitschaft, sich auf etwas einzustellen, was um jeden Preis verhindert werden muss. Deshalb erkenne ich als Arzt nur eine einzige auf den Kriegsfall bezogene Form der Pr\u00e4vention an, n\u00e4mlich die Verh\u00fctung des Krieges selbst mit allen Anstrengungen, zu denen ich mein Teil beizusteuern entschlossen bin.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Anmerkung II<\/em><\/p>\n<p>Preisfrage: Was lie\u00dfe sich wohl aus den Thesen Horst-Eberhard Richters vom Fr\u00fchling 1980 und seinem nachfolgenden Engagement gegen den (Atom)-Krieg f\u00fcr die aktuelle Situation im Fr\u00fchling 2025 lernen?<\/p>\n<p><em><strong>Dieser <a href=\"https:\/\/globalbridge.ch\/sind-wir-unfaehig-zum-frieden-oder-die-fatale-aktualitaet-eines-45-jahre-alten-essays\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Beitrag<\/a> wurde mit freundlicher Genehmigung von <a href=\"https:\/\/globalbridge.ch\/sind-wir-unfaehig-zum-frieden-oder-die-fatale-aktualitaet-eines-45-jahre-alten-essays\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Globalbridge<\/a> auf Pressenza \u00fcbernommen. Eine Weiterverbreitung ist nur mit ausdr\u00fccklicher Einwilligung von globalbridge.ch gestattet.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Mai 1980 \u2013 der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt hatte kurz zuvor erkl\u00e4rt, die aktuelle Situation erinnere stark an die Vorphase des Ersten Weltkriegs 1914 \u2013 publizierte der Arzt, Psychoanalytiker und sp\u00e4tere Mitbegr\u00fcnder der deutschen Sektion der \u201eInternationale \u00c4rzte 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