{"id":258005,"date":"2015-12-15T20:03:37","date_gmt":"2015-12-15T20:03:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pressenza.com\/de\/?p=258005"},"modified":"2015-12-15T20:10:46","modified_gmt":"2015-12-15T20:10:46","slug":"der-rachemechanismus-in-unserer-kultur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2015\/12\/der-rachemechanismus-in-unserer-kultur\/","title":{"rendered":"Der Rachemechanismus in unserer Kultur"},"content":{"rendered":"<p><strong>In seiner Monographie \u201e<a href=\"http:\/\/www.parkschlamau.org\/2014\/09\/25\/rache-gewalt-und-vers%C3%B6hnung\/\">Rache, Gewalt und Vers\u00f6hnung<\/a>\u201c f\u00fchrt Luz Jahnen aus, dass unsere Kultur, die vor 4000 Jahren in Mesopotamien mit der Schaffung des ersten gro\u00dfen Staates unter Hammurabi ihren Ursprung hatte, eine Art Gr\u00fcndungsdefekt habe. Und der bestehe in der Institutionalisierung des Rachemechanismus. <\/strong><\/p>\n<p><em>J: Luz, was war da los vor 4000 Jahren?<\/em><\/p>\n<p>L: Unter Hammurabi wurde ein Gro\u00dfreich geschaffen, das in seiner geographisch-politischen Dimension um ein Vielfaches die bisherigen Gebilde \u00fcbertraf. Es handelte sich nicht mehr um einen Stamm, der von einem K\u00f6nig regiert wurde, sondern um einen Vielv\u00f6lkerstaat mit vielen Sprachen, vielen Religionen, geographisch sehr umfangreich. Um das regierungsf\u00e4hig zu machen, wurden zum ersten Mal die Spielregeln der Gesellschaft nicht mehr der m\u00fcndlichen Interpretation \u00fcberlassen, sondern ein einheitliches Gesetz fest geschrieben &#8211; in Stein gemeisselt \u2013 in die Hammurabi Stele.<\/p>\n<p>Worin ich den Defekt sehe, ist, dass die alten Formen der Stammesrache in die Fundamente dieser neuen Kultur eingelassen wurden. Die Ausf\u00fchrungen der Vergeltung sind \u00fcbernommen worden als eine Form menschlicher Gerechtigkeit, aber nicht ihre \u00dcberwindung. \u201eDu hast jemand das Bein verletzt, also wird Dir das Bein abgeschlagen\u201c \u201eDu hast jemand das Ohr abgeschlagen, also wird Dir auch ein Ohr abgeschlagen.\u201c Um das riesige staatliche Gebilde regierbar zu machen, war es sicherlich notwendig, den ausufernden Racheformen der St\u00e4mme einen Riegel vorzuschieben. Es war ganz sicherlich ein Fortschritt und es war eine Erm\u00f6glichung neuer Formen des Zusammenlebens so vieler verschiedener Menschen. Es f\u00fchrte auch zu einer Explosion des Fortschrittes, der Technik. Die Sterndeutung und andere Wissenschaften hatten hier ihren Ursprung.<\/p>\n<p><em>J: Aber Du sagst, dass es dieser Defekt in unserer Kultur ist, der es uns unm\u00f6glich macht, die richtigen Antworten auf die heutigen Konflikte zu finden. Kannst Du uns das genauer erkl\u00e4ren?<\/em><\/p>\n<p>L: Richtig. Es ist wie ein Webfehler. Als ob der Mensch versucht hat, sich ein neues Hemd zu basteln, mit dem vieles m\u00f6glich ist, in das vieles reinpasst, viele Menschen, viele Projekte, aber in dem ein Webfehler drin ist, der sehr sehr entscheidend ist. Und der reicht von den zwischenmenschlichen bis hin zu den staatlichen Beziehungen.<\/p>\n<p><em>J: Kannst Du da ein Beispiel nennen?<\/em><\/p>\n<p>L: Ja. Im Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen: Du kannst mir eine \u00e4u\u00dfere Verletzung zuf\u00fcgen. Das k\u00f6nnen wir auch \u00e4u\u00dferlich irgendwie ausgleichen. Aber der Mensch hat auch noch ein inneres Erleben, denn dar\u00fcberhinaus ist eine Verletzung entstanden, dass du als anderer Mensch mir etwas zugef\u00fcgt hast. Das beeintr\u00e4chtigt mich, das ist wie ein Verlieren des inneren Gleichgewichtes. Es ist so, als solle mit einem \u00e4u\u00dferen Kompensieren eines Schadens die Balance wieder hergestellt werden. Aber das ist eine Illusion. Und das wei\u00df auch jeder. Das wei\u00df jeder, der aus einem Gerichtssaal rausgeht. Wir haben keine Elemente des inneren Ausgleichs, der inneren Vers\u00f6hnung. Im Gegenteil stehen wir sehr hilflos und sehr ahnungslos vor diesen Situationen.<\/p>\n<p><em>J: Was genau passiert denn in einem Menschen, wenn ihm Gewalt geschieht?<\/em><\/p>\n<p>L: Nehmen wir das Beispiel einer Beleidigung. Nicht alles wirkt auf mich beleidigend. Andererseits k\u00f6nnen es auch Gesten sein, oder wie ich schaue oder sogar etwas, das ich nicht tue, das auf jemanden verletzend wirkt. Es sind Situationen, in denen das besch\u00e4digt wird, was ich als <em>Ich<\/em> als <em>Meins<\/em> bezeichne. Wenn Du mich an einem Punkt triffst, womit ich mich identifiziere. In meiner Arbeit habe ich eine Reihe von Beispielen genannt: meine Kinder, meine Fussballmannschaft, meine Nation. Oder Du bist stolz auf eine F\u00e4higkeit: Ein guter Regipsverkleider und jemand sagt: Noch nie habe ich jemand gesehen, der so schlecht Regips verkleidet! Wir k\u00f6nnen zusammenfassen, Ich werde verletzt in dem, was ich als mein Bild von mir Selbst betrachte.<\/p>\n<p>Das ist die Ursache. Und sie l\u00f6st einen Mechanismus aus, der so urspr\u00fcnglich ist, dass ich ihn weit zur\u00fcck datieren w\u00fcrde in die Anf\u00e4nge der Menschheit, die grauen Vorzeiten, vielleicht die Entstehung der menschlichen Spezies. Was geschieht, und das kann jeder nachvollziehen, wenn mir etwas widerf\u00e4hrt: ich verliere das Gleichgewicht, \u201eman ger\u00e4t aus der Fassung\u201c, \u201eich fahre aus der Haut\u201c, das sind so bildliche Bezeichnungen. Ich werde verletzt und dieses verletzte <em>Ich<\/em> sucht nach einer Verteidigung dieser lebensbedrohlichen Situation. Also sehr schnell, sehr instinktiv. Und gegen wen? Gegen den Bedroher, gegen den, der verletzt. Wenn man diesen Mechanismus in seiner ganzen Klarheit sieht und man sieht, dass das der Ursprung des Wunsches f\u00fcr Vergeltung ist und dass das in einer gro\u00dfen Kultur wie der westlichen eingegossen ist in die Institutionen\u2026 Bis heute ist dieser Defekt nicht ausgeglichen worden.<\/p>\n<p><em>J: Es gibt Beispiele von Stammeskulturen, in denen andere Mechanismen als die der Rache angewandt werden.<\/em><\/p>\n<p>L: Ja, es gibt Stammeskulturen, alte Kulturen, wo man, sicherlich durch Einsicht, Elemente des Ausgleichs findet, eine Art anderer Gespr\u00e4chskultur. Wie zum Beispiel in S\u00fcdafrika nach Ende der Apartheid, als in der Bev\u00f6lkerung der Rachewunsch unglaublich stark war und es f\u00fcr viele der ausdr\u00fcckliche Wunsch war, auch noch den letzten Wei\u00dfen umzubringen. Da haben sich die f\u00fchrenden Leute zusammengesetzt und in ihren alten Kulturen gesucht und fanden in der Ubuntukultur das Bild der menschlichen Gesellschaft als ein Gewebe, das nicht verletzt werden darf. Beziehungsweise, wenn es verletzt wird, dann sollte man sehr aufpassen, dass es nicht weiter besch\u00e4digt wird, weil dieses Gewebe dann auch ganz zusammenbrechen kann. Diese alte Sichtweise haben sie damals verwendet, um die Wahrheits- und Vers\u00f6hnungskommissionen in Gang zu setzen, um wirklich einen inneren Ausgleich zu versuchen. Aber in der gleichen Kultur waren auch die Racheelemente alle vorhanden.<\/p>\n<p>Heute haben wir aber das zehnfache Problem, dass wir in einer Welt leben, in der alle Kulturen sich vermischen. Und heute haben wir in allen Kulturen das gro\u00dfe Problem des Umganges mit dem Fremden. Da gibt es kaum kulturelle Elemente, auf die wir uns beziehen k\u00f6nnen. Viele haben ein Gef\u00fchl, einige haben Mitgef\u00fchl, aber viele haben auch schlechte Gef\u00fchle. Aber es fehlt ein gedankliches Konstrukt, wie wir das Miteinander meistern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Um noch ein staatliches Problem zu nennen: Seit 70 Jahren haben wir innerhalb Europas keinen Krieg. Darauf sind wir immer sehr stolz. Aber es ist nicht so, als w\u00e4re das eine wirkliche Freundschaft der L\u00e4nder. Wenn dies alles auf den Pr\u00fcfstand kommt, und es kommt jetzt alles auf den Pr\u00fcfstand, sehen wir, dass die westliche Kultur keine Elemente des wirklichen Friedens hat. Man spricht von Frieden, meint aber nicht Frieden, sondern meint Gesch\u00e4fte.<\/p>\n<p><em>J: Du sagst also, wir haben keine Elemente, wir wissen nicht, was wir tun sollen. Was k\u00f6nnen wir also tun, wenn wir eigentlich nichts tun k\u00f6nnen?<\/em><\/p>\n<p>L: Um es sehr pr\u00e4gnant zu sagen, wir m\u00fcssen die Gewalt hinter unseren b\u00fcrgerlichen Masken und in unserer Form des Zusammenlebens entlarven. Wir m\u00fcssen sehen, mit welchen Gewaltmechanismen in zwischenmenschlichen, staatlichen und zwischenstaatlichen Beziehungen wir immernoch agieren. Wir m\u00fcssen die Gewalt benennen. Nicht um Schuld zuzuweisen, sondern um klar zu sagen, was Gewalt ist. Ich glaube, dass wir heute eine Menge ganz einfacher Menschen finden werden, die l\u00e4ngst verstanden haben, dass die Zukunft dieses Planeten gewaltlos sein muss. F\u00fcr viele Leute ist es aber auch ein gro\u00dfes Bed\u00fcrfnis, die Gewalt zu \u00fcberwinden, weil sie entweder eine Sehnsucht danach haben oder weil sie die Erfahrung haben, dass ein \u00dcberwinden der eigenen Gewalt einen Zugang zu ganz anderen menschlichen Dimensionen erlaubt.<\/p>\n<p><em>J: Gibt es denn auch hoffnungsvolle Anzeichen? Zum Beispiel die Bewegung der Indignados, die ja schon untereinander einen sehr gewaltfreien Umgang in der Kommunikation und Organisation und in ihrem Protest gesucht haben\u2026<\/em><\/p>\n<p>L: Absolut. Das macht einem total Hoffnung, als w\u00fcrde man eine neue Art der Sensibilit\u00e4t, gerade bei den jungen Leuten, sp\u00fcren, die aber auch sehr fragil ist, die im n\u00e4chsten Moment in manchen L\u00e4ndern von den geschichtlichen Ereignissen hinweggefegt wird. Zum Beispiel in \u00c4gypten, wo Rachekulturen dann den \u00f6ffentlichen Raum \u00fcbernehmen. Aber ich gebe Dir recht, es gibt eine neue Sensitivit\u00e4t, aber das wird etwas neues sein, das ist nicht mehr unsere westliche Kultur. Das hat schon den Geschmack von einer universellen menschlichen Kultur, die jeden Menschen respektiert, unabh\u00e4ngig von seiner Herkunft. Die Menschenrechtserkl\u00e4rung zum Beispiel, w\u00fcrde ich sagen, ist ein Dokument, das auch schon ein Vorl\u00e4ufer so einer universellen Kultur ist. Aber sie ist weit davon entfernt, Realit\u00e4t zu werden, weit entfernt. Aber als Dokument steht sie da, als leuchtendes Dokument.<\/p>\n<p><em>J: Du hast von Anfang des Schreibens an vorgehabt, diesen Erkenntnissen auch Taten folgen zu lassen. Die Kampagne \u201e<a href=\"http:\/\/www.poetry-against-arms.world\/\">Poetry against Arms<\/a>\u201c, \u00fcber die wir auch <a href=\"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2015\/12\/der-monstroesitaet-das-zerbrechlichste-entgegenstellen\/\">berichten<\/a>, ist so eine Folgeaktion. Du hast aber auch Workshops in verschiedenen L\u00e4ndern zum Thema Rache und Vers\u00f6hnung gemacht, kannst Du uns dazu etwas erz\u00e4hlen?<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>L: Ja, die Workshops hatten das Thema, wie funktioniert Rache und Gewalt in uns und in unserer Gesellschaft. Was f\u00fcr mich pers\u00f6nlich interessant dabei war, dass ich nicht der einzige Mensch bin, der diesen Dingen auf den Grund gehen m\u00f6chte, und es hat mich \u00fcberrascht, wieviele Menschen\u00a0 von teilweise extremer Gewalt betroffen sind. Inzwischen war ich mit diesem Workshop in Spanien, Argentinien, Chile, Frankreich und Deutschland und es haben besonders Menschen teilgenommen, die bereits irgendwo aktiv sind, entweder bei den Humanisten oder anderen Gruppen, wie zum Beispiel Leute, die sich f\u00fcr das Bedingungslose Grundeinkommen einsetzen. Sie waren nach dem Workshop f\u00fcr ihre Aktivit\u00e4ten meist sehr inspiriert, aber es haben sich auch eigenst\u00e4ndige Aktivit\u00e4ten im Bezug auf das Thema der Rache entwickelt.<\/p>\n<p><em>J: Habt Ihr auch \u00fcber Vers\u00f6hnung geredet?<\/em><\/p>\n<p>L: Am Ende, wenn man sich \u00fcber die Gewalt in einem selbst und in der Gesellschaft austauscht, hat das auch etwas sehr Vers\u00f6hnliches.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In seiner Monographie \u201eRache, Gewalt und Vers\u00f6hnung\u201c f\u00fchrt Luz Jahnen aus, dass unsere Kultur, die vor 4000 Jahren in Mesopotamien mit der Schaffung des ersten gro\u00dfen Staates unter Hammurabi ihren Ursprung hatte, eine Art Gr\u00fcndungsdefekt habe. 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