{"id":255985,"date":"2015-12-11T13:18:12","date_gmt":"2015-12-11T13:18:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pressenza.com\/de\/?p=255985"},"modified":"2015-12-11T13:23:04","modified_gmt":"2015-12-11T13:23:04","slug":"indigene-voelker-kaempfen-gegen-transnationalen-goliath","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2015\/12\/indigene-voelker-kaempfen-gegen-transnationalen-goliath\/","title":{"rendered":"Indigene V\u00f6lker k\u00e4mpfen gegen transnationalen Goliath"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das Tschernobyl des Amazonas wird es auch genannt, das zwischen 1972 und 1992 von Chevron-Texaco angerichtete Umweltdesaster im ecuadorianischen Regenwald, das heute immer noch, aufgrund fehlender Dekontaminierungsma\u00dfnahmen Mensch und Natur vergiftet. <\/strong><\/p>\n<p>In einem 22 Jahre lang andauernden Prozess haben 2011 \u00fcber 30\u2018000 klagende Ureinwohner einen historischen Sieg gegen den m\u00e4chtigen \u00d6lkonzern Chevron errungen. Seitdem entzieht sich das Unternehmen geschickt seiner Bestrafung, stempelt die Opfer als organisierte Verbrecher ab und versucht nun mittels Investitionsschutzabkommen die Strafe auf den Staat Ecuador abzuw\u00e4lzen.<\/p>\n<p>Wie es soweit kommen konnte und welche Rolle dabei internationale Schiedsgerichte spielen, erkl\u00e4rte letzte Woche in Berlin Pablo Fajaro, Vertreter der Gesch\u00e4digten-Organisation (UDAPT) aus Ecuador, in seinem Vortrag, den wir der interessierten Leserschaft hier wiedergeben m\u00f6chten.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Pablo Fajardo, Anwalt und Vertreter der Gemeinschaft indigener V\u00f6lker und Bauern des Amazonasgebiets in Ecuador<br \/>\nam Mittwoch den 02. Dezember 2015<br \/>\n<\/strong>im Haus der Demokratie und Menschenrechte, in Berlin.<\/p>\n<p>Guten Abend an alle hier im Saal. Ich sollte bereits im April hier sprechen, das hat aber leider nicht geklappt. Ich danke allen, die gekommen sind, um ihre Solidarit\u00e4t mit dem Kampf der 30\u2018000 indigen Bewohner im Amazonas zu zeigen, die durch den Chevron Umweltskandal betroffen sind.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte kurz den von Chevron verursachten Schaden in Zahlen darstellen. In den 26 Jahren in denen Chevron (damals Texaco) Erd\u00f6l im ecuadorianischen Amazonas gef\u00f6rdert hat, wurden auf einer Fl\u00e4che von 450.000 Hektar in einem, an Biodiversit\u00e4t reichsten Gebiet unseres Planeten, die Lebensgrundlage f\u00fcr Flora und Fauna zerst\u00f6rt und in Folge dessen auch f\u00fcr die indigenen Bewohner.<\/p>\n<p>60 Milliarden Liter hochgiftiges Wasser wurde in die Fl\u00fcsse gepumpt. 880 offene Abfallgruben voller Roh\u00f6l und giftigem Schlamm wurden zur\u00fcckgelassen und 6,6 Milliarden Kubikmeter Erdgas unter freiem Himmel verbrannt. Chevron hat den Tod Hunderter Menschen auf dem Gewissen, Krebserkrankungen und andere lebensbedrohliche Krankheiten treten deutlich vermehrt auf. 60 Firmen und 2000 Anw\u00e4lte, Public-Relation Agenturen und Lobbygruppen wurden beauftragt, um all die Menschen, die es wagen ihre Stimme f\u00fcr die Opfer zu erheben, einzusch\u00fcchtern.<\/p>\n<p>Die Umweltsch\u00e4den wurden bis heute immer noch nicht behoben und darum k\u00f6nnen wir jetzt von einem Schaden in diesem Gebiet sprechen, der \u00fcber 50 Jahre andauert. Es ist aus unserer Sicht der gr\u00f6\u00dfte Schaden, der je von einem \u00d6lkonzern angerichtet wurde. Allerdings gibt es einen wichtigen Unterschied. Diese Umweltkatastrophe wurde bewusst und mit Absicht verursacht. Die Erd\u00f6lgewinnungsanlagen, die 880 Abfallgruben und \u00d6l-Leitungen sind absichtlich in unmittelbarer N\u00e4he von Fl\u00fcssen gebaut worden, um die Giftstoffe ungefiltert ableiten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die von Chevron angerichtete Umweltzerst\u00f6rung hat zudem gro\u00dfen Schaden bei der indigenen Bev\u00f6lkerung angerichtet und in Folge sind zwei V\u00f6lker komplett ausgestorben. Hunderte Menschen, darunter Kinder und Frauen, leiden aufgrund der Vergiftung von Wasser und Boden unter Krebs und Bluterkrankungen oder sind bereits verstorben. Angesichts dieser massiven Sch\u00e4den an der Gesellschaft, der Kultur und an der Umwelt, k\u00e4mpfen wir nun schon seit \u00fcber 30 Jahren f\u00fcr Gerechtigkeit.<\/p>\n<p>Erst haben wir 9 Jahre versucht Chevron in den USA anzuklagen und vor Gericht zu bringen, damit sie f\u00fcr diese Umweltverbrechen bestraft werden. Chevron hat Druck ausge\u00fcbt und schlussendlich erreicht, dass die US-Gerichte sich nicht zust\u00e4ndig erkl\u00e4rten und entschieden der Fall m\u00fcsse in Ecuador verhandelt werden. Dann sind nochmal 12 Jahre vergangen, um eine Klage vor ecuadorianischen Gerichten zu erlangen, bis wir es schlussendlich geschafft haben, dass Chevron in Ecuador zu einer 9,5 Milliarden Dollar Strafe verurteilt wurde. Chevron hat Berufung bis in die h\u00f6chste gerichtliche Instanz in Ecuador eingelegt, diese hat das Urteil jedoch best\u00e4tigt und es wurde somit rechtswirksam. Alle Instanzen des ecuadorianischen Rechtssystems haben Chevron f\u00fcr das Umweltverbrechen f\u00fcr schuldig erkl\u00e4rt. Da sich aber Chevron 1992 vollst\u00e4ndig aus Ecuador zur\u00fcckgezogen hat, besitzt das Unternehmen keine pf\u00e4ndbaren Verm\u00f6genswerte mehr dort. Deshalb waren wir gezwungen au\u00dferhalb von Ecuador gerichtliche Verfahren einzuleiten, um Chevron zur Zahlung zu zwingen. In den letzten 3 Jahren haben wir uns an Gerichte in Argentinien, Brasilien und Kanada gewandt. Wir haben in 24 Jahren in insgesamt 5 L\u00e4ndern gegen Chevron geklagt.<\/p>\n<p>Wir mussten dabei feststellen, dass Chevron wie ein gew\u00f6hnlicher Verbrecher vorgeht, wie ein Krimineller der sich der Justiz und der Bestrafung nicht stellt. Das Unternehmen unternimmt alles, um sich der Verantwortung zu entziehen. 2010 hat Chevron zwei Strategien in Gang gesetzt, um die Strafe nicht zahlen zu m\u00fcssen. Einerseits wird der ecuadorianische Staat angegriffen, als tr\u00fcge er die Schuld und m\u00fcsste diese Sch\u00e4den selber beheben. Auf der anderen Seite werden die Betroffenen systematisch angegriffen, all die, die am meisten unter den Folgen gelitten haben, die indigene Bev\u00f6lkerung und die Bauern. Der \u00d6lkonzern verfolgt die Strategie die Opfer selbst als Kriminelle abzustempeln. Chevron ging sogar so weit, zu versuchen die Urteile, die von ecuadorianischen Gerichten gef\u00e4llt wurden, als betr\u00fcgerisch darzustellen, sie behaupteten Gesetze w\u00e4ren missbraucht worden und die Opfer seien in Wirklichkeit Erpresser. Der \u00d6lkonzern sieht sich selbst als Opfer in diesem Fall. Chevron hat bisher mehr als 25 Verfahren gegen uns und Menschen, die mit uns zusammenarbeiten in den USA, in Ecuador und in anderen Teilen der Welt angestrebt. Heute ist es soweit, dass alle Menschen, die uns unterst\u00fctzen, seien es Studenten in den USA, Anw\u00e4lte oder Aktivisten, von Rechtsanw\u00e4lten verfolgt und verklagt werden, als w\u00e4ren sie Verbrecher.<\/p>\n<p>Nur um ein Beispiel zu nennen, vor 8 Monaten wollte eine Kunststudentin in den USA ihre Abschlussarbeit mit Fotos von den Umweltsch\u00e4den am Amazonas machen. Sie hat Kontakt mit uns aufgenommen und es war alles f\u00fcr die Reise vorbereitet, damit sie die Fotos machen kann. Chevron hat davon geh\u00f6rt und hat 8 Anw\u00e4lte in ihre Universit\u00e4t geschickt und dem verantwortlichen Dozenten gedroht ihn zu verklagen, wenn er eine Abschlussarbeit zu diesem Thema akzeptiert. Mit solchen Interventionen will Chevron erreichen, dass niemand mehr die Opfer verteidigt, dass sich alle weltweit aufgrund des von Chevron ausge\u00fcbten Drucks von den Betroffenen abwenden und nicht mehr mit ihnen solidarisieren. Ich nenne das juristischen Terrorismus. \u00c4hnlich geht das Unternehmen gegen Experten, Richter und sogar gegen Regierungen vor. Chevron arbeitet mit Druck, Einsch\u00fcchterung, und Bestechung auf allen Ebenen.<\/p>\n<p>Aus diesen Gr\u00fcnden haben wir uns vor einigen Monaten entschieden uns an den Internationalen Gerichtshof zu wenden und Chevron zu verklagen. Im M\u00e4rz kam dieser zu dem Schluss, sie h\u00e4tten keine ausreichenden Beweise gefunden, um Chevron verklagen zu k\u00f6nnen. Dieses Beispiel zeigt auch, dass die internationale Rechtsprechung nicht daf\u00fcr geschaffen wurde, um Menschenrechte, die indigenen V\u00f6lker und die Natur zu sch\u00fctzen. Das internationale Rechtssystem ist einzig f\u00fcr den Schutz von Investitionen, Kapital und den internationalen Handel gemacht.<\/p>\n<p>Trotz all diesen Hindernissen und Einsch\u00fcchterungen haben sich die 30\u2018000 Gesch\u00e4digten, die ich als Vorsitzender vertrete, entschlossen nicht aufzugeben und weiter zu machen bis Chevron f\u00fcr seine Verbrechen bezahlt. Wir haben weiterhin Hoffnung, denn der kanadische Gerichtshof hat uns eine T\u00fcre ge\u00f6ffnet, um weiter klagen zu k\u00f6nnen und Chevron zur Zahlung zu zwingen. Nat\u00fcrlich stehen wir vor gro\u00dfen H\u00fcrden. In Kanada haben wir nur 2 Anw\u00e4lte und 2 Assistenten und ihnen gegen\u00fcber stehen 300 Anw\u00e4lte von Chevron allein in Kanada und 2000 weitere weltweit, die Vollzeit gegen uns und den ecuadorianischen Staat arbeiten. Das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis steht stark zu unseren Ungunsten, aber dennoch haben wir uns entschlossen weiter zu k\u00e4mpfen. Wir sind uns nat\u00fcrlich bewusst, dass wir das nicht alleine schaffen k\u00f6nnen. Deshalb wenden wir uns an die internationale Gemeinschaft und bitten um ihre Unterst\u00fctzung.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen uns ein Beispiel daran nehmen, was die indigene Bev\u00f6lkerung im Amazonasgebiet <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Minka\">Minka<\/a> nennt (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Quechua\"><em>Quechua<\/em><\/a><em>, der wichtigste Typus gemeinschaftlicher Arbeit, A. d. \u00dc.<\/em>). Was ist Minka? Stellen wir uns vor, wir m\u00fcssen einen Weg erschlie\u00dfen und dieser Weg muss \u00fcber viele Fl\u00fcsse und hohe Berge f\u00fchren. Alleine w\u00fcrde man das nicht schaffen. Was macht eine Dorfgemeinschaft? Sie beraten und werden sich einig. Jedes Mitglied egal ob jung oder alt, jeder mit seinen F\u00e4higkeiten und M\u00f6glichkeiten tr\u00e4gt etwas zum Minka bei und gemeinsam erschlie\u00dfen sie den Weg. Wir sind fest \u00fcberzeugt, dass wir jetzt vor einem Minka stehen, wo wir um den Amazonas k\u00e4mpfen, auch um das Leben und wir laden alle ein mit ihren M\u00f6glichkeiten sich daran zu beteiligen. Ich lade sie herzlich ein sich diesem Minka anzuschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Manchmal scheinen Probleme, wie die von Chevron verursachten Umweltsch\u00e4den weit weg zu sein, auf der anderen Seite des Ozeans und man hat nicht das Gef\u00fchl, es habe etwas mit einem selbst zu tun. Viele deutsche Firmen und Unternehmen, die in Deutschland operieren sind Aktion\u00e4re von Chevron. Zum Beispiel Rentenfonds, in die Menschen hier einzahlen und die in Chevron Aktien angelegt werden. Transnationale Unternehmen sind stark miteinander verkn\u00fcpft. Wenn wir uns die Statistiken anschauen, dann ist Deutschland eines der L\u00e4nder, in dem die Menschenrechte am meisten respektiert werden und dazu sollte man Deutschland auch gratulieren. Andererseits scheint es nicht ganz so ethisch vertretbar zu sein, wenn deutsche Unternehmen oder Unternehmen, die in Deutschland aktiv sind, in anderen L\u00e4ndern grobe Menschenrechtsverletzungen begehen und genauso wenig ethisch vertretbar ist es, dass dies nicht verfolgt wird. Was ich im Grunde sagen will ist, dass sind unser aller Probleme, es geht uns alle an. Was wir suchen ist Gerechtigkeit und in dieser Suche geht es nicht um ideologische oder geographische K\u00e4mpfe. Das ist weder der Kampf von Menschen eines bestimmten Kontinentes gegen Menschen eines anderen Kontinents, noch ein Kampf von Arm gegen Reich.<\/p>\n<p>Wir haben den Prozess gegen Chevron gewonnen. Heute geht es darum das Geld von Chevron einzutreiben. Gl\u00fccklicherweise haben die ecuadorianischen Richter verf\u00fcgt, dass das Geld in vollem Umfang in die Reparatur der Sch\u00e4den investiert werden soll. Es handelt sich also nicht um einen Schadenersatz, der unter den Betroffenen aufgeteilt werden soll. Das Geld soll f\u00fcr die Dekontaminierung des Gebietes eingesetzt werden, um so weit als m\u00f6glich die Natur widerherstellen und die kulturellen und sozialen Probleme l\u00f6sen zu k\u00f6nnen, die durch das Desaster entstanden sind.<\/p>\n<p>In dieser Hinsicht ben\u00f6tigen wir viel Unterst\u00fctzung, die indigene Bev\u00f6lkerung tr\u00e4umt von einer gut ausgef\u00fchrten Widerherstellung, was fehlt ist allerdings das akademische und wissenschaftliche Know-how. Hoffentlich finden wir Menschen mit diesem Wissen, die sich dem Minka anschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Vielen Dank.<\/p><\/blockquote>\n<p><em>Organisiert wurde die Veranstaltung von der UDAPT und dem Europ\u00e4ischen Solidarit\u00e4tsnetz der UDAPT- Deustchland in Zusammenarbeit mit der Stiftung &#8211; Haus der Demokratie und Menschenrechte, MoveGLOBAL e.V., BER-Berliner Entwicklungsratschlag e.V., Lateinamerika-Forum\u00a0 Berlin e.V., Rettet den Regenwald e.V. und European Center for Constitutional and Human Rights (*ECCHR).<\/em><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Fajardo2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-255994\" src=\"http:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Fajardo2-720x480.jpg\" alt=\"Fajardo2\" width=\"720\" height=\"480\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Fajardo2-720x480.jpg 720w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Fajardo2-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Fajardo2.jpg 960w\" sizes=\"auto, (max-width: 720px) 100vw, 720px\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Tschernobyl des Amazonas wird es auch genannt, das zwischen 1972 und 1992 von Chevron-Texaco angerichtete Umweltdesaster im ecuadorianischen Regenwald, das heute immer noch, aufgrund fehlender Dekontaminierungsma\u00dfnahmen Mensch und Natur vergiftet. 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