{"id":255120,"date":"2015-12-09T14:47:16","date_gmt":"2015-12-09T14:47:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pressenza.com\/de\/?p=255120"},"modified":"2015-12-09T14:47:16","modified_gmt":"2015-12-09T14:47:16","slug":"weshalb-ein-ueberstuerztes-eingreifen-in-syrien-falsch-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2015\/12\/weshalb-ein-ueberstuerztes-eingreifen-in-syrien-falsch-ist\/","title":{"rendered":"Weshalb ein \u00fcberst\u00fcrztes Eingreifen in Syrien falsch ist"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eine <a href=\"http:\/\/www.fuk-fachschaft.de\/\">Antwort der deutschen Fachschaften Friedens- und Konfliktforschung<\/a> auf das Vorhaben des Milit\u00e4reinsatzes der Bundesregierung.<\/strong><\/p>\n<p>Die deutschen Fachschaften der Friedens- und Konfliktforschung verurteilen den Vorsto\u00df der Bundesregierung zu einem vorschnellen und un\u00fcberlegten Milit\u00e4reinsatz im Syrienkonflikt. Wissenschaftler_innen der Friedens- und Konfliktforschung verweisen regelm\u00e4\u00dfig auf den komplexen Konfliktkontext Syriens auf lokaler und internationaler Ebene, der vielschichtige L\u00f6sungsans\u00e4tze ben\u00f6tigt. Dennoch will die Bundesregierung auf eine vereinfachende und alleinig milit\u00e4rische L\u00f6sung zur\u00fcckgreifen, die dem Konflikt nicht ann\u00e4hernd gerecht wird und verheerende Folgen nach sich ziehen w\u00fcrde. Damit zieht Deutschland aus falsch verstandener Solidarit\u00e4t in einen Krieg, in dem verschiedene Akteur_innen geostrategische Machtinteressen auf dem R\u00fccken der syrischen Bev\u00f6lkerung ausk\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Die Unterzeichner_innen dieses Aufrufs fordern die Bundesregierung und das Parlament auf, keine Beschl\u00fcsse ohne eine umfassende \u00f6ffentliche Debatte zu f\u00e4llen und auf ein \u00fcberst\u00fcrztes milit\u00e4risches Eingreifen in Syrien zu verzichten.<\/p>\n<p><strong>Der Komplexit\u00e4t des Konflikts gerecht werden<\/strong><\/p>\n<p>Syrien ist ein Land mit hochkomplexer Problemlage und diffusen Fronten. Zahlreiche Splittergruppen k\u00e4mpfen seit Jahren im B\u00fcrgerkrieg. Sie verfolgen \u00e4u\u00dferst unterschiedliche Interessen und werden von verschiedenen Gro\u00dfm\u00e4chten unterst\u00fctzt, die aus strategischen und geopolitischen Interessen Waffen in Milliardenh\u00f6he in die Region liefern. Machtk\u00e4mpfe zwischen Saudi-Arabien und dem Iran (1) sind dabei von ebenso gro\u00dfer Bedeutung wie das russische, amerikanische und europ\u00e4ische Streben nach Einfluss in der Region, ganz abgesehen von Zielen der T\u00fcrkei und kurdischer Gruppierungen.<\/p>\n<p>Konfliktforscher_innen und andere Wissenschaftler_innen, die seit Jahren zu der Region arbeiten, sehen durch die vielf\u00e4ltigen Verstrickungen keinen einheitlichen, und schon gar keinen einfachen L\u00f6sungsweg f\u00fcr die Probleme. Bei allen verschiedenen Sichtweisen und fachlichen Diskussionen ist jedoch eines immer klar: Das Land aus vermeintlicher Solidarit\u00e4t gegen\u00fcber Frankreich strategielos zu bombardieren, wird keine Probleme l\u00f6sen \u2013 weder den Konflikt in der Region, noch die internationale Bedrohung durch Terroranschl\u00e4ge. Aufkl\u00e4rungsfl\u00fcge durch deutsche Tornado-Kampfjets sind nicht weniger Teil eines Kampfeinsatzes, nur weil sie keine Bomben abwerfen.<\/p>\n<p>Der selbsternannte \u201eIslamische Staat\u201c ist erschreckend, gleichzeitig aber nur eine Manifestierung der vorherrschenden Problemlage. An deren Ursachen haben nicht zuletzt auch westliche Staaten ihren Anteil &#8211; durch Waffenlieferungen, Unterst\u00fctzung despotischer Regime und Destabilisierung fragiler Gleichgewichte, beispielsweise im Irak. Zweifellos ist es dringend notwendig, sich politisch und wissenschaftlich ernsthaft mit dem \u201eIS\u201c auseinanderzusetzen und gegen ihn vorzugehen. Aber es ist fatal, die Selbstinszenierung der Terrororganisation als eine Inkarnation des Schreckens einfach zu \u00fcbernehmen und als Reaktion auf die Bedrohung in einen Krieg zu ziehen, der die komplexen Machtverstrickungen vollst\u00e4ndig ignoriert.<\/p>\n<p>\u201eDer Westen\u201c gegen \u201eden Islam\u201c: Diese viel zu vereinfachenden Kategorien des \u201eKampfes der Kulturen\u201c beschw\u00f6ren gef\u00e4hrliche Fronten herauf, mit denen die politischen Akteure der Strategie des \u201eIS\u201c direkt in die H\u00e4nde spielen. Zudem ist nicht nur die v\u00f6lkerrechtliche Grundlage des Einsatzes h\u00f6chst umstritten, sondern es mangelt &#8211; \u00e4hnlich wie beim Irak-Krieg &#8211; an einem eindeutigen Mandat der Vereinten Nationen.<\/p>\n<p>Nicht nur der \u201eIS\u201c richtet in Syrien ein Blutbad an, sondern auch das Assad-Regime, das seine Bev\u00f6lkerung mit Bombenangriffen terrorisiert und f\u00fcr viele Syrer_innen zentraler Fluchtgrund ist.<br \/>\nSeit Beginn der gewaltsamen Unterdr\u00fcckung friedlicher Proteste in Syrien vor vier Jahren rufen Zivilist_innen die internationale Gemeinschaft um Schutz und Hilfe an. Aber auch nach Giftgaseins\u00e4tzen und Fassbomben ist kaum etwas passiert. Erst jetzt, da sich ganz Europa existenziell bedroht sieht, st\u00fcrzt sich Deutschland Hals \u00fcber Kopf mit milit\u00e4rischem Engagement in die Region. Nicht abschlie\u00dfend gekl\u00e4rt ist jedoch, welche der heterogenen Akteure Verb\u00fcndete und welche Gegner sind oder was passieren soll, wenn die Stellungen des \u201eIS\u201c zerst\u00f6rt sind. (2)<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr eine \u00f6ffentliche Debatte<\/strong><\/p>\n<p>Die Bundesregierung sieht sich au\u00dferstande, Fragen nach ihrer Strategie zu beantworten. Stattdessen peitschen sie den Milit\u00e4reinsatz in drei Tagen durch das Parlament, so dass keine Zeit zum Abw\u00e4gen und Kalkulieren von Risiken oder zum Protestieren bleibt. Damit setzt sie <em>de facto<\/em> den historisch begr\u00fcndeten und verfassungsm\u00e4\u00dfig verankerten Parlamentsvorbehalt au\u00dfer Kraft: der Bundestag hat bei Milit\u00e4reins\u00e4tzen immer das letzte Wort. Die \u00f6ffentliche Debatte muss Bedingung jeglichen milit\u00e4rischen Handelns sein. Doch dies scheint hier bewusst \u00fcbergangen zu werden. Dabei kommt der Bundesregierung die diskursive Verkn\u00fcpfung der Debatten \u00fcber \u201eFl\u00fcchtlingsstr\u00f6me\u201c und terroristische Sicherheitsbedrohungen zu Gute.<\/p>\n<p>Wie u.a. die Kriege im Irak, in Afghanistan und die milit\u00e4rische Intervention in Libyen gezeigt haben, kann durch panische milit\u00e4rische Kurzschlussreaktionen kein Frieden geschaffen werden. Die deutsche Zivilbev\u00f6lkerung hat kaum Zeit zu reagieren. Im Gegensatz zu den Kriegsvorbereitungen im Kosovokonflikt, dem Einsatz in Afghanistan und dem 3. Irakkrieg sind die kritischen Stimmen in diesem Konflikt sehr schwach.<\/p>\n<p>Geht es bei dem Einsatz tats\u00e4chlich um eine Verringerung der Terrorgefahr und das Wohl der syrischen Zivilbev\u00f6lkerung? Wieso wird dann nicht versucht, dem \u201eIslamischen Staat\u201c die finanzielle Grundlage zu entziehen? So k\u00f6nnte z.B. der \u00d6lschmuggel \u00fcber die t\u00fcrkische Grenze bek\u00e4mpft oder Waffenlieferungen an Staaten, die den IS unterst\u00fctzen, unterbunden werden. Weshalb stehen nicht Ma\u00dfnahmen zum Schutz der syrischen Bev\u00f6lkerung an oberster Stelle?<\/p>\n<p>In den vergangenen Wochen wurde immer wieder diskutiert, dass der Terror, der jetzt Paris getroffen hat, seinen Ursprung auch hier hat. Menschen, die sich im westeurop\u00e4ischen Kontext radikalisieren und dem IS anschlie\u00dfen, zeigen auf, dass der Fokus auf milit\u00e4rische Interventionen im Ausland und die Logik des Krieges entscheidende Komponenten au\u00dfer Acht l\u00e4sst. Soziale Ausgrenzung und fehlende Lebenschancen, die bestimmte Menschen strukturell an den Rand der Gesellschaft dr\u00e4ngen, m\u00fcssen direkt hier von Seiten der europ\u00e4ischen Gesellschaften und ihren Regierungen als Ursache f\u00fcr terroristische Anschl\u00e4ge in Betracht gezogen und bearbeitet werden. Konfliktpr\u00e4vention in Deutschland und Europa ist demnach ein Faktor, der bei der aktuellen Fokussierung der Bundesregierung in Vergessenheit ger\u00e4t.<\/p>\n<p><strong>Kein \u00fcberst\u00fcrztes milit\u00e4risches Eingreifen!<\/strong><\/p>\n<p>Solidarit\u00e4t mit den Opfern der Anschl\u00e4ge in Paris kann nicht durch Bombardements erreicht werden. Solidarit\u00e4t mit Frankreich darf auch nicht bedeuten, die Lage der Zivilbev\u00f6lkerung in Syrien zu verschlimmern, indem den B\u00fcndnispartnern un\u00fcberlegt in den Krieg gefolgt wird. Unter Bombardierungen leiden in erster Linie immer Zivilist_innen.<\/p>\n<p>Die Fachschaften der Studieng\u00e4nge f\u00fcr Friedens- und Konfliktforschung in Deutschland sind emp\u00f6rt und best\u00fcrzt \u00fcber die unvorbereitete und kontraproduktive milit\u00e4rische Reaktion Deutschlands.<br \/>\nWir fordern die Bundesregierung und alle Abgeordneten des Parlaments auf, keine Beschl\u00fcsse ohne eine umfassende \u00f6ffentliche Debatte zu f\u00e4llen und auf ein \u00fcberst\u00fcrztes milit\u00e4risches Eingreifen in Syrien zu verzichten!<\/p>\n<p><em>(1) und (2):<\/em><br \/>\n<em> In der Originalfassung dieses Statements, so wie es alle bisherigen ZeichnerInnen unterst\u00fctzt haben, war eine Einteilung der Regime in &#8222;schiitisch&#8220; und &#8222;sunnitisch&#8220; angegeben. Die Verfassenden wurden von IslamwissenschaftlerInnen darauf hingewiesen,dass diese enorm arbitr\u00e4re Unterteilung nicht korrekt ist und eher den kriegsf\u00fchrenden Parteien in ihrer Logik begegnet, anstatt diese zu hinterfragen. Daher haben wir diese Elemente aus dem Statement gestrichen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Antwort der deutschen Fachschaften Friedens- und Konfliktforschung auf das Vorhaben des Milit\u00e4reinsatzes der Bundesregierung. Die deutschen Fachschaften der Friedens- und Konfliktforschung verurteilen den Vorsto\u00df der Bundesregierung zu einem vorschnellen und un\u00fcberlegten Milit\u00e4reinsatz im Syrienkonflikt. 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