{"id":254865,"date":"2015-12-08T15:54:06","date_gmt":"2015-12-08T15:54:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pressenza.com\/de\/?p=254865"},"modified":"2015-12-08T16:01:46","modified_gmt":"2015-12-08T16:01:46","slug":"interview-eine-wasser-vision-aus-ecuador","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2015\/12\/interview-eine-wasser-vision-aus-ecuador\/","title":{"rendered":"Interview: Eine Wasser-Vision aus Ecuador"},"content":{"rendered":"<p><em>von Rafael Ziegler f\u00fcr <a href=\"http:\/\/www.bigjumpchallenge.net\/news-details\/interview-mit-se-jorge-jurado.html\">Big Jump Challenge <\/a><\/em><\/p>\n<p><strong>Im Interview sprachen wir mit S.E. Jorge Jurado, dem ersten Wasserminister Ecuadors von 2008-2010 und seither Botschafter Ecuadors in Deutschland. Jurado geh\u00f6rt zu den f\u00fchrenden lateinamerikanischen Denkern \u00fcber Wasser, er hat B\u00fccher und Artikel verfasst, und weltweit Reden \u00fcber Wasser gehalten, inklusive bei der UNO. Im Interview erkl\u00e4rt er den ecuadorianischen Menschenrechts-Ansatz, seine praktischen Implikationen \u2013 und spricht \u00fcber seine Zeit als Student in Berlin.<\/strong><em><strong>BJC: Ecuador hat 2008 das Menschenrecht auf Wasser in seiner Verfassung verankert. Wie definiert Ecuador das Menschenrecht auf Wasser? <\/strong><\/em><\/p>\n<p>Jorge Jurado: In Ecuador ist das Wasser gem\u00e4\u00df der Verfassung, die im Jahr 2008 per Referendum angenommen wurde, ein unver\u00e4u\u00dferliches Grundrecht. Die Wasserwirtschaft ist ein \u00f6ffentlicher Sektor von nationaler strategischer Bedeutung, der unverj\u00e4hrbar unter Zust\u00e4ndigkeit des Staates steht. Das Menschenrecht auf Wasser ist unverj\u00e4hrbar, unpf\u00e4ndbar und unerl\u00e4sslich f\u00fcr das Leben (vgl. Artikel 12,Verfassung von Ecuador).<\/p>\n<p><em><strong>Das Menschenrecht auf Wasser steht in einem gr\u00f6\u00dferen Kontext. So sieht das Gesetz zu Wasservorkommen innovative M\u00f6glichkeiten der Partizipation in Wassereinzugsgebieten vor: interkulturelle &amp; plurinationale R\u00e4te sowie Gemeinder\u00e4te f\u00fcr Wassereinzugsgebiete. Was genau machen diese R\u00e4te?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Das Gesetz \u00fcber Wasserressourcen und Wassernutzung (LEY ORG\u00c1NICA DE RECURSOS H\u00cdDRICOS, USOS Y APROVECHAMIENTO DEL AGUA) verleiht den Basis-Gemeinschaften sowie dem Staat die M\u00f6glichkeit, die Wassereinzugsgebiete zu bewirtschaften. Heute sind es nicht mehr politische Grenzen, sondern die <em>nat\u00fcrlichen Grenzen<\/em> des Wassers selbst, welche eine effizientere Verwaltung der Wassereinzugsgebiete bestimmen.<\/p>\n<p>Hierbei kommt dem Interkulturellen und Plurinationalen Rat die Rolle zu, mit Ratschl\u00e4gen und lokal relevanten Hinweisen diese Bewirtschaftung zu begleiten und zu erg\u00e4nzen; dabei artikuliert dieser Rat auch die Interessen der indigenen Gemeinschaften und bringt sein Wissen um die Wasserressourcen vor Ort ein. So werden Teilhabe und Inklusion gew\u00e4hrleistet. Die Nutzung der sozialen und wirtschaftlichen Parameter der Basis-Gemeinschaften in Zusammenhang mit der technischen Information zur Wasserwirtschaft ist unerl\u00e4sslich, um eine koh\u00e4rente Wasserstrategie zu entwickeln, welche Voraussetzung einer erfolgreichen Wasserbewirtschaftung ist.<\/p>\n<p>Zudem haben die Basis-Gemeinschaften das Recht auf Selbstverwaltung und sind gesch\u00fctzt durch die Verfassung Ecuadors in Bezug auf die indigene Subsistenzwirtschaft sowie ihren nachhaltigen Umgang mit nat\u00fcrlichen Ressourcen wie dem Wasser: &#8222;Die Personen, Gemeinschaften, V\u00f6lker und Volksgruppen haben Recht auf die Nutzung der Umwelt und der nat\u00fcrlichen Reicht\u00fcmer, welche ihnen das <em>Buen Vivir <\/em>erlaubt&#8220; (vgl. Art. 74, Verfassung von Ecuador).<\/p>\n<p><em><strong>Die privatwirtschaftliche Nutzung von Wasser wird sehr kontrovers diskutiert. Warum verbietet Ecuador die Privatisierung von Wasser, und was bedeutet das praktisch f\u00fcr wasserintensive Sektoren wie Landwirtschaft und Industrie?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Wasser ist in Ecuador ein grundlegendes Menschen- und B\u00fcrgerrecht. Wasser darf bei uns nicht mehr privatisiert werden, denn Menschenrechte werden nicht privatisiert!<\/p>\n<p>Die Sektoren Landwirtschaft und Industrie haben Nutzungsrechte und k\u00f6nnen unter bestimmten Rahmenbedingungen ihren Wassernutzungsanspruch aus\u00fcben, wobei der Staat die Wassernutzungsrechte aufgrund der tats\u00e4chlichen Wasservorkommen festlegt und verteilt.<\/p>\n<p>Hierbei spielt der Schutz der Wassereinzugsgebiete ebenso eine Rolle wie das Bestimmen des Wasservolumens f\u00fcr die \u00f6konomische Nutzung. Dies ist in dem genannten Wassergesetz geregelt, genauso wie das der Privatnutzung pro Wirtschaftseinheit zustehende Wasservolumen. Schutz und Kontrolle zum Vermeiden von Verschmutzung sind weitere Faktoren der \u00f6ffentlichen Wasserwirtschaft in Ecuador.<\/p>\n<p><em><strong>Das Menschenrecht auf Wasser ist eine Vision, die auf abstrakter Ebene von vielen Menschen unterst\u00fctzt wird. Was hat diese Vision bisher praktisch in Ecuador bewirkt? <\/strong><\/em><\/p>\n<p>Die nationale Leitung der Verwaltung der Wasserreserven ist jedoch keine Vision, sondern bereits in Ecuador in die Tat umgesetzt: Die umfassende und integrierte Verwaltung der Wasserreserven stellt heute in Ecuador die Nutzung von Wasser f\u00fcr das Leben sicher. Konkret bedeutet das f\u00fcr die Menschen unter anderem, dass die Millennium-Entwicklungsziele zur verbesserten Trinkwasser- und Sanit\u00e4rversorgung bereits erreicht wurden (und insgesamt bereits 20 der 21 Millennium-Entwicklungsziele).<\/p>\n<p><em><strong>Die\u00a0 Verfassung von Ecuador von 2008 beruht auf einer \u201eKosmovision\u201c. Bitte sagen Sie uns, was das bedeutet?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Die indigene Kosmovision ist eine Weltanschauung, welche die Werte und Br\u00e4uche der Urv\u00f6lker Ecuadors beschreibt. Integraler Bestandteil dieser Kosmovision ist das\u00a0 <em>Sumak Kawsay<\/em> (in Quichua) oder <em>Buen Vivir<\/em>.<\/p>\n<p>Wasser ist ein Teil von unserem Naurerbe und ein \u00f6ffentliches Gut, welches essenziell f\u00fcr das Leben ist und damit auch wesentlich f\u00fcr das w\u00fcrdevolle Leben gem\u00e4\u00df dieser holistischen Kosmovision. Im neuen Wassergesetz werden beispielsweise den indigenen Gemeinschaften <em>spirituelle Wassernutzungsrechte<\/em> einger\u00e4umt!<\/p>\n<p><em><strong>Buen Vivir<\/strong><strong> \u2013 das \u201egute Leben\u201c \u2013 ist ein zentrales Element der ecuadorianischen Verfassung. Herr Botschafter, was ist f\u00fcr Sie ein \u201egutes Leben\u201c?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Das w\u00fcrdevolle oder gute Leben (<em>Buen Vivir<\/em>) ist f\u00fcr mich eine Gesellschaftsform, wo ich sicher bin, dass meine Bed\u00fcrfnisse gedeckt sind, ohne dass dadurch Bed\u00fcrfnisse anderer beeintr\u00e4chtigt sind. Es bedeutet ein Leben in Einklang mit der Natur und in einer Gesellschaft, in der niemand zur\u00fcckbleibt, wo genug f\u00fcr alle da ist und es niemandem an etwas fehlt.<\/p>\n<p>Dies ist ein alternatives Leitmotiv f\u00fcr unsere Gesellschaft, den Staat und die Wirtschaft. DennWachstum bedeutet nicht zwangsl\u00e4ufig Entwicklung. Entwicklung ist grunds\u00e4tzlich eine <em>politische Herausforderung<\/em>.<\/p>\n<p>Der Artikel 13 der ecuadorianischen Verfassung legt eins der bedeutendsten Grundrechte, die Ern\u00e4hrungssouver\u00e4nit\u00e4t, fest, welche sich aus dem <em>Buen Vivir<\/em> ableitet: &#8222;Die Personen und Basis-Gemeinschaften haben Anspruch auf sicheren und durchg\u00e4ngigen Zugang zugesunden, hinreichenden und nahrhaften Lebensmitteln, vorzugsweise auf lokaler Ebene produziert und in Einklang mit ihren unterschiedlichen kulturellen Identit\u00e4ten und Traditionen. Der ecuadorianische Staat f\u00f6rdert die Ern\u00e4hrungssouver\u00e4nit\u00e4t.&#8220;<\/p>\n<p>Aber auch der Artikel 32 unserer Verfassung ist von zentraler Bedeutung f\u00fcr das praktische Umsetzen des <em>Buen Vivir<\/em>: &#8222;Die Gesundheit ist ein Recht, das vom Staat garantiert wird, deren Umsetzung mit der Aus\u00fcbung anderer Rechte verbunden ist, darunter das Recht auf Wasser, Ern\u00e4hrung, Bildung, Sport, Arbeit, soziale Sicherheit, eine gesunde Umwelt und andere Rechte, die das <em>Buen Vivir<\/em> ausmachen.&#8220;<\/p>\n<p><em><strong>Was kann Europa und seine L\u00e4nder von Ecuadors Wasserpolitik lernen? Wo sehen sie \u00dcbertragungs- bzw. Lernm\u00f6glichkeiten?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Ecuador kann als Vorbild dienen in Bezug auf das konsequente Verbot der Privatisierung von Wasser in der Verfassung sowie in dem diese auslegenden Wassergesetz aus dem Jahr 2014.<\/p>\n<p>Auch d\u00fcrfte es international als beipielhaft erachtet werden, dass wir in Ecuador zun\u00e4chst dem menschlichen Wasserverbrauch die Priorit\u00e4t einr\u00e4umen, danach kommt erst die Bew\u00e4sserung f\u00fcr die landwirtschaftliche Selbstversorgung, Wasser f\u00fcr die \u00d6kosysteme sowie letztlich s\u00e4mtliche produktiven Sektoren im Land, welche mit Wasser z.B. ihre Produkte bearbeiten (vgl. Artikel 318, Verfassung von Ecuador).<\/p>\n<p><em><strong>In manchen Teilen Europas kommt es derzeit zu einem Hydropower-Boom. Aus Naturschutzperspektive bedroht dieser die letzten frei-flie\u00dfenden Fl\u00fcsse Europas; andere dagegen argumentieren, dass Wasserkraft eine relativ saubere Energiequelle f\u00fcr die wirtschaftliche Entwicklung ist. Wie ist dieser Konflikt aus der Perspektive der Verfassung Ecuadors zu denken? <\/strong><\/em><\/p>\n<p>In Ecuador nutzen wir die enormen H\u00f6henunterschiede des Flie\u00dfwassers von den Anden, so dass kaum Staud\u00e4mme gebaut werden m\u00fcssen. Der gerade genannte Gedanke aus dem Artikel 318 bietet aber den Hinweis auf ihre Frage: die industrielle Nutzung des Wassers steht in ihrer Priorit\u00e4t <em>nach<\/em> der Nutzung f\u00fcr den menschlichen Konsum, der Ern\u00e4hrungssouver\u00e4nit\u00e4t und der \u00d6kologie. Damit sind der Nutzung der Wasserkraft prinzipielle Grenzen gesetzt.<\/p>\n<p><em><strong>In einem \u201e<a href=\"http:\/\/en.bigjumpchallenge.net\/news-details\/youth-water-manifesto.html\">Youth Manifesto for Water Protection 2015<\/a>\u201c <\/strong><strong>haben Jugendliche aus ganz Europa ihre Vision f\u00fcr den Umgang mit Wasser formuliert. Dies geschah im Rahmen der Big Jump Challenge (BJC) \u2013 Jugendkampagne f\u00fcr Gew\u00e4sserschutz in Europa. Was raten Sie den BJC-TeilnehmerInnen f\u00fcr die weitere Umsetzung ihrer Vision?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Das Engagement der Jugendlichen f\u00fcr dieses wichtige \u00f6kologische Thema der gesunden Fl\u00fcsse ist wunderbar. Meines Erachtens sollte es allerdings zus\u00e4tzlich noch um viel mehr gehen; unsere Kr\u00e4fte sollten sich um den Schutz des gesamten hydrologischen Kreislaufs k\u00fcmmern!<\/p>\n<p><em><strong>Noch einmal \u201egutes Leben\u201c: F\u00fcr die BJC-TeilnehmerInnen hei\u00dft das auch: in den eigenen Fl\u00fcssen und Seen schwimmen &amp; zu diesen eine eigenst\u00e4ndige Beziehung zu entwickeln. Sie haben in Berlin studiert: welche Erinnerung haben Sie an ihr Studium an der Spree? Und waren sie w\u00e4hrend des Studiums in Spree oder Havel schwimmen? <\/strong><\/em><\/p>\n<p>Nein, ich war niemals in der Spree oder Havel schwimmen, da sie damals stark verschmutzt waren; das hei\u00dft w\u00e4hrend meiner Studienzeit in West-Berlin in den 1970er und fr\u00fchen 1980er Jahren.<\/p>\n<p>Die Jugend war in den 1970er Jahren eine wirkliche gesellschaftliche Kraft, die Vieles ver\u00e4ndert hat, insbesondere kulturell, die Mentalit\u00e4ten haben sich zur Zeit meines ersten Aufenthalts in Berlin als Student sehr positiv entwickelt wie ich damals sp\u00fcrte. Das hei\u00dft die Menschen haben damals zu einer gro\u00dfen Zahl sich bem\u00fcht, die Ursachen der Ungleichheit und der Armut zu verstehen und diese m\u00f6glichst zu beseitigen. Deswegen habe ich sehr gute Erinnerungen an die West-Berliner Zeit, als eine Mehrzahl der B\u00fcrger sich politisch einbrachte und sehr viele Staatsb\u00fcrger ihre gesellschaftspolitischen Forderungen und Ziele auch artikuliert und aktiv eingebracht haben. Ich hoffe, dass die BJC-Jugendlichen auf Ihre Weise dieses Engagement f\u00fcr die politischen Herausforderungen unserer Zeit fortsetzen<\/p>\n<p><em>Weiterf\u00fchrende Information: <a href=\"http:\/\/pdba.georgetown.edu\/Constitutions\/Ecuador\/english08.html\">Verfassung von Ecuador<\/a> <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Rafael Ziegler f\u00fcr Big Jump Challenge Im Interview sprachen wir mit S.E. Jorge Jurado, dem ersten Wasserminister Ecuadors von 2008-2010 und seither Botschafter Ecuadors in Deutschland. 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