{"id":2536715,"date":"2024-07-15T15:19:07","date_gmt":"2024-07-15T14:19:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=2536715"},"modified":"2024-07-17T14:21:20","modified_gmt":"2024-07-17T13:21:20","slug":"krieg-und-poebel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2024\/07\/krieg-und-poebel\/","title":{"rendered":"Krieg und P\u00f6bel"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Krieg ern\u00e4hrt den Krieg. Diese schlichte Weisheit, entnommen aus dem zweiten Teil von Friedrich Schillers Wallenstein-Trilogie, f\u00fchrt zu einer ebenso trivialen Wahrheit: Frieden l\u00e4sst den Krieg hungern, aber nicht verhungern. Zumindest nicht in einer zivilisierten Gesellschaft, die die Sch\u00f6pfer, Knechte und Profiteure des Krieges, die f\u00fcr Tod und Zerst\u00f6rung verantwortlich sind, in die Normalit\u00e4t des Lebens integriert. Diese Schizophrenie, ein Schutzwall f\u00fcr die Bestie und eine Brandmauer gegen den Frieden, h\u00e4lt die Menschheit wie im Labyrinth des Minotaurus gefangen. Der neue P\u00f6bel muss den Ausgang finden.<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Gunther Sosna<\/em><\/p>\n<p>Die Personalie Albrecht von Waldstein, genannt Wallenstein, taugt als Ausgangspunkt, um sich der Bestie Krieg emotionslos zu n\u00e4hren. Wallenstein, die zentrale Figur in Schillers Drama, k\u00e4mpfte im Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg (1618 &#8211; 1648) auf der Seite von Kaiser Ferdinand und der Katholischen Liga gegen die Protestantische Union. Er war zweimal Oberbefehlshaber der Truppen, h\u00e4ufte Titel und Reichtum an und wurde 1634 als angeblicher Verr\u00e4ter von kaisertreuen Offizieren ermordet. Der b\u00f6hmische Generalissimus steht beispielhaft f\u00fcr das, was jeden Krieg antreibt: Selbstsucht, Macht- und Habgier.<\/p>\n<h3><strong>Der Unternehmer<\/strong><\/h3>\n<p>In der Gegenwart w\u00fcrde Wallenstein ganz bestimmt eine steile Karriere im Kriegsbusiness hinlegen. Nicht etwa weil sich dessen Essenzen in den letzten 400 Jahren nur marginal ge\u00e4ndert haben oder wegen seiner Treue zu einer Obrigkeit, die ihm am Ende seine Eigenm\u00e4chtigkeiten und Verrat vorwarf. Auch seine Kompetenzen bei der Gestaltung des Mordens f\u00fcr eine heilige Sache spielen nicht die entscheidende Rolle. Als Prototyp des modernen Kriegsunternehmers verfolgte Wallenstein neben seinen politischen Interessen insbesondere finanzielle Absichten. Unter anderem f\u00fchrte er eine Kriegssteuer ein. Das macht ihn f\u00fcr den Kapitalismus und auf Krieg geb\u00fcrstete Parteien besonders sexy.<\/p>\n<p>Es ist wenig \u00fcberraschend, dass Wallenstein eine Art Pionier beim Aufbau wirtschaftskrimineller Allianzen war. Zusammen mit dem Bankier Hans de Witte, dem Finanzier und kaiserlichen Hofbankier Jacob Bassevi von Treuenberg, Karl I. von Liechtenstein und anderen Geldgebern aus den Reihen des Adels, begr\u00fcndete Wallenstein 1622 ein M\u00fcnzkonsortium. Vom Kaiser wurde das Hoheitsrecht \u00fcber das M\u00fcnzwesen in B\u00f6hmen, M\u00e4hren und Teilen \u00d6sterreichs gepachtet. Als M\u00fcnzp\u00e4chter reduzierte das Konsortium in den Silberm\u00fcnzen, einem damals \u00fcblichen Zahlungsmittel, massiv und in kurzer Zeit den Anteil an Edelmetall. Damit war klar, dass eine Inflation ausgel\u00f6st w\u00fcrde, die die Bev\u00f6lkerung, den P\u00f6bel, schnell erreicht.<\/p>\n<p>Der Wissensvorsprung \u00fcber die Entwertung der M\u00fcnzen \u2013 und die Absicht, den noch jungen Krieg fortzuf\u00fchren \u2013, gen\u00fcgte dem Konsortium, um sich noch vor den Preiserh\u00f6hungen die G\u00fcter zwangsenteigneter evangelisch-lutherischer Standesherrn durch Kauf anzueignen und \u00fcber Kredite weiter in den Krieg zu investieren. W\u00e4hrend die Bev\u00f6lkerung, die ihr echtes Silber gegen gestreckte M\u00fcnzen eintauschen musste, verarmte, die Wirtschaft kaputt ging und im Duett mit der Preisexplosion eine katastrophale Versorgungslage zu Hungersn\u00f6ten und Pl\u00fcnderungen f\u00fchrte, war der Krieg wohl gen\u00e4hrt und die Investoren auch. Im Winter 1623 erkl\u00e4rte der Kaiser den Staatsbankrott. Und das ist nur ein Beispiel f\u00fcr die Machenschaften hinter den Kulissen aus Pulverdampf und Kriegsgeschrei.<\/p>\n<h3><strong>Das Nutzvieh<\/strong><\/h3>\n<p>Mit dieser Expertise im Tornister, und das ist nicht sarkastisch gemeint, k\u00f6nnte Wallenstein im heutigen milit\u00e4risch-industriellen Komplex (MIK), in dem die Interessen von R\u00fcstungskonzernen, Milit\u00e4rs, Bankern und Politikern verschmelzen, durchstarten. Vielleicht als smarter Young Global Leader, der den MIK mit seiner Variante, Kriegsherr, Investor und Politiker in Personalunion zu sein, revolutioniert und via WhatsApp den Finanzministern Europas erkl\u00e4rt, wie sie durch die Verpachtung von kostbarem Grund und Boden, durch Enteignung und dem Verkauf von Infrastruktur ganz viel wertloses Geld in die Staatskasse bekommen, um ihr Milit\u00e4r aufzupeppen, mit Krediten externe Kriege zu finanzieren und Waffenkonzerne mit Auftr\u00e4gen zu m\u00e4sten.<\/p>\n<p>Die Methodik wurde im Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg angewendet und hat sich bis heute im Prinzip nicht ge\u00e4ndert. Die Varianten der T\u00e4uschung wurden optimiert: Aufr\u00fcstung schafft Arbeitspl\u00e4tze, Investitionen in R\u00fcstungskonzerne befl\u00fcgelt die Fantasie der Anleger und das Wachstum. Es sind Glaubenss\u00e4tze, die von Politik und Medien wie Bet\u00e4ubungsmittel \u00fcber der Bev\u00f6lkerung ausgesch\u00fcttet werden. Davon hat die aber nichts, wie beispielsweise Armutsrenten, Niedrigl\u00f6hne, steigende Mieten, das Abschmelzen der Mittelschicht und die dynamische Zunahme an Teilzeitjobs belegen. Das bedeutet im Klartext, dass die Bev\u00f6lkerung betrogen, belogen und scheibchenweise ruiniert wird.<\/p>\n<p>Der erste vorsichtige Schritt, der zum Ausgang aus dem Labyrinth der Bestie f\u00fchrt, ist das individuelle Eingest\u00e4ndnis, im systemischen Sinne Nutzvieh zu sein, dass im Interesse kapitalistischer Investoren indirekt oder direkt in einem Krieg geschlachtet wird. Wenn das als Feststellung akzeptiert und verdaut ist, kann die Frage gestellt werden, was es bedeutet, wenn sich ein Staatengebilde verschuldet und zum Hauptinvestor der Bestie aufsteigt.<\/p>\n<h3><strong>Der P\u00f6bel<\/strong><\/h3>\n<p>Die europ\u00e4ischen Nationalstaaten, unf\u00e4hig jedem Einwohner die banalsten Grundbed\u00fcrfnisse zu garantieren, taumeln bedenklich, w\u00e4hrend sie im Wachstumsfieber zu einer aggressiven Europ\u00e4ischen Union verschmelzen, dessen einzig erkennbarer Sinn in der Konzentration finanzwirtschaftlicher und milit\u00e4rischer Macht liegt. Das Hegen und Pflegen der Bestie, die in der Ukraine tobt, die Verh\u00f6hnung aller Kriegsopfern dieser Welt durch die Liebe zu Waffenh\u00e4ndlern, die Diffamierung von Kriegsgegnern und Pazifisten, die Bagatellisierung des Friedens und die giftige Berieselung von Kindern und Jugendlichen mit Storys \u00fcber das abenteuerliche Leben von Soldaten, sind Indizien f\u00fcr die niedersten Absichten.<\/p>\n<p>Die EU wird vom Krieg eingeatmet, weil diese Union offenbar ohne Krieg nicht mehr existieren kann. Es zeigen sich historische Parallelen unter anderem zur Aufr\u00fcstung im Dritten Reich und den Vereinigten Staaten mit ihrem irrealen Milit\u00e4rapparat, einer nicht minder irreal ausgepr\u00e4gten Pauperisierung und Krieg als Gesch\u00e4ftsmodell, die keinen anderen Schluss zulassen. Den Stecker wird niemand ziehen. Es macht auch keinen Sinn, auf einen neuen Michail Gorbatschow zu warten, der das verlorene Spiel abpfeift.<\/p>\n<p>Der von der neufeudalistischen Kapitalelite verachtete und von der politischen Klasse missachtete P\u00f6bel, das digitalisierte Lumpenproletariat, muss es wagen, eine Zukunft ohne Krieg zu erfinden, um aus dem Labyrinth auszubrechen. Denn sie werden von den Ausl\u00e4ufern der Kriege am h\u00e4rtesten betroffen sein. Doch wo sind die Vorbilder geblieben, die im Palladium der Freiheit die au\u00dferparlamentarischen Impulse setzen?<\/p>\n<p>In Deutschland wurde die politische Linke vom Kapitalismus assimiliert. Die eingeleitete Schleifung des Sozialstaats, der Niedergang der Industrie, das wachsende Elend in den Metropolen, die zunehmende Anomie und das sich abzeichnende politische Erwachen der migrantischen Milieus, werden die Antwort geben.<\/p>\n<p><em>Der Artikel erschien zuerst unter demselben Titel auf manova.news.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Krieg ern\u00e4hrt den Krieg. Diese schlichte Weisheit, entnommen aus dem zweiten Teil von Friedrich Schillers Wallenstein-Trilogie, f\u00fchrt zu einer ebenso trivialen Wahrheit: Frieden l\u00e4sst den Krieg hungern, aber nicht verhungern. 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