{"id":2536245,"date":"2024-07-13T07:26:38","date_gmt":"2024-07-13T06:26:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=2536245"},"modified":"2024-07-13T07:26:38","modified_gmt":"2024-07-13T06:26:38","slug":"gaia-vince-das-nomadische-jahrhundert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2024\/07\/gaia-vince-das-nomadische-jahrhundert\/","title":{"rendered":"Gaia Vince &#8211; Das nomadische Jahrhundert"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das nomadische Jahrhundert. \u00a0Wie die Klima-Migration unsere Welt ver\u00e4ndern wird.<\/strong><\/p>\n<p>Mit apokalyptischen Szenarien zu drohen, welche die Zukunft der Menschheit in d\u00fcstersten Farben ausmalen, mahnt zwar demonstrativ das Schlie\u00dfen des Tores vor der Gefahr an, \u00f6ffnet aber zugleich die Hintert\u00fcr sperrangelweit zum Fluchtversuch. Im biblischen Kontext m\u00fcndet die Menschheitsgeschichte in eine globale Vernichtung, doch werden die Auserw\u00e4hlten errettet, um inmitten des Heulens und Z\u00e4hneknirschens an der Tafel des Herrn zu speisen. Was k\u00f6nnte nachhaltiger erg\u00f6tzen, als es sich im Angesichte allseitigen Elends und Sterbens gut ergehen zu lassen! So hausiert die endzeitliche Dystopie des Jenseitsversprechens mit einem goldenen Ausweg, der einer Elite offensteht, die den ihr zustehenden Ewigkeitslohn am Ende einf\u00e4hrt. Gen\u00e4hrt wird die Hoffnung, es bleibe noch eine betr\u00e4chtliche Frist, bis es wirklich ernst wird, gepaart mit der Perspektive, ein Entkommen k\u00f6nne selbst inmitten der Katastrophe gelingen, sofern man sich nur auf die richtige Seite schl\u00e4gt.<\/p>\n<p>Die Apokalypse kann folglich nur eine Perspektive jener Teile der Menschheit sein, die sich in Sicherheit w\u00e4hnen und bestenfalls um ihre Pfr\u00fcnde sorgen. F\u00fcr die Verdammten dieser Erde hingegen ist l\u00e4ngst und immer schon eingetreten, womit die vier Reiter den Erdkreis heimsuchen. Die Rede ist von dem Schmerz, der den Aufstieg der Menschheit zur alles zerst\u00f6renden Spezies, die wie keine andere auch unter ihresgleichen w\u00fctet, von Anbeginn gepr\u00e4gt hat. Um diesen Schmerz zu identifizieren und zu konfrontieren, k\u00f6nnte es hilfreich sein, das Tafeln der Auserw\u00e4hlten als Inbegriff h\u00f6chsten Genusses zu Rate zu ziehen. Ihr erhebendes Gl\u00fcck speist sich aus dem Verh\u00e4ngnis der anderen, womit sich als Quelle und Ma\u00dfstab jeglichen Wertes der Unwert erschlie\u00dft, den dieses Vorteilsstreben zu schaffen trachtet. Es geht also nicht um einen blo\u00df ungleichen Zugang zu Ressourcen aller Art, der auf dem Wege einer gerechten Verteilung ins Lot zu bringen w\u00e4re. Aufzubrechen ist vielmehr die Verf\u00fcgungsgewalt einer r\u00e4uberischen Existenz- und Wirtschaftsweise, welche die Natur auspl\u00fcndert und menschliche Arbeitskraft ausbeutet.<\/p>\n<p>Was nun die angesichts der hereinbrechenden Klimakatastrophe ausbleibenden oder ungen\u00fcgenden Kurskorrekturen betrifft, reicht es demnach nicht hin, mangelnde Einsicht, Vernunft oder Entschlossenheit machtrelevanter Handlungskomplexe zu beklagen und anzuprangern. Sie setzen die Ratio ihrer Klasse durch, die globalen Verwerfungen abzuwettern und wom\u00f6glich als Krisengewinner aus ihnen hervorzugehen. Mehr denn je forcieren sie die Unterjochung und Vernichtung all jener, die sie im Elend gefangen halten, um sich ihrer zu bedienen oder sie als \u00fcberfl\u00fcssig zu entsorgen. Dies soll hier am Beispiel der Klima-Migration erl\u00e4utert werden. Gelingt es nicht, die Erderw\u00e4rmung zu bremsen, wie sich dies bislang in aller Deutlichkeit abzeichnet, werden Milliarden von Menschen gezwungen sein, ihre lebensfeindliche Heimat zu verlassen und verzweifelt in jene Regionen zu dr\u00e4ngen, in denen ein \u00dcberleben noch m\u00f6glich scheint. Dann kehren Krieg und Zerst\u00f6rung auf breiter Front dorthin zur\u00fcck, wo sie zumeist ihren Ausgang genommen haben.<\/p>\n<p>Legt man die gegenw\u00e4rtige Abschottungspolitik der reichen L\u00e4nder zugrunde, deutet nichts auf eine Wende in diesem Krieg gegen fliehende Menschen hin, der im Gegenteil weiter versch\u00e4rft wird. Zentrale Strategie der EU ist seit langem, die Fl\u00fcchtlingsabwehr mittels Geldzahlungen an die T\u00fcrkei und die Staaten Nordafrikas vorzuverlagern. Dabei werden repressive Regime unterst\u00fctzt, die grausame und blutige Arbeit der Abschreckung, Gefangennahme, Misshandlung und Zur\u00fcckdr\u00e4ngung von Fl\u00fcchtlingen zu \u00fcbernehmen. Deren weltweite Zahl hat sich in den letzten zehn Jahren auf sch\u00e4tzungsweise 114\u00a0Millionen Vertriebene verdoppelt und \u00fcbersteigt damit sogar die des Zweiten Weltkriegs.<\/p>\n<p>In Genf kam dieser Tage zum zweiten Mal nach 2019 das Globale Fl\u00fcchtlingsforum der UN mit Vertretern aus \u00fcber 100 L\u00e4ndern zusammen, um finanzielle Unterst\u00fctzung f\u00fcr jene meist armen Nachbarl\u00e4nder zu mobilisieren, in denen das Gros der Vertriebenen landet. Mehr als zwei Drittel der Aufnahmestaaten geh\u00f6ren nicht dem reichen Norden an, der laut lamentiert, das eigene Boot sei voll. [1] Das Forum geht auf den &#8222;globalen Pakt f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge&#8220; zur\u00fcck, den die UN-Generalversammlung 2018\u00a0verabschiedet hat. Dieses Versprechen der Staaten, die Aufnahme von Fl\u00fcchtlingen weltweit zu verbessern und die Kosten angemessen zu verteilen, scheitert bislang gr\u00f6\u00dftenteils an einer dramatischen Unterfinanzierung. Die deutsche Entwicklungsministerin Svenja Schulze erkl\u00e4rte dennoch vor Ort, Deutschland habe ein Interesse daran, dass die Menschen in der N\u00e4he ihrer Heimat bleiben k\u00f6nnen und nicht weiter fliehen m\u00fcssen. Dass Europas Mauern und Stacheldraht immer \u00f6fter im S\u00fcden selbst errichtet werden, erw\u00e4hnte Schulze nicht. Und ebenso wenig berichtete sie, dass auch eine mit der russischen S\u00f6ldnergruppe Wagner in Verbindung stehende libysche Miliz daran beteiligt ist, Fl\u00fcchtlinge auf dem Mittelmeer einzufangen und nach Libyen zur\u00fcckzutransportieren. Bisher war bekannt, dass die von der EU und Italien ausgebildete und ausgestattete libysche K\u00fcstenwache dies tut. Auch die dem General Haftar unterstehende und als Foltertruppe bekannte Tareq-bin-Zeyad-Brigade aus Bengasi f\u00e4ngt mit Unterst\u00fctzung von Frontex Fl\u00fcchtlingsboote ab, deren Insassen ebenfalls in Libyen eingesperrt und misshandelt werden.<\/p>\n<p>Unterdessen debattierte die franz\u00f6sische Nationalversammlung den Entwurf eines Einwanderungsgesetzes, das unter anderem Abschiebungen erleichtern soll. Dies soll auch Menschen, die bei ihrer Ankunft in Frankreich j\u00fcnger als 13 Jahre alt waren, sowie ausl\u00e4ndische Eltern franz\u00f6sischer Kinder betreffen. Pr\u00e4sident Emmanuel Macron hatte urspr\u00fcnglich ein Gesetz angek\u00fcndigt, das sowohl die Integration von Migranten f\u00f6rdern als auch das Abschieben erleichtern sollte. Ein B\u00fcndnis aus rechten Parteien und Gr\u00fcnen wies das Vorhaben allerdings vorerst ab. Einen Tag sp\u00e4ter warb in Gro\u00dfbritannien Premier Rishi Sunak f\u00fcr Zustimmung zum neuen Asylgesetz. Er forderte die Abgeordneten auf, &#8222;das h\u00e4rteste Gesetz gegen illegale Einwanderung zu unterst\u00fctzen, das es je gab&#8220;. Der Gesetzentwurf soll den Plan wiederbeleben, Asylbewerber ins ostafrikanische Ruanda abzuschieben, welchen das Oberste Gericht im November blockiert hatte.<\/p>\n<p>Eine wachsende Zahl europ\u00e4ischer Politiker, darunter auch der Migrationsbeauftragte der Bundesregierung, Joachim Stamp, pr\u00fcft derzeit M\u00f6glichkeiten, Asylverfahren in Drittstaaten auszulagern. Die CDU will eine entsprechende Forderung in ihr neues Grundsatzprogramm aufnehmen. Die EU ber\u00e4t bereits seit 2014 eine Reform des Gemeinsamen Asylsystems, wobei nun unter anderem ein Konzept zu Schnellverfahren in geschlossenen Lagern an den EU-Au\u00dfengrenzen auf dem Tisch liegt. Die spanische Ratspr\u00e4sidentschaft schlug vor, auch Minderj\u00e4hrige ab sechs Jahren diesem Verfahren zu unterziehen. Die Gr\u00fcnen lehnten die Schnellverfahren, die Deutschland 2019 ins Spiel gebracht hatte, lange kategorisch ab. Doch im Fr\u00fchsommer stimmte Deutschland im Rat den Kommissionsvorschl\u00e4gen zu. [2] Die Front der reichen L\u00e4nder gegen geflohene Menschen wird repressiv ausgebaut, um diese m\u00f6glichst weit von der EU fernzuhalten.<\/p>\n<p><strong>Migration &#8211; Nicht das Problem, sondern die L\u00f6sung?<\/strong><\/p>\n<p>Gaia Vince hat Physik und Chemie wie auch Ingenieurwissenschaften und Journalistik studiert. Die Umwelt- und Rundfunkjournalistin sowie Sachbuchautorin mit britischer und australischer Staatsb\u00fcrgerschaft schreibt f\u00fcr BBC Online, The Guardian, New Scientist, Australian Geographic und Science. Sie produziert und pr\u00e4sentiert Dokus f\u00fcr Rundfunk und Fernsehen wie BBC Inside Science und h\u00e4lt Vortr\u00e4ge in aller Welt. Zuvor war sie in den Redaktionen der Wissenschaftsjournale Nature, Nature Climate Change und New Scientist t\u00e4tig. Mehrere ihrer Arbeiten gewannen internationale Preise.<\/p>\n<p>Vince besch\u00e4ftigt sich insbesondere mit den Wechselwirkungen zwischen menschengemachten und planetaren Systemen. Klimawandel, Globalisierung, Kommunikationstechnologie und eine rasant wachsende Bev\u00f6lkerung ver\u00e4ndern ihres Erachtens die Welt heute schneller und weitreichender als je zuvor. Im Zuge ihrer weltweiten Forschungen hat sie mehr als 60 L\u00e4nder besucht, in dreien gelebt und wohnt derzeit in London. Eine zweieinhalb Jahre w\u00e4hrende Reise schuf die Grundlage f\u00fcr ihr erstes Buch &#8222;Adventures in the Anthropocene: A Journey to the Heart of the Planet&#8220;, das 2015 mit dem Royal Society Winton Prize for Science Books ausgezeichnet wurde, den damit erstmals einer Frau erhielt. Sie diskutiert darin jene Epoche, in der menschliche Aktivit\u00e4ten begannen, einen signifikanten Einfluss auf die \u00d6kosysteme der Erde auszu\u00fcben. Ihr zweites Buch &#8222;Transcendence: How Humans Evolved Through Fire, Language, Beauty, and Time&#8220; ist 2019 erschienen und beschreibt die gemeinsame Evolution von Biologie, Umwelt und Kultur bei der Entwicklung des Menschen. [3]<\/p>\n<p>In ihrem 2022 erschienenen Buch &#8222;Das nomadische Jahrhundert. Wie die Klima-Migration unsere Welt ver\u00e4ndern wird&#8220; warnt die Autorin nun angesichts der hereinbrechenden Klimakatastrophe vor einer absolut dystopischen Zukunft f\u00fcr die gesamte Menschheit. Zugleich benennt sie eine ganze Reihe erforderlicher Ma\u00dfnahmen, die ihres Erachtens geeignet sein k\u00f6nnten, diese dramatische Entwicklung zu bremsen und wom\u00f6glich sogar umzukehren. Wo und wie Menschen k\u00fcnftig leben werden, h\u00e4lt sie f\u00fcr eine der wichtigsten Fragen im Kontext des Klimawandels, die dennoch weithin ausgeblendet werde. Deshalb sei dieses Buch sowohl ein eindringlicher Aufruf zum Handeln als auch eine fundierte Beschreibung, wie die nunmehr unabwendbare Klima-Migration auf eine Weise geplant und gehandhabt werden k\u00f6nnte, welche die Bewohnbarkeit des Planeten in ver\u00e4nderter Form wiederherstelle.<\/p>\n<p>Wie die Autorin argumentiert, k\u00f6nne diese massenhafte Migration mittels geeigneter politischer Ma\u00dfnahmen nicht nur zum Wohle der geflohenen Menschen, sondern auch der Bev\u00f6lkerungen, die sie aufnehmen, bew\u00e4ltigt werden. Grunds\u00e4tzlich pl\u00e4diert sie f\u00fcr ein Umdenken, Migration nicht l\u00e4nger als Bedrohung, sondern als eine wesentliche Triebkraft und Verlaufsform menschlicher Evolution und Verbreitung \u00fcber diesen Planeten aufzufassen. Solche immer wieder einsetzenden Wanderbewegungen h\u00e4tten die Weiterentwicklung unserer Spezies in der Vergangenheit befl\u00fcgelt und seien auch k\u00fcnftig ein zentraler Schl\u00fcssel zur Entfaltung der Gesellschaft. W\u00e4hrend n\u00e4mlich im globalen S\u00fcden der extreme Klimawandel gewaltige Menschenmengen aus ihrer Heimat vertreibe, weil gro\u00dfe Regionen unbewohnbar werden, h\u00e4tten die Volkswirtschaften im klimatisch angenehmeren Norden M\u00fche, den demografischen Wandel zu bestehen, der mit massivem Arbeitskr\u00e4ftemangel und einer verarmten und \u00fcberalterten Bev\u00f6lkerung verbunden sein werde. Migration sei eine wirtschaftliche und keine Sicherheitsfrage, sie f\u00f6rdere den wirtschaftlichen Aufschwung und verringere die Armut.<\/p>\n<p>Mit jedem Grad Klimaerw\u00e4rmung werden etwa eine Milliarde Menschen aus einer Zone verdr\u00e4ngt, in der seit Jahrtausenden Menschen gelebt haben. Verl\u00e4uft diese gewaltige Umw\u00e4lzung ungesteuert und gewaltsam, m\u00fcndet sie zwangsl\u00e4ufig in eine beispiellose Katastrophe. Es sei daher unverzichtbar, den Prozess der Planung und Vorbereitung auf die Orte und Formen k\u00fcnftigen Zusammenlebens unverz\u00f6gert in Angriff zu nehmen. Gelingt es, ein Gemeinwesen der gesamten Menschheit zu schmieden, wird diese den Planeten auch weiterhin beherrschen, selbst wenn die Nahrungsmittelproduktion auf eine vergleichsweise kleine Fl\u00e4che beschr\u00e4nkt sei, so die Autorin. Erforderlich seien neue Methoden der Ern\u00e4hrung, der Treibstoffversorgung und der Aufrechterhaltung der Lebensweisen, w\u00e4hrend der Aussto\u00df von Kohlendioxid zur\u00fcckgefahren und dieses sogar wieder aus der Atmosph\u00e4re entfernt werden m\u00fcsse. Die Menschen w\u00fcrden k\u00fcnftig bei gr\u00f6\u00dferer Wohndichte in weniger St\u00e4dten leben, die teilweise in n\u00f6rdlichen Regionen neu zu errichten seien. Zugleich m\u00fcssten die mit h\u00f6herer Bev\u00f6lkerungsdichte verbundenen Risiken wie Stromausf\u00e4lle, Abwasserprobleme, \u00dcberhitzung, Umweltverschmutzung und Infektionskrankheiten vermindert werden.<\/p>\n<p>Eine ebenso gro\u00dfe Herausforderung werde indessen darin bestehen, die tief sitzende Auffassung von Nationalstaaten, Grenzen und entsprechenden Zugeh\u00f6rigkeiten wie auch Abschottungen zu \u00fcberwinden. Im Zuge dieser gro\u00dfen Migration m\u00fcssten alle Menschen ein St\u00fcck ihrer Stammesidentit\u00e4t aufgeben, um als kollektive Weltb\u00fcrger eine die ganze Menschheit umfassende Identit\u00e4t anzunehmen. In den k\u00fcnftigen neuen St\u00e4dten der Polarregion leben zu k\u00f6nnen, erfordere eine Anpassung an die unterschiedlichsten Gesellschaften.<\/p>\n<p>Gaia Vince stellt &#8222;die vier apokalyptischen Reiter des Anthropoz\u00e4ns&#8220;, n\u00e4mlich Br\u00e4nde, Hitze, Trockenheit und \u00dcberschwemmungen, in der Gewalt ihres W\u00fctens dar. Sie geht ausf\u00fchrlich auf die &#8222;nomadische Seele&#8220; ein, die ihres Erachtens &#8222;in uns allen schlummert&#8220; (S. 17). Und schlie\u00dflich er\u00f6rtert sie eine Palette von L\u00f6sungen, die ihrer Einsch\u00e4tzung nach schon in Reichweite liegen. Dabei pl\u00e4diert sie nicht zuletzt daf\u00fcr, offen f\u00fcr alle Optionen zu bleiben, und somit auch vor umstrittenen technologischen L\u00f6sungsans\u00e4tzen nicht zur\u00fcckzuschrecken, denen sie durchaus zutraut, die Erderw\u00e4rmung r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen und verlassene Weltregionen k\u00fcnftig wieder bewohnbar zu machen.<br \/>\nIm Kampf gegen den Klimawandel h\u00e4lt sie es f\u00fcr &#8222;moralisch nicht vertretbar&#8220;, auf rasch wirksame Klimainterventionen zu verzichten, wenn &#8222;wir die M\u00f6glichkeit h\u00e4tten, den Planeten zu k\u00fchlen&#8220; (S. 304). Wenn sich die Erde nicht so rasch erw\u00e4rmt und l\u00e4nger k\u00fchl bleibt, w\u00fcrde &#8222;den \u00e4rmsten Menschen&#8220; geholfen, &#8222;sich anzupassen und ihre Armut zu lindern&#8220; (S. 303). Es k\u00f6nnte Zeit gewonnen werden, w\u00e4hrend der die Treibhausgasemissionen weiter gesenkt werden, lautet zusammengefasst der Standpunkt der Autorin.<\/p>\n<p>Bei diesem sogenannten Geoengineering w\u00fcrden beispielsweise die Sonnenstrahlen bereits in der Stratosph\u00e4re durch das Verspr\u00fchen von Sulfatpartikeln ins Weltall reflektiert. Man wei\u00df vom Ausbruch des philippinischen Vulkans Pinatubo 1991, dass dessen schwefelhaltige Asche- und Staubwolke bis in 24 Kilometer H\u00f6he aufgestiegen war und sich dort fl\u00e4chig um die Erde gelegt hatte. In den n\u00e4chsten ein, zwei Jahren wurde die globale Temperatur um rund ein halbes Grad gedimmt.<\/p>\n<p>Das Verfahren zur K\u00fchlung des Planeten sei noch nicht erprobt worden, r\u00e4umt die Autorin ein. Deshalb wisse man nicht, ob es &#8222;unbeabsichtigte Nebenwirkungen&#8220; gibt, &#8222;und wenn ja, ob diese schlimmer w\u00e4ren als die Auswirkungen einer fortgesetzten Erw\u00e4rmung&#8220; (S. 304). An dieser Stelle vollzieht sie einen logischen Bruch in ihrer Argumentation, indem sie beschwichtigend erkl\u00e4rt, dass die Nebenwirkungen &#8222;mit relativ geringer Verz\u00f6gerung&#8220; gestoppt werden k\u00f6nnten, &#8222;indem man das Verfahren abbricht&#8220;.<br \/>\nEinmal abgesehen davon, dass ein Abbruch der Sulfatinjektionen einen in der Fachliteratur hinl\u00e4nglich beschriebenen &#8222;termination shock&#8220; ausl\u00f6sen k\u00f6nnte, bei dem die globale Durchschnittstemperatur schlagartig um mehrere Grad zunimmt, kann vom Wortsinn her niemand wissen, ob solche &#8222;unbeabsichtigten&#8220; Nebenwirkungen nicht unumkehrbare Folgen haben. Zum Beispiel lassen Studien darauf schlie\u00dfen, dass die Sulfatpartikel die Ozonschicht sch\u00e4digen und dass sich die Niederschlags-verteilungsmuster gro\u00dfr\u00e4umig \u00e4ndern. Vermutlich w\u00fcrde in S\u00fcdostasien der f\u00fcr den landwirtschaftlichen Anbau und damit die Ern\u00e4hrungssicherheit der Menschen unverzichtbare Monsun geschw\u00e4cht.<\/p>\n<p>Auch abgemilderte Varianten des solaren Geoengineerings, so sie dann \u00fcberhaupt den gew\u00fcnschten Effekt erzielten, werden nicht nebenwirkungsfrei sein. Es ist nur eine Behauptung &#8211; vielleicht aus dem Wunschdenken nach einfachen L\u00f6sungen angesichts komplexer Herausforderungen entstanden -, dass die globale Erw\u00e4rmung wie bei einem Backofen nach Belieben an- und ausgeschaltet werden kann, ohne dass dies unkalkulierbare Konsequenzen nach sich z\u00f6ge.<br \/>\nSolares Geoengineering w\u00e4re sicherlich nicht das Gegenmodell zur industriellen Entwicklung, die durch fossile Energietr\u00e4ger insbesondere ab der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhundert vehement befeuert wurde, sondern deren Fortsetzung. Mit der Stratosph\u00e4re w\u00fcrde eine weitere planetare Region in den Strudel zerst\u00f6rerischer menschlicher Machenschaften einbezogen, die bisher zwar keinesfalls unber\u00fchrt geblieben ist, aber vermutlich noch nie eine so massive Intervention erleben musste, wie sie dann zu erwarten w\u00e4re.<\/p>\n<p>Sollte jemals eine Einigung erzielt werden, die Klimakatastrophe auf diese Weise zu bek\u00e4mpfen, kann man sicher sein, dass in der vorherrschenden Ordnung miteinander konkurrierender Nationen nicht jene die schwerwiegendsten Nebenwirkungen freiwillig auf sich ziehen, die heute \u00fcber den gr\u00f6\u00dften milit\u00e4rischen, wirtschaftlichen und politischen Einfluss verf\u00fcgen. Vielmehr w\u00fcrden es wieder einmal die marginalisierten Nationen sein, die am st\u00e4rksten darunter zu leiden h\u00e4tten, dass sich andere durch das Verbrennen fossiler Energietr\u00e4ger eine Vorteilsposition zu Lasten ihrer Lebens- und \u00dcberlebensvoraussetzungen verschafft haben. Solares Geoengineering k\u00e4me wohl kaum &#8222;den \u00e4rmsten Menschen&#8220; zugute, wie Vince behauptet, sondern w\u00fcrde die Armut perpetuieren.<\/p>\n<p>In ihrer Danksagung erw\u00e4hnt die Autorin unter anderem David Keith, Jesse Reynolds und Ken Caldeira (S. 323). Dabei d\u00fcrfte es sich um jene namensgleichen Klimaforscher handeln, die bekannt f\u00fcr ihre positive Einstellung gegen\u00fcber solaren Geoengineering sind und, jeder auf seine Weise, sich seit vielen Jahren als Wegbereiter dieser umstrittenen Technologie hervorzutun bem\u00fchen.<br \/>\nGaia Vince, die als eine der profiliertesten Wissenschaftsjournalistinnen ihres Themenbereichs gilt und auch f\u00fcr dieses Buch aufwendig recherchiert hat, f\u00fchrt ihre Leserschaft aus den Schrecken der Apokalypse auf einen hoffnungsgetragenen L\u00f6sungspfad. Sie steckt weder den Kopf in den Sand noch streicht sie die Segel, doch dr\u00e4ngt sich im Zuge der Lekt\u00fcre die Frage auf, wie substantiell ihre Rettungsvorschl\u00e4ge einzusch\u00e4tzen sind. Denn wo es darum geht, wer die letztendliche Entscheidung trifft, was umgesetzt wird, verweist sie vage auf &#8222;ein globales Regierungsorgan, das dringend geschaffen und mit Machtbefugnissen ausgestattet werden sollte&#8220; (S. 308). Wie dieses h\u00f6chste Verf\u00fcgungsgremium konstituiert und erm\u00e4chtigt werden k\u00f6nnte, ohne zwangsl\u00e4ufig ein Werkzeug der ohnehin dominierenden Staaten und einflussreichsten \u00f6konomischen Komplexe zu sein, beantwortet die Autorin nicht.<\/p>\n<p>&#8222;Wir m\u00fcssen die Kontrolle \u00fcber unsere Zukunft \u00fcbernehmen, und das bedeutet: Wir m\u00fcssen einen Plan entwerfen, um das Wohlergehen aller Menschen, ob reich oder arm, auf allen Kontinenten zu sch\u00fctzen. (&#8230;) Mit internationaler Kooperation und Regulierung k\u00f6nnten wir die Erde zu einem lebenswerten Ort machen.&#8220; (S 317) Dieses vereinnahmende und konsensbeschw\u00f6rende &#8222;Wir&#8220; als unabl\u00e4ssig wiederkehrende Wegbegleitung bei der Lekt\u00fcre des Buches entwirft ein Bild der Menschheit ohne erbitterte Staatenkriege, Herrschaftsverh\u00e4ltnisse und fundamentale gesellschaftliche Widerspr\u00fcche, ohne kapitalgetriebene Verwertungsregime und daraus resultierende Wachstumszw\u00e4nge. Dies und manches mehr w\u00e4re zumindest zu diskutieren, um tats\u00e4chlich zu entschl\u00fcsseln, warum die Klimakatastrophe ihren Lauf nimmt, w\u00e4hrend angemessene Bremsman\u00f6ver ausbleiben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das nomadische Jahrhundert. \u00a0Wie die Klima-Migration unsere Welt ver\u00e4ndern wird. 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