{"id":2534715,"date":"2024-07-05T16:22:01","date_gmt":"2024-07-05T15:22:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pressenza.com\/?p=2534715"},"modified":"2024-07-05T16:22:01","modified_gmt":"2024-07-05T15:22:01","slug":"westwaehrungen-unter-druck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2024\/07\/westwaehrungen-unter-druck\/","title":{"rendered":"Westw\u00e4hrungen unter Druck"},"content":{"rendered":"<p><strong>Westliche Sanktionen gegen Russland setzen die globale Dominanz des US-Dollar unter Druck und schw\u00e4chen den Euro. Dessen Anteil an den weltweiten W\u00e4hrungsreserven geht bereits zur\u00fcck.<\/strong><\/p>\n<p>(Eigener Bericht) \u2013 Befeuert von Sanktionen der westlichen Staaten gegen Russland geraten die globale Dominanz des US-Dollar sowie die Position des Euro in den weltweiten W\u00e4hrungsreserven unter Druck. Wie Beobachter konstatieren, f\u00fchren die j\u00fcngsten US-Sanktionen gegen die Moskauer B\u00f6rse und gegen weitere russische Finanzinstitutionen dazu, dass der chinesische Yuan im Devisenhandel in Russland zur Hauptw\u00e4hrung wird \u2013 wohl \u201eein f\u00fcr allemal\u201c, wie es in einer Analyse der US-Stiftung Carnegie Endowment hei\u00dft. Der bedeutende russisch-chinesische Handel wird gleichfalls zunehmend in chinesischer W\u00e4hrung abgewickelt. China verzichtet im Handel auch mit weiteren L\u00e4ndern in wachsendem Ma\u00df auf den US-Dollar und st\u00e4rkt zudem das chinesische Zahlungssystem CIPS, das noch in gewissem Umfang von SWIFT abh\u00e4ngt, perspektivisch aber voll eigenst\u00e4ndig werden kann. W\u00e4hrend manche Spezialisten urteilen, die Dominanz des US-Dollar sei auf jeden Fall \u201ekurz- und mittelfristig\u201c gesichert, ist der Euro schon jetzt dabei, an Bedeutung als globale Reservew\u00e4hrung zu verlieren. Beobachter warnen, das Einfrieren russischer Verm\u00f6genswerte in der EU werde Anleger abschrecken sowie den Abstieg des Euro beschleunigen.<\/p>\n<p><strong>Zwiesp\u00e4ltige Sanktionen<\/strong><\/p>\n<p>Die Debatte um die US-Dollar-Dominanz flammt immer wieder auf, wenn die Vereinigten Staaten neue Sanktionen gegen Russland beschlie\u00dfen. Zuletzt war dies der Fall, als die US-Administration am 12. Juni Strafma\u00dfnahmen gegen die Moskauer B\u00f6rse, den russischen Zahlungsabwickler NSD (National Settlement Depository) und die russische Clearingstelle NCC (National Clearing Centre) verh\u00e4ngte. Die B\u00f6rse war umgehend gezwungen, ihren Handel mit US-Dollar sowie mit Euro auszusetzen. Zwar sind W\u00e4hrungsgesch\u00e4fte in Russland weiterhin m\u00f6glich; sie m\u00fcssen nun aber \u00fcber Banken abgewickelt werden, die keinen Sanktionen unterliegen. Das sind neben einigen russischen Finanzinstituten Banken aus westlichen L\u00e4ndern, die \u2013 wie etwa Raiffeisen oder Unicredit \u2013 sich bisher nicht aus Russland zur\u00fcckgezogen haben.[1] Beobachter stuften die Ma\u00dfnahmen zwiesp\u00e4ltig ein. So hie\u00df es, sie w\u00fcrden die Kosten f\u00fcr russische Exporteure wie auch die Preise f\u00fcr russische Importe sp\u00fcrbar erh\u00f6hen und damit russische B\u00fcrger, die ausl\u00e4ndische Waren kaufen, noch st\u00e4rker belasten als zuvor. Andererseits w\u00fcrden sie den Abfluss russischen Kapitals noch weiter erschweren und damit indirekt \u2013 und wohl ungewollt \u2013 die russische Wirtschaft befeuern.[2]<\/p>\n<p><strong>Der Yuan als Profiteur<\/strong><\/p>\n<p>Vor allem aber kommen die Sanktionen \u2013 auch das ungewollt \u2013 der chinesischen W\u00e4hrung, dem Yuan, zugute. Bereits im Mai war der Yuan in Russland zur meistgehandelten W\u00e4hrung aufgestiegen und hatte einen Anteil von 53,6 Prozent am gesamten B\u00f6rsenhandel erreicht. Nach der Verh\u00e4ngung der Strafma\u00dfnahmen gegen die Moskauer B\u00f6rse, den NSD sowie die NCC werde der Yuan \u201eein f\u00fcr allemal die Hauptw\u00e4hrung\u201c im russischen B\u00f6rsenhandel werden, hie\u00df es k\u00fcrzlich in einer Analyse der US-Stiftung Carnegie Endowment.[3] Zwar m\u00fcsse damit gerechnet werden, dass chinesische Gro\u00dfbanken, die in das internationale Finanzsystem eingebunden seien, all ihre Beziehungen zu den neu sanktionierten russischen Stellen kappen m\u00fcssten. \u00c4hnliche Schwierigkeiten habe es jedoch schon zuvor gegeben \u2013 und es habe sich gezeigt, dass Moskau und Beijing stets Wege gefunden h\u00e4tten, die US-Strafma\u00dfnahmen zu umgehen. Dies sei etwa durch die Nutzung nur regional t\u00e4tiger Banken in China geschehen, durch die Einschaltung von Mittlern etwa in Kasachstan oder in den Vereinigten Arabischen Emiraten, durch die Nutzung von Kryptow\u00e4hrungen oder auch vermittels eines \u00dcbergangs zu Bartergesch\u00e4ften. Auch im aktuellen Fall sei mit Vergleichbarem zu rechnen.<\/p>\n<p><strong>Dominanz \u201emittelfristig\u201c gesichert<\/strong><\/p>\n<p>Ende Juni hat das GeoEconomics Center des Washingtoner Atlantic Council eine Studie vorgelegt, die sich mit der derzeitigen Entwicklung in Sachen US-Dollar-Dominanz befasst. Die Autoren r\u00e4umen ein, die westlichen Russland-Sanktionen h\u00e4tten nicht nur Moskau zur Abkehr von westlichen W\u00e4hrungen gezwungen, sondern auch die BRICS-Staaten motiviert, sich sukzessive vom US-Dollar abzuwenden. China sei es gelungen, Fortschritte mit seinem Zahlungssystem CIPS (Cross-Border Interbank Payment System) zu erzielen; CIPS ist zur Zeit zwar noch abh\u00e4ngig vom in Belgien ans\u00e4ssigen Zahlungssystem SWIFT, hat jedoch langfristig das Potenzial, SWIFT zu ersetzen. Es habe die Zahl seiner direkten Teilnehmer von Mai 2023 bis Mai 2024 um 78 Prozent auf 142 gesteigert und verf\u00fcge zudem \u00fcber rund 1.400 indirekte Teilnehmer. Die Verhandlungen \u00fcber ein BRICS-Zahlungssystem k\u00e4men hingegen nur langsam voran.[4] Der Anteil des Yuan an den globalen W\u00e4hrungsreserven wiederum sei von seinem bisherigen H\u00f6chstwert \u2013 2,8 Prozent im Jahr 2022 \u2013 zur\u00fcckgegangen und liege nur noch bei 2,3 Prozent, was vermutlich auf das Schw\u00e4cheln der chinesischen Wirtschaft und vor allem auf den Konflikt um Taiwan zur\u00fcckzuf\u00fchren sei. Ein Ende der Dominanz des US-Dollar sei zumindest \u201ekurz- und mittelfristig\u201c nicht in Sicht.<\/p>\n<p><strong>Gegenl\u00e4ufige Tendenzen<\/strong><\/p>\n<p>Andere Analysen relativieren diesen Befund. Zwar hei\u00dft es weithin \u00fcbereinstimmend, die strikten Kapitalkontrollen, die die Volksrepublik verh\u00e4ngt habe, schr\u00e4nkten die internationale Nutzung des Yuan ein. Allerdings hat Beijing l\u00e4ngst begonnen, die Kontrollen zu lockern.[5] Hinzu kommt, dass neben dem Yuan auch andere W\u00e4hrungen an Bedeutung gewinnen, so etwa der australische oder der kanadische Dollar. Laut einer unl\u00e4ngst vom Internationalen W\u00e4hrungsfonds (IWF) ver\u00f6ffentlichten Analyse ist der Anteil sogenannter nichttraditioneller W\u00e4hrungen an den W\u00e4hrungsreserven weltweit von einem Anteil von etwa zwei Prozent im Jahr 2000 auf mehr als elf Prozent im Jahr 2022 gestiegen, w\u00e4hrend der Anteil des US-Dollar von mehr als 70 auf weniger als 60 Prozent sank \u2013 mit weiter fallender Tendenz.[6] Hinzu kommt, dass China im Au\u00dfenhandel sukzessive auf Yuan umsteigt; wickelte es seinen grenz\u00fcberschreitenden Handel im Jahr 2010 noch zu 84,3 Prozent in US-Dollar sowie nur zu 0,3 Prozent in Yuan ab, so lag der Dollaranteil im M\u00e4rz 2024 nur noch bei 42,8 Prozent, der Yuan-Anteil jedoch bereits bei 52,9 Prozent \u2013 mit weiter steigender Tendenz.[7] Auch die BRICS streben die Abwicklung ihres Handels in nationalen W\u00e4hrungen an.<\/p>\n<p><strong>Ein Pyrrhussieg<\/strong><\/p>\n<p>Ist der Kampf um die US-Dollar-Dominanz weiterhin in vollem Gange und wird durch die US-Sanktionen gegen Russland sowie gegen weitere Staaten noch versch\u00e4rft, so verzeichnet der Euro schon jetzt klare Verluste. Nicht nur sein Anteil an den globalen Devisengesch\u00e4ften geht sukzessive zur\u00fcck.[8] Auch der Anteil des Euro an den Devisenreserven weltweit schrumpft. Allein im vergangenen Jahr brach er, wie die Europ\u00e4ische Zentralbank (EZB) vor kurzem mitteilte, um f\u00fcnf Prozent ein. Dies ist auch deshalb bemerkenswert, weil die EZB seit geraumer Zeit warnt, die Tatsache, dass die EU Verm\u00f6genswerte der russischen Zentralbank im Wert von gut 210 Milliarden Euro eingefroren habe und jetzt die Zinsertr\u00e4ge daraus enteignen und der Ukraine zugute kommen lassen wolle, werde eine abschreckende Wirkung auf Anleger haben und zu einem R\u00fcckzug aus dem Euro f\u00fchren. Lag der Anteil des Euro an den W\u00e4hrungsreserven weltweit vor zwei Jahrzehnten noch bei rund 25 Prozent, so ist er inzwischen ohnehin schon auf 20 Prozent gefallen und k\u00f6nnte weiter abst\u00fcrzen \u2013 inbesondere dann, wenn die EU sich entschlie\u00dfen sollte, die 210 Milliarden Euro russischer Verm\u00f6genswerte, wie es manche fordern, g\u00e4nzlich zu konfiszieren.[9] Es w\u00e4re wom\u00f6glich ein Pyrrhussieg.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[1], [2] Katharina Wagner: Kein Handel mehr mit Dollar und Euro an Moskauer B\u00f6rse. faz.net 13.06.2024.<\/p>\n<p>[3] Alexandra Prokopenko: How the Latest Sanctions Will Impact Russia \u2013 and the World. carnegieendowment.org 20.06.2024.<\/p>\n<p>[4] Andrea Shalal: US dollar\u2019s dominance secure, BRICS see no progress on de-dollarization \u2013 report. reuters.com 25.06.2024.<\/p>\n<p>[5] Hanns G\u00fcnther Hilpert: Chinas w\u00e4hrungspolitische Offensive. swp-berlin.org 07.03.2024. S. auch <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/9521\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Der Kampf gegen die Dollardominanz<\/a>.<\/p>\n<p>[6] Serkan Arslanalp, Barry Eichengreen, Chima Simpson-Bell: Dollar Dominance in the International Reserve System: An Update. imf.org 11.06.2024.<\/p>\n<p>[7], [8] The Start of De-Dollarization: China\u2019s Move Away From The USD. oilprice.com 26.05.2024.<\/p>\n<p>[9] Martin Arnold: ECB flags euro risks from Russia as global forex reserves dip. ft.com 12.06.2024.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Westliche Sanktionen gegen Russland setzen die globale Dominanz des US-Dollar unter Druck und schw\u00e4chen den Euro. Dessen Anteil an den weltweiten W\u00e4hrungsreserven geht bereits zur\u00fcck. 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