{"id":251641,"date":"2015-11-30T17:06:23","date_gmt":"2015-11-30T17:06:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pressenza.com\/de\/?p=251641"},"modified":"2015-11-30T17:08:32","modified_gmt":"2015-11-30T17:08:32","slug":"ein-kaempfer-an-der-schnittstelle-zwischen-marxismus-und-christentum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pressenza.com\/de\/2015\/11\/ein-kaempfer-an-der-schnittstelle-zwischen-marxismus-und-christentum\/","title":{"rendered":"Ein K\u00e4mpfer an der Schnittstelle zwischen Marxismus und Christentum"},"content":{"rendered":"<p><strong>F\u00fcr <a href=\"http:\/\/www.promosaik.com\/\">ProMosaik<\/a> sprach ich mit Hans Christoph Stoodt, Pfarrer und Sprecher der <a href=\"https:\/\/antinazi.wordpress.com\/\">Frankfurter Anti-Nazi-Koordination<\/a>. Wir haben ihn zum Thema Religion und Marxismus befragt. F\u00fcr Stoodt haben die Religionen die Aufgabe, sich f\u00fcr eine egalit\u00e4re Gesellschaft einzusetzen. Es geht aber nicht um eine theoretische, sondern um eine reale, radikale Gleichheit, die in den monotheistischen Religionen sehr stark verwurzelt ist.\u00a0Hans Christoph Stoodt erkl\u00e4rt uns auch, wie der Aufstand gegen das Unrecht in der Christologie verankert ist. <\/strong><\/p>\n<p><em><strong>Milena Rampoldi: Der Kampf f\u00fcr die Gerechtigkeit ist f\u00fcr ProMosaik e.V. eine Schnittstelle zwischen den monotheistischen Religionen und dem Marxismus. Wie sehen Sie das?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Hans Christoph Stoodt: Die Schnittstelle besteht darin, dass die monotheistischen Religionen egalit\u00e4re und universalistische Grundtendenzen aufweisen. Das folgt als praktische Konsequenz aus ihrer Grundannahme eines einzigen Gottes, der alles geschaffen habe. Aus dieser Annahme folgt n\u00e4mlich logisch die aus dem f\u00fcr alle gleichen unendlichen Abstand von Sch\u00f6pfer und Gesch\u00f6pf resultierende Gleichheit der Gesch\u00f6pfe untereinander. Am Anfang galt diese Gleichheitsforderung f\u00fcr vermutlich eher f\u00fcr die die je eigene Gruppen. Dann weitete sie sich universalisierend auf alle Menschen aus. Darum hei\u00dft es in Thora des Mose auf Israel bezogen: \u201eArme soll es bei euch gar nicht geben\u201c, sp\u00e4ter wird der Anspruch der Gleichheit aller Gesch\u00f6pfe in Judentum, Christentum und, wenn ich es richtig sehe, auch im Islam auf die ganze Welt ausgeweitet. Die j\u00fcdisch-christliche und auch die islamische Theologie pl\u00e4dieren f\u00fcr eine reale Gleichheit als gesellschaftliches Ziel. Und diese Gleichheit gilt \u00fcber die Grenzen der eigenen Gruppe hinaus. Es handelt sich also nicht um abstrakte Prinzipien, sondern um praktische Handlungsanweisungen.<\/p>\n<p>Nun die Verbindung zum Marxismus: dessen praktischer Erfahrungsschatz nicht nur aus Theorie und Praxis der Arbeiter*innenbewegung, sondern auch aller vorangegangenen Unterdr\u00fcckten wei\u00df: diese Gleichheit l\u00e4sst sich nicht realisieren, solange es Klassengesellschaften gibt. Als Christ empfinde ich den Marxismus deshalb als ein ein h\u00f6chst n\u00fctzliches Erkenntnis- und Praxis-Werkzeug, das den Weg in eine Gesellschaft weist, in der es keine Klassen mehr gibt. Dieser Kampf kann und wird nicht im ersten Anlauf gewonnen werden. Aber auch die b\u00fcrgerliche Gesellschaft hat mindestens 500 Jahre gebraucht, um sich als dominante Kraft der Weltgesellschaft zu etablieren, die sie heute zweifellos noch immer ist.<\/p>\n<p>Wenn ich also einen grundlegenden Imperativ meiner religi\u00f6sen Tradition praktisch ernst nehme, dann k\u00e4mpfe ich f\u00fcr das gesellschaftliche Ziel realer, und das hei\u00dft heute globaler Gleichheit. Das ist eine wichtige Traditionslinie bis heute im Christentum. Diese Linie war nicht totzukriegen. Ich verstehe den Marxismus als das heute angemessenste Werkzeug, um das uralte Ziel einer klassenlosen, herrschaftsfreien Gesellschaft praktisch zu erreichen.<\/p>\n<p>Eine erst dann in einem vollen Sinn konsequent zu stellende Frage ist die nach der Wahrheit religi\u00f6ser Traditionen auch au\u00dferhalb des gemeinsamen Kampfes um Gleichheit. Erst in einer klassenlosen Gesellschaft ohne Unterdr\u00fcckung, Ausbeutung, Krieg, Staat, Patriarchat und Umweltzerst\u00f6rung kann sie wirklich breit und hei\u00df diskutiert werden, ohne im ideologischen Klassenkampf verzerrt, f\u00fcr die Interessen der Herrschenden mi\u00dfbraucht zu werden. Hier und heute aber leben wir in einem Herrschaftsgef\u00fcge. Daher m\u00fcssen wir f\u00fcr eine herrschaftsfreie Gesellschaft k\u00e4mpfen \u2013 um f\u00fcr denjenigen herrschaftsfreien Raum zu k\u00e4mpfen, in dem auch noch die letzten und tiefsten Fragen konsequent gekl\u00e4rt werden k\u00f6nnen, ohne f\u00fcr die Herrschaftsinteressen zum Beispiel von Ausbeutern herhalten zu sollen.<\/p>\n<p>Religionen und Marxismus k\u00f6nnen und sollen aus meiner Sicht deshalb ein gesellschaftliches und politisches B\u00fcndnis gehen, weil es f\u00fcr beide als Ziel die Verpflichtung auf unbedingte Gleichheit gibt.<\/p>\n<p><em><strong>Sie sehen wie wir Zivilcourage als eine religi\u00f6se Pflicht an. Was verstehen Sie darunter?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>\u201eZivilcourage\u201c ist ein Begriff, den ich nicht gerne verwende. Er ist beliebig geworden und verbraucht, in der Regel politisch unscharf. Heute reklamieren ihn selbst Nazis und Rassisten f\u00fcr sich. Ich sehe den notwendigen Kampf gegen Ausbeutung, Imperialismus, Rassismus und Krieg als eine gesellschaftliche Aufgabe f\u00fcr jeden denkenden und f\u00fchlenden Menschen, der nicht zu den wenigen Profiteuren solch menschenfeindlicher Strukturen des Todes geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde statt von Zivilcourage deshalb lieber von einer umfassenden gesellschaftlichen Arbeit der Befreiung auf allen Ebenen sprechen. Ich mische mich in gesellschaftlich K\u00e4mpfe ein, um hoffentlich auch mit meinem winzigen Beitrag irgendwann f\u00fcr alle Gleichheit global zu erreichen. Alle, die leben, sollen eine in allem gleiche M\u00f6glichkeit haben, da sein, und das hei\u00dft nat\u00fcrlich auch: verschieden sein zu d\u00fcrfen \u2013 je gleicher die realen M\u00f6glichkeiten f\u00fcr alle, desto gr\u00f6\u00dfer das Recht auf Verschiedenheit. Was sie nicht d\u00fcrfen ist: Schwestern und Br\u00fcder ausbeuten, unterdr\u00fccken, durch Strukturen der Ausbeutung und solche wie zB. Nationalismus und Rassismus zu unterdr\u00fccken, ihnen das Recht aus Geschwisterlichkeit und Gleichheit praktisch verweigern. Alle sollen das Recht auf Gleichheit und auf Unterschiedlichkeit haben. Daf\u00fcr zu k\u00e4mpfen ist heute das Entscheidende, um unser \u00dcberleben zu sichern.<\/p>\n<p>Die einzig denkbare Alternative w\u00e4re der gemeinsame Untergang, ist das, was wir heute de facto weithin haben: eine globale Apartheid, in der der Wohlstandsvorsprung der Reichen, allen voran der Herrschenden in den imperialistischen Staaten, durch eine Vielzahl juristischer, politischer, wirtschaftlicher Ma\u00dfnahmen weiter gesteigert und verewigt werden soll, in letzter Konsequenz und wenn notwendig auch milit\u00e4risch gesch\u00fctzt. Der Kern dieses Wohlstandsvorsprungs f\u00fcr wenige besteht im Wahnsinn der kapitalistischen Warenproduktion, im Kapitalverh\u00e4ltnis. Es w\u00fcrde zu weit f\u00fchren, das jetzt detailliert vorzurechnen, aber als Beispiel mag die gut belegte Tatsache gen\u00fcgen, da\u00df heute, bei einer globalen Nahrungsmittel\u00fcberproduktion von fast 100% alle 24 Stunden fast doppelt so viele Menschen an den Folgen von Unterern\u00e4hrung sterben, wie es zivile und milit\u00e4rische Opfer an einem durchschnittlichen Tag des Zweiten Weltkriegs gab. \u00dcberproduktion bei gleichzeitiger Unterkonsumtion \u2013 das ist ein typisches, ein systemimmanentes Kennzeichen der kapitalistischen Produktionsweise, gerade in ihrem heutigen imperialistischen Endstadium. Das kostet Jahr f\u00fcr Jahr \u00fcber 800 Millionen Menschen das Leben. Und diese Hungertoten sind nur eine von vielen globalen Opfergruppen der eingangs genannten Dominanz der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft.<\/p>\n<p>Was wir aber tun m\u00fcssen, ist eine Gesellschaft zu schaffen, in der Gleichheit herrscht \u2013 was nach allem, was wir heute wissen, nur nach einer sozialistischen Umw\u00e4lzung mit der Perspektive des Aufbaus einer klassenlosen Gesellschaft, also des Kommunismus, m\u00f6glich sein wird. Das ist eine moralische und eine gesellschaftlich-praktische Frage.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/stoodt-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter  wp-image-251667\" src=\"http:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/stoodt-2.jpg\" alt=\"stoodt 2\" width=\"477\" height=\"370\" srcset=\"https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/stoodt-2.jpg 320w, https:\/\/www.pressenza.com\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/stoodt-2-300x233.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 477px) 100vw, 477px\" \/><\/a><\/p>\n<p><em><strong>Sie setzen sich f\u00fcr Pal\u00e4stina ein. Was bedeutet f\u00fcr Sie Pal\u00e4stina und wie kann man sich im Ausland daf\u00fcr einsetzen?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Pal\u00e4stina ist zun\u00e4chst ein leider ganz normaler Fall nationaler und sozialer Unterdr\u00fcckung. Privilegien einer sich selbst ethnisch-religi\u00f6s und national definierenden herrschenden Klasse und ihres Staats werden in vielfacher Form, in letzter Konsequenz auch milit\u00e4risch, gegen die Armen einer wiederum ethnisch, heute zunehmend auch noch religi\u00f6s \u201ebegr\u00fcndeten\u201c Unterdr\u00fcckung gesch\u00fctzt. Das gibt es in vielen Konflikten auf der Welt, und wer gegen Unterdr\u00fcckung und Krieg aktiv ist wei\u00df in einem solchen Fall, auf welcher Seite sie\/er in diesem Konflikt einen Platz hat.<\/p>\n<p>F\u00fcr meine Sprecherpositon als jemand, der aus Deutschland stammt, ist der Pal\u00e4stina-Israel-Konflikt aber nat\u00fcrlich ein besonderer Fall. Der israelische Staat und viele Menschen, die dort leben, begr\u00fcnden die Notwendigkeit eines j\u00fcdischen, also eines vorb\u00fcrgerlich, n\u00e4mlich ethnisch-religi\u00f6s begr\u00fcndete Staats, nicht zuletzt mit dem einzigartigen Verbrechen der Shoah, das der deutsche Nazifaschismus zu verantworten hat. Das repektiere ich. Ich habe aber auch nicht zuletzt von israelischen Linken, zB. der Holocaust-\u00dcberlebenden Rechtsanw\u00e4ltin Felicia Langer gelernt: es ist gerade aufgrund dieser Geschichte, die ja auch eine Geschichte der deutschen Linken ist, die die Shoah nicht verhindern konnte, unsere Pflicht, auch im Pal\u00e4stina\/Israel-Konflikt eindeutig auf der Seite der Unterdr\u00fcckten und Ausgebeuteten zu stehen. Das hei\u00dft, da\u00df auch dieser \u2013 Konflikt nicht l\u00f6sbar ist, solange er \u201eethnisiert\u201c wird. Es geht im Kern nicht nicht um einen ethnischen oder gar angeblich religi\u00f6sen Konflikt, sondern um einen Konflikt zwischen OBEN und UNTEN.<\/p>\n<p>Wenn ich so argumentiere, kann ich sicher sein, sofort mit dem Vorwurf des \u201eAntisemitismus\u201c konfrontiert zu werden: von PEGIDA einschlie\u00dflich mancher Nazis, die heute bisweilen Israelflaggen tolerieren, bis hin zum sogenannten \u201eantideutschen\u201c Fl\u00fcgel der proimperialistischen \u201eLinken\u201c. Leute, die behaupten, die aus egalit\u00e4rer und emanzipatorischer Sicht notwendige Kritik der Besatzungspolitik des heutigen Zionismus sei antisemitisch, verharmlosen den realen m\u00f6rderischen Antisemitismus sowohl der historischen Nazis als auch den der heutigen. Zudem sind das derzeit oft genug genau dieselben Leute, die anscheinend keinerlei Probleme mit dem gerade heftig um sich greifenden antiislamischen Rassismus haben \u2013 der am schnellsten wachsenden ideologischen Form und brandstiftenden Praxis der extremen Rechten. In diesem Land hier hat es allein im laufenden Jahr fast 800 Anschl\u00e4ge auf migrantische, islamische und Fl\u00fcchtlingseinrichtungen gegeben. Die wenigsten werden aufgekl\u00e4rt, h\u00e4ufig werden sie mit heuchlerisch sogenannter \u201eIslamkritik\u201c propagiert und \u201egerechtfertigt\u201c.<\/p>\n<p>Wir hier sind weder in der Lage noch berufen, von au\u00dfen den Pal\u00e4stina\/Israel-Konflikt zu l\u00f6sen. Aber wir haben selbstverst\u00e4ndliche sehr konkrete Aufgaben vor Ort &#8211; zum Beispiel daf\u00fcr zu sorgen, da\u00df deutsche Regierungen keine U-Boote mehr nach Israel verschenken, \u00fcberhaupt: keine R\u00fcstungsg\u00fcter dorthin exportieren.<\/p>\n<p><em><strong>Welche sind die Hauptthemen Ihrer Artikel und Schriften?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Ich habe mich bisher mit unterschiedlichsten Fragen besch\u00e4ftigt. Hauptthemen gibt es nicht. Aber es gab und gibt unterschiedliche Sektoren theologischer und politischer Arbeit in meinem Leben, die mich zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich intensiv besch\u00e4ftigt haben. Eine lange Phase war die der Arbeit an einer Religionstheologie aus evangelischer Sicht. Ich habe mich damals vor allem f\u00fcr den gleichberechtigten Dialog zwischen Kulturen und Religionen interessiert. Ich glaube allerdings beobachtet zu haben, dass die Probleme unterschiedlicher religi\u00f6ser und kultureller Traditionen im Alltag unserer Gesellschaft vielfach von der Basis aus gel\u00f6st werden und ohne da\u00df die von den akademischen Diskursen \u00fcberhaupt Notiz nimmt.<\/p>\n<p>Eine zweiter Schwerpunkt war dann in den 1990er Jahren mich mit der Organisationsform und Struktur meiner evangelischen Kirche auseinanderzusetzen. Unsere hiesigen christlichen Kirchen sind nach meiner Ansicht in vielen Punkten noch immer viel zu introvertiert, zu \u00e4ngstlich, zu unparteilich f\u00fcr die Sache der Armen, viel zu wenig offen gegen\u00fcber den dr\u00e4ngenden Problemen der Gesellschaft, zu leise, zu wenig klare Kante gegen die Herrschenden, zu wenig prophetisch. Das hat auch organisationspraktische, strukturelle Gr\u00fcnde, die nach meiner \u00dcberzeugung bis heute nicht beseitigt sind.<\/p>\n<p>Ein dritter gro\u00dfer Sektor meiner Arbeit besteht in meiner Teilnahme an gesellschaftlichen und politischen Konflikten und K\u00e4mpfen, die es hierzulande gibt. Das ergibt sich ja schon aus dem, was ich ganz am Anfang zur Frage der Gleichheit gesagt habe. F\u00fcr mich ist das keine Welt mit einem Eigenleben, die nichts mit meiner theologischen Arbeit oder meinem Religionsunterricht an einer Berufsschule zu tun h\u00e4tte. Ich bin seit 2001 Sprecher eines antifaschistischen und antirassistischen Aktionsb\u00fcndnis in Frankfurt, der <a href=\"http:\/\/www.antinazi.wordpress.com\">Anti-Nazi-Koordination<\/a>, aber auch im Bereich des Kampfs gegen Krieg und Imperialismus. Wer sich \u00fcber meine aktuellen theologischen und sonstigen \u00dcberlegungen zu politischen Fragen informieren m\u00f6chte, kann das auf meinem <a href=\"http:\/\/www.wurfbude.wordpress.com\">Blog<\/a> tun \u2013 da gibt es ein Verzeichnis meiner theologischen Ver\u00f6ffentlichungen, dort kann man aber auch unter anderem meine Texte zur Kritik der \u201eIslamkritik\u201c finden.<\/p>\n<p>Was mich seit einiger Zeit theologisch immer mehr interessiert ist der Sachverhalt der Umkehrung als einer Signatur christlicher Theologie. Schon in der hebr\u00e4ischen Bibel begegnet an mehreren Stellen die Vorstellung einer in Gott sich selbst in Frage stellenden, umkehrenden \u201eReue Gottes\u201c, also einer Wendung Gottes gegen sich selbst, eine Vorstellung, die regelm\u00e4\u00dfig mit dem hebr\u00e4ischen Begriff der \u201erachamim\u201c, des Erbarmens Gottes, konnotiert ist. Die hebr\u00e4ische Wurzel dieses Begriffs ist verwandt mit jener arabischen Wurzel, mit der Muslime weltweit Allah t\u00e4glich als \u201erachman\u201c, Barmherzigen, ansprechen. Im Hebr\u00e4ischen ist dieser Begriff zudem mit einem eindeutig weiblichen K\u00f6rperteil, der Geb\u00e4rmutter, \u201er\u00e4ch\u00e4m\u201c, etymologisch engstens verwandt. Hier ist also keinesfalls von einem Gott die Rede, der patriarchal gedacht werden darf. Und: Gottes Erbarmen wendet sich im Interesse seiner Gesch\u00f6pfe, seiner Kinder gegen sich selbst, gegen seinen Zorn auf eine zutiefst scheiternde, antiegali\u00e4re, unfriedliche und ungeschwisterliche Sch\u00f6pfung.<\/p>\n<p>Im j\u00fcdischen Messianismus, dessen Teil seiner Herkunft nach das Christentum ist, gilt die Zeit unmittelbar vor der Ankunft des endzeitlichen Friedensbringers als die der \u201eWehen des Messias\u201c. Eine radikale Auspr\u00e4gung dessen sehe ich im christlichen Bekenntnis zu der Erz\u00e4hlung, da\u00df Gott gleichsam als Ausdruck dieser \u201eWehen\u201c, sozusagen vom eigenen Erbarmen, seiner \u201er\u00e4ch\u00e4m\u201c gen\u00f6tigt, in einem Bauarbeiter, dem Galil\u00e4er Jeshua, ein Mensch wurde wie wir. In ihm predigte er die alles traditionell Selbstverst\u00e4ndliche in Frage stellende Losl\u00f6sung aus den konventionellen Bindungen seiner Gesellschaft: Familie, Se\u00dfhaftigkeit, Berufsarbeit.<\/p>\n<p>Die, denen er begegnete, sahen dadurch pl\u00f6tzlich das, wof\u00fcr sie zuvor blind waren, konnten aufrecht, und mussten nicht mehr verkr\u00fcmmt durchs Leben gehen, erlebten sich in grenzensprengender Liebe befreit aus moralisierender, geschlechtlicher, gesellschaftlicher Diskriminierung.<br \/>\nDamit machte Jeshua sich verd\u00e4chtig genug. Aber seine Kritik am Ineinander von Staats-Kult und Kommerz im Tempel von Jerusalem erregte nach dem Bericht der Evangelisten endg\u00fcltig den Zorn der Herrschenden, der Religionsexperten und das Mi\u00dftrauen der r\u00f6mischen Besatzungsmacht. Das kostete ihn, wie Christen bekennen: Gott selbst in Jeshua, das Leben.<\/p>\n<p>Folgerichtig angesichts seines Lebensvorgangs wurde er vom Repr\u00e4sentanten des Imperiums mit der f\u00fcr aufr\u00fchrerische Sklaven vorbehaltenen Strafe am Kreuz \u00f6ffentlich zu Tode gefoltert. In Jeshua wurde Gott von den Herrschenden umgebracht.<\/p>\n<p>Damit w\u00e4re eigentlich \u2013 wir heute k\u00f6nnten resignierend bereits sagen: wieder einmal &#8211; alles zu Ende gewesen. Alles \u2013 das hei\u00dft nach unserem christlichen Bekenntnis ja: das Leben Gottes in Jesus, in dem er Fleisch geworden, gekommen war, um Gesellschaft, Leben, ja den ganzen Kosmos vom Kopf auf die F\u00fc\u00dfe zu stellen.<\/p>\n<p>Aber es ging eben weiter. Die Umw\u00e4lzung war nicht endg\u00fcltig gescheitert auf ihrem Weg, das Oberste zuunterst und das Unterste zuoberst zu kehren. Das Auferstehungsbekenntnis ist der Geburtsort des Christentums im Rahmen des j\u00fcdisch-christlichen Messianismus.<\/p>\n<p>Anastasis, dieses griechische Wort f\u00fcr Auferstehung, bedeutete aber in der politischen Sprache der griechischen Literatur mindestens seit Aristoteles auch \u201eAufstand\u201c, den Aufstand der Beherrschten gegen ihre Unterdr\u00fccker. Frohe Ostern \u2013 fr\u00f6hlicher Aufstand!<\/p>\n<p>Wenn man aus christlicher Perspektive die Christologie als Zentrum des Gottesbegriffes ansieht, dann bewegt sich Gott also in einer riesigen Bewegung der Umkehrung unwiderruflich von Oben nach Unten, durch den Tod am Kreuz hindurch, in die Tiefen der Unterwelt und vo dort wieder zu uns. Der, der danach wieder auf dem Thron sitzt, ist dann nat\u00fcrlich nicht mehr der, der er vor Fleischwerdung, Kreuz, Auferstehung und Himmelfahrt war. Es jetzt ist der von den Herrschenden erfolglos zu Tode gefolterte Sklave, der nach dem siegreichen Aufstand jetzt auf dem Thron Gottes sitzt. Es kann danach kein Oben und kein Unten mehr im bisherigen Sinn geben &#8211; jedenfalls nicht nach dem Willen Gottes, sondern allenfalls im Interesse der Herrschenden.<\/p>\n<p>Gott stirbt als Sklave am Kreuz, aber dabei bleibt es nicht. Anastasis, Auferstehung, konkret: Aufstand \u2013 daran denke ich, wenn wir jetzt in der Adventszeit singen: \u201eO Heiland, aus der Erden spring!\u201c &#8211; ein wunderbares Bild f\u00fcr diesen Aufstand Gottes gegen die Todesstrukturen der Herrschenden.<\/p>\n<p>Ein weiteres Thema, das sich daraus ergibt, ist der Befreiungsbegriff. Das gerade erw\u00e4hnte traditionelle Wort \u201eHeiland\u201c, aber auch der Begriff \u201eErl\u00f6ser\u201c und \u00e4hnliche Begriffe klingen Menschen von heute v\u00f6llig unverst\u00e4ndlich in den Ohren. In unserer allt\u00e4glichen Welt kommen sie, wenn \u00fcberhaupt, faktisch nur als Worte einer religi\u00f6sen Sondersprache vor, Versatzst\u00fccke eines Paralleluniversums. Sie sind nicht zuf\u00e4llig neutralsiert, entleert, unverst\u00e4ndlich. In der hebr\u00e4ischen wie in der griechischen Bibel haben sie vielerorts eine sehr konkrete, praktische Bedeutung: zB. die \u201eapolytrosis\u201c, dh. die Befreiung von Menschen in die Schuldsklaverei dadurch, da\u00df jemand die urspr\u00fcnglich von ihnen geschuldete Summe f\u00fcr sie bezahlt. Das ist also keineswegs ein neutrales, sondern ein durch und durch parteiliches Bild, das sich klar auf die Seite der Armen, ja von Sklav*innen stellt und ihr Leben aus der Perspektive der Befreiung, gleichsam von linksunten aus angeht.<\/p>\n<p>Das alles sind denkbar zentrale theologische Themen mit praktisch-gesellschaftlicher Konsequenz. Gott erscheint hier nicht als unangreifbarer, ferner, unverwundbarer, alles lenkender und kontrollierender patriarchaler Herrscher, sondern als ein von seinem Innersten, seiner \u201er\u00e4ch\u00e4m\u201c veranlassten, zutiefst solidarischen Wesen, das mit seinen Gesch\u00f6pfen nicht in einem king oder star, sondern in einem arbeitenden Menschen wird wie wir, erlebt, was wir erleben, und dieses Erleben radikal in Frage stellt, der folgerichtig als Aufr\u00fchrer durch das Imperium mit einer politischen Straft\u00e4tern vorbehaltenen Strafe hingerichtet wird \u2013 aber der einfach nicht totzukriegen ist, wieder \u201eaus der Erde springt\u201c. Diesen Gott k\u00f6nnen Herodes, Pilatus und Augustus nicht f\u00fcr sich in Anspruch nehmen, ebensowenig wie die Herrschenden heute. Eine phantasierte Einheit von Thron\/Kapital\/Imperium und diesem Gott &#8211; das ist Blasphemie.<\/p>\n<p>Dies alles im Zusammenhang, konkreter, genau begr\u00fcndeter und konsistenter, als ich das jetzt hier kurz anrei\u00dfen kann, in einer theologisch verantwortbaren Weise, aber auch in der ganzen Sprengkraft f\u00fcr die politische Praxis, die sich daraus ergibt, darzustellen \u2013 ich kann nur hoffen, da\u00df mir das irgendwann in den n\u00e4chsten Jahren gelingt.<\/p>\n<p><em><strong>Wie wird Ihr Kampf f\u00fcr die egalit\u00e4ren Ziele der Menschheit weitergehen? Welche Haupthindernisse finden Sie immer wieder auf Ihrem Weg und was gibt Ihnen Hoffnung?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Hoffnung geben mir die Leute, mit denen ich unterwegs bin. Ich lerne immer wieder neue Menschen, Schwestern, Br\u00fcder, Genossinnen und Genossen auf diesem Weg kennen. Fragend gehen wir voran.<\/p>\n<p>Solange ich kann werde ich versuchen, mich mit meinen M\u00f6glichkeiten in die gesellschaftlichen K\u00e4mpfe einzubringen, um den Sprung von der Vorgeschichte der Menschheit in ihre eigentlich Geschichte n\u00e4her zu bringen, oder wenigstens die n\u00e4chsten Schritte dorthin. Auf diesem Weg sind vernichtende Niederlagen bisher h\u00e4ufiger als Siege. Aber wenn ich daran denke und mich das herunterzuziehen will, summe ich in mir mit, was die Reste der geschlagenen Bauernheere nach dem Bauernkrieg von 1525 sangen: \u201eGeschlagen ziehen wir nach Haus \u2013 die Enkel fechten&#8217;s besser aus!\u201c &#8211; und hoffe zugleich, da\u00df wir gegen die Interessen der Herrschenden durchsetzen k\u00f6nnen, da\u00df unsere Enkel eine lebenswerte Erde vorfinden, auf der sie in ihren K\u00e4mpfen unsere K\u00e4mpfe endlich zu Ende f\u00fchren k\u00f6nnen &#8211; K\u00e4mpfe, Niederlagen, Siege, die im letzten Sinn, wie ich sie verstehe, immer auch Teil jener Bewegung der gro\u00dfen Umkehrung der Sch\u00f6pfung, der Welt, sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr ProMosaik sprach ich mit Hans Christoph Stoodt, Pfarrer und Sprecher der Frankfurter Anti-Nazi-Koordination. Wir haben ihn zum Thema Religion und Marxismus befragt. 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